An der Schnittstelle zwischen IFRS 9 und Aufsichtsrecht

Das IASB hat am 24. Juli 2014 den endgültigen internationalen Rechnungslegungsstandard zur Bilanzierung von Finanzinstrumenten (IFRS 9) verabschiedet, der die bestehenden Vorschriften von IAS 39 ablöst. Die verpflichtende Anwendung des neuen Standards ist für die Geschäftsjahre ab dem 01. Januar 2018 vorgesehen.

Der erwartete Zeitpunkt für die Indossierung des IFRS 9 in europäisches Recht (EU-Endorsement) wurde von der europäischen Beratungsgruppe für Finanzberichterstattung (European Financial Reporting Advisory Group, EFRAG) auf das zweite Halbjahr 2016 verschoben.

Wesentliche aufsichtsrechtliche Auswirkungen des IFRS 9

Während die Rechnungslegung nach IFRS die Vermittlung entscheidungsrelevanter Informationen als Zielsetzung verfolgt, stehen die Erhaltung der Stabilität des Finanzsystems sowie der Einlegerschutz im Fokus der bankaufsichtlichen Normen. Diese Ziele sollen vor allem durch die Begrenzung der übernommenen Risiken zur Vermeidung einer Bankinsolvenz erreicht werden.

Trotz der unterschiedlichen Zielsetzungen sind die Bankenregulierung und die Rechnungslegung eng miteinander verflochten. Zum einen bilden Informationen aus dem Einzel- bzw. Konzernabschluss die Grundlage für die regulatorische Eigenkapital- und RWA-Berechnung. Zum anderen nutzen Banken derzeit vielfach die regulatorisch ermittelten Ausfallwahrscheinlichkeiten und Verlustquoten bei Ausfall als Grundlage für die Bildung von Portfoliowertberichtigungen.

Die Änderungen der Rechnungslegung mit der Einführung des IFRS 9 haben auf die folgenden aufsichtlichen Themengebiete teilweise wesentliche Auswirkungen :

  • Je nach Nutzung des oder des IRBA insbesondere aufgrund des erwarteten gestiegenen Wertberichtigungsbedarfs deutliche Verschlechterung der regulatorischen Kapitalquoten
  • Deutliche Verschiebungen innerhalb des Wertberichtigungsvergleichs bei IRBA-Instituten aufgrund frühzeitiger und höherer Bildung von Risikovorsorge möglich
  • Veränderung der Buchwerte für potenzielle Abzugspositionen von den regulatorischen Eigenmitteln (z.B. Beteiligungspositionen und aktivische Steuerlatenzen)
  • Veränderung der Bemessungsgrundlage für die Berechnung der Eigenmittelanforderungen sowie für Leverage Ratio und Large Exposure
  • Neue Zusammensetzung und Berechnung der Prudential Filters aufgrund des Wegfalls der AfS-
  • Prudent Valuation aufgrund der zunehmenden Fair Value Bewertung
  • Gezielte Umsetzung und Ausübung von Anforderungen und Wahlrechten, um die Unterschiede in der Ausfalldefinition zwischen der Rechnungslegung und dem Aufsichtsrecht möglichst zu minimieren, zur Bestimmung von Überfälligkeiten ggfs. prozessual in der Rechnungslegung berücksichtigt werden können
  • Anpassung der Meldetemplates für FINREP an die neuen IFRS 9 Vorgaben

Dabei stellen insbesondere die Auswirkungen aufgrund der Neuklassifizierung und Bewertung der finanziellen Vermögenswerte sowie die Auswirkungen bei der Behandlung der tendenziell höheren Risikovorsorge und dem Wertberichtigungsvergleich die Institute vor große Herausforderungen und bringen akuten Handlungsbedarf mit sich.

Auswirkungen der Neuklassifizierung und Bewertung der finanziellen Vermögenswerte

Änderungen in der regulatorischen Bemessungsgrundlage ergeben sich aufgrund der ggfs. neuen Klassifizierung und Bewertung der finanziellen Vermögenswerte nach IFRS 9. Zuvor nach IAS 39 fair value bewertete Vermögenswerte gegebenenfalls nach IFRS 9 zu at cost bewertet werden und vice versa. Die unterschiedliche Kategorisierung und damit auch Bewertung der Instrumente kann Veränderungen in der Höhe und der Zusammensetzung der Geschäfte für die Berechnung der „Prudential Filters“ bzw. der „Prudent Valuation“ nach sich ziehen [1].

