Zukünftige Ausgestaltung der Risikotragfähigkeit, des ICAAP und des ILAAP – Ein Tapetenwechsel?

Am 20. Februar 2017 hat die EZB-Bankenaufsicht ihre ersten Überlegungen bezüglich eines mehrjährigen Projekts zur Entwicklung umfassender SSM-Leitfäden zum ICAAP und ILAAP für bedeutende Institute veröffentlicht. Im Zuge dessen hat die EZB detaillierte ICAAP- und ILAAP-Grundsätze herausgegeben, welche die Institute bis zum 31. Mai 2017 kommentieren können. Auf Basis dieser Überlegungen und der SREP-Erfahrungen aus 2017 plant die EZB Anfang 2018 einen überarbeiteten Entwurf zur Konsultation zu stellen.

Parallel dazu arbeiten BaFin und Deutsche Bundesbank an einer Neuausrichtung der Risikotragfähigkeit. Mitte 2017 wird eine Überarbeitung des Leitfadens der Bankenaufsicht zur Risikotragfähigkeit erwartet, in dem die deutsche Aufsicht ihre Anpassungen mit dem Ziel einer Harmonisierung zu der europäischen Bankenregulierung vorstellen wird.

Aufgrund dessen wollen wir im Folgenden einen genaueren Blick auf die Anforderungen der EZB an ICAAP und ILAAP werfen sowie einen ersten Ausblick auf die veränderte aufsichtliche Erwartungshaltung von BaFin und Bundesbank an die Ermittlung der Risikotragfähigkeit geben.

EZB: Jeweils sieben Grundsätze für einen guten ICAAP und einen guten ILAAP

Mit ihren Grundsätzen für einen guten ICAAP bzw. ILAAP verfolgt die EZB-Bankenaufsicht die folgenden drei Ziele:

  • Die Unsicherheit der Institute und der zuständigen Aufsichtsbehörden im Hinblick auf die tatsächlichen Risiken, denen die Institute ausgesetzt sind oder sein können, soll reduziert werden.
  • Das Vertrauen der Aufsichtsbehörden in die Fähigkeit der Institute, ihr Fortbestehen durch angemessene Kapital- und Liquiditätsausstattung sowie die effektive Steuerung ihrer Risiken sicherzustellen, soll gestärkt werden.
  • Institute sollen vorausschauend sicherstellen, dass alle wesentlichen Risiken ermittelt, effektiv gesteuert (angemessenen Kombination aus Quantifizierung und Steuerung) und durch ausreichend Kapital bzw. Liquidität von hoher Qualität abgedeckt werden.

Dabei legt die EZB Wert auf die Feststellung, dass die konkrete Ausgestaltung des ICAAP und des ILAAP in proportionaler Weise auch weiterhin den einzelnen Instituten obliegt.

Den Erwartungen liegen die nachfolgend genannten sieben Grundsätze zum ICAAP zugrunde:

Die 7 ICAAP-Grundsätze

Die sieben Grundsätze zum ILAAP unterscheiden sich nicht wesentlich von den Grundsätzen zum ICAAP – daran lässt sich eine gemeinsame Grunderwartung erkennen, die die EZB an die beiden Verfahren hat:

Die 7 ILAAP-GrundsätzeIn diesem Blog werden wir die beschriebenen Grundsätze in den kommenden Wochen in weiteren Beiträgen erläutern.

Die Entwicklungen im europäischen Kontext haben jedoch auch Einfluss auf die nationalen Verfahren. Entsprechend dem europäischen Regelwerk zum SSM ist die EZB für die gesamte Bankenaufsicht in Europa zuständig; die operative Aufsicht für die nicht direkt EZB-beaufsichtigten Institute hat sie de facto nur auf die nationalen Aufsichten übertragen. Harmonisierungsbestrebungen der EZB beim ICAAP können und werden sich daher auch in Änderungen der in Deutschland aktuell etablierten Verfahren zur Risikotragfähigkeitsrechnung niederschlagen.

Nationale Aufsicht: Neuausrichtung der Ermittlung der Risikotragfähigkeit

Während die EZB im Rahmen ihrer SREP-Anforderungen eine ökonomische Gesamtbetrachtung aller wesentlichen Risiken sowie eine langfristige Kapitalplanung unter der Prämisse des Going Concern[1] verfolgt, sind hierzulande zur Bemessung der Risikotragfähigkeit zweierlei Konzepte verbreitet: die Steuerungsansätze Going Concern und Liquidation sowie die verschiedenen Herangehensweisen zur GuV-/bilanzorientierten oder wertorientierten Ableitung des Risikodeckungspotentials in jeweiligen Steuerungskreis. Auf diese Weise tragen die Institute sowohl dem ökonomischen Mehrwert als auch den aufsichtlichen Anforderungen Rechnung und sind zugleich in der Wahl ihrer Methodik – unter Berücksichtigung des Geschäftsmodells und der institutsspezifischen Besonderheiten bei der konzeptionellen Ausgestaltung – frei.

