EIOPA Stellungnahme zur Beaufsichtigung der Verwendung von Klimarisikoszenarien im ORSA

EIOPA hat am 19. April 2021 eine Stellungnahme zur Beaufsichtigung der Verwendung von Klimarisikoszenarien im ORSA auf Basis von Art. 29 (1) (a) der Regulierung (EU) Nr. 1094/2010 ver√∂ffentlicht. Die Stellungnahme richtet sich an die zust√§ndigen nationalen Beh√∂rden (National Competent Authorities, NCAs) und beinhaltet die folgenden Ma√ünahmen, deren Umsetzung von den NCAs √ľberwacht werden soll. EIOPA plant ab dem 19. April 2023 mit der √úberwachung der Anwendung der Empfehlungen dieser Stellungnahme zu beginnen.

1. Integration von Klimawandelrisikoszenarien in den ORSA auf kurze und lange Sicht

Unternehmen sollen die Risiken des Klimawandels in ihr Governance-System, ihr Risikomanagementsystem und ORSA integrieren. Die Risiken des Klimawandels sollen dabei kurzfristig sowie langfristig bewertet werden.

  • In der kurzfristigen Betrachtung sollen physische und √úbergangsrisiken ber√ľcksichtigt werden, die bereits heute beobachtet werden k√∂nnen (z.B. extreme Wetterereignisse, Einf√ľhrung einer Kohlendioxidsteuer). Es sollen auch solche Risiken ber√ľcksichtigt werden, welche nicht in die Berechnung der SCR-Anforderungen einbezogen werden.
  • Die langfristige Betrachtung soll mittels Szenarioanalysen erfolgen, die auch im Planungs- und Strategieprozess eingehen sollen.

Hierbei können die Zeithorizonte der Szenarioanalysen deutlich länger als der typischerweise im ORSA zugrunde gelegte Zeithorizont von 3 bis 5 Jahren sein. EIOPA unterscheidet hierbei den aktuellen Klimawandel, den kurzfristigen Klimawandel (5 bis 10 Jahre), den mittelfristigen Klimawandel (30 Jahre) und den langfristigen Klimawandel (80 Jahre).

2. Definition von Klimarisiken

Klimawandelrisiken werden in physische Risken und √úbergangsrisiken unterschieden.

  • Physische Risiken werden durch physische Auswirkungen des Klimawandels ausgel√∂st (z.B. extreme Wetterbedingungen und √úberflutungen) und k√∂nnen in chronische und akute Risiken unterschieden werden.
  • √úbergangsrisiken sind solche Risiken, die sich aus dem √úbergang zu einer kohlenstoffarmen und klimaresistenten Wirtschaft ergeben (z.B. politische Entwicklungen, Marktentwicklungen, technologische Neuerungen, legale Konsequenzen, Reputationsrisiken).

Klimawandelrisiken können den traditionellen aufsichtsrechtlichen Risikokategorien zugeordnet werden. Im Anhang der Stellungnahme gibt EIOPA hierzu eine tabellarische Übersicht.

3. Bewertung der Wesentlichkeit von Klimawandelrisiken

Die Wesentlichkeit von Klimawandelrisiken soll durch die Unternehmen mittels einer Kombination aus qualitativen und quantitativen Analysen ermittelt werden. Klimarisiken gelten als wesentlich, wenn diese die Entscheidungsfindung der Nutzer der Informationen beeinflussen k√∂nnen. In der qualitativen Analyse sollten zun√§chst die wesentlichen Risikotreiber identifiziert werden. In der quantitativen Analyse sollte dann die Exponierung von Verm√∂genswerten und Verpflichtungen hinsichtlich Klimarisiken erfolgen (z.B. basierend auf den CO2-Fu√üabdruck f√ľr √úbergangsrisiken und basierend auf den geografischen Standort f√ľr physische Risiken). Sollten Unternehmen zu der Schlussfolgerung kommen, dass der Klimawandel kein wesentliches Risiko f√ľr das Unternehmen darstellt, sollen sie k√ľnftig eine Erkl√§rung dazu abgeben, wie diese Schlussfolgerung zustande gekommen ist.

4. Bandbreite der Klimawandelrisikoszenarien

Die identifizierten wesentlichen Risiken einschlie√ülich der kurz- und langfristigen Klimawandelrisiken sollen einer ausreichend breiten Palette an Stresstest oder Szenarioanalysen unterzogen werden. Ein zukunftsorientierter und risikobasierter Ansatz im ORSA erfordert, dass die Unternehmen ein breites Spektrum an Ergebnissen in Betracht ziehen. Ein klarer √úberblick √ľber die Risiken und Unsicherheiten des Klimawandels, denen das Unternehmen ausgesetzt ist, soll es dem Leitungsorgan erm√∂glichen, Ma√ünahmen zur Minderung √ľberm√§√üiger Risiken zu er√∂rtern und zu beschlie√üen sowie k√ľnftige Ma√ünahmen zu antizipieren, die vom Eintritt bestimmter k√ľnftiger Ereignisse abh√§ngen. Wesentliche Risiken des Klimawandels sollen mindestens zwei langfristigen Klimaszenarien unterzogen werden, sofern dies angemessen ist:

  • ein Klimawandelrisikoszenario, bei dem der globale Temperaturanstieg im Einklang mit dem Pariser Abkommen und den EU-Verpflichtungen unter 2¬įC, vorzugsweise bei nicht mehr als 1,5¬įC bleibt; und
  • ein Klimawandelrisikoszenario, bei dem der globale Temperaturanstieg 2¬įC √ľberschreitet.

