Negative Zinssätze – wenn Zinsen Geld kosten!

Was sich in den vergangenen Monaten bereits abgezeichnet hat, ist jetzt Realität geworden. Auf seiner Sitzung am 5. Juni 2014 hat der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) einen negativen Einlagenzinssatz beschlossen. Ab morgen (11. Juni 2014) müssen daher Geschäftsbanken, die ihre Liquidität kurzfristig bei der EZB deponieren wollen, als Entgelt für die Einlagemöglichkeit einen „Strafzins“ von 0,10% zahlen.

Diese Entwicklung treibt nicht nur so manchem Banker und Sparer die Schweißperlen auf die Stirn, sondern stellt auch die Rechnungslegung nach IFRS vor neue Herausforderungen. Kann eine solche „Zinszahlung“ in der Gewinn – und Verlustrechnung als Zinsaufwand ausgewiesen werden, obwohl es sich bei der Einlage um einen finanziellen Vermögenswert handelt, oder wäre vielmehr ein Ausweis als „negativer Zinsertrag“ – eine Position, die die IFRS eigentlich gar nicht vorsehen – sachgerecht? Führt man sich vor Augen, dass die Einlage bei der EZB wirtschaftlich nur erfolgt, um Liquidität zu parken, ohne einem Ausfallrisiko ausgesetzt zu sein, ist schließlich auch ein Ausweis als Bankgebühr nicht abwegig.

Das IFRS Interpretations Committee (IFRS IC) hatte diese Frage bereits im September 2012 diskutiert, und einen Ausweis sowohl als Zinsaufwand als auch als Zinsertrag zunächst abgelehnt. Als Lösung wurde stattdessen der Ausweis in einer „anderen angemessenen Aufwandskategorie“, flankiert durch entsprechende Anhangangaben, vorgeschlagen. Im Januar 2013 wurde diese Einschätzung allerdings mit Blick auf die geplanten Änderungen in IFRS 9 wieder zurückgezogen. Bis zu einer endgültigen Entscheidung ist dem Bilanzierenden damit ohne Zweifel ein gewisser Spielraum eröffnet, wobei allerdings die (zurückgezogene) Entscheidung des IFRS IC sicherlich eine gute Orientierung darstellt.

Neben dem Ausweis der „Zinszahlungen“ in der Gewinn- und Verlustrechnung werfen negative Zinsen auch Fragen für die Einordnung der Einlagen in eine der Bewertungskategorien des IAS 39 auf. Üblicherweise werden Einlagen der Kategorie „Kredite und Forderungen“ (loans and receivables) zugeordnet. Eine solche Zuordnung ist allerdings ausgeschlossen, wenn der Inhaber seine Investition aus anderen Gründen als einer Bonitätsverschlechterung nicht mehr zurückbekommen könnte. Ob dies auch den Fall umfasst, in dem der Investor seine Investition auf Grund der negativen Zinsen mit Sicherheit nicht mehr vollständig zurück erhält, wird sicherlich noch für lebhafte Diskussionen sorgen. In jedem Fall ist eine entsprechende Dokumentation der gewählten Bilanzierungsmethode zu empfehlen.

Wo auch immer die Diskussionen hinführen werden, die Entscheidung der EZB sorgt für reichlich Zündstoff – nicht nur unter Volkswirtschaftlern, sondern auch unter Accountants!

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