Beginn einer digitalen Ära für Industrie- und Rückversicherer – Auf dem Sprung ins digitale Zeitalter

Lange bremsten veraltete IT-Systeme den digitalen Wandel von Industrie- und Rückversicherern aus. Jetzt investiert die Branche verstärkt in innovative Kernsysteme und Plattformen. Technologien wie die Blockchain, Cloud Computing, Big Data und Analytics sorgen für effizientere Prozesse und ermöglichen eine genauere Bewertung von Risikoszenarien.

In der privaten Erstversicherung und teilweise auch im Retail-Bereich laufen die Prozesse für die Erstellung von Anträgen, Angeboten und Verträgen bereits vollautomatisiert ab.

In der Industrie- sowie in der P&C-Rückversicherung werden erst seit Kurzem  digitale Innovation Labs, Greenfield-Projekte und Thinktanks eingesetzt, um die digitale Transformation der internen IT-Architekturen und Prozesslandschaften voranzutreiben. Kooperationen mit agilen Insurtechs ermöglichen es klassischen Versicherern, zeitnah auf Veränderungen zu reagieren.

Innovative Risikoanalyse

Damit wandeln sich Industrie- und Rückversicherer zusehends von reinen Risikoträgern und Schadenszahlern zu Partnern und Servicedienstleistern für ihre Kunden. Veränderte Kundenbedürfnisse und die rasant fortschreitende Digitalisierung der Wirtschaft, kurz Industrie 4.0, erfordern von der Branche zeitnah digitale Geschäftsmodelle, effiziente Prozesse sowie innovative Produkte und Dienstleistungen.

Parallel dazu wachsen die Anforderungen an die Risikoinformationen und deren Analyse: bei den Versicherungsunternehmen laufen eine Vielzahl von Informationen, etwa aus der Risikobewertung oder Schadenhistorie verschiedener Unternehmen aus derselben Peergroup zusammen.

Kunden erwarten aus Ihren Daten künftig einen Mehrwert für das eigene Risikomanagement.

In der Industrie- und Rückversicherung wurden Prozesse bislang nicht automatisiert, sondern eher ausgelagert. Ein Grund dafür waren die hohen Kosten der Implementierung von Plattformen zur Prozessautomatisierung. Zudem erlaubt das Geschäft in der Regel keine Skalierung, da die Risiko- und Kundenstrukturen zu unterschiedlich sind.

Demnach basieren zahlreiche IT-Systeme etablierter Häuser noch auf Technologien der 90er Jahre. Die Bestandsverwaltung der Policen läuft häufig über Host-Systeme. Schnittstellensysteme zwischen Vertrieb, Underwriting, Claims und Accounting werden erst wenig eingesetzt.

Effizientere Infrastrukturen

Um die eigene IT-Landschaft effizienter zu gestalten, sollten Industrie- und Rückversicherer zunächst ihre Daten strukturieren. Dann würden alle Kernprozesse – Risikoprüfung, Angebotserstellung, Policierung – durchgängig über das gleiche Kernsystem laufen. Alle Stakeholder greifen auf diese einheitliche Plattform zu. Der Datenaustausch zwischen Abteilungen per E-Mail, Excel oder Access könnte eingestellt werden.

Versicherer und Broker können sich zudem auf einheitliche Abrechnungsstandards einigen. Einige größere Versicherungsunternehmen und führende Brokerfordern z.B. bereits denAufbau solcher Plattformen für eine digitale Bordereau-Buchung. Hier können unabhängige Unternehmen vermitteln.  Dabei sollten große Gesellschaften und Broker in einem gemeinsamen Ansatz an Lösungen arbeiten. Distributed-Ledger-Technologien wie die Blockchain können dabei helfen.

Langfristig Cloud und Big Data nutzen

Weitere Schritte zur Implementierung einer modernen Infrastruktur sind ein automatischer Abgleich von Credit Control, Bordereau-Buchung sowie der Belieferung des Datawarehouse. Zusätzliche Optionen wären die Einführung eines umfassenden KPI-Reportings, eine automatische Compliance- und Kontrollprüfung sowie die Etablierung von Dashboards für Kunden zur (Echtzeit-) Auswertung ihrer Daten und zur Statusabfrage von Kundenanfragen.

Kernprozesse wie Vertrieb, Underwriting, Operation und Claims sollten dabei flexibel und die Backend-Prozesse verlässlich und effizient bleiben. Für Bereiche, die mittelfristig nicht automatisiert werden, bietet sich ein Outsourcing an. Mittel- bis langfristig können weitere Lösungen wie Cloud Computing, Internet of Things (IoT) oder Big Data & Analytics etabliert werden. Ziel dabei sollte es stets sein, die Forderung der Kunden nach einer höhren Geschwindigkeit und Nutzbarkeit der durch Underwriting und Schaäden bereitsgestellten Daten zu bedienen. Nur so lassen sich langfristig Markteintritte durch Branchenfremde Unternehmen verhindern.

Fallbeispiel: So gelingt digitale Transformation

Die Implementierung eines funktionsübergreifenden Kernsystems bei einem international tätigen, rasch wachsenden Industrie- und Gewerbeversicherer setzt eine Unternehmenskultur voraus, die offen für Veränderungen ist. Die Komplexität und Größenordnung eines solchen Projekts erfordert zudem Erfahrung und Know-how sowohl in der Versicherungstechnik als im Projektmanagement. Zudem benötigten die Bereiche Finanzen und Compliance in dem Fallbeispiel fachliche Unterstützung bei aufsichtsrechtlichen Fragestellungen, da viele Services neu aufgesetzt und mit der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) abgeglichen werden mussten.

Die Berater von PwC strukturierten das Projekt zunächst für Deutschland und unterstützten die einzelnen Fachbereiche dabei, die fachlichen Anforderungen auszuarbeiten, zu definieren und umzusetzen. Der Kunde wählte die Implementierungspartner und Softwaremodule aus, die sich auch an künftige Anforderungen flexibel anpassen lassen. Die Implementierung und schrittweise Erweiterung eines Minimum Viable Product (MVP) bildete den Grundstein für eine umfassende Datenanalyse, einen höheren Automatisierungsgrad sowie eine direkte Schnittstelle zu Kunden und Brokern.

Die Implementierung des neuen Kernsystems führte in dem Konzern zu schlankeren Prozessen und einer Effizienzsteigerung von knapp 30 Prozent. Mitarbeiter und Führungskräfte erhielten dadurch zusätzliche Freiräume für neue Aufgaben, die Kunden waren über besser denn je über Ihre Risikosituation informiert 

Offenheit und Neugier als Erfolgsschlüssel

Industrie- und Rückversicherer befinden sich im Umbruch. Neue Technologien helfen ihnen dabei, ihren Kunden einen erheblichen Mehrwert aus verfügbaren Daten zu bieten. Um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und nachhaltig zu wachsen, sollten die Unternehmen die zu implementierenden digitalen Lösungen gezielt auswählen und investieren.

Der erforderliche digitale Wandel der Branche kann gelingen, wenn er von innen heraus begleitet und von allen Mitarbeitern mitgetragen wird. Eine offene, neugierige Organisations- und Unternehmenskultur bildet die Voraussetzung für eine Modernisierung der Kernsysteme und eine erfolgreiche, zukunftsorientierte Neuausrichtung des Geschäftsmodells.

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