Die IFRS 9 Vorschriften sehen insgesamt vier Bewertungsklassen vor:

  1. a) zu fortgeführten Anschaffungskosten (amortised cost, AC),
  2. b) zum beizulegenden Zeitwert mit Erfassung von Wertänderungen in der GuV (fair value through profit or loss, FVPL) und
  3. c) zum beizulegenden Zeitwert mit Erfassung von Wertänderungen im sonstigen Ergebnis ohne recycling (fair value through other comprehensive income, FVOCI (ohne recycling)) und mit recycling (fair value through other comprehensive income, FVOCI (mit recycling)).

Die Klassifizierung eines Instruments stützt sich auf die folgenden Kriterien:

  • Das Geschäftsmodell des Unternehmens zur Steuerung der Vermögenswerte,
  • Die Ausgestaltung der vertraglich vereinbarten Zahlungsströme

Diese Kriterien bringen eine stärkere Verknüpfung der Rechnungslegung mit dem (Risiko-) Management mit sich. In Bezug auf das Kriterium des Geschäftsmodells können drei Fälle vorkommen. Diese sind „Halten“, „Halten und Verkaufen“, und das Geschäftsmodell „Handel“, bei dem beispielsweise Portfolien mit werden oder zur Maximierung der Zahlungsströme durch Steuerung auf fair value Basis dienen, die zum FVPL zu bewerten sind.

An dieser Stelle entstehen signifikante Wechselwirkungen mit anderen regulatorischen Reformen, insbesondere mit der anstehenden strengeren Abgrenzung von Handelsbuch und Anlagebuch (Minimum capital requirements for market risk). Darüber hinaus kann das Geschäftsmodell „Halten“ nach IFRS 9 die operativen Anforderungen (Art. 417 CRR), sowie den Liquditätspuffer, beeinträchtigen, weil die Instrumente mit Halteabsicht nach der IFRS 9 Logik nicht regelmäßig in großem Umfang verkauft werden können.

Auswirkungen bei der Behandlung der Risikovorsorge und beim Wertberichtigungsvergleich

Die Rechnungslegungsvorschriften zur Bildung der Risikovorsorge auf finanzielle Vermögenswerte ändern sich weitgehend mit den neuen Bilanzierungsvorgaben. Diese Änderungen ziehen im Weiteren Auswirkungen auf den aufsichtsrechtlichen Wertberichtigungsvergleich nach sich. Bislang erfolgte die Ermittlung der Risikovorsorge basierend auf dem „Incurred Loss“ Ansatz nach IAS 39 und erfasste lediglich bereits eingetretene Verluste. Dieser Ansatz wird in IFRS 9 durch den Expected Credit Loss (ECL) Ansatz ersetzt, der auf erwartete Verluste abstellt und ein dreistufiges Modell für die Bestimmung der Kreditrisikovorsorge vorsieht. In der ersten Stufe sind alle Instrumente bei Zugang entsprechend dem Geschäftsmodell zu amortised cost („Halten“) oder zu fair value through other comprehensive income mit recycling („Halten und Verkaufen“) einzuordnen. Für die Bildung der Risikovorsorge wird der 12-Monats-EL zu Grunde gelegt [2]. Zu jedem Bilanzstichtag ist für die relevanten Instrumente zu prüfen, ob eine signifikante Erhöhung des Ausfallrisikos vorliegt. Weist ein Instrument am Bilanzstichtag eine signifikante Erhöhung des Kreditrisikos im Vergleich zum Zugangszeitpunkt auf, wird dieses Instrument in die zweite Stufe eingeordnet. In dieser Stufe orientiert sich die Risikovorsorge an den erwarteten Verlusten aus Ausfallereignissen über die gesamte Laufzeit des Instruments (lifetime EL). Alle Vermögenswerte, bei denen ein klarer Hinweis auf Wertminderung vorliegt, befinden sich in der dritten Stufe. Die Bestimmung der Risikovorsorge erfolgt wie bei der Stufe 2 über den so genannten lifetime EL. Die Berücksichtigung eines Instruments in Stufe 2 bzw. 3 führt in der Praxis – insbesondere für die Instrumente mit langer Laufzeit – sowohl zu einer erheblichen Erhöhung der Risikovorsorge im Vergleich zu den bisherigen IAS 39 Regelungen als auch zu einer der Risikovorsorgebewertung.

