EIOPA veröffentlicht Abschlussbericht zum Stresstest 2016

Am 15. Dezember 2016 hat EIOPA den Abschlussbericht zu dem von Mai bis Mitte Juli 2016 durchgeführten europaweiten Stresstest (vgl. auch Blog-Beitrag und 27. Mai 2016) sowie dazugehörige „FAQ“ und eine zusammengefasste Ergebnispräsentation veröffentlicht.

Der Stresstest 2016 war der erste von EIOPA durchgeführte Stresstest seit Inkrafttreten des neuen europaweiten Aufsichtsregimes Solvency II und betraf lediglich Einzelversicherungsunternehmen, deren Geschäftsmodelle in besonderem Maße auf Produkte mit langfristigen Zinsgarantien ausgerichtet sind und die daher besonders anfällig gegenüber länger anhaltenden Niedrigzinsphasen sind (insbesondere Lebensversicherungsunternehmen). Die Auswirkungen solcher nachteiliger Kapitalmarktsituationen wurden auf Basis der folgenden Stressszenarien ermittelt:

  • „Low for Long“-Szenario: Simulation eines dauerhaft niedrigen Zinsniveaus unter Anwendung einer Zinsstrukturkurve, die von EIOPA zu diesem Zweck für verschiedene Laufzeiten aus dem niedrigsten Stand der Null-Kupon-Euro-Swapkurve der letzten zwei Jahre abgeleitet wurde.
  • „Double Hit“-Szenario: Simulation anhaltend niedriger Zinsen in Kombination mit einem Schock auf die Marktwerte bestimmter Vermögenswerte.

Marktabdeckung

Der Stresstest erstreckte sich nicht über den gesamten Versicherungsmarkt, sondern lediglich auf ausgewählte Versicherungsunternehmen, durch deren Auswahl eine möglichst exakte Abbildung des jeweiligen nationalen Marktes erreicht werden sollte. Letztlich wurden von den nationalen Aufsichtsbehörden europaweit insgesamt 236 kleine, mittlere und große Versicherungsunternehmen ausgewählt, was auf Basis der versicherungstechnischen Rückstellungen für das Lebensversicherungsgeschäft (insgesamt EUR 5.200 Milliarden) einer Marktabdeckung von 77% entspricht. Die Summe der von den ausgewählten Versicherungsunternehmen gehaltenen Kapitalanlagen beträgt insgesamt EUR 6.300 Milliarden und repräsentiert damit fast 60% aller von europäischen Versicherungsunternehmen gehaltenen Kapitalanlagen. Aus Deutschland beteiligten sich insgesamt 20 kleine, mittlere und große Lebensversicherer (etwa 75% dt. Marktabdeckung) an dem Stresstest).

Stresstest-Ergebnisse

Vor Anwendung der Stressszenarien stellte EIOPA mit einer aggregierten Bedeckung der Solvabilitätskapitalanforderungen (SCR) von 196% eine insgesamt angemessene Kapitalausstattung der Versicherungsunternehmen fest. Unter den ausgewählten Versicherungsunternehmen befanden sich dabei lediglich zwei, deren Bedeckungsquote unter 100% lag. Ohne Anwendung aller LTG-Maßnahmen sank die aggregierte SCR-Bedeckung auf 136%, wobei bereits 32 Versicherungsunternehmen nicht mehr in der Lage gewesen wären ihr SCR mit ausreichend Eigenmitteln zu bedecken.

Nach Anwendung der beiden beschrieben Stressszenarien führte in Bezug auf die Vermögenswerte und Verbindlichkeiten der Versicherungsunternehmen zu folgenden Ergebnissen. Veränderungen der SCR-Bedeckungsquoten wurden von EIOPA nicht explizit mitgeteilt.

  „Low for Long“-Szenario „Double Hit“-Szenario
EUR Mrd.  % EUR Mrd. %
Änderung der Vermögenswerte 282,4 4,5% – 608,5 – 9,7%
Änderung der Verbindlichkeiten 381,5 6,7% – 449,5 – 7,8%
Änderung des Überschusses der Vermögenswerte über die Verbindlichkeit – 99,1 – 18% – 159 – 28,9%

Laut EIOPA indizieren die Ergebnisse des Stresstests im Hinblick auf den Überschuss der Vermögenswerte über die Verbindlichkeiten eine erhebliche Anfälligkeit gegenüber dem als besonders extrem eingestuften Szenario des Double Hits. Trotz der niedrigeren Auswirkungen, die das Low for Long-Szenario den Überschuss der Vermögenswerte über die Verbindlichkeiten hat, wird jedoch die Relevanz dieses Szenarios von EIOPA angesichts der erwarteten Zinsentwicklungen als bedeutender und herausfordernder für die Versicherungswirtschaft erachtet. EIOPA empfiehlt den nationalen Aufsichtsbehörden in diesem Zusammenhang und zur Sicherstellung europaweit abgestimmte regulatorische Maßnahmen, unter anderem Folgende:

  • Sicherstellung, dass die Versicherungsunternehmen in ihren internen Risikomanagement-Prozessen externe Risiken angemessen berücksichtigen;
  • Überprüfung und Bewertung der Modelle in Bezug auf das Verhalten von Management und Versicherungsnehmern;
  • Überprüfung von Vertragsklauseln in Bezug auf langfristige Garantien;
  • Reduzierung der maximal zulässigen Garantien und unpassender Gewinnbeteiligungen der Versicherungsnehmer;
  • Sicherstellung, dass die auf Einzelunternehmensebene festgestellten Anfälligkeiten auch auf Gruppenebene angemessen berücksichtigt werden.

Laut Dr. Frank Grund, Exekutivdirektor der BaFin für den Bereich Versicherungsaufsicht, decke sich die im europäischen Vergleich relativ hohe Sensitivität deutscher Lebensversicherungsunternehmen gegenüber dem Low for Long-Szenario mit den Einschätzungen der BaFin. Vor diesem Hintergrund seien mit dem Lebensversicherungsreformgesetz und der mehrmaligen Absenkung des zulässigen Höchstrechnungszins bereits frühzeitig entsprechende Gegenmaßnahmen ergriffen worden. Zudem würden Versicherungsunternehmen, die besonders sensitiv gegenüber dem derzeitigen Zinsumfeld seien einer intensiveren Aufsicht unterzogen. Hierzu verweisen wir auf die entsprechende Veröffentlichung der BaFin.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

/* */