EIOPA Vorsitzender im Interview: Die Reaktion der EIOPA auf die Corona-Krise

Gabriel Bernardino, Vorsitzender der EIOPA erklärte im Interview vom 27. April 2020 die Auswirkungen der weltweiten Corona-Pandemie auf die europäische Renten- und Versicherungsbranche und geht dabei insbesondere auf die Maßnahmen und Handlungsempfehlungen der EIOPA ein.

Implikationen für den europäischen Versicherungssektor

Zweifellos sei der Ausbruch des Coronavirus eine herausfordernde Zeit nicht nur für die Wirtschaft und Menschen in Europa, sondern weltweit. Der Versicherungssektor müsse mit besonders herausfordernden Marktbedingungen umgehen und den Betrieb aufrechterhalten, bei gleichzeitigem Schutz seiner Mitarbeiter und Versicherungsnehmer. Ähnlich verhalte es sich mit Anbietern von betrieblicher Altersvorsorge. Bernardino fordert von allen Wirtschaftsakteuren eine enge Zusammenarbeit.

Maßnahmen der EIOPA

Die Eindämmung der Auswirkungen von COVID-19 habe oberste Priorität, nicht nur für die EIOPA, sondern für die Europäische Union als Ganzes. Die EIOPA habe von Anfang an eng mit den zuständigen nationalen Behörden zusammengearbeitet, um die finanzielle Stabilität, die Marktintegrität, die Geschäftskontinuität und den Verbraucherschutz zu gewährleisten, so Bernardino.

Zu den hieraus abgeleiteten Maßnahmen gehören Empfehlungen zur aufsichtsrechtlichen Flexibilität hinsichtlich der Fristen für die aufsichtsrechtliche Berichterstattung und die Offenlegung durch die Versicherer. Durch die operative Entlastung bei der Berichterstattung und Offenlegung könnten sich die Versicherer auf die Überwachung der Auswirkungen von COVID-19 und die Aufrechterhaltung des Betriebs konzentrieren. Zudem werde EIOPA in der gegenwärtigen Situation Informationsanfragen sowie Konsultationen einschränken und weitere Fristen verlängern. Bernardino betont, dass alle ergriffenen Maßnahmen unter den Gesichtspunkten des Verbraucherschutzes, der Finanzstabilität und der aufsichtlichen Konvergenz beschlossen wurden.

Erwartungen an Versicherungsunternehmen 

Der EIOPA Vorsitzende lobt zunächst Versicherungsgesellschaften und Vermittler für ihre frühzeitigen Maßnahmen in der aktuell ungewöhnlichen Situation. Dennoch sei die Erwartungshaltung an den Versicherungssektor groß: Der Versicherungssektor habe zwar seit der Einführung von Solvency II das Kapital besser an Risiken angepasst, aber es sei noch zu früh, um die vollen Auswirkungen von COVID-19 zu verstehen. Angesichts der allgemeinen Ungewissheit über das Ausmaß und die Dauer der Krise sei es wichtig, dass die Versicherungsgesellschaften eine entsprechende Kapitaldecke erhalten. Aus diesem Grund habe EIOPA die Versicherer und Rückversicherer dringend aufgefordert, sich vorsichtigen zu verhalten und vorübergehend alle diskretionären Dividendenausschüttungen und Aktienrückkäufe auszusetzen.

Bernardino erklärt, dass die Verbraucher besonders in diesen schwierigen Zeit nach wie vor auf Versicherungsschutz angewiesen seien. Somit sei es von wesentlicher Bedeutung, dass die Versicherer weiterhin den Zugang und die Kontinuität von Dienstleistungen gewährleisten. EIOPA betont die Notwendigkeit und Klarheit in der Kommunikation zwischen Versicherungsgesellschaften und ihren Kunden. Bernardino verweist auf die Erklärung der EIOPA zu verbraucherfreundlichem Verhalten (siehe auch Blog-Beitrag vom 2. April 2020) in der die gesellschaftliche Rolle von Versicherungen hervorgehoben wird.

Wandel der Branche

Laut Bernardino werde Digitalisierung, nicht nur für den Versicherungssektor, immer wichtiger, verfügbarer und normaler. Dies gilt auch über die Pandemie hinaus. Die digitale Technologie spiele für viele Verbraucher eine Schlüsselrolle bei der Aufrechterhaltung ihres Zugangs zu Dienstleistungen. Versicherungsgesellschaften seien in der Lage die Verbraucher mithilfe ihrer digitalen Kanäle über Änderungen der Politik und Notfallmaßnahmen auf dem Laufenden zu halten. Die Innovationen würden über die Pandemie hinausgehen, so dass die Versicherer in der Lage sein werden, schneller auf die sich ändernden Umstände ihrer Kunden zu reagieren.

In Bezug auf die Altersvorsorge werde man das Wachstum von digitalen Renten- und Sparprodukten der ersten Generation erleben. Einfache Produkte, die von Skaleneffekten durch digitale Plattformen und vereinfachte Vertriebssysteme profitieren können, würden die Chancen der Digitalisierung nutzen und eine wichtige Rolle bei der Schließung der Rentenlücke spielen.

Dennoch würden aus der zunehmenden Digitalisierung auch erhebliche neue Herausforderungen resultieren. Man müsse sicherstellen, dass der digitale Wandel nicht zu höheren Risiken durch Betrug, Cyberkriminalität oder finanzieller Ausgrenzung führt. Politische Entscheidungsträger und Aufsichtsbehörden sollten sich daher bemühen, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, um diesen Wandel zu unterstützen und gleichzeitig die entstehenden Risiken zu mindern. EIOPA setze die Erforschung dieser Themen durch ihre InsurTech Task Force und die Expertengruppe für digitale Ethik fort.

Abschließend spricht Bernardino ein Lob an die Organisationen und ihre Mitarbeiter aus, für die schnelle Anpassung an die neuen Umstände. Auch die EIOPA Mitarbeiter arbeiten seit Mitte März aus dem Homeoffice. Das System funktioniere gut. Voraussetzung sei eine intensive Vorbereitungs- und Testphase, in der die Robustheit der IT-Systeme sichergestellt werden müsste, so Bernardino.

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