Einige aktuarielle Gedanken zu COVID-19, dem Corona-Virus

Der Corona-Virus und seine Ausbreitung bestimmt derzeit die globalen Schlagzeilen. W√§hrend sich gesamtwirtschaftliche Folgen abzeichnen, betrifft dies nat√ľrlich auch den Versicherungs- und Vorsorgesektor. Aktuell ist es zwar verfr√ľht, hier detaillierte Aussagen zu treffen, dennoch halte ich es wert, hier einige aktuarielle Gedanken insbesondere in Richtung Personenversicherung zusammenzufassen. Insbesondere lassen sich einige Handlungsfelder schon jetzt erkennen, zu den offensichtlichen geh√∂ren meines Erachtens die Biometrie, angesichts der Entwicklung auf den Kapitalm√§rkten das Asset-Liability-Management und ‚Äď nicht zuletzt aufgrund m√∂glicher Abwesenheiten durch Erkrankungen – operationelle Aspekte.

Wo stehen wir?

Corona-Viren treten eigentlich ziemlich h√§ufig auf, sie verursachen typischerweise Atemprobleme bis hin zur Lungenentz√ľndung. W√§hrend sich die Mehrheit der Infizierten typischerweise erholt, kann die Erkrankung bei Menschen mit geschw√§chtem Immunsystem wie insbesondere √§ltere Menschen und Menschen mit bestehenden langfristigen Gesundheitsproblemen (z.B. chronischen Lungenerkrankungen) zu ernsteren Probleme f√ľhren und sie verl√§uft in einigen F√§llen sogar t√∂dlich. Im vorliegenden Fall handelt es sich jedoch um eine neuartige Mutation, bei der auch keine Grundimmunit√§t in der Gesellschaft vorliegt. Entsprechend ist eine h√∂here Fallzahl von Erkrankungen allgemein, aber auch im kritischen Bereich zu erwarten.

√Ąhnliche Vorf√§lle lassen sich auch in der Vergangenheit erkennen. Insbesondere die Spanische Grippe von 1918/19, eine besonders virulente Variante des Influenza-A-Virus (H1N1), ist ein gerne zitiertes Beispiel. Auch in den vergangenen Tagen wurde diese als bisheriger „Worst-Case“ herangezogen, sie ist auch entsprechender Bezugspunkt in der Pandemie-Modellierung: Schlimmer kann es nicht werden!

Zwar l√§sst sich einerseits erwarten, dass die seither verbesserten Konditionen in der Gesundheitsversorgung und die friedlichen Zeiten ‚Äď die Grippe brach in den letzten Z√ľgen des 1. Weltkriegs aus ‚Äď sich als positive Faktoren auswirken. Andererseits wirken hier die internationale Vernetzung durch den globalisierten Handel und den internationalen Flugverkehr entgegen. Erinnern wir uns an den Ausbruch des Severe Acute Respiratory Syndrome (SARS) 2003 ‚Äď seinerzeit war der j√§hrliche Fluggastverkehr alleine zwischen den USA und China knapp 2 Millionen Reisende pro Jahr, mittlerweile √ľbersteigt die Zahl j√§hrlich 8 Millionen.

Biometrische Faktoren

Die Absicherung biometrischer Risiken ist Kernteil des Gesch√§fts von Lebensversicherungen und Einrichtungen der betrieblichen Altersvorsorge. Die Auswirkungen einer solchen Pandemie sind je nach Art und der strategischer Ausrichtung eines Unternehmens unterschiedlich ‚Äď offensichtlich wird ein Rentenversicherer durch eine ungew√∂hnlich hohe Sterblichkeit eine Erleichterung f√ľr einen Teil seines Langlebigkeitsrisikos beobachten, Risiko- und Krankenversicherer hingegen m√ľssen sich auf m√∂gliche Belastungen einstellen. Dabei kann der Grad der R√ľckversicherung einen gro√üen Hebel haben. Aus aktuarieller Sicht sollten die Unternehmen hier insbesondere das Solvency-II-Katastrophenrisiko-Szenario genauer unter die Lupe nehmen.