Das Ziel der Szenarioanalyse ist es, die Widerstandsf√§higkeit und Robustheit der Gesch√§ftsstrategien unter verschiedenen Entwicklungen von Klimawandelrisiken im Laufe der Zeit zu bewerten und zu diskutieren. Daher ist es wichtig, dass innerhalb der beiden Szenarien eine ausreichend gro√üe Bandbreite an √úbergangs- und physischen Risiken ber√ľcksichtigt wird, denen das Unternehmen ausgesetzt ist. Je nach Fachwissen und vorhandenen Ressourcen k√∂nnen die Unternehmen ihre eigenen Klimaszenarien entwickeln oder auf bestehenden Szenarien aufbauen, um die langfristigen Klimaszenarien umzusetzen.

5. Geringere Präzision und Häufigkeit von langfristigen Szenarioanalysen

F√ľr langfristige Analysen erwartet EIOPA, dass diese weniger pr√§zise und weniger h√§ufig durchgef√ľhrt werden als kurzfristige Analysen. Dies ist zum einen mit der Unsicherheit von Projektion des k√ľnftigen Gesch√§fts bei einem ‚ÄěMulti-period balance sheet approach‚Äú begr√ľndet und zum anderen damit, dass langfristige Klimaszenarien mit einem breiten Spektrum an physischen und √úbergangsrisiken weniger anf√§llig f√ľr kurzfristige Entwicklungen sind. Langfristige Analysen m√ľssen nicht auf j√§hrlicher Basis aktualisiert werden, sondern k√∂nnen aktualisiert werden, wenn zus√§tzliche Klimarisiken identifiziert werden oder neue Methoden und Daten verf√ľgbar sind.

6. Entwicklung der Risikoanalysen

EIOPA stellt fest, dass die Analyse von Klimarisiken die Unternehmen vor Herausforderungen stellt, da Modellierungsans√§tze und Methoden sich gerade entwickeln und nur wenige Unternehmen Klimarisiken bereits in ihren ORSA integriert haben. F√ľr Unternehmen, die zun√§chst die erforderlichen Kapazit√§ten aufbauen m√ľssen und Erfahrung sammeln m√ľssen empfiehlt EIOPA daher mit eine qualitativen Analyse von Klimarisiken zu starten, diese aber auf Basis fortschreitender Modellierungsans√§tze sowie zunehmender Erfahrung hinsichtlich Umfang, Tiefe und Methoden f√ľr quantitativen (Szenario-) Analysen weiterzuentwickeln. Die Geschwindigkeit der Entwicklung sowie der Umfang und die Granularit√§t der Quantifizierung sollen dabei in einem angemessenen Verh√§ltnis zur Gr√∂√üe, Art und Komplexit√§t der Exponierung gegen√ľber Klimawandelrisiken stehen.

7. Aufsichtsrechtliche Berichterstattung und konsistente Offenlegung

Unternehmen sollen im ORSA-Bericht die Analyse der kurz- und langfristigen Risiken des Klimawandels darstellen und erläutern. Der ORSA-Bericht soll außerdem die folgenden Punkte umfassen:

  • Einen √úberblick √ľber alle wesentlichen Risiken des Klimawandels, eine Erkl√§rung dar√ľber, wie das Unternehmen die Wesentlichkeit bewertet hat und ggf. eine Erkl√§rung, sofern das Unternehmen zu der Schlussfolgerung gekommen ist, dass die Klimawandelrisiken f√ľr das Unternehmen nicht wesentlich sind.
  • Die Methoden und wichtigsten Annahmen, die bei der Bewertung der wesentlichen Risiken durch das Unternehmen verwendet wurden, einschlie√ülich der Analyse der langfristigen Szenarien.
  • Die quantitativen und qualitativen Ergebnisse der Szenarioanalysen und die aus den Ergebnissen gezogenen Schlussfolgerungen.

Die im ORSA-Bericht enthaltenen Informationen zum Klimawandelrisiko sollen mit der √∂ffentlichen Offenlegung von klimabezogenen Informationen durch die Unternehmen im Rahmen der NFRD √ľbereinstimmen.

8. Anforderungen an die Berichterstattung

Die NCAs sollen qualitative und quantitative Daten erheben, die es ihnen erm√∂glichen, die Analyse der kurz- und langfristigen Risiken des Klimawandels im ORSA-Bericht in √úbereinstimmung mit der Stellungnahme der EIOPA zur √ľberpr√ľfen. Die regelm√§√üige aufsichtsrechtliche Berichterstattung (insbesondere der ORSA-Bericht) gilt hierbei als eines der Instrumente der Datenerhebung.

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