EIOPA Konsultation zur Stellungnahme zum Solvency II Review 2020

EIOPA veröffentlichte am 15. Oktober 2019 das Konsultationspapier „Opinion on the 2020 review of Solvency II“ mit Blick auf die im Jahr 2020 anstehende Überprüfung von Solvency II („Solvency II Review“).

Hintergrund

Mit dem vorliegenden Konsultationspaket reagiert EIOPA auf den „Call for Advice“ der Europäischen Kommission vom 11. Februar 2019. Im „Call for Advice“ wird EIOPA zur Stellungnahme bezüglich folgender Themen aufgerufen:

  • Langfristige Garantiemaßnahmen (LTG Maßnahmen) und Maßnahmen zum Aktienrisiko.
  • Spezifische Methoden, Annahmen und Parameter, die bei der Berechnung der Solvenzkapitalanforderungen (Solvency Capital Requirement – SCR) mit der Standardformel verwendet werden.
  • Regeln und Praktiken der Aufsichtsbehörden im Zusammenhang mit der Berechnung der Mindestkapitalanforderungen (Minimum Capital Requirement – MCR).
  • Gruppenaufsicht von Versicherungs- und Rückversicherungsunternehmen.
  • Weitere Aspekte im Zusammenhang mit der Beaufsichtigung von Versicherungs- und Rückversicherungsunternehmen.

Ausgenommen von der vorliegenden Konsultation sind die nachstehenden Themengebiete:

Diese Schwerpunkte wurden bereits in vorangegangenen Konsultationen durch EIOPA adressiert.

Umfang des Konsultationspapiers

Das Konsultationspaket umfasst die verbleibenden Aspekte des „Call for Advice“ und analysiert im Detail die folgenden Themengebiete:

Langfristige Garantiemaßnahmen (LTG Maßnahmen) und Maßnahmen zum Aktienrisiko

In Bezug auf die Extrapolation der risikofreien Zinsstrukturkurve analysiert EIOPA mitunter den „Last Liquid Point“ und trifft Überlegungen zu einer etwaigen Anpassung der Extrapolationsmethode. In diesem Zusammenhang verfolgt EIOPA das Ziel, eine Unterschätzung der versicherungstechnischen Rückstellungen sowie falsche Anreize für das Risikomanagement zu vermeiden. Außerdem werden Auswirkungen auf die Stabilität der Solvabilitätspositionen und die Finanzstabilität berücksichtigt.

Zur Berechnung der Volatilitätsanpassungen (VA) sowie der Matching-Anpassungen (MA) an den risikofreien Zinssätzen werden von EIOPA zwei alternative Ansätze vorgestellt. Beide Herangehensweisen für die VA verfolgen das Ziel, die Überschreitungseffekte mittels Anwendungsquoten zu verringern und die Illiquiditätsmerkmale der Versicherungsverbindlichkeiten zu berücksichtigen. Hinsichtlich der MA im Rahmen der Standardformel wird vorgeschlagen, Diversifikationseffekte zu berücksichtigen, d.h. etwaige Limits sind abzuschaffen.

Mit Blick auf die dynamische Volatilitätsanpassung (DVA) erfolgt eine Beurteilung der Angemessenheit der derzeitigen Praktiken in Bezug auf die Anwendung in internen Modellen. Sofern im Rahmen der Überprüfung und Analyse der statischen VA (siehe vorangegangener Absatz) eine Harmonisierung erreicht und die negativen Anreize gelöst werden können, kann die aktuelle Methodik beibehalten werden. Sofern keine oder nur teilweise Lösungen gefunden werden, sind Maßnahmen zur Vermeidung negativer Anreize erforderlich. Eine angemessene Lösung sollte keine negativen Anreize für das Risiko- und Anlagemanagement begünstigen und eine risikosensitive DVA ermöglichen.

Die Stellungnahme umfasst ebenfalls eine Überprüfung der Kapitalanforderungen für das Aktienrisiko. In diesem Zusammenhang werden Vorschläge hinsichtlich der Kriterien für die Kategorisierung als strategische Beteiligung als auch für die Berechnung der Kapitalanforderungen für langfristige Aktieninvestitionen unterbreitet. Aufgrund der Einführung der Kategorie der langfristigen Aktieninvestitionen beabsichtigt EIOPA, dass Submodul des durationsbasierten Aktionrisikos auslaufen zu lassen. Für die symmetrische Anpassung sieht EIOPA indes keinen Änderungsbedarf.