Die Erkrankungsraten werden derzeit von den nationalen Gesundheitseinrichtungen und -tr√§gern eng nachverfolgt, diese wachsen derzeit rasant an. Die aus den Erkrankungen resultierenden Kosten f√ľr die Behandlung lassen sich derzeit nicht absch√§tzen, insbesondere da Medikamente f√ľr die Behandlung, aber auch f√ľr die Pr√§vention wie z.B. Impfstoffe derzeit noch entwickelt werden.

Auch die endg√ľltige Sterblichkeitsrate von COVID-19 wird sich erst im Laufe der Zeit zeigen. Aktuelle Sch√§tzungen f√ľr die sogenannte Letalit√§t, die die Sterblichkeit von infizierten F√§llen misst, liegen insgesamt bei etwa 3%. Melde- und Datenprobleme bringen jedoch hierbei Unsicherheiten mit sich, insbesondere bei asymptomatischen F√§llen oder Erkrankungen die aufgrund der aktuellen Grippesaison hierf√ľr gehalten werden. Zudem kann man l√§nderabh√§ngig aufgrund der unterschiedlichen Gesundheitssysteme verschieden starke Auswirkungen erwarten. Insgesamt scheint sich diese jedoch jetzt schon als sehr altersabh√§ngig zu erweisen – insbesondere zeigen Patienten √ľber 60 wesentlich h√∂heren Sterblichkeitsraten, die mit jeder Altersdekade massiv zunehmen.

Normalerweise schmecken Aktuaren gro√üe Unsicherheiten nicht. Dennoch sollte mit der notwendigen Sorgfalt zur Absch√§tzung der aus dem Corona-Virus resultierenden Risiken das verf√ľgbare Zahlenmaterial genutzt werden, um hier die Auswirkungen auf die wesentlichen Annahmen abzusch√§tzen.

Auswirkungen auf das Asset-Liability-Management

Schon ehe die Weltgesundheitsorganisation WHO am 11. März die Ausbreitung von COVID-19 offiziell zur Pandemie erklärt hat, wurden die internationalen Finanzmärkte von der Angst der Anleger infiziert, der Virus werde auch erhebliche ökonomische Auswirkungen auslösen. Anschließend gingen weltweit die Aktienindizes auf Talfahrt, Anleger suchten Rentenpapiere als sicheren Hafen.

Zudem sind vor dem Hintergrund der wachsenden Globalisierung viele Produktions- und Lieferketten abhängig von internationalen Handels- und Transportsystemen. Durch Maßnahmen zur Einschränkung der weiteren Ausbreitung der Erkrankung lassen sich hieraus Handelsbeschränkungen erwarten, die den Abwärtstrend an den Börsen verstärken.

Mittlerweile hat auch die Europ√§ische Zentralbank Ma√ünahmen angek√ľndigt. Zwar bleibt (vorerst) der Leitzins bei 0% stabil, aber Banken sollen neue, langfristige Kredite erhalten, um damit insbesondere kleine und mittlere Unternehmen, die durch den Corona-Virus in Existenzn√∂te geraten k√∂nnten, unterst√ľtzen zu k√∂nnen und die EZB will ihr Anleihekaufprogramm wieder ausweiten.

Ohnehin befand sich die europ√§ische Wirtschaftszone in einem Niedrigzinsumfeld. Mit dem materiellen R√ľckgang der Zinss√§tze auf ein noch niedrigeres Niveau wird die Reinvestition f√§lliger Kapitalanlagen noch schwieriger f√ľr Versicherungen und ihre Assetmanager. Hier ist nun ein angemessenes Asset-Liability-Management gefragt. Die produktspezifische Ertragssituation und die unternehmenseigenen Risiko- bzw. Solvenzsituation m√ľssen ad√§quat gesteuert werden, auch um neben der Garantieverzinsung die deklarierte √úberschussbeteiligung nachhaltig zu erwirtschaften. Sowohl in der kurz- als auch mittelfristigen Perspektive gilt es dabei, die oben erw√§hnten Effekte aus den biometrischen Faktoren zu ber√ľcksichtigen. Gerade aus dem Corona-Virus resultierende kurzfristig umfangreicher anfallende Zahlungsverpflichtungen werfen Fragen zum Liquidit√§tsmanagement auf.

