EIOPA veröffentlicht Stellungnahme zu Nachhaltigkeit im Rahmen von Solvency II

EIOPA veröffentlichte am 30. September 2019 ihre Stellungnahme zum Thema Nachhaltigkeit unter Solvency II in Bezug auf Säule 1.

Im August 2018 hat die Europäische Kommission bereits an EIOPA die Bitte um Stellungnahme in Bezug auf Nachhaltigkeit innerhalb von Solvency II gerichtet. Dabei sollte untersucht werden, inwieweit Nachhaltigkeit, vor allem in Bezug auf klimarelevante Entwicklungen, bereits im Solvency II-Rahmenwerk berücksichtigt ist.

Während EIOPA bereits die erste Stellungnahme am 3. Mai 2019 mit Bezug auf Säule 2 eingereicht und veröffentlicht hat (siehe hierzu Blogbeitrag vom 20. Mai 2019), befasst sich EIOPA mit der nun erschienenen Stellungnahme mit der Integration klimabedingter Risiken in die Säule 1-Anforderungen von Solvency II.

EIOPA sieht die Versicherungswirtschaft mit Solvency II als risikobasiertes und marktkonsistentes Aufsichtsregime bereits gut gerüstet, um Nachhaltigkeitsrisiken und –faktoren und insbesondere -risiken angemessen zu berücksichtigen. Allerdings sieht EIOPA zugleich erhebliche Herausforderungen im Hinblick auf die Bewertung von Vermögenswerten und Verbindlichkeiten, das Underwriting, die Investitionsentscheidungen sowie die Risikomessung, die der Klimawandel mit sich bringt und die im Rahmen der Säule 1 zu berücksichtigen sind:

  • Klimabezogene Risiken ereignen sich über einen langfristigen zeitlichen Horizont. Hingegen basiert die Kalibrierung der Solvency II-Anforderungen auf Basis eines 1-Jahres-Horizontes, so dass sich die praktische Herausforderung ergibt, die Risiken in den SCR-Anforderungen zu erfassen.
  • Gerade im traditionellen Geschäft im Bereich Nichtleben deckt der Versicherungsschutz in der Regel ein Versicherungsjahr ab, so dass im Anschluss die Möglichkeit einer Preisanpassung besteht. Jedoch liegen die Informationen in Bezug auf die insgesamt geleisteten Schadenzahlungen gerade in Zusammenhang mit Naturereignissen/-katastrophen häufig erst mit deutlichem zeitlichen Verzug vor, so dass die relevanten Informationen für eine Preisanpassung erst spät vorliegen.
  • Viele Marktteilnehmer vertreten die Ansicht, dass sie noch ausreichend Zeit haben, um ihre Investmentstrategie innerhalb der nächsten 10-20 Jahre anzupassen, so dass es wenig Anreize gibt, sich bereits heute mit den klimabezogenen und mit Übergangsrisiken des Investmentportfolios zu befassen.

Physische Risiken oder Transitionsrisiken können jederzeit und plötzlich mit weitreichenden Folgen eintreten, und der Klimawandel erhöht die Unsicherheit über die Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenhöhe dieser Risiken. Daher sind die Unternehmen bereits heute gefordert, die Investmentstrategie zu überdenken.

Bei der Bewertung der Auswirkungen dieser Nachhaltigkeitsrisiken im Rahmen der Säule 1-Anforderungen sieht EIOPA daher die Notwendigkeit, dass Maßnahmen in Bezug auf klimabedingte Risiken und insbesondere auf potentielle Auswirkungen auf die Geschäftsstrategie zu ergreifen sind. Folgende Ansätze und Handlungsfelder hat EIOPA für die Säule 1 identifiziert:

Bewertung von Vermögenswerten:

  • Damit in den Marktpreisen die Nachhaltigkeitsrisiken und -faktoren besser berücksichtigt werden, sollte die Qualität der Daten und Informationen, die für die Bewertung von Vermögenswerten von Relevanz sind, verbessert werden.
  • Bei Verwendung von externen ESG-Ratings sollte eine ausreichende Transparenz und ein ausreichendes Verständnis in Bezug auf die Methode geschaffen werden.
  • Anwendung von Szenarioanalysen, um der Unsicherheit vor dem Hintergrund von klimabezogenen Auswirkungen auf die Bewertung besser begegnen zu können.

Bewertung von Verbindlichkeiten:

  • Sicherstellung, dass die historischen Verlustdaten aktuell sind.
  • Berücksichtigung möglicher Ereignisse, die nicht im historischen Verlustdatensatz des Unternehmens erfasst wurden.
  • Entwicklung und Anwendung zukunftsweisender Katastrophenmodellierung.
  • Anwendung von Stresstests oder Szenarioanalysen.

Investmentprozess:

  • Analyse der Auswirkungen von Klimaänderungen auf die langfristigen Anlagen und die daraus generierten Cashflows.

Zeichnungspolitik:

  • Entwicklung von neuen Produkten, Anpassung bestehender Produkte und Neukalkulationen („impact underwriting“), um Nachhaltigkeitsrisiken zu reduzieren.
  • Möglicherweise wird für bestimmte Risiken mittelfristig kein Versicherungsschutz mehr angeboten werden können, bedingt durch zu hohe Preise infolge von klimabezogenen Risiken.
  • Verbesserung der Rahmenbedingungen für Kooperationen zur Stärkung der Datenbeschaffung und Verbesserung der Risikoanalysen, national, regional und auf europäischer Ebene.

Kapitalanforderungen:

  • Die Immobilien-, Aktien- und Spreadrisikomodule sind am stärksten betroffen von Nachhaltigkeitsrisiken, vor allem von Risiken resultierend aus dem Klimawandel. Hierzu sind aus Sicht EIOPA deutlich granularere Daten erforderlich, um das veränderte Risikoprofil angemessener beurteilen und eventuelle Anpassungen der Standardformel ableiten zu können.
  • NatCat: Im Zuge der regelmäßigen Rekalibrierung der Standardformel in Bezug auf das NatCat-Modul, sollten auch künftige Entwicklungen auf Basis zuletzt verfügbarer wissenschaftlicher Daten einbezogen werden.
  • Die Kalibrierung des NatCat-Risikos basiert auf historischen Daten. EIOPA geht davon aus, dass sich die Risiken im Nachhaltigkeitskontext in den kommenden 10-20 Jahren materialisieren und die Frequenz und das Ausmaß von Schäden deutlich beeinflussen werden. Daher sind im Risikomanagement die Risiken hieraus vor allem im ORSA und in der vorausschauenden Sicht zu beachten, da historische Daten keine ausreichende Aussage für die Zukunft in Bezug auf diese Risiken erlauben.
  • Weitere Analysen seitens EIOPA sind erforderlich, um zu beurteilen, inwieweit zusätzliche Gefahren, wie Trockenheit und Waldbrände, eventuell besser im NatCat-Risikomodul berücksichtigt werden können.
  • Bei Anwendern von Internen Modellen empfiehlt EIOPA für den Fall, dass Daten von externen Anbietern berücksichtigt werden, das Verständnis des (Rück-)Versicherungsunternehmens in Bezug auf die Berücksichtigung von klimabezogenen Risiken, aber auch auf eventuelle Modellunschärfen zu verbessern.

Als wesentliche zusätzliche Maßnahme, um Nachhaltigkeit angemessener in die Säule 1 zu integrieren, sieht EIOPA vor allem die Durchführung von entsprechenden Stresstests und Szenarioanalysen.

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