Im Rahmen der Offenlegung von langfristigen Garantiemaßnahmen (LTG Maßnahmen) erfolgen Empfehlungen von Mindestinformationsanforderungen in Bezug auf dem Einsatz von LTG Maßnahmen. Es wird vorgeschlagen, neben den Auswirkungen der LTG Maßnahmen auf die SCR und die MCR auch Ergebnisse einer Sensitivitätsanalyse in Bezug auf den langfristigen Gleichgewichtszinses (Ultimate Forward Rate – UFR) im SFCR aufzunehmen.

Für die Recovery Periode wird eine Klarstellung der Verantwortlichkeiten, insbesondere des European System Risk Board (ESRB) vorgeschlagen. Darüber hinaus werden die Bestimmung der LTG Maßnahmen für das Risikomanagement angesprochen. Mitunter werden Klarstellungen der Anforderungen in Bezug auf die Anwendung von Volatilitätsanpassungen sowie der Matching-Anpassungen unterbreitet (z.B. Liquiditätsrisikomanagement, Sensitivitätsanalysen).

Solvenzkapitalanforderungen (SCR) – Standardformel

Die Stellungnahme umfasste eine Überprüfung der Angemessenheit der Kalibrierung des Zinsrisikos zur Berechnung der Kapitalanforderung im Rahmen der Standardformel. Die aktuelle Kalibrierung unterschätzt das Risiko und berücksichtigt nicht die Möglichkeit eines starken Zinsrückgangs sowie das Vorhandensein negativer Zinssätze. In diesem Zusammenhang werden Verbesserungsvorschläge zum Shift Parameter, zur Zinsstrukturkurve sowie dessen Extrapolation unterbreitet.

Die Überprüfung des Spread-Risikos in Bezug auf langfristige Investments sowie die Beurteilung der Angemessenheit der Korrelationen, d.h. die Angemessenheit der Kalibrierung der Korrelationsparameter im Rahmen der Standardformel, führte auf Seiten der EIOPA zu keinem Änderungsvorschlag. Auch für das versicherungstechnische Risiko bedarf es keiner Änderungen mit Blick auf die zugrundeliegenden Stressfaktoren.

In Bezug auf die nichtproportionale Rückversicherung analysierte EIOPA die Anerkennung der gebräuchlichsten nichtproportionalen Rückversicherungsdeckungen für versicherungstechnische Risiken im Nicht-Leben-Bereich im Rahmen der Berechnung der Kapitalanforderungen mit der Standardformel sowie für ungünstige Entwicklungsdeckungen und finite Rückversicherungsdeckungen. Durch EIOPA erfolgten in diesem Zusammenhang keine Änderungsvorschläge. Insbesondere werden allerdings die Beiträge der Stakeholder abgewartet. Auch hinsichtlich der Beurteilung von Möglichkeiten zur Reduzierung der Abhängigkeiten von externen Ratings unterbreitete EIOPA keine unmittelbaren Änderungsvorschläge. Allerdings wurde eine Untersuchung in Bezug auf alternative Bonitätsbewertungsmethoden angestoßen.

Darüber hinaus erfolgte ebenso eine Beurteilung der Angemessenheit des aktuellen Ansatzes zur Berechnung der Kapitalanforderungen für das Immobilienrisiko im Rahmen der Standardformel. Auf Seiten der EIOPA besteht derzeit diesbezüglich kein Änderungsbedarf. Die zugrundeliegende Analyse ist allerdings noch nicht vollends abgeschlossen.

Neben einer Überprüfung der Angemessenheit wurde das Gegenparteienausfallrisiko ebenfalls in Bezug auf mögliche Vereinfachung untersucht. In der Stellungnahme werden insbesondere Vorschläge zu einer vereinfachten Berechnung der Risikominderung von Derivaten, Rückversicherungsvereinbarungen, Zweckgesellschaften und Verbriefungen von Versicherungen, zu einer Anpassung der Anforderungen für ausgewählte Kredite sowie zu einer effektiven Erfassung von Teilgarantien für Hypothekendarlehen unterbreitet.

Im Rahmen der Stellungnahme erfolgte außerdem eine Überprüfung der finanzieller Risikominderungstechniken mit dem Ziel eine konsistente Behandlung zwischen Standardformel und internen Modell mit Hilfe von Präzisierungen in den Definitionen und einer Beurteilung der Bestimmungen über die Bewertung des Basisrisikos zu gewährleisten. Die Empfehlung von EIOPA ausgewählte Finanzinstrumente, wie z.B. bedingte Wandelschuldverschreibungen (Contigent Convertible Bonds), im Rahmen der Standardformel nicht als Risikominderungstechnik einzusetzen, führt jedoch möglicherweise zu einer Inkonsistenz zwischen Standardformel und den internen Modellen. Ferner werden ergänzende Erklärungen als auch die Aufnahme von Richtlinien zum Basisrisiko vorgeschlagen.