Im Modellkontext k√∂nnen auch Stressszenariotests dazu beitragen, die aus Pandemien stammenden, eher schwer zu messende Risiken zu quantifizieren. W√§hrend Krankenversicherer hier h√§ufiger entsprechende Analysen in den regul√§ren Prozessen bereits durchf√ľhren, sind solche Auswertungen f√ľr Lebensversicherer sowie insbesondere Pensionskassen jenseits der aufsichtsrechtlichen Anforderungen eher un√ľblich. Entsprechende Risikoexpositionen und m√∂gliche Auswirkungen auf Ertrag und erhalten aber aktuell erh√∂hte Aufmerksamkeit, so dass nicht nur √ľber eine diesbez√ľglich interne Berichterstattung an Vorst√§nde, sondern auch extern an Ratingagenturen und Investoren nachgedacht werden sollte.

Aufkommende operationelle Risiken

Aufgrund der vergleichsweise hohen Ansteckungs- und √úbertragungsf√§higkeit des COVID-19-Erregers sind die genauen Auswirkungen zwar nicht vorhersehbar, aber innerhalb der Belegschaft k√∂nnte es zu hohen Fehlzeiten kommen ‚Äď nicht nur durch infizierte Kranke, sondern auch durch Mitarbeiter, die sich aufgrund von Vorsichtsma√ünahmen in Quarant√§ne befinden oder um kranke Familienmitglieder k√ľmmern. Im schlimmsten Fall kommt es zu Todesf√§llen bei den Mitarbeitern.

Aufgrund einer unerwarteten Unterbesetzung k√∂nnen zentrale und ggf. kritische T√§tigkeiten nicht oder nur teilweise durchgef√ľhrt werden. Kurzfristig lassen sich diese L√ľcken nicht intern schlie√üen und die Einstellung von zus√§tzlichem Personal kann zu einem Kostenfaktor werden.

Daher sollten zeitnah einerseits diese Aufgaben und m√∂gliche Workarounds in der Krisensituation identifiziert werden und gleichzeitig Ma√ünahmen zur Flexibilisierung der Arbeitsregelungen getroffen werden (z.B. Heimarbeit, gestaffelte und reduzierte Arbeitszeiten). In einem zweiten Schritt kann dies als Basis f√ľr strategische Fragestellungen genutzt werden, etwa um Ma√ünahmen zur Digitalisierung und Automatisierung von einzelnen Arbeitsschritten bis hin zu kompletten Prozessen zu initiieren.

Schlussfolgerung

Noch lassen sich einige Auswirkungen aus der COVID-19-Pandemie nicht abschätzen, es liegt noch ein weiter Weg vor uns, um festzustellen, wie tief die Einschnitte auf die Weltwirtschaft im Allgemeinen und die Versicherungsbranche im Speziellen sind. Einige Aspekte liegen jedoch bereits auf der Hand Рhier ist eine zeitnahe Reaktion geboten, ein Ignorieren der Pandemie ist keine Option. Daher gilt es, laufend die Entwicklungen zu beobachten und kurzfristig die Handlungsoptionen zu Erwägen, um auch langfristig erfolgreich dazustehen.

F√ľr Fragen zu biometrischen Annahmen und Asset-Liability-Management steht Ihnen unser aktuarieller Experte Tilmann Schmidt jederzeit zur Verf√ľgung. Sprechen Sie uns gerne an und wir vertiefen die Themen gemeinsam.

Bleiben Sie Gesund!

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