Nationale Wasserstoffstrategie beschlossen

Am 10. Juni 2020 beschloss die Bundesregierung die ursprünglich für Dezember 2019 angekündigte Nationale Wasserstoffstrategie. Dem Wasserstoff soll danach nicht nur im Rahmen der Energiewende, sondern auch im Hinblick auf die „Treibhausgasneutralität“ im Jahr 2050 eine zentrale Rolle zukommen.


Kernstück der Strategie ist der insgesamt 38 Maßnahmen umfassende Aktionsplan, auf Grundlage dessen in der ersten Phase bis 2023 ein zügiger „Markthochlauf“ und die Grundlagen für einen funktionierenden „Heimatmarkt“ angestoßen werden sollen. Wasserstoff soll als Energieträger, als Energiespeicher, im Rahmen der Sektorkopplung, in diversen chemischen und industriellen Prozessen sowie bei der Dekarbonisierung bestimmter industrieller CO2-Quellen eingesetzt werden.

Grüner Wasserstoff

Die in der Nationalen Wasserstoffstrategie skizzierten Maßnahmen richten sich nun vornehmlich auf „grünen“, CO2-freien Wasserstoff sowie auf daraus erzeugte Folgeprodukte (Power to X – PtX). Unter grünem Wasserstoff versteht die Bundesregierung nur durch Elektrolyse von Wasser hergestellten Wasserstoff, wobei für die Elektrolyse ausschließlich Strom aus regenerativen Energieträgern zum Einsatz kommen darf; die Elektrolysetechnologie ist somit sekundär. CO2-neutraler Wasserstoff ist dagegen kein Bestandteil der endgültigen Strategie. Damit spielen sowohl „blauer“ Wasserstoff, dessen Erzeugung mit einem CO2-Abscheidungs- und Speicherverfahren (Carbon Capture and Storage – CCS) gekoppelt wird, als auch „türkiser“ Wasserstoff, der über die thermische Spaltung von Methan (Methanpyrolyse) hergestellt wird, entgegen dem ersten Entwurf in der Strategie keine Rolle mehr. Dennoch sehen viele Marktteilnehmer blauen Wasserstoff als notwendigen Bestandteil in der Transitionsphase an.

Überblick über die geplanten Maßnahmen

Die Maßnahmen im Aktionsplan werden entlang den Kategorien „Erzeugung“, „Anwendungsbereiche“, „Infrastruktur/Versorgung“, „Forschung, Bildung und Innovation“, „europäischer Handlungsbedarf“ sowie „internationaler Wasserstoffmarkt und außenwirtschaftliche Partnerschaften“ detaillierter skizziert.

Erzeugung von Wasserstoff und Ausbau der Infrastruktur

Im Blickpunkt steht zunächst die Erzeugung von Wasserstoff als Basis für dessen künftige Verwendung. Nach Schätzung der Bundesregierung liegt der Wasserstoffbedarf im Jahr 2030 bei rd. 90 bis 100 TWh. Zur zumindest partiellen Deckung dieses Bedarfs sollen bis 2030 Erzeugungsanlagen von bis zu 5 GW Gesamtleistung entstehen. Dafür müssen indes die Rahmenbedingungen für den Einsatz von Strom aus regenerativen Energieträgern bei der Erzeugung von grünem Wasserstoff verbessert werden. Einen ersten Schritt dazu stellt die bereits im Klimaschutzprogramm 2030 vorgesehene Senkung der EEG-Umlage dar. Dieses Vorhaben wurde im jüngst veröffentlichten „Konjunktur- und Krisenbewältigungspaket“ aufgegriffen; so soll die EEG-Umlage 2021 auf 6,5 Cent/kWh und 2022 auf 6,0 Cent/kWh sinken. Angesichts der ehrgeizigen Ziele soll zudem auch die Reduzierung weiterer staatlich induzierter Strompreisbestandteile geprüft werden. Die Bundesregierung strebt darüber hinaus an, die Herstellung von grünem Wasserstoff vollständig von der EEG-Umlage zu befreien. Überdies sollen Geschäfts- und Kooperationsmodelle zwischen Betreibern von Elektrolyseuren und Netzbetreibern sowie ein möglicher Änderungsbedarf der regulatorischen Entflechtungsvorgaben eruiert werden. Neben der Erzeugung bildet die Versorgung bzw. Infrastruktur eine weitere wichtige Säule des erfolgreichen Aufbaus eines Wasserstoffmarkts. Hier soll zum einen die vorhandene Gasinfrastruktur genutzt und zum anderen eine neue Wasserstoffinfrastruktur aufgebaut werden. Ferner sollen Strom-, Wärme- und Gasinfrastruktur weiter verzahnt werden, wobei unter Berücksichtigung der Potentiale bestehender Wasserstoffinfrastruktur die Planung, Finanzierung und der regulatorische Rahmen so gestaltet werden sollen, dass die verschiedenen Infrastrukturen koordiniert, „energiewendetauglich“, bedarfsgerecht sowie kosteneffizient weiterentwickelt werden.

