IFRS 17-Implementierungsprojekte in der Praxis – Herausforderungen des Datenmanagements

In unserem ersten Beitrag zu den Auswirkungen des neuen Rechnungslegungsstandard IFRS 17 auf das Datenmanagement und die Systemarchitektur bei betroffenen Versicherern (Link) hatten wir auf die umfassende Komplexität in der Umsetzung verwiesen. Aus Erfahrungen laufender IFRS17-Projekte wissen wir, dass sich viele Versicherer und Interessengruppen auch 2 Jahre nach Verabschiedung des Standards noch sehr stark mit Fragen zur Methodik und Interpretation auseinandersetzen. Diese Diskussionen sind zweifellos notwendig, führen aber regelmäßig dazu, dass Entscheidungen aufgeschoben werden oder oftmals auch etwas der Mut zu substantiellen Änderungen fehlt. Mit gut zwei verbleibenden Jahren bis zum Inkrafttreten von IFRS 17 wird das verbleibende Zeitfenster für solche Anpassungen auch sehr schnell immer kleiner. Oftmals wirken sich die genannten Verzögerungen auf zeitintensive Änderungen im relevanten Datenhaushalt aus. Auf einige Aspekte wollen wir im aktuellen Beitrag etwas genauer eingehen.

Mit Beginn der Implementierung von IFRS 17 wurde, wie für jeden neuen Rechnungslegungsstandard, empfohlen, die Auswirkungen auf das Datenmanagement mit einer Betrachtung der Änderungen des Outputs zu beginnen. Dazu gehören v.a. neue Strukturen in der Bilanz und der Gewinn- und Verlustrechnung sowie detailliertere Offenlegungen zur Periodenveränderung einzelner Positionen. Für den Übergang von IFRS 4 nach IFRS 17 („Transition“) werden zudem detaillierte Offenlegungen für die angewandte Überleitungsmethodik verlangt. Mithilfe dieser zu erstellenden (externen) Berichte, die am Ende der Datenflusskette stehen, lassen sich verschiedene Auswirkungen auf die Daten der zuliefernden Systeme ableiten.

Der Ausweis der neuen Komponenten „Contractual Service Margin“ (Gewinnmarge) und „Loss Component“ (Verlust) in der Bilanz erfordert eine signifikant höhere Granularität in der Bewertung von Versicherungsverträgen und damit in der Bereitstellung von Daten aus den Bestandssytemen. Beide Komponenten müssen künftig gesondert ermittelt und ausgewiesen werden. Weitere Kriterien, z.B. die Bildung von Jahreskohorten oder unterschiedliche Bewertungsansätze, stellen zusätzliche Anforderungen an die Bildung von Vertragsgruppen und damit an die Datengranularität. Im besten Fall hätten diese Anforderungen also „rückwärts“, d.h. ausgehend von den Bedarfen an die interne und externe Berichterstattung, analysiert und Lösungen entsprechend entwickelt werden müssen.

In der Praxis der IFRS17-Implementierungsprojekte sieht die Herangehensweise häufig anders aus. Aufgrund der nach wie vor bestehenden Unklarheiten in der Frage, welchen Detailgrad die künftige Bilanz und GuV mindestens haben müssen, ist eine konkrete Ableitung von Auswirkungen auf Datengranularität bei IFRS17-Berechungen und der Bereitstellung relevanter Datenattribute schwierig und oftmals nur unter Vorbehalt möglich. Um den Beginn der Implementierung nicht weiter zu verzögern wurden Analysen zu notwendigen Änderungen des Datenhaushalts oftmals an verschiedenen Stellen gleichzeitig und von verschiedenen Stakeholdern angegangen. Aus aktuarieller Sicht sind die teilweise neuen Kriterien für die Ermittlung von Vertragsgruppen und das dafür notwendige Mindestmaß an konsistenter Datenqualität maßgebend. Für Rechnungsleger spielen u.a. die neuen Strukturen von Bilanz und GuV eine größere Rolle, verbunden mit zusätzlichen Attributen für neue Buchungslogiken. Die Projekterfahrung zeigt, dass die stärkere Zusammenarbeit von Aktuariat und Rechnungslegung, auf deren Notwendigkeit schon bei Verabschiedung des Standards von verschiedener Seite hingewiesen wurde, in der Praxis noch Verbesserung bedarf. Insbesondere mangelt es oft an Projektmitarbeitern, die sowohl aktuarielle Anforderungen kennen als auch die Bedeutung von Buchungen und Berichterstattung verstehen, d.h. die einen Gesamtblick auf die Datenflusskette haben. Die meisten Projekte haben dies erkannt und versuchen, übergreifendes Wissen aufzubauen, um so schneller Abhängigkeiten im Datenmanagement der beiden Fachbereiche zu erkennen und um bessere Entscheidungen für mehr Datenintegrität zu treffen.

Mit der Verabschiedung des IFRS 17 wurde auch debattiert, ob Versicherer dessen Einführung nutzen sollten, um eine größere Finanztransformation anzustoßen, u.a. in Form einer Konsolidierung der Finanzdaten in einem zentralen Datawarehouse („single source of truth“). Diesen Ansatz verfolgen bislang jedoch nur wenige Versicherer, auch wenn insbesondere bei großen Unternehmen mit zahlreichen Gesellschaften weltweit ein solcher Schritt logisch erscheint. Allerdings spielt hierbei neben der Kostenfrage und Komplexität eines solchen Projekts auch der Aspekt der Datenqualität eine große Rolle. Viele Versicherer haben bei Analysen der Datenhaushalte ihrer Gesellschaften für IFRS 17 stark voneinander abweichende Ausmaße in Bezug auf Verfügbarkeit, Qualität und Integrität der notwendigen Daten festgestellt, so dass zunächst an diesen Stellen lokale Verbesserungen dringender sind. Eine Konsolidierung in einem gemeinsamen Datenhaushalt sowie einer zentralen Berichterstattung (ggf. schon synchronisiert mit den Risikodaten für Solvency II) wird daher voraussichtlich erst nach Inkrafttreten von IFRS 17 in Angriff genommen werden. Dieser Schritt ist aus den genannten Gründen nachvollziehbar. Jedoch stellt eine dezentrale Datenhaltung auch ihre eigenen Herausforderungen, u.a. an die Auditierbarkeit und das interne Kontrollsystem.

Zwei Jahr nach Verabschiedung des IFRS 17 bleibt in Bezug auf das Datenmanagement festzuhalten, dass Versicherer nicht nur die Herausforderungen erkannt und Lösungen erarbeitet haben, sondern mittlerweile natürlich auch die Umsetzung von Änderungen entlang der Datenflusskette in die Wege geleitet haben. Gleichwohl ergeben sich an zahlreichen Stellen entlang dieser Kette immer wieder neue Anforderungen, die neue Überlegungen und Zusatzaufwand erfordern. Dies führt dazu, dass der Weg bis zum Inkrafttreten von IFRS 17 noch von zahlreichen Unsicherheiten gezeichnet ist und die Projekte der Versicherer auch weiterhin ein hohes Maß an Flexibilität beweisen müssen.

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