OZG und Co. – Digitalisierungsdschungel Deutschland

Ein Kommentar von Jörg Asma

Es gibt eine gute Nachricht für Bürger:innen in Deutschland: Die digitale Verwaltung soll dank des Onlinezugangsgesetzes (OZG) Realität werden. Dies betrifft natürlich auch solche Dienstleistungen, die dem Gesundheitswesen zuzurechnen sind. Betrachtet man die entsprechenden Fokusgruppen, sind damit auch die gesetzlichen Krankenkassen (GKVen) gemeint. Die Kassen stellen diverse Dienstleistungen in verschiedenster Form zur Verfügung: Abrechnungen für die Gesundheitsdienstleister, Prophylaxe, Aufklärung und neuerdings auch Apps zum Zugriff auf die elektronische Patient:innenenakte (ePA) mit dem sogenannten Frontend der Versicherten (FdV). Ab Mitte des Jahres wird es dann auch das eRezept (eRP) geben.

Allerdings muss man auch im Zusammenhang mit dem OZG verschiedene andere Gesetze im Kontext betrachten: das fünfte Sozialgesetzbuch (SGB V), das die meisten Bestimmungen für GKVen enthält, das Patientendatenschutzgesetz (PDSG), das wesentliche Regelungen für die ePA enthält, das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG), das den Zugang der Versicherten zur ePA verpflichtend regelt, die Datentransparenzverordnung (DaTraV) sowie die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Aber auch das Single Digital Gateway (SDG) der EU ist zwingend mit zu berücksichtigen. Dieses besagt, dass bis Ende 2023 EU-Leistungen vollständig online nutzbar sein sollen.

Diese Gesetzesauflistung stellt nur einen Auszug dar und lässt in ihrer Regelungsvielfalt Lücken vermuten. Zudem wird bereits an den Namen der Gesetze und deren Zielgruppen deutlich, dass zwar Verwaltungsakte geregelt werden, aber weniger das Verhältnis der Bürger:innen zu den gewünschten, hoffentlich patient:innenzentrierten Dienstleistungen.

Es kam jedenfalls, wie es kommen musste: Im Dezember 2020, kurz vor Fertigstellung der verpflichtend bereitzustellenden FdV in den App Stores war klar: Einige Frontends werden nicht fertig, manche enthalten Funktionen, die dort nicht hingehören, und in anderen sind sinnvolle Leistungen nicht integriert und abgebildet. Zwar hatte die Branche das Thema ernst genommen, trotzdem machte sich Ernüchterung breit. Ein Beispiel dafür: Ein Anbieter gestand ein, eine sogenannte Graue-Maus-App herausgegeben zu haben, damit keine Sanktionen anfallen. Weder das Look-and-feel noch die Funktionalität dieser Graue-Maus-App konnte Begeisterungsstürme bei jenen Kund:innen auslösen, die in der App Economy groß geworden sind und gern digitalisierte Leistungen in Anspruch nehmen.

Bei vielen Anbietern wurde bereits im Onboarding-Prozess der Apps die fehlende Konsequenz der Digitalisierung deutlich: Briefe mit ewig langen Pins wurden versendet, die jegliche Euphorie darüber, dass man nun mit der Krankenkasse digital in einer App statt nur per E-Mail kommunizieren kann, im Keim erstickten. Darüber hinaus wurde nicht selten den Versicherten mitgeteilt, sie mögen sich bitte in der für sie verantwortlichen Geschäftsstelle zur Autorisierung einfinden. Die sei aber derzeit nicht besetzt, da sich aufgrund der Covid-19-Krise jegliche Präsenz und Kund:inneninteraktion verbietet. Kund:innen mögen deshalb doch bitte Verständnis dafür haben, dass man dies auf die Zeit nach der Pandemie vertagen müsse! Ernsthaft? In vielen Fällen leider ja! Vorbildliche Lösungen, zum Beispiel die Legitimation über Video, seien an dieser Stelle ebenfalls erwähnt, allerdings sind diese sehr selten und bilden den Markt daher nicht repräsentativ ab.

Den europäischen Kontext haben wir dabei bislang noch gar nicht erwähnt: Wie gelangt das Ergebnis der ärztlichen Untersuchung während des Italienurlaubs in meine elektronische Patient:innenakte und kann ich die Sache dann nach meiner Rückkehr mit dem:der Zahnärzt:in meines Vertrauens besprechen? Schließlich ist sie nur durch meine Krankenversicherung für Auslandsreisen abgebildet. Vielleicht habe ich den Praxisbesuch auch als Selbstzahler arrangiert, da ich so schneller einen Termin bekommen habe. Sie merken, der europäische Kontext stellt eine Herausforderung dar, die wir zunächst besser ignorieren.

Trotzdem ist die Reise der Patient:innen damit definitiv nicht am Ende. Wie genau wird es ablaufen, wenn sie mit einer der neuen digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) in Kontakt kommen? Wie werden Rezepte dafür ausgestellt? Wie bilden sich diese im eRP ab? Derzeit ist auch hier ein Medienbruch vorhanden, der für Patient:innen, die hoffentlich irgendwann auch als Kund:innen verstanden werden, nicht geschlossen ist. Wie werden private Krankenversicherungsprodukte, wie beispielsweise Zahnzusatzversicherungen, in die Gesundheitsdokumentation der Kund:innen integriert? Braucht man nun von jeder Versicherung eine eigene App? Fragen über Fragen und es ließen sich noch unzählige weitere stellen!

Als Fazit bleibt festzustellen, dass die konzeptionelle Herausforderung darin besteht, den grundlegenden Konstruktionsfehler der Digitalisierungsmaßnahmen zu erforschen. Aus meiner Sicht liegt dieser in dem eingangs bereits erwähnten Sachverhaltes: Im gesamten Vorgehen ist klar eine Zentrierung auf Verwaltungsakten, Behörden und Verarbeitungsstellen statt auf den Menschen erkennbar. Der Gesetzgeber wäre gut damit beraten, die Menschen (nicht die Patient:innen) in den Mittelpunkt zu stellen und zu verstehen, dass sie in ihrer Gesundheitsversorgung multiple Bedürfnisse verfolgen, die den Fokus nicht zwangsläufig nur auf die Krankheit an sich legen. Die meisten von uns wünschen sich stattdessen mittlerweile einen integrierteren Ansatz: Ernährung, Lebensstil, Prophylaxe, Behandlung, Nachsorge sollen in jeder Lebensphase individuell gestaltet werden können. Auch wird man sich aus Sicht der Krankenkassen nicht mehr auf die Loyalität der Kund:innen verlassen können. Wir werden auf Basis der angebotenen digitalen Leistungen Wechsel zwischen Krankenkassen sehen – Vorgänge, die in den Bereichen der Kfz-Versicherung, der Telefonanbieter oder der Energieversorger längst Realität sind. Die Kassen sind gut darin beraten, das OZG nicht eng auszulegen, sondern sich stärker den Blickwinkel der Kund:innen zu eigen zu machen und hier klar die sogenannte Customer Journey zu durchdenken. In der Zukunft wird das entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg sein.

Ansprechpartner:

Jörg Asma

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