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Steuern & Recht

Notwendigkeit eines häuslichen Arbeitszimmers bei einem Selbständigen


Nicht jeder nur außerhalb von regulären Praxiszeiten nutzbare Schreibtischarbeitsplatz in einem Praxisraum steht zwangsläufig als ein „anderer Arbeitsplatz“ zur Nutzung zur Verfügung mit der Folge, dass das Abzugsverbot für ein häuslich eingerichtetes Arbeitszimmer greift. Die Beurteilung, ob ein außerhäuslicher Arbeitsplatz zumutbar ist, ist als klassische Tatsachenfrage den konkreten Umständen des Einzelfalls vorbehalten.

Ausgangslage: Das grundsätzliche Abzugsverbot für ein häusliches Arbeitszimmer gilt nicht, wenn für die betriebliche oder berufliche Tätigkeit kein anderer Arbeitsplatz zur Verfügung steht. In diesem Fall wird die Höhe der abziehbaren Aufwendungen auf 1.250 Euro begrenzt; diese Beschränkung gilt jedoch nicht, wenn das Arbeitszimmer den Mittelpunkt der gesamten betrieblichen und beruflichen Betätigung bildet. Zwar indiziert bei Selbständigen ein vorhandener Schreibtischarbeitsplatz, dass dieser Arbeitsplatz für sämtliche Aufgabenbereiche zur Verfügung steht. Jedoch muss dieser betriebliche Arbeitsplatz auch zumutbar sein, was voraussetzt, dass der Steuerpflichtige ihn in dem konkret erforderlichen Umfang und in der konkret erforderlichen Art und Weise tatsächlich nutzen kann. Dies zeigt der aktuell vom Bundesfinanzhof (BFH) entschiedene Fall.

Sachverhalt und Entscheidung: Der Kläger ist als Logopäde in angemieteten Praxisräumen selbständig tätig. Im Rahmen der Einkommensteuererklärungen machte er Aufwendungen für ein häusliches Arbeitszimmer 2010 in der Wohnung und ab 2011 im privat genutzten Einfamilienhaus geltend. Die Praxisräume waren speziell therapiebezogen ausgestattet. Zwar bestand die Ausstattung auch aus Schreibtisch und PC, die Räumlichkeiten boten jedoch nicht die Möglichkeit, vertrauliche Unterlagen sicher zu verwahren. Das Finanzamt vertrat die Ansicht, dass für Bürotätigkeiten ein anderer Arbeitsplatz als im häuslichen Arbeitszimmer zur Verfügung stehe und die Kosten des Arbeitszimmers nicht als Betriebsausgaben anerkannt werden könnten. Das Finanzgericht war unter Würdigung der Praxisausstattung und der besonderen Vertraulichkeitserfordernisse bestimmter Bürotätigkeiten zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Erledigung der Büroarbeiten in den Praxisräumen – auch außerhalb der Öffnungszeiten – nicht zumutbar sei, so dass die Aufwendungen (beschränkt) abzugsfähig seien.

Dem folgte jetzt der BFH. Die Frage, ob die Nutzung des Arbeitsplatzes in einer Weise eingeschränkt ist, dass der Steuerpflichtige in seinem häuslichen Arbeitszimmer einen nicht unerheblichen Teil seiner beruflichen oder betrieblichen Tätigkeit verrichten muss, sei anhand objektiver Umstände des Einzelfalls zu klären. Anhaltspunkte können sich sowohl aus der Beschaffenheit des Arbeitsplatzes (Größe, Lage, Ausstattung) als auch aus den Rahmenbedingungen seiner Nutzung (Umfang der Nutzungsmöglichkeit, Zugang zum Gebäude, zumutbare Möglichkeit der Einrichtung eines außerhäuslichen Arbeitszimmers) ergeben. Im Streitfall ergab sich aus den tatsächlichen Gegebenheiten (Nutzung der Räume durch die Angestellten, Tätigkeit des Klägers außerhalb der Praxis, die Größe, die Ausstattung, die konkrete Nutzung der Praxisräume durch die vier Angestellten, Vertraulichkeit der für die Bürotätigkeit erforderlichen Unterlagen und den Umfang der Büro- und Verwaltungstätigkeiten) eine Unzumutbarkeit der Nutzung der Praxisräume als außerhäusliches Arbeitszimmer.

Fundstelle

BFH-Urteil vom 22. Februar 2017 (III R 9/16), veröffentlicht am 19. April 2017