CRR „Quick Fix“ mit COVID-19 bezogenen Maßnahmen tritt in Kraft

Wie in unserem Blogbeitrag zu den aufsichtlichen Maßnahmen in Bezug auf COVID-19 bereits beschrieben, hat die EU kurzfristig eine Reihe von Änderungen an der CRR und CRR 2 beschlossen, um die Auswirkungen von COVID-19 auf die Banken zu mildern. Diese Änderungen – auch als CRR Quick Fix bezeichnet, sind am 26. Juni 2020 im EU Amtsblatt als Verordnung (EU) 2020/873 veröffentlicht worden und am folgenden Tag in Kraft getreten. Die Regelungen sind daher bereits zum Meldestichtag 30. Juni anzuwenden.

Die wesentlichen Neuregelungen im Überblick

Bei den wesentlichen Änderungen, die sich durch den Quick Fix ergeben, handelt es sich um:

  1. In Anlehnung an die Veröffentlichung des Basler Ausschusses vom 3. April 2020  werden die bestehenden Übergangsregelungen zur Berücksichtigung des expected credit loss (ECL) gemäß IFRS 9 in den regulatorischen Eigenmitteln angepasst und erweitert. Insbesondere werden alle Erhöhungen der Risikovorsorge für das Lebendportfolio (Stage 1 und 2), die nach dem 1. Januar 2020 eingetreten sind, für zwei Jahre vollständig aus der Ermittlung der Eigenmittel ausgenommen und erst in 2024 in voller Höhe berücksichtigt. Die bestehenden Übergangsregelungen für den Erstanwendungseffekt bleiben dabei erhalten. Ebenso bleibt es bei den bestehenden Regelungen, wonach die Nutzung der Übergangsregelung genehmigungspflichtig ist und die Auswirkungen offen zu legen sind.
  2. Eng hiermit verknüpft ist die Wiedereinführung eines Prudential Filters für unrealisierte Gewinne und Verluste aus Finanzinstrumenten, die nach IFRS 9 der Haltekategorie Fair Value through Other Comprehensive Income (FVOCI) zugewiesen werden, sofern es sich um Positionen gegenüber Zentralregierungen, Regionalregierungen oder öffentlichen Stellen handelt, die ein KSA-Risikogewicht von null Prozent erhalten. Eine entsprechende Übergangsregelung der CRR war 2017 mit dem Inkrafttreten von IFRS 9 ausgelaufen.
  3. Im Rahmen des NPL Backstop wird eine privilegierte Behandlung für Positionen eingeführt, die durch Zentralregierungen, Zentralnotenbanken, Regionalregierungen und bestimmte andere Stellen garantiert werden, sofern diese ein KSA-Risikogewicht von null Prozent erhalten. In diesen Fällen muss der Backstop erst im achten Jahr nach der Klassifizierung als non-performing eingehalten werden.
  4. Die CRR 2 sieht eine Ausnahme für die Leverage Ratio vor, wonach Zentralbankreserven von der Berücksichtigung in der Gesamtpositionsmessgröße ausgenommen werden dürfen. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass die zuständige Aufsichtsbehörde und Zentralnotenbank dies in außergewöhnlichen Umständen und für die Dauer von maximal einem Jahr gestattet haben. Gleichzeitig wird die Mindestquote der Leverage Ratio in diesem Fall nach oben skaliert, wodurch der Effekt teilweise kompensiert wird. Der Quick Fix nimmt einerseits Änderungen an dem Kompensationsmechanismus vor und erlaubt andererseits die Nutzung der Ausnahme schon vor dem in Kraft treten der verbindlichen Mindestquote im Juni 2021 – allerdings immer noch unter dem Vorbehalt einer entsprechenden Bekanntmachung durch die zuständige Aufsichtsbehörde und Zentralnotenbank. Die Einführung eines verbindlichen Aufschlags auf die Leverage Ratio für global systemrelevante Institute wird, ebenfalls gemäß Basler Vorgaben, um ein Jahr auf 2023 verschoben.
  5. Die durch die CRR 2 eingeführten bzw. erweiterten Unterstützungsfaktoren für Risikopositionen gegenüber kleinen und mittleren Unternehmen sowie bestimmte Infrastrukturfinanzierungen treten nicht wie vorgesehen im Juni 2021, sondern bereits ein Jahr früher in Kraft und sollen für eine Entlastung bei den Risikogewichteten Aktiva (RWA) sorgen.
  6. Bei Banken, die im Marktrisiko interne Modelle nutzen, hat die hohe Volatilität an den Märkten, insbesondere seit März 2020, potentiell zu mehrfachen Überschreitungen der Value-at-Risk Werte geführt. Da die Anzahl dieser Überschreitungen mittels eines Multiplikators auf die Eigenmittelanforderungen wirkt, wird eine Möglichkeit für die zuständigen Aufsichtsbehörden geschaffen, die Überschreitungen in Einzelfällen unberücksichtigt zu lassen und den Anstieg der Eigenmittelanforderungen für das Marktrisiko hierüber zu begrenzen. Eine entsprechende Vorgabe hatte die EZB bereits am 16. April vorgesehen.
  7. Schließlich sollen die von der EBA vorgesehenen Ausnahmen für den Kapitalabzug von Software  nicht erst nach einem Jahr, sondern bereits unmittelbar nach dem Inkrafttreten des entsprechenden RTS gelten.

