Versicherungstechnische Rückstellungen – Auslegungsentscheidung der BaFin zur Beurteilung der Angemessenheit der Bewertungsmethode

Am 15.11.2018 hat die BaFin eine Auslegungsentscheidung veröffentlicht, die sich auf die Prüfung der Angemessenheit der Bewertungsmethode für versicherungstechnische (vt.) Rückstellungen und somit auf die Konkretisierung des Artikels 56 der Delegierten Verordnung (EU) 2015/35 bezieht.

Unter Solvency II sind für sämtliche Versicherungsverpflichtungen gegenüber Versicherungsnehmern und Anspruchsberechtigten vt. Rückstellungen zu bilden. Die zu deren Berechnung verwendeten Methoden müssen in Bezug auf die Art, den Umfang und die Komplexität der ihnen zugrunde liegenden Risiken angemessen sein.

Die Auslegungsentscheidung bezieht sich zunächst auf die allgemeinen Anforderungen des Artikel 56 DVO, die Angemessenheitsprüfung und abschließend auf weitere Konsequenzen auf Berichterstattung und Validierung mit Fokus auf Spezifika der lebensversicherungstechnischen Verpflichtungen.

Die allgemeinen Anforderungen des Artikel 56 DVO umfassen neben der Bestandsaufnahme von Art, Umfang und Komplexität der den Versicherungs- und Rückversicherungsverpflichtungen zugrunde liegenden Risiken auch eine Bewertung des sogenannten Fehlers im Ergebnis der gewählten Methode. Fehler ergeben sich aus Abweichungen zwischen den zugrunde liegenden Annahmen der Methode und den festgestellten zugrunde liegenden Risiken. In den Anwendungsbereich der Anforderungen des Artikel 56 DVO fallen neben dem besten Schätzwert und der Risikomarge auch die einforderbaren Beträge aus Rückversicherung.

Die Angemessenheitsprüfung im Kontext des Artikel 56 Absatz 4 DVO beschreibt die Beurteilung des festgestellten Fehlers im Hinblick auf dessen Wesentlichkeit. Ein wesentlicher Fehler liegt demnach vor, wenn die gewählte Methode zu einer fehlerhaften Darstellung der vt. Rückstellungen oder ihrer Bestandteile führt. Ist der Fehler wesentlich, gilt eine Methode nur dann als angemessen, wenn entweder

  • keine Methode mit geringerem Fehler verfügbar ist und die Methode voraussichtlich nicht dazu führt, dass die vt. Rückstellungen zu niedrig angesetzt werden, oder
  • die Methode zu einem höheren Betrag führt als dem, der sich bei Verwendung einer proportionalen Methode ergäbe und keine Unterschätzung des Risikos der Verpflichtungen durch die Wahl der Methode resultiert.

Über die Ergebnisse der beschriebenen Untersuchungen ist im RSR im Teil D unter „D.2 Versicherungstechnische Rückstellungen“ zu berichten. Weiterhin ist ein Wechsel der Methode notwendig, wenn die bisher verwendete Methode nicht länger angemessen ist (ansonsten ist ein Wechsel nur in begründeten Fällen möglich).

Zuletzt geht die Auslegungsentscheidung der BaFin auf Spezifika der lebensversicherungstechnischen Verpflichtungen ein. Hier führt die Einführung neuartiger Produkte regelmäßig zu fehlerhaften Darstellungen der vt. Rückstellungen, da diese oftmals stark vereinfacht abgebildet werden. Beispiele hierfür sind klassische Lebensversicherungen mit neuartigen Garantiemechanismen oder dynamische Hybridprodukte. Gleichzeitig kommen vereinfachte Abbildungen auch bei seit langem vertriebenen Produkten zum Einsatz. Sofern die genannten Produkte einen hohen Anteil am Neugeschäft haben, führt dies voraussichtlich zu einem steigenden potentiellen Fehler mit Auswirkung auf dessen Wesentlichkeit. Sowohl für die Bewertung der Angemessenheit nach Artikel 56 DVO als auch für die regelmäßige Validierung der vt. Rückstellungen nach Artikel 264 DVO ist dies von besonderer Relevanz: Unternehmen haben insbesondere sicherzustellen und zu prüfen, dass die vereinfachte Abbildung derartiger Produkte auf die in Artikel 56 Absatz 4 DVO beschriebene Weise durchgeführt wird.

Ferner werden weitere Themenfelder hervorgehoben, die potenziell zu einer fehlerhaften Darstellung der vt. Rückstellungen führen können und für welche daher die Angemessenheitsprüfung nach Artikels 56 DVO relevant ist – bspw. die Modellierung von Managementregeln und dynamischem Versicherungsnehmerverhalten oder die Projektion des zukünftigen Verlaufs der Zinszusatzreserve.

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