Zudem wird der Ausfall durch den Drei-Stufen-Ansatz nach IFRS 9 grundlegender definiert, als dies derzeit in der Regulatorik der Fall ist. Dies führt insbesondere aufgrund der direkten Bildung von Risikovorsorge bei Zugang (12-Monats-EL) sowie der weiteren Risikovorsorgebildung (liftetime EL) bei einer signifikanten Erhöhung des Kreditrisikos ( zu einer unterschiedlichen operationellen Umsetzung. Bei einem klaren Hinweis auf Wertminderung (Stufe 3) werden keine nennenswerten Unterschiede erwartet.

IFRS 9 soll eine frühzeitigere und ausreichende Bildung von Risikovorsorge sicherstellen. Die höhere bilanziellen Risikovorsorge kann nennenswerte Veränderungen bei der aufsichtlichen Behandlung von Kreditrisikoanpassungen nach sich ziehen. Dies betrifft insbesondere die IRB-Institute. Bei diesen ist bei dem Vergleich vom aufsichtsrechtlichen EL [3] und bereits gebildeter Kreditrisikovorsorge (Wertberichtigungsvergleich) ein Anstieg des Überschussbetrags zu erwarten. Das kann so weit gehen, dass die höhere Risikovorsorge den nach bankenaufsichtsrechtlichen Vorgaben ermittelten 12 Monats-EL vollständig abdecken bzw. übersteigen könnte. Ergibt der Wertberichtigungsvergleich einen Überschuss der Kreditrisikoanpassungen im IRB, kann der Unterschiedsbetrag maximal bis zu 0,6 % der risikogewichteten Aktiva (RWA) lediglich dem Ergänzungskapital zugerechnet werden.

In der Rechnungslegung belastet die nach IFRS 9 zusätzlich zu bildende Risikovorsorge die GuV und damit letztlich das zur regulatorischen Kapitalquote heranziehbare Kapital. .

Ausblick

Die European Banking Authority (EBA) hat am 22. September 2015 ein Konsultationspapier mit Leitlinien zur Anwendung der Ausfalldefinition unter Art. 178 CRR veröffentlicht, das auch die Behandlung von Wertberichtigungen nach IFRS 9 . Nach der Finalisierung der Konsultation wird sich herausstellen, welche konkreten Auswirkungen auf die Ausfalldefinition im Rechnungslegungskontext entstehen. Da die Ausfalldefinition die Grundlage für die Schätzung der wichtigsten Inputparameter für den aufsichtsrechtlichen EL bildet, ist eine konsistente und vergleichbare Definition sehr wichtig. In diesem Zusammenhang ist die Bestimmung des Zeitpunkts der signifikanten Erhöhung des Ausfallrisikos ein entscheidender Werttreiber des neuen IFRS Wertminderungsmodells.

Vor diesem Hintergrund wären ebenfalls die Geschäfts- und Risikostrategie sowie die aktuellen Planungsprozesse der Banken auf potenzielle Anpassungen hin zu untersuchen.

[1] Hinsichtlich der „Prudential Filters“ ist hervorzuheben, dass die „Available for Sale“ Kategorie fällt nach IFRS 9 wegfällt.

[2] 12-Monats-EL ist der Anteil des für die gesamte Restlaufzeit erwarteten Verlusts (lifetime EL), der sämtliche erwarteten Zahlungsausfälle berücksichtigt, die auf einem für die nächsten 12 Monate erwarteten Ausfallereignis beruhen.

[3] Der regulatorische EL soll anhand der „Through-the-Cycle“ Methode und gemäß dem „downturn“ LGD geschätzt werden, der in der Regel zu einem konservativeren und glatteren EL führt. Der bilanzielle EL soll hingegen durch die „Point-in-Time“ Schätzwerte die aktuelle Wirtschaftslage wiederspiegeln.

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