Umsetzung bereits in der Meldung zum 30. Juni 2020

Durch das gewollt zeitnahe Inkrafttreten der Regelungen, großteils bereits zum 30. Juni 2020, ergeben sich zahlreiche Herausforderungen in der Praxis. Ein Großteil der Regelungen zielt darauf ab, die Banken in der aktuellen Krise zu entlasten und die Kapitalanforderungen zu reduzieren. Allerdings entstehen hierdurch zahlreiche Umsetzungsherausforderungen, die in kurzer Zeit adressiert werden müssen, um die Erleichterungen in Anspruch nehmen zu können. Hierzu zählen beispielhaft:

  • Die Nutzung der IFRS 9 Übergangsregelungen wurde von den meisten Banken in 2018 abgelehnt, weil der Umsetzungsaufwand als zu hoch im Vergleich zu der erzielbaren Erhöhung der Kapitalquoten gesehen wurde. Durch die drohenden Kreditverluste aufgrund von COVID-19 kann diese Abwägung heute anders ausfallen und sollte daher detailliert analysiert werden. Hierbei können wir mit einem einfach zu befüllenden MS Excel-Tool unterstützen.
  • Gleichzeitig enthält die IFRS 9 Übergangsregelung zahlreiche auslegungsbedürftige Sachverhalte, von der Behandlung latenter Steuern mittels Neuberechnung des Schwellenwertabzugs, über den Umfang der gegenrechenbaren expected losses bei IRB Banken bis hin zu der Frage, ob lediglich testierte Risikovorsorge einbezogen werden darf oder auch unterjährig ermittelte.
  • Auch die Unterstützungsfaktoren für KMU-Forderungen und Infrastrukturfinanzierungen lassen sich vielfach nicht kurzfristig umsetzen. Hier bestehen ebenfalls zahlreiche Auslegungsbedürftige Sachverhalte wie beispielsweise die Frage, ob die Umsatzgröße zur Abgrenzung von KMU auf Ebene des einzelnen Kreditnehmers oder einer KNE oder gar GvK zu bestimmen ist. Noch mehr betrifft dies aber den Infrastrukturfaktor, der eine große Anzahl an unscharf formulierten Anforderungen enthält, die oft nur mit Kenntnissen marktüblicher Gestaltungsformen sinnvoll auslegbar sind. Auch hierbei besteht jedoch die Möglichkeit, anhand eines existierenden Tools von PwC eine schlanke und Benutzerfreundliche Auslegungshilfe zu nutzen.
  • Schließlich fehlt es bislang an der Umsetzung der neuen Vorgaben im bankaufsichtsrechtlichen Meldewesen. Einerseits schuldet die EBA noch eine Umsetzung in den Meldebögen und im data point model, andererseits sind die Anbieter von Meldewesenstandardsoftware natürlich herausgefordert, neue Anforderungen mit so kurzer Vorlaufzeit umzusetzen. Die Folge können manuelle Prozessschritte und erhöhter Aufwand rund um die Meldestichtage sein.

Sie haben Fragen zu den Änderungen im Detail? Gerne unterstützen wir Sie bei der weiteren Aufarbeitung und der Analyse der Auswirkungen für Ihr Institut. Sprechen Sie uns einfach an.

Stefan Röth

Telefon: +49 69 9585 3841

roeth.stefan@pwc.com

 

 

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