Weitere Details zu den sieben ICAAP-Grundsätzen

Am 20. Februar 2017 hat die EZB-Bankenaufsicht einen Brief bezüglich des mehrjährigen Projekts zur Entwicklung umfassender SSM-Leitfäden zum ICAAP und ILAAP für bedeutende Institute veröffentlicht. Im Zuge dessen hat die EZB detaillierte ICAAP- und ILAAP-Grundsätze herausgegeben, welche die Institute bis zum 31. Mai 2017 kommentieren können (vgl. hierzu unseren Blogbeitrag vom 6. April 2017).

Die nachfolgenden Erläuterungen beziehen sich auf die sieben von der EZB formulierten Grundsätze zur Ausgestaltung des ICAAP. Darin wird deutlich, dass die EZB über die Quantifizierung von Risikopotentialen und Risikodeckungsmassen hinaus insbesondere auch den prozessual-organisatorischen Aspekten eine hohe Bedeutung beimisst und den ICAAP insbesondere auch als ein Instrument der Geschäftsleitung zur zukunftsgerichteten Steuerung von Kapitalrisiken versteht.

Nachfolgend gehen wir auf die sieben Grundsätze zum ICAAP im Detail ein:

Grundsatz 1: Das Leitungsorgan ist verantwortlich für eine solide Governance des ICAAP.

Die Gesamtverantwortung für Aufsicht und Leitung in Bezug auf den ICAAP-Prozess schreibt die EZB in Grundsatz 1 ihres Leitfadens klar dem Leitungsorgan des Instituts zu, welches den Governance-Rahmen zu genehmigen und Sorge für eine regelmäßige interne Überprüfung und Validierung zu tragen hat. Dazu gehören insbesondere die intensive Erörterung und proaktive Anpassung des ICAAP bei etwaigen Veränderungen durch das Leitungsorgan, die Führungskräfte und relevanten Ausschüsse sowie der Nachweis, dass das Leitungsorgan über ein gutes Verständnis der Angemessenheit der Kapitalausstattung des Unternehmens verfügt.

Die Angemessenheit der Kapitalausstattung lässt sich die EZB dabei jährlich im Rahmen der Abfrage der ICAAP und ILAAP Informationen durch eine vom Leitungsorgan unterzeichnete Angemessenheitserklärung der Kapitalausstattung (Capital Adequacy Statement) bestätigen. Eine Erwartungshaltung an Form und Inhalt dieser Angemessenheitserklärung hat die EZB im Brief von Danièle Nouy vom 8. Januar 2016 sowie in ihren Anforderungsschreiben an die beaufsichtigten Institute vom Februar 2017 formuliert.

Grundsatz 2: Der ICAAP bildet einen integralen Bestandteil des Managementrahmens eines Instituts.

Die Ansiedlung der Gesamtverantwortung ist in Grundsatz 2 des Leitfadens geregelt. Weiterhin fordert dieser neben der Vereinbarkeit der quantitativen und qualitativen Aspekte des ICAAP auch dessen umfassende strategische und operative Einbindung in den Risikomanagement- und Entscheidungsprozess eines Instituts. In diesem Zusammenhang betont die EZB ihre Erwartung an die Konsistenz von ICAAP und Sanierungsplan sowie die kohärente Anwendung von Strategien, Risikomanagementverfahren und Entscheidungsprozessen innerhalb der Gruppe oder des Finanzkonglomerats. Zudem stellt sie klar, dass für die Gewährleistung einer angemessenen Kapitalausstattung die Umsetzung eines effektiven Limitsystems einschließlich wirksamer Eskalationsverfahren erforderlich ist. Insbesondere bedarf es einer Managementberichterstattung in angemessenen Zeitabständen (mindestens vierteljährlich), um gegebenenfalls zeitnah Steuerungsmaßnahmen ergreifen zu können. Hinsichtlich der Sicherstellung einer angemessenen Kapitalausstattung führt die EZB in ihrem 2. Grundsatz die Ergänzung der kurzfristigen Ein-Jahres-Sicht um einen zukunftsgerichteten Prozess mit einem mittelfristigen Zeithorizont von mindestens drei Jahren einschließlich angemessener institutsspezifischer adverser Szenarien auf.

Von hoher Relevanz bei der Erfüllung der aufsichtlichen Erwartungen dürfte in diesem Zusammenhang auch die Erklärung der EZB zur internen Governance und zum Risikoappetit vom Juni 2016 sein. Wir verweisen in diesem Zusammenhang auf unseren Blogbeitrag vom 6. Juli 2016.