Da bei der Berechnung der Kapitalanforderungen für das NatKat-Risiko im Rahmen der Standardformel das Erfassen spezifischer Versicherungsbedingungen zu Abweichungen verglichen mit den nationalen Bedingungen führt, empfiehlt EIOPA, Transparenz hinsichtlich der zugrundeliegenden nationalen Marktbedingungen zu schaffen.

Mindestkapitalanforderungen (MCR)

Im Rahmen der Berechnung der MCR wird vorgeschlagen, die Risikofaktoren für die Nicht-Leben Versicherungsrisiken entsprechend der Risikofaktoren der SCR Standardformel Änderungen zu aktualisieren. Außerdem werden Klarstellungen der gesetzlichen Bestimmungen bei Nichteinhaltung der MCR vorgeschlagen. Auf Seiten der EIOPA wird kein Änderungsbedarf für die Ermittlung der zulässigen Eigenmittel oder die Anwendung von Caps und Floors gesehen.

Versicherungstechnische Rückstellungen

Mit Blick auf den besten Schätzwert versicherungstechnischer Rückstellungen werden Vorschläge zur Klärung des Rechtrahmens, insbesondere in Bezug auf die Definition der erwarteten Gewinne in künftigen Prämien und die Kostenannahmen für Versicherungsunternehmen, die eine Produktart oder sogar ihr gesamtes Geschäft eingestellt haben, unterbreitet.

Hinsichtlich der Risikomarge erfolgten Analysen zu den Transferwerten der Versicherungsverbindlichkeiten, zur Sensitivität gegenüber Zinsänderungen und zur Berechnung für Unternehmen, welche die Matching- oder die Volatilitätsanpassung anwenden. Die Ergebnisse bedürfen allerdings keiner Änderungsanforderungen auf Seiten der EIOPA.

Eigenmittel

Anhand einer qualitativen und quantitativen Bewertung wurden durch EIOPA Tiering-Unterschiede zwischen der Versicherungsbranche und der Bankenwelt untersucht. Angesichts der verschiedenen Geschäftsmodelle sind die Unterschiede allerdings gerechtfertigt und erfordern keine Anpassung der Schwellenwerte bzw. der Limits. Mit Blick auf die Klarheit und die Angemessenheit der Verfügbarkeitskriterien werden Klarstellungen hinsichtlich des doppelten Leverage auf Seiten der Eigenmittel auf Gruppenseite empfohlen. Darüber hinaus bedarf es keiner Änderungen bei den Anforderungen für die Allokation der Eigenmittelposten.

Übergangsmaßnahmen

Die Überprüfung der laufenden Angemessenheit der im Rahmen von Solvency II definierten Übergangsmaßnahmen, z.B. zu den versicherungstechnischen Rückstellungen, zum risikofreien Zinssatz, zum Aktienrisiko-Submodul oder zu den Staatsanleihen, führt auf Seiten der EIOPA zu keinem Änderungsvorschlag.

Dienstleistungsfreiheit (FoS) und Niederlassungsfreiheit (FoE)

EIOPA unterbreitet Vorschläge im Zusammenhang mit grenzüberschreitenden Geschäften, insbesondere zur Unterstützung eines effizienten Informationsaustausches und zur Harmonisierung der nationalen Aufsichtsbehörden, z.B. hinsichtlich der „Fit und Proper“ Anforderung aus Säule 2. Darüber hinaus wird empfohlen, die Rolle der EIOPA in den Kommunikationsplattformen zur Überwachung grenzüberschreitender Geschäfte, und somit zum Schutz der Versicherungsnehmer zu stärken.

Berichterstattung und Offenlegung

Mit Blick auf die Verhältnismäßigkeit und die Angemessenheit, sowie unter Berücksichtigung von risikobasierten Aufsichtspraktiken, wird eine Änderung der Frequenz des Regulatory Supervisory Reports (RSRs) vorgeschlagen (vollständiger RSR im Regelfall nur alle drei Jahre) sowie eine Empfehlung zur Straffung und zur Klarstellung des erwarteten Inhalts unterbreitet. Darüber hinaus wird die Abschaffung einiger Berichtselemente im Einklang mit einer Überprüfung der vorhandenen Berichtsvorlagen vorgeschlagen.

Außerdem wird eine Prüfungspflicht für den SFCR auf Einzelunternehmens- und Gruppenebene sowie der Solvabilitätsübersicht auf Gruppenebene vorgeschlagen.

Diese Maßnahmen unterstützen in seiner Gesamtheit die Versicherungsunternehmen bei der Erfüllung ihrer Berichtspflichten, Überschneidungen zwischen verschiedenen Berichtselementen zu vermeiden und vergleichbare Wettbewerbsbedingungen, einschließlich der Zuverlässigkeit und der Vergleichbarkeit öffentlich zugänglicher Informationen zu gewährleisten.

