Nachhaltigkeit, Klimawandel und Pricing

 

Versicherungen sind von den Folgen des globalen Klimawandels direkt betroffen. Diesem entgegenzuwirken ist eine der zentralen Aufgaben von nachhaltigem Handeln – aufgrund der komplexen Zusammenh√§nge ist ein genaues Beobachten f√ľr ein akkurates Pricing notwendig.

 

ESG und Nachhaltigkeit

Unter dem englischsprachigen Schlagwort ‚ÄúEnvironmental, Social and Governance‚ÄĚ lassen sich die zentralen Dimensionen von Nachhaltigkeit zusammenfassen. Die damit einhergehenden transitorischen und physischen Risiken werden ihre Wirkung auf (R√ľck-) Versicherungsunternehmen zuk√ľnftig zunehmend entfalten. Unternehmen m√ľssen sich in Bezug auf ESG-Themen dabei nicht nur strategisch positionieren, auch auf operativer Ebene sind fr√ľhzeitig Analysen und Anpassungen notwendig.

Im Jahr 2019 ver√∂ffentlichte EIOPA eine Stellungnahme zur Nachhaltigkeit im Rahmen von Solvency II. Dabei stellte die europ√§ische Aufsichtsbeh√∂rde fest, dass Versicherungsunternehmen Risiken im Zusammenhang mit dem Klimawandel nicht angemessen in ihr Pricing einbeziehen. Dies lenkt das Augenmerk einerseits auf generelle Grunds√§tze in der Entscheidungsfindung zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken, wie sie auch im neuen ESG-Leitfaden f√ľr die Versicherungsindustrie der Vereinten Nationen vom Juni 2020 vorgeschlagen werden, andererseits aber auch auf die Methoden im Pricing selbst. Der blo√üe Verweis auf das h√§ufig genannte Argument einer kurzfristigen Vertragslaufzeit von zw√∂lf Monaten im Schaden/Unfall-Gesch√§ft, die es erm√∂glicht, die Vertr√§ge – und damit Risiken – j√§hrlich neu zu bewerten, greift jedenfalls zu kurz.  Die Machbarkeit einer j√§hrlichen Neubewertung f√ľr Preisanpassungen bedarf vielmehr einer genaueren Untersuchung. Eine Neubewertung kann beispielsweise kommerziellen Grenzen unterliegen oder kontinuierliche Pr√§mienerh√∂hungen k√∂nnen im Laufe der Zeit dazu f√ľhren, dass sich die Branche aus bestimmten Risiken zur√ľckzieht und das Risiko einer zunehmenden Schutzl√ľcke entsteht.

Pricing in der neuen ‚ÄěNormalit√§t‚Äú

Die als Ma√ünahme gegen den Klimawandeln initiierte Mobilit√§tswende, in deren Folge unter anderem mehr Elektrofahrzeuge auf Europas Stra√üen unterwegs sein werden, wird im Bereich Kraftfahrt zu einer Umw√§lzung f√ľhren, die sich auf Schadenart, -h√§ufigkeit und -h√∂he auswirkt. Viele weitere (sowohl positive als auch negative) Ver√§nderungen der Schadenh√§ufigkeit und -h√∂he f√ľr verschiedene Schaden/Unfallversicherungen aufgrund von ESG-Risiken werden zuk√ľnftig beobachtet werden, wie etwa

  • Durch Zunahme trockener Sommer Wetterlagen und milder Winter tendenziell verbesserte witterungsbedingte Verkehrsverh√§ltnisse
  • Erh√∂hte H√§ufigkeit und Intensit√§t von Naturereignissen wie Sturm, vor allem aber Hagel und Starkregen und daraus resultierenden √úberschwemmungen (auch in bisher wenig bis nicht exponierten Regionen)
  • H√§ufigere Wetterextreme wie Hitze und Frost verursachen vermehrte und unerwartete Stra√üensch√§den durch ungeeignete, unzureichend gewartete Infrastruktur
  • Klimawandel-induzierte Regulierung des Stra√üenverkehrs durch entsprechende Ma√ünahmen

Die Vergangenheit ist nicht immer ein guter Wegweiser f√ľr die Zukunft – aktuarielle Berechnungen auf Basis historischer Daten reichen nicht mehr aus, um das Risiko angemessen zu erfassen. F√ľr derartige klimarelevante ESG-Risiken ist es daher tendenziell schwieriger, Anpassungen auf der Grundlage fr√ľherer Daten vorzunehmen. Pricing-Aktuare und Underwriter m√ľssen ber√ľcksichtigen, wie relevant vergangene Daten f√ľr zuk√ľnftige Deckungsperioden sind. Insbesondere kann der Klimawandel dazu f√ľhren, dass in der Vergangenheit m√∂glicherweise zutreffende Annahmen √ľberholt sind.