Grundsatz 3: Der ICAAP ist darauf ausgerichtet, die Überlebensfähigkeit des Instituts dauerhaft sicherzustellen und er umfasst kurz- und mittelfristige Beurteilungen aus unterschiedlichen Perspektiven.

In Grundsatz 3 erläutert die EZB-Bankenaufsicht ausführlich ihre Erwartungen an einen proportionalen ICAAP. Für die interne Beurteilung des benötigten Kapitals erwartet die Bankenaufsicht die Implementierung zweier komplementärer Perspektiven:

  • die normative interne Perspektive sowie
  • die ökonomische interne Perspektive.

So sollen der Erfüllung von regulatorischen/ aufsichtlichen Kapitalanforderungen und weitergehenden wirtschaftlichen Risiken gleichermaßen Rechnung getragen werden. Beide Perspektiven sollen über einen kurz- und mittelfristigen Zeithorizont beurteilt werden, wobei die normative Perspektive durch mittelfristige Projektionen für Basis- und adverse Szenarien zu ergänzen ist.

In der ökonomischen internen Perspektive sind die Institute gefordert eine umfassende und konservative Sichtweise ihrer Risiken vorzunehmen und Verluste innerhalb des gesamten Risikospektrums zu berücksichtigen, die sich auf ihre wirtschaftliche Tätigkeit auswirken können. Diese Risiken werden möglicherweise in der normativen Sicht nicht erfasst und materialisieren sich erst im Zeitablauf. Das Risikospektrum soll hierbei im Sinne einer konservativen Quantifizierung auch unerwartete und äußerst seltene Verluste umfassen, die beispielsweise durch ein hohes Konfidenzniveau berücksichtigt werden können

Die EZB empfiehlt den Instituten zudem, die Ergebnisse aus beiden Perspektiven in die jeweils andere Perspektive einfließen zu lassen, um die Risikoquantifizierung zu validieren und Schlüsse auf die Entwicklung der Eigenmittel und risikogewichteten Aktiva (RWA) zu ermöglichen.

Grundsatz 4: Alle wesentlichen Risiken werden im ICAAP identifiziert und berücksichtigt.

Ergänzend zu den Anforderungen aus Grundsatz 3 erwartet die EZB in Grundsatz 4 von den Instituten einen umfassenden Prozess zur Identifizierung wesentlicher Risiken, der sowohl die normative als auch die ökonomische Perspektive berücksichtigt. Diese Risikoinventur soll unter Berücksichtigung der aktuellen Situation sowie der Risiken und Konzentrationen innerhalb und zwischen den Risiken des strategischen und operativen Geschäftsumfelds erfolgen.

Zur Risikoidentifizierung sowie der Bestimmung der Wesentlichkeit sollten Institute dabei einen Bruttoansatz anwenden. Hierfür enthält der Leitfaden eine „weder verpflichtende noch abschließende“ Risikoliste. Die Institute werden dabei aufgefordert, diese Risikoliste an ihre individuelle Risikosituation anzupassen, d.h. zusätzlich identifizierte wesentliche Risiken bei Bedarf aufzunehmen oder die individuelle Nicht-Wesentlichkeit von in der Risikoliste enthaltenen Risiken zu begründen. Die Verantwortung für die Festlegung der Wesentlichkeit von Risiken und eine entsprechende Kapitalunterlegung sieht die EZB klar beim Leitungsorgan.

Grundsatz 5: Das interne Kapital ist von hoher Qualität und klar definiert.

In Grundsatz 5 formuliert die Bankenaufsicht ihre Erwartungen an das interne Kapital in der ökonomischen Perspektive hinsichtlich dessen Vereinbarkeit mit der Risikoquantifizierung. Dabei mahnt sie zur Vorsicht in Bezug auf stille Lasten und Reserven, die zwar bei der Festlegung des internen Kapitals berücksichtigt werden, allerdings nicht oder nur mit Bedacht in das interne Kapital einfließen sollen. Entscheidet sich ein Institut für Letzteres, hat es für vollständige Transparenz zu sorgen. Der Großteil des internen Kapitals sollte aus hartem Kernkapital bestehen.

Grundsatz 6: Die ICAAP-Annahmen und Risikoquantifizierungsmethoden sind angemessen und konsistent und wurden gründlich validiert.

