EIOPA Diskussionspapier zur „IBOR-Transition“

Am 06. Februar 2020 veröffentlichte EIOPA ein Diskussionspapier zur „IBOR-Transition“ auf ihrer Homepage. Das Feedback der Stakeholder kann bis zum 30. April 2020 eingereicht werden.

Hintergrund

Die Europäische Benchmark-Verordnung (EU-BMR)[1] trat am 9. Juni 2016 in Kraft und ist seit dem 1. Januar 2018 vollständig anwendbar. Diese soll sicherstellen, dass in der EU ermittelte und/oder verwendete Referenzzinssätze robust, zuverlässig und für den angestrebten Einsatzzweck geeignet sind und wurde damals aufgrund von Bedenken hinsichtlich der Genauigkeit und Integrität von Indizes, welche seit dem LIBOR-Skandal an den Finanzmärkten verwendet werden, eingeführt. Seit dem LIBOR-Manipulationsskandal und durch die Entwicklung sinkender Liquidität im unbesicherten Interbanken-Geldmarkt steht das aktuelle Verfahren der Ermittlung der Referenzzinssätze in der Kritik. Immer weniger Finanzdienstleister wollen als Panel-Banken agieren und dem Rechtsrisiko aus Falsch-Quotierungen ausgesetzt sein. In einer globalen Bemühung haben die bisherigen Panel-Banken ihre Mitwirkung bei der Festlegung der bestehenden LIBOR Fixierungen lediglich bis Ende 2021 zugesichert. Ziel der marktgetriebenen, globalen Initiative ist es, die bestehenden IBORs bis spätestens Ende 2021 vollumfänglich abzulösen. In diesem Zusammenhang befasst sich das vorliegende Diskussionspapier mit dem Thema der laufenden Änderungen der neuen Referenzzinssätze (oder „IBOR-Transition“).

Sowohl für die Aufsichtsbehörden als auch für die Branche wird in der „IBOR-Transition“ eine große Herausforderung gesehen. Auswirkungen werden mit Blick auf die

  • Bewertung von Liabilities,
  • Bewertung von Derivaten,
  • Struktur bestehender und neuer Finanz- und Versicherungsprodukten

erwartet.

Überblick

Ausgangspunkt der Überlegungen sind die im Umfeld der risikofreien Zinsstrukturkurve identifizierten Probleme, welche sich aus dem Übergang von IBOR-Referenzzinssätzen zu sogenannten „Risk-Free-Rates auf Übernachtbasis“ („risikofreien Zinssätzen auf Übernachtbasis“), wozu bspw. die „Overnight Index Swaps“ (OIS) zählen, ergeben. Basierend auf der bestehenden Methodik schlägt EIOPA verschiedene Optionen und potenzielle Lösungen vor, um den möglichen Auswirkungen auf die Methodik sowie die Erstellung bzw. Berechnung der risikofreien Zinsstrukturkurve zu begegnen.

Hervorgehoben werden die etwaigen Auswirkungen der „IBOR-Transition“ auf die Definition und die Verwendung der Kreditrisikoanpassung (Credit Risk Adjustment – CRA), welche derzeit im Rahmen der Bestimmung der risikofreien Zinsstrukturkurve Anwendung findet. Außerdem werden sowohl Optionen als auch ein kohärenter Ansatz zum Umgang mit den neuen Zinsstrukturkurven, welche bereits mit den neuen Referenzzinssätzen für alle Währungen berechnet werden, und somit hinsichtlich der risikofreien Zinsstrukturkurve vorgeschlagen.

Kreditrisikoanpassung

Mittels der IBOR-Referenzzinssätze wird das Kreditrisiko implizit im Rahmen der Methodik der risikofreien Zinsstrukturkurve berücksichtigt. Um dieses Kreditrisiko bei der Berechnung auszugleichen, wird die sogenannte Kreditrisikoanpassung im Einklang mit Erwägungsgrund 20 und Artikel 45 Delegierte Verordnung (EU) 2015/35 angewendet.

Um den identifizierten Problemen zu begegnen, welche sich aus dem Übergang zu den „risikofreien Zinssätzen auf Übernachtbasis“ ergeben, evaluierte EIOPA die folgenden zwei Optionen:

  • Option 1: Am Ansatz der Kreditrisikoanpassung wird keine Änderung vorgenommen, d.h. die Anpassung der risikofreien Zinsstrukturkurve bewegt sich weiterhin zwischen 10 und 35 Basispunkten.
  • Option 2: Auch hier bleibt das Intervall von 10 bis 35 Basispunkten für die Swapsätze, welche auf den IBOR-Referenzzinssätzen basieren, unverändert. Jedoch wird die Anpassung des Kreditrisikos für Swapsätze, welche vollständig auf den „Overnight Index Swaps“ (OIS) basieren, auf null gesetzt.

