Neuer Standard zur Erfassung von Wertminderungen bei finanziellen Vermögenswerten – was lange währt, wird endlich gut?

Nach mehrjährigen Diskussionen, zahlreichen vorgeschlagenen und wieder verworfenen Konzepten und zwei Standardentwürfen (Exposure Drafts) hat der IASB heute zusammen mit den überarbeiteten Klassifizierungs- und Bewertungsvorschriften des IFRS 9 die endgültigen Regelungen zur Erfassung von Wertminderungen bei Finanzinstrumenten veröffentlicht.

Mit dem neuen Standard zu Wertminderungen ändert sich sowohl der Zeitpunkt, zu dem Abschreibungen berücksichtigt werden müssen, als auch die Höhe der Risikovorsorge grundlegend. War bisher für eine Abschreibung erforderlich, dass am Abschlussstichtag ein so genanntes „Verlustereignis“ (loss event) – zum Beispiel eine drohende Insolvenz oder eine Zahlungsstockung des Schuldners – eingetreten ist (Incurred Loss Model), sind unter den neuen Regelungen auch erwartete Verluste zu berücksichtigen (Expected Loss Model). Der IASB begegnet mit dieser Änderung dem in der Finanzmarktkrise aufgekommenen Vorwurf, dass in IFRS Abschlüssen Verluste in zu geringem Umfang (too little) und zu spät (too late) erfasst werden und wählt nun ein deutlich „vorsichtigeres“ Modell. Dass sich die internationale Rechnungslegung damit im Ergebnis dem Gedanken der Pauschalwertberichtigung und damit deutschem Handelsrecht annähert, ist dabei durchaus bemerkenswert.

Im Kern entsprechen die Vorschriften des endgültigen Standards weitgehend dem im März 2013 veröffentlichten Entwurf. Entsprechend richtet sich der Umfang der Erfassung von erwarteten Verlusten danach, ob sich das Ausfallrisiko der Vermögenswerte seit ihrem Zugang wesentlich verschlechtert hat. Liegt eine Verschlechterung vor und ist das Ausfallrisiko am Stichtag nicht als niedrig einzustufen, sind ab diesem Zeitpunkt sämtliche erwarteten Verluste über die gesamte Laufzeit zu erfassen (lifetime expected credit losses). Andernfalls sind nur die erwarteten Verluste zu berücksichtigen, die aus künftigen, möglichen Ereignissen (default events) innerhalb der nächsten zwölf Monate resultieren (12-month expected credit losses). Gerade der zweite Fall dürfte für die Praxis eine nicht zu unterschätzende Herausforderung darstellen. So wird aus dem Standard nicht hinreichend deutlich, wie ein default event definiert ist, unter welchen Voraussetzungen er „möglich“ ist und wie die aufwandswirksam zu erfassenden Verluste in Folge eines solchen Ereignissen von den übrigen erwarteten Verlusten, die auf der ersten Stufe (noch) nicht aufwandswirksam zu erfassen sind, abgegrenzt werden können.

Ebenfalls aus dem Entwurf übernommen wurden die Ausnahmeregelungen für bestimmte Forderungen aus Lieferungen und Leistungen (bzw. so genannte contract assets i.S.d. IFRS 15) und Leasingforderungen. Für diese Vermögenswerte müssen (Forderungen aus Lieferungen und Leistungen bzw. contract assets ohne wesentliche Finanzierungskomponente) bzw. dürfen (Forderungen aus Lieferungen und Leistungen bzw. contract assets mit wesentlicher Finanzierungskomponente und Leasingforderungen) bereits bei Zugang sämtliche erwarteten Verluste berücksichtigt werden.

Der Standard ist – vorbehaltlich eines EU-Endorsement – verpflichtend ab dem 1. Januar 2018 anzuwenden. Diese auf den ersten Blick lange Übergangsfrist ist für die erforderliche Systemerstellung allerdings mehr als notwendig. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass Unternehmen auch die Wechselwirkungen mit dem Ende Mai veröffentlichten Standard zur Erlösrealisierung (IFRS 15) berücksichtigen müssen. Ob nach einer langen Phase der Diskussion somit tatsächlich alles gut geworden ist, muss sich noch zeigen.

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