In Grundsatz 6 vertieft die EZB ihre Anforderungen im Grundsatz 3 zu einer möglichst konservativen Risikoquantifizierung in der ökonomischen und normativen Perspektive. Für die ökonomische Perspektive schreibt sie eine Konservativität mindestens so hoch wie für die internen Modelle der Säule 1 vor, wobei sich das Niveau anhand der Gesamtheit aller Annahmen und Parameter und nicht nur einzelner Faktoren bemisst. Dabei sind die Institute in ihrer Wahl der konkreten Methoden frei, solange diese untereinander, mit der gewählten Perspektive und der Kapitaldefinition vereinbar sind und das Institut über ein gründliches Verständnis der Modelle verfügt. Zu diesem Verständnis sowie der Beurteilung der Angemessenheit der Kapitalausstattung trägt eine unabhängige interne Validierung bei, deren Ergebnisse an Führungskräfte und das Leitungsorgan zu berichten sind. Diese hat sich ebenfalls an den Standards für die internen Modelle der Säule 1 zu orientieren.

Die IRB-Formel wurde mit der Annahme eines Konfidenzniveaus von 99,9% und einer unterstellten Haltedauer von einem Jahr kalibriert.

Auch wenn die Konservativität anhand der Gesamtheit aller Annahmen und Parameter beurteilt werden soll, gehen wir dennoch auf Basis der Überlegungen der EZB davon aus, dass die überwiegende Anzahl der bei deutschen Instituten implementierten Risikotragfähigkeitskonzepte nach dem Going Concern-Ansatz (Fortführungsansatz) sowie darüber hinaus auch viele Konzepte nach dem Gone Concern-Ansatz (Liquidationsansatz) die so formulierten, neuen und verschärften Anforderungen der EZB aktuell nicht erfüllen. Im Umkehrschluss bedeutet dies höhere Erwartungen der EZB an das interne Kapital von Banken – diese aus unserer Sicht verschärfte Erwartungshaltung dürfte sich nicht zuletzt auch im Rahmen zukünftiger SREP-Kapitalzuschläge niederschlagen.

Hinsichtlich der Berücksichtigung von Interrisikodiversifikation folgt die EZB-Bankenaufsicht den SREP-Leitlinien der EBA und lässt diese unberücksichtigt. Sollten Institute Interrisikodiversifikation in ihren ICAAP einbeziehen, darf dies nur bei vollständiger Transparenz und gleichzeitiger Ermittlung und Meldung der Bruttozahlen erfolgen. Institute sollen sich bewusst machen, dass Diversifikationseffekte unter Stressbedingungen möglicherweise entfallen bzw. sich nicht linear verhalten und sich sogar gegenseitig verstärken. Dies ist in den Stresstests und der Kapitalplanung zu berücksichtigen.

Grundsatz 7: Regelmäßige Stresstests sollen die Überlebenswahrscheinlichkeit bei widrigen Entwicklungen sicherstellen.

Ihre Erwartungen an die Ausgestaltung der Stresstests legt die EZB-Bankenaufsicht in Grundsatz 7 dar. Das Rahmenwerk soll demnach makroökonomische wie auch finanzielle Stressbedingungen umfassen, die sowohl aus der normativen als auch der ökonomischen Perspektive zu betrachten sind.

Fazit

Bei dem von der EZB vorgestellten Leitfaden handelt es sich um ein mehrjähriges Projekt. Nach Ablauf der Kommentierungsperiode am 31. Mai 2017 erwartete die EZB, dass Anfang 2018 ein überarbeiteter Entwurf zur Konsultation vorgelegt werden kann.

Die konkrete Ausgestaltung des ICAAP und des ILAAP in proportionaler Weise obliegt dabei wie bisher auch schon den einzelnen Instituten, da dies einen internen Prozess darstellt und folglich institutsspezifische Besonderheiten wie Geschäftsmodell, Größe, Komplexität, Risikogehalt und Markterwartung bestmöglich berücksichtigt werden können.

Dennoch soll mit den nun aufgestellten Grundsätzen ein gewisser Grad an Harmonisierung der unterschiedlichen ICAAP-Ansätze erfolgen. Für Kopfschmerzen wird in diesem Zusammenhang inbesondere Grundsatz 6 und die in diesem Zusammenhang formulierten Erwartungen an die Risikoquantifizierung sorgen. Insbesondere die enge Anlehnung an die Parameter der IRB-Formel könnten über die SREP-Kapitalzuschläge abermals zu deutlich höheren Kapitalanforderungen für die von der EZB beaufsichtigten Institute führen.

Aufgrund der durch die EZB angestrebten Konvergenz innerhalb der aufsichtsrechtlichen Anforderungen an die einzelnen Institute ist damit zu rechnen, dass die hier beschrieben Grundelemente auch einen wesentlichen Einfluss auf die in Deutschland durch die MaRisk fixierte Betrachtung der Risikotragfähigkeit haben werden. Damit stellt sich auch für kleinere Häuser die Frage der Umstellungserfordernisse.

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