In diesem Kontext bevorzugt EIOPA Option 2. Bevor es allerdings zu einer Umsetzung im Rahmen der Berechnung der risikofreien Zinsstrukturkurve kommt, hat eine Anpassung der zugrundeliegenden Methodik zu erfolgen und ist das Feedback der Stakeholder zu konsolidieren.

Erstellung der risikofreien Zinsstrukturkurve

Aufgrund der „IBOR-Transition“ büßen die bestehenden Zins-Swaps bzw. Swapsätze vermehrt ihre Liquidität am Finanzmarkt ein. Deshalb verändern sich die verfügbaren Laufzeiten von Zinssätzen, welche für die Erstellung der entsprechenden risikofreien Zinsstrukturkurven herangezogen werden. Die Übergangsphase, d.h. von der Anwendung der „alten“ IBOR-Referenzzinssätzen bis hin zur Verwendung des „Overnight Index Swaps“ (OIS) – einen der „neuen“ Referenzzinssätze aus der Kategorie der „risikofreien Zinssätzen auf Übernachtbasis“, offenbart eine Reihe von Herausforderungen, welchen EIOPA mit den folgenden Handlungsalternativen bzw. Optionen begegnet:

  • Option 1: Die gesamte Zinsstrukturkurve einer Währung wird durch die „neue“, OIS-basierte Zinsstrukturkurve, ersetzt, sobald das Gesamtvolumen der unter den neuen Referenzzinssätzen gehandelten Instrumenten einen bestimmtem, vorab definierten, Schwellenwert überschreitet (bspw. 55% oder 65% des Gesamtvolumens unter den „alten“ und den „neuen“ Referenzzinssätzen gehandelten Instrumenten). Das Konzept basiert also letztlich auf einer einmaligen Umstellung pro Währung.
  • Option 2: Ausgehend von den „alten“ Referenzzinssätzen wird die Zinsstrukturkurve einer Währung schrittweise durch eine Kombination von Instrumenten der „alten“ und der „neuen“ Referenzzinssätze ersetzt. In diesem Kontext beginnt das schrittweise Ersetzen, sobald der Last Liquid Point der IBOR-basierten Zinsstrukturkurve auch für die OIS-basierte Zinsstrukturkurve verfügbar ist. Die „neue“ Zinsstrukturkurve wird mit einem gewichteten Durchschnitt der jeweiligen Laufzeiten pro Währung, basierend auf dem Gesamtvolumen, berechnet. D.h., es wird das Verhältnis des Gesamtvolumens für die „neuen“ OIS-Instrumente zum Gesamtvolumen für beide Instrumente („alt“ und „neu“) berechnet und als Gewicht der jeweiligen Laufzeiten verwendet.
  • Option 3: In Analogie zu Option 2 wird die „neue“ Zinsstrukturkurve mit einem gewichteten Durchschnitt der jeweiligen Laufzeiten pro Währung, allerdings unter Verwendung des „Laufzeiten Bucket Volumenansatzes“, berechnet. D.h., die gesamte Zinsstrukturkurve wird in Laufzeitenabschnitte unterteilt (1-10 Jahre, 11-20 Jahre, usw.). Als Gewicht wird nun das Verhältnis des Gesamtvolumens für die „neuen“ OIS-Instrumente zum Gesamtvolumen für beide Instrumente („alt“ und „neu“) pro Abschnitt verwendet.

Auf der Grundlage der bisherigen Diskussionen empfiehlt EIOPA Option 2 für die Umsetzung im Rahmen der Erstellung der risikofreien Zinsstrukturkurve, da sie ein Höchstmaß an Stabilität für die Versicherungsbranche gewährleistet sowie der Übergang schrittweise und reibungslos erfolgt.

Ausblick

Ausgehend vom eingereichten Feedback der Stakeholder wird EIOPA ein weiterführendes Konsultationspapier zum Thema „IBOR-Transition“ mit spezifischen Empfehlungen unter der Berücksichtigung möglicher Auswirkungen erstellen.

Gerne stehen wir Ihnen auch zu einem Austausch und/oder einer Betroffenheitsanalyse Ihres Unternehmens zur Verfügung.

Für weitere Informationen rund um die Reform der Referenzzinssätze sei an dieser Stelle auch auf unsere Homepage verwiesen.

 

[1] Verordnung (EU) 2016/1011 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 8. Juni 2016 über Indizes, die bei Finanzinstrumenten und Finanzkontrakten als Referenzwert oder zur Messung der Wertentwicklung eines Investmentfonds verwendet werden, und zur Änderung der Richtlinien 2008/48/EG und 2014/17/EU sowie der Verordnung (EU) Nr. 596/2014 (Text von Bedeutung für den EWR).

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