Zins-Benchmark-Reformen und die Auswirkungen auf die Bilanzierung

Gegenwärtig unterliegen die bisher verwendeten Zins-Benchmarks wie EONIA, EURIBOR und LIBOR einem Reformprozess, an dessen Ende modifizierte und neue Benchmarks sowie eine veränderte Produkt- und Zinsmanagement-Welt stehen werden. Getrieben ist dieser Reformprozess durch die Regulierung (EU-Benchmark-Verordnung mit Ablauf der Übergangsfrist zum 31. Dezember 2019) und die Notwendigkeit, eine Lösung dafür zu finden, dass der unbesicherte Interbanken-Geldmarkt, dessen Renditen die bisherigen Indizes abbilden sollen, nicht mehr hinreichend liquide ist, um ausreichend transaktionsbasierte Daten zu liefern.

Wie der Zielzustand der Produkt- und Zinsmanagement-Welt nach Abschluss der Übergangszeit aussehen wird, ist noch nicht in jeder Hinsicht absehbar, zumal die Anpassungen in den Produktwelten nicht koordiniert erfolgen. Es liegt im Bereich des Möglichen, dass sich in den Märkten für Kassa-Instrumente und derivative Instrumente unterschiedliche Lösungen entwickeln, mit der Folge des Entstehens von Zins-Basisrisiken, wo bisher keine waren.

Im Zusammenhang mit den begonnenen und noch bevorstehenden Veränderungen stellen sich zahlreiche Bilanzierungsfragen:

Bewertungsfragen

  • Wie lange können zinsvariable Cashflows, die auf den alten Indizes basieren, noch ausgerollt, d.h. die nötigen Forward-Zinssätze noch aus liquiden Kurven abgeleitet werden, und wie ist vorzugehen, wenn dies nicht mehr möglich ist?
  • Wie lange sollen die bisher verwendeten Bewertungskurven noch für die Fair-Value-Ermittlung (einschließlich Notes-Fair-Values) verwendet werden bzw. ist ein Wechsel auf neue, liquidere Kurven geboten?
  • Folgefrage: (Wie) kann das Entstehen einer Fair-Value-Sprungstelle im Moment des Wechsels der Kurven vermieden werden? Oder ist eine solche Sprungstelle sachgerecht?
  • Gibt es Bewertungen jenseits der Finanzinstrumente, in denen die Bewertungskurven auszutauschen oder anzupassen sind, weil bisher Swapsätze in diese Bewertungen eingeflossen sind (Rückstellungen, Leasing, etc.).
  • Für Häuser, die in ihrer Finanzberichtserstattung alternative Performance-Measures (Non-GAAP-Financial-Measures) verwenden: Wann werden bezüglich dieser Messgrößen die Bewertungskurven gewechselt und wie gestaltet sich der Umgang mit einer Sprungstelle?

Modifikations-/Abgangs-/Klassifizierungsfragen

  • Wann liegt bei zinsvariablen originären oder derivativen Produkten, die im Zuge der Reformen angepasst werden, bilanziell ein Abgang- und Neuzugang und wann eine Modifikation ohne Abgangsfolge vor?
  • Ändern sich die Einstufungen in der dreistufigen Fair-Value-Hierarchie in Folge der Verringerung der Liquidität bezogen auf alte Kurven von Level 2 auf Level 3?

Hedge-Accounting-Fragen

  • Bei Cash-Flow-Hedges von zinsvariablen Zahlungsströmen, deren Kupons an die alten Indizes geknüpft sind, stellt sich die Frage, wie lange diese Zahlungsströme der Höhe nach noch verlässlich bestimmt werden können bzw. ggf. noch grundsätzlicher die Frage, wie lange diese Zahlungsströme hinsichtlich ihrer Eintrittswahrscheinlichkeit noch als hochwahrscheinlich eingestuft werden können.
  • Bei Fair-Value-Hedges stellt sich die Frage, ob und wann der Austausch des Hedged Risk von der bisher verwendeten Swapkurve (z.B. 3M- oder 6M-basierte-Swapkurve) zu Gunsten von einer der neuen Kurven erfolgen sollte bzw. muss, mit der Folgefrage, ob ein solcher Wechsel in einer fortlaufenden Hedge-Designation möglich ist oder zwingend eine Neu-Designation erfolgen muss.
  • Sofern produktseitige Anpassungen bei Produkten mit variablen Zinsen (einschließlich Swaps) bilanziell zu einem Abgang und Neuzugang führen, stellt sich die Frage, ob Hedge-Accounting in dieser Situation stetig fortgesetzt werden kann oder ob das Board hierfür eine Ausnahmeregelung schaffen muss (ähnlich wie dies im Jahr 2013 beim Übergang auf das OTC-Clearing geschehen ist).
  • Ggf. entsteht ein Bedarf an ganz neuen Hedge-Accounting-Lösungen (z.B. für Zins-Basis-Swaps, die als Overlay zu den variablen Legs der Zinsswaps oder Cross-Currency-Swaps gehandelt werden, um Zins-Basisrisiken auszusteuern).

Zinsergebnisvereinnahmungsfragen (Effektivzinsmethode)

  • Wenn in der neuen Produktwelt die Höhe von variablen Zinskupons u.U. erst am Ende der Zinsperiode feststeht (weil beispielsweise in der neuen Welt ein 3-Monats-Zinskupon als Höhe des Durchschnitts der Overnight-Zinsen der Periode ermittelt wird), stellt sich die Frage, wie in diesem Fall die in der Bilanz abzugrenzenden Zinsen der Höhe nach bestimmt werden sollen.
  • Sofern die Anpassung eines zinsvariablen Produkts nicht bilanziell als Neuzugang abgebildet wird, stellt sich die Frage, wie die Effektivzinsmethode anzuwenden ist.

Einige dieser Fragestellungen können schon in der Übergangszeit eine Abschlussrelevanz bekommen, z.B. die Fragestellungen zum Cashflow-Ausrollen bei variabel verzinslichen Produkten, zum Austausch von Bewertungskurven zu Gunsten von neuen liquideren Kurven und zum Wechsel des Hedged Risk, andere Fragestellungen werden erst mit bzw. nach dem Wechsel schlagend.

Vor dem Hintergrund der zuvor beschriebenen Entwicklungen und Fragestellungen hat das IASB in seinem Meeting am 12. Dezember 2018 beschlossen,

  • die IBOR & Reference Rate Reform auf das IASB-Standard-Setting-Programm zu nehmen und
  • die Analyse von denjenigen Aspekten, die bereits eine Abschlussrelevanz vor dem eigentlichen Wechsel haben bzw. bekommen können, zu priorisieren und erst anschließend solche Fragestellungen zu analysieren, die erst mit oder nach dem Zeitpunkt des Wechsels schlagend werden.

Das Board ist sich der hohen Komplexität und Dringlichkeit des Themas bewusst und ist sich zudem darüber einig, dass bei diesem Thema eine proaktive und flexible inhaltliche Analyse unter Einbezug der betroffenen Marktteilnehmer erforderlich ist und als einer der nächsten Schritte auch erfolgen wird.

Unsere Experten unterstützen Sie gerne bei der Vorbereitung auf die anstehenden Änderungen. Sprechen Sie uns an.

Judith Gehrer, Peter Flick, Joachim Krakuhn und Peter Schüz

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