Versicherungsunternehmen mit Schaden/Unfallversicherungsgesch√§ft profitieren von den kurzen, meist einj√§hrigen Laufzeiten der Versicherungsvertr√§ge. Anpassungen an Preis und Deckungsumfang sind daher verh√§ltnism√§√üig kurzfristig m√∂glich. Um von diesem Vorteil profitieren zu k√∂nnen, sind jedoch regelm√§√üige Analysen des Portfolios notwendig. Szenarioanalysen k√∂nnen hier ein wertvolles Mittel sein, um Exposures zu erkennen und gegebenenfalls mit √Ąnderungen der Versicherungsdeckung oder des Beitrags zu reagieren. Im Zeichnungs- und Preisgestaltung-Prozess sollten ESG-Risiken stets in die Bewertung miteinflie√üen. Eine M√∂glichkeit der Umsetzung, liegt in der Verkn√ľpfung der Szenarioanalyse mit der Pricing-Methode, durch Parametrisierung der ESG-Risiken.

Ein weiterer Gesichtspunkt ist das Risiko latenter Long-Tail-Anspr√ľche im Zusammenhang mit dem ESG/Klimawandel f√ľr Schaden/Unfallversicherer. Dies k√∂nnte beispielsweise der Fall sein, wenn Energieerzeuger auf Kohlebasis k√ľnftig wegen ihrer heutigen T√§tigkeit verklagt werden. Versicherer k√∂nnten diesen zus√§tzlichen Anspr√ľchen lange nach Ablauf der Versicherungsdauer (√§hnlich wie bei Asbestose) gegen√ľberstehen – und ohne R√ľckgriff auf zus√§tzliche Pr√§mien.

Lebensversicherungsunternehmen sind bei in der Regel langfristigen Risiken bei gleichzeitig zu Vertragsbeginn fest vereinbarter Pr√§mie ausgesetzt. Somit kommt bei der Betrachtung der ESG-Risiken dem Asset-Liability-Management eine zentrale Bedeutung zu. Hier werden die aktiv- und passivseitigen Unsicherheiten aus den Klimaver√§nderungen analysiert und zur Entscheidungsunterst√ľtzung in Planung und Steuerung herangezogen. Dies geschieht anhand geeigneter Szenarioanalysen, bei denen einerseits singul√§r einzelne Risikokomponenten – wie etwa durch Kapitalanlage-Schocks oder durch die Simulation langfristiger Wertverluste bei nicht nachhaltigen Kapitalanlagen – oder andererseits zus√§tzliche Ver√§nderungen in Langlebigkeit und Demografie im Sinne kombinierter Szenarien gestresst werden. Dabei sollten sich abzeichnende Wechselwirkungen in Abh√§ngigkeit von verschiedenen Klimaszenarien untersucht werden, um daraus entsprechende Strategien zur Abschw√§chung negativer Effekte abzuleiten.

Handlungsfelder

Versicherer sollten im Rahmen der Nachhaltigkeit ihre Pricing-Methoden und -Prozesse unter die Lupe nehmen. Die Verkn√ľpfung einer fundierten Szenarioanalyse mit Pricing und Bewertung der versicherungstechnischen R√ľckstellungen aus aktuarieller Sicht adressiert die klimarelevanten ESG-Risiken und hilft dabei, ‚Äěneue‚Äú Wegweiser f√ľr die Zukunft zu setzen. Regelm√§√üige Analysen des Portfolios im Hinblick auf Nachhaltigkeitsrisiken und deren Steuerbarkeit sind essentiell, um kontinuierliche Anpassungen an Preis und Deckungsumfang im gebotenen zeitlichen Rahmen durchzuf√ľhren. Mit unseren Tools unterst√ľtzen wir sie hierbei gerne, unsere Experten rund um Korkut Cirak stehen gerne f√ľr einen Austausch zur Verf√ľgung.

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