Verkehrs-, Wärme- und Industriesektor als zentrale Anwendungsbereiche für Wasserstoff

Unter dem Oberbegriff „Anwendungsbereich“ werden zahlreiche Maßnahmen in den Sektoren Verkehr, Industrie und Wärme skizziert. Der Verkehrssektor birgt ein großes Potential zur Anwendung von Wasserstoff – die wasserstoff- und PtX-basierte Mobilität gilt als Alternative für Anwendungen, bei denen der direkte Einsatz von Elektrizität nicht sinnvoll bzw. technisch nicht umsetzbar ist. Angesichts dessen steht vor allem die Umsetzung der Richtlinie (EU) 2018/2001 (Erneuerbare-Energien-Richtlinie – RED II) in nationales Recht im Blickpunkt. In diesem Rahmen soll die Anrechnung des Einsatzes von grünem Wasserstoff bei der Kraftstoffproduktion auf die Treibhausgasminderungsquote (THG-Quote) ermöglicht werden. Sah der erste Entwurf der Nationalen Wasserstoffstrategie noch eine Anrechnungsmöglichkeit auf die THG-Quote auch beim Einsatz von blauem und türkisem Wasserstoff vor, ist sie nun im endgültigen Dokument auf den Einsatz von grünem Wasserstoff begrenzt. Darüber hinaus soll der koordinierte Aufbau einer bedarfsgerechten Tankinfrastruktur zur Versorgung der Fahrzeuge u.a. im ÖPNV gefördert werden; ferner wird eine Umsetzung der Clean Vehicles Directive (CVD) zur Unterstützung von Null-Emissions-Fahrzeugen im kommunalen Verkehr angestrebt. Im Wärmesektor wird das bestehende Anreizprogramm zur Anschaffung hocheffizienter Brennstoffzellenheizgeräte fortgesetzt. Außerdem sollen im Rahmen des Kraft-Wärme-Kopplungsgesetzes (KWKG) Fördermöglichkeiten für „H2-Readyness“-Anlagen geprüft werden.

Im Industriesektor richtet sich der Blick weiterhin auf die Umstellung von konventionellen Technologien auf treibhausgasarme
oder -neutrale Verfahren, wobei dem Grund- und Brennstoff Wasserstoff eine besondere Rolle, insbesondere in der Chemie- und Stahlindustrie, zugedacht ist. Außer auf Förderprogramme setzt die Bundesregierung auf ein Pilotprogramm für Differenzverträge (Carbon Contracts for Difference – CfD) zum Aufbau von Elektrolyseanlagen, vorrangig in der Stahl- und Chemieindustrie mit ihren prozessbedingten Emissionen. Darüber hinaus sollen ab 2020 mit verschiedenen Branchen langfristige, auf Wasserstoff setzende Dekarbonisierungsstrategien entwickelt werden.

 

Ihr Ansprechpartner

RA Matthias Stephan
Tel.: +49 211 981-1509
E-Mail: matthias.stephan@de.pwc.com

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