Gruppenaufsicht

EIOPA unterbreitet eine Reihe von regulatorischen Anpassungen bzw. Änderungen, um den derzeitigen juristischen Unklarheiten im Rahmen der Beaufsichtigung von Versicherungsgruppen unter Solvency II zu begegnen. Insbesondere erfolgen Klarstellungen zu den Definitionen von Versicherungsgruppen, zum Anwendungsbereich der Gruppenaufsicht und zur Überwachung konzerninterner Transaktionen. Darüber hinaus werden Vorschläge für die Regeln zur Berechnung der Gruppensolvabilität einschließlich der Eigenmittelanforderungen und der Interaktionen mit der Finanzkonglomeraterichtlinie unterbreitet. Ferner werden ebenfalls Klarstellungen zur Vermeidung von Unsicherheiten im Zusammenhang mit der Anwendung der Governance-Anforderungen auf Gruppenebene angesprochen.

Proportionalitätsprinzip

Übergeordnet verfolgt EIOPA das Ziel, die Proportionalität, d.h. die Verhältnismäßigkeit, der Anforderungen über die 3 Säulen im Rahmen von Solvency II hinweg zu verstärken. Im Rahmen von Säule 1 wird vorgeschlagen, die Schwellenwerte für die versicherungstechnischen Rückstellungen zu verdoppeln und Vereinfachungen in Bezug auf die Berechnung der Kapitalanforderungen von immateriellen Risiken vorzunehmen. Vereinfachungen im Rahmen der Berechnung der SCR mit der Standardformel wurden bereits im Rahmen des Standardformel-Reviews (siehe Blog-Beitrag vom 15. Juli 2019) untersucht und umgesetzt.

Außerdem werden Vorschläge für die Verbesserung der Verhältnismäßigkeit der Governance-Anforderungen, insbesondere in Bezug auf die Schlüsselfunktionen, den ORSA, schriftlichen Richtlinien sowie Verwaltungs-, Management- und Aufsichtsorganen, als Bestandteil der Säule 2 unterbreitet.

Für Verbesserungsvorschläge hinsichtlich der Proportionalität bei der aufsichtsrechtlichen Berichterstattung und Offenlegung im Rahmen von Säule 3 wird auf eine separate Konsultation verwiesen (siehe Blog-Beitrag vom 25. Juli 2019).

Makroprudentielle Aspekte

EIOPA empfiehlt die makroprudentielle Perspektive in die Solvency-II-Richtlinie aufzunehmen, um den derzeitigen Rahmen insbesondere in Bezug auf systemische Risiken zu verbessern. Vor diesem Hintergrund unterbreitet EIOPA einen umfassenden Rahmen. Dieser beinhaltet neben Anpassungen im ORSA und im Vorsichtsprinzip ebenso Ausarbeitungen von Plänen für das systemische Risiko- und Liquiditätsmanagement. Darüber hinaus werden die nationalen Aufsichtsbehörden mit ausreichenden Befugnissen ausgestattet, um die Ursachen der systemischen Risiken in der Versicherungsbranche anzugehen. Zu diesen Befugnissen zählen mitunter, die Erlaubnis einen Kapitalaufschlag für systemische Risken zu verlangen, Konzentrationsschwellen festzulegen sowie präventive Sanierungs- und Abwicklungspläne (Recovery und Resolution) zu verlangen.

Recovery & Resolution

EIOPA fordert eine minimale Harmonisierung der bestehenden Rahmenbedingungen und die Festlegung eines gemeinsamen Ansatzes der grundlegenden Elemente von Recovery und Resolution zum Schutz der Versicherungsnehmer, zur Sicherstellung der Stabilität des europäischen Finanzmarktes sowie zur Erleichterung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Es werden insbesondere Recovery-Maßnahmen einschließlich Frühinterventionsmaßnahmen und eine präventive Recovery-Planung, der Resolutions-Prozess sowie Auslöser für eine frühzeitige Intervention unterbreitet.

Ausblick

Entsprechende Kommentare zum vorliegenden Konsultationspapier sind durch die Stakeholder bis zum 15. Januar 2020 per Mail an die folgende Adresse CP-19-006@eiopa.europa.eu unter Beachtung der zur Verfügung gestellten Kommentarvorlage zu senden. Es wird erwartet, dass EIOPA die finale Stellungnahme zum Solvency II Review 2020 unter Berücksichtigung der Stakeholderbeiträge der Europäischen Kommission im Juni 2020 vorlegt.

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