Die parallele Auseinandersetzung der deutschen Aufsicht mit beiden Steuerungskreisen wurde von der EZB in der Vergangenheit bereits mehrfach kritisiert. Mit der erwarteten Überarbeitung des Leitfadens könnte nun die Differenzierung der Risikotragfähigkeitskonzepte in Going Concern- und Liquidationsansätze aufgegeben werden. Es ist aktuell in der Diskussion, den ICAAP – dem Vorbild der EZB folgend – in die beiden Komponenten Substanzwertorientierte Risikotragfähigkeit und Kapitalplanung aufzuspalten.

Für die Ausgestaltung der substanzwertorientierten Risikotragfähigkeit ist zu erwarten, dass sowohl die bilanzwertorientierte als auch die barwertige/ ökonomische Sichtweise beibehalten werden. Die Risiken und das Gesamtlimit könnten dabei abhängig von der Ausgestaltung der Risikotragfähigkeit grundsätzlich dem gesamten Risikodeckungspotential gegenübergestellt werden.

Im Rahmen einer Annäherung der Kapitalplanung an ein längerfristig orientiertes Risikotragfähigkeitskonzept soll der bisher schon in AT 4.1 Punkt 11 MaRisk verankerte Kapitalplanungsprozess deutlich aufgewertet werden und dabei enger mit dem ICAAP verknüpft werden, als dies bisher der Fall war. Im Umkehrschluss kann das in der Praxis bedeuten, dass der in der Regel einjährige, detaillierte Betrachtungshorizont von Risiken im Rahmen des Risikotragfähigkeitskonzepts auf eine stärker in die Zukunft gerichtete Zeitspanne zu erweitern ist. In diesem Zusammenhang ist zu erwarten, dass die Aufsicht im Rahmen der Kapitalplanung den Fokus auf die aufsichtsrechtlichen Kapitalanforderungen legen wird, d.h. die Erfüllung der Eigenmittelanforderungen aus der CRR und die SREP-Kapitalzuschläge.

Die EZB betont die Notwendigkeit eines glaubhaften Basisszenarios und angemessener institutsspezifischer adverser Szenarien. Auch auf deutscher Seite sind daher höhere Anforderungen bei diesen Szenarien und deren angemessener und konsistenter Herleitung zu erwarten. In diesem Zusammenhang dürfte insbesondere den adversen Szenarien durch eine zusätzliche Definition von potentiellen Steuerungsmaßnahmen für den Krisenfall eine weitreichendere Bedeutung als bisher zukommen.

Dabei zeichnet sich ab, dass die Aufsicht auch in den adversen Szenarien eine vollständige Erfüllung der aufsichtsrechtlichen Kapitalanforderungen erwartet.

Fazit

Auch wenn die EZB und die deutschen Aufsichtsbehörden ihre Vorstellungen zur zukünftigen Ausgestaltung von ICAAP, ILAAP und den Risikotragfähigkeitskonzepten noch nicht vollständig kodifiziert haben, zeichnen sich trotzdem aus der aktuellen Diskussion die zukünftigen aufsichtsrechtlichen Erwartungen ab. Neben Governance-Aspekten im ICAAP und im ILAAP können dabei aus unserer Sicht insbesondere die Anforderungen an die Kapitalplanung und den Kapitalplanungsprozess zu großen Herausforderungen bei den betroffenen Instituten führen. In diesem Zusammenhang empfehlen wir, schon jetzt eine detaillierte Analyse der quantitativen Auswirkungen im Hinblick auf mögliche zukünftige Kapitalengpässe durchzuführen.

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[1] Zukünftig soll die Betrachtung im Rahmen der Risikotragfähigkeit unter dem Aspekt der Unternehmensfortführung erfolgen. Der derzeit im Sinne der MaRisk in Deutschland bekannte Going-Concern-Ansatz wird nicht deckungsgleich mit dem Going-Concern-Ansatz der EZB sein. Die Zielsetzung eines Liquidationsansatzes wird zukünftig insbesondere unter Aspekten der Abwicklung von Bedeutung sein.

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