Das neue Banking Package (Teil 5): Neue Mindestquoten braucht das Land – Leverage Ratio und NSFR werden scharfgeschaltet

Am 15. Februar 2019 hat der Rat der Europäischen Union die finalen Entwürfe zur Änderung des Banking Package, darin unter anderem die finalen Entwürfe der CRR II und der CRD V gebilligt. Im Fokus des aktuellen Beitrags unserer Beitragsserie stehen die Verschuldungsquote (Leverage Ratio) und die Vorgaben zur stabilen Refinanzierung (Net Stable Funding Ratio, NSFR). Beide Quoten waren durch den Baseler Ausschuss bereits im Rahmen von Basel III eingeführt worden. Unsicher über Ihre Auswirkungen hatte die EU sie jedoch im Rahmen der CRR nur als reine Meldeverpflichtung umgesetzt. Die ursprünglich für 2018 vorgesehene Überführung in eine verbindlich einzuhaltende Mindestquote erfolgt jetzt mit der CRR II.

Endlich einsatzbereit: Die Net Stable Funding Ratio (NSFR) erhält Gewichtungsfaktoren und eine Mindestanforderung

Spätestens seit der vergangenen Finanzmarktkrise besteht Einigkeit darüber, dass nicht nur die Solvabilität, sondern auch insbesondere die Liquiditätsausstattung eines Instituts im Fokus der regulatorischen Überwachung stehen muss. Auch bei solventen Instituten führte ein starker Abzug von Geldern bei den Banken in sehr kurzer Zeit zu weitreichenden Liquiditätsdefiziten. Die Diskrepanz zwischen verfügbarer Liquidität und bestehenden, aber gebundenen Eigenmitteln, machte das Ausmaß der Laufzeitinkongruenz deutlich. Mit der Verpflichtung zur Berechnung und Meldung der LCR seit dem Inkrafttreten der CRR in 2014 ging die europäische Aufsicht den ersten Schritt, um den Blick auch auf die Liquiditätsausstattung der Banken zu lenken. Während die LCR zum Ziel hat, die Beständigkeit der Liquiditätsausstattung in einem kurzfristigen Stressszenario von 30 Tagen beurteilen zu können, soll mit der Etablierung der NSFR nun auch sichergestellt werden, dass Institute in der langen Frist über eine stabile Refinanzierungsstruktur verfügen.

Die Aufgabe der Institute beschränkt sich hinsichtlich der Berechnung und Meldung der NSFR zum aktuellen Zeitpunkt auf die Darstellung der Positionen, die eine stabile Refinanzierung bieten und der Positionen, die eine stabile Refinanzierung benötigen über verschiedene Laufzeitbänder hinweg. Das wird sich mit Inkrafttreten der CRR II nun ändern. Nach umfangreichen Untersuchungen über die Auswirkungen verschiedener Gewichtungsfaktoren auf die NSFR der Institute in der EU wurden die Gewichtungsfaktoren mit dem finalen Entwurf der CRR II kalibriert. Ein Ergebnis daraus ist, dass dem Proportionalitätsprinzip Rechnung getragen werden soll, indem einfachen und nicht komplexen Instituten die Möglichkeit geboten wird, eine vereinfachte NSFR (simplified NSFR) zu berechnen. Diese zeichnet sich insbesondere durch weniger differenzierte Gewichtungsfaktoren der Positionen, die eine stabile Refinanzierung benötigen, aus.

Die NSFR beabsichtigt, dass Institute ausreichend stabile Refinanzierung vorhalten, um ihren Finanzierungsbedarf innerhalb eines Jahres unter normalen und Stressbedingungen decken zu können. Der Quotient zur Berechnung der NSFR besteht daher aus der verfügbaren stabilen Refinanzierung (Available Stable Funding, ASF) und der benötigten stabilen Refinanzierung (Required Stable Funding, RSF). Mit dieser Zielsetzung ist offensichtlich, dass die Mindestanforderung 100% betragen muss. Analog zu den Vorgaben zur LCR ist auch die NSFR jederzeit einzuhalten; die Aufnahme einer täglichen Überwachung in die interne Liquiditätssteuerung ist bereits von vielen Instituten geplant.

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Zur Ermittlung der verfügbaren stabilen Refinanzierung werden die Verbindlichkeiten und das Eigenkapital der Bank nach Laufzeit und Kontrahenten kategorisiert. Prinzipiell werden Positionen mit einer langen Laufzeit als besonders stabile Refinanzierung betrachtet und mit hohen ASF-Faktoren gewichtet. Bestehen die Verbindlichkeiten gegenüber Privatkunden oder KMUs werden diese ebenfalls gegenüber anderen Positionen mittels der Gewichtungsfaktoren privilegiert behandelt. Die benötigte stabile Refinanzierung besteht entsprechend aus den Aktiva und außerbilanziellen Geschäften der Bank. Die Höhe der Gewichtungsfaktoren bestimmt sich im Nenner der NSFR zum einen ebenfalls anhand der Laufzeit. Mit steigender Laufzeit steigt die benötigte stabile Refinanzierung und damit der RSF-Gewichtungsfaktor. Zum anderen unterliegen Aktiva, die eine hohe Marktliquidität aufweisen, geringen RSF-Faktoren und vice versa. An dieser Stelle wird einmal mehr klar, dass die NSFR auch im Hinblick auf die methodische Vorgehensweise im zwingenden Zusammenspiel mit der LCR zu verstehen ist.

Die Festlegung der Gewichtungsfaktoren ist ein zentrales Thema bei der finalen Ausgestaltung der NSFR. Um bei der Umsetzung der Baseler Vorgaben den europäischen Besonderheiten Rechnung zu tragen, beinhaltet der finale Entwurf der CRR II Aufträge an die EBA für weitere Untersuchungen und der Unterbreitung von Vorschlägen über das weitere Vorgehen hinsichtlich der Gewichtungsfaktoren u.a. für Derivategeschäfte und Wertpapierfinanzierungsgeschäfte. In diesem Zusammenhang wurde bereits eine Übergangsfrist von vier Jahren ab Inkrafttreten der CRR II festgelegt, bis die RSF-Faktoren für Wertpapierfinanzierungsgeschäfte bzw. Handelsgeschäfte von 0% auf 10% und von 5% auf 15% bzw. von 10% auf 15% erhöht werden. Diese Absicherung weitere Anpassungen vornehmen zu können, offenbaren ein weiteres Mal welchen Herausforderungen sich die Aufsicht bei der Festsetzung der ASF- und RSF-Faktoren gegenübersieht. Welche Auswirkungen die Untersuchung der EBA haben werden, wird sich erst im Laufe der nächsten Jahre zeigen.

Die Verschuldungsquote (Leverage Ratio)

Eine der Ursachen für die einsetzende Finanzkrise ab 2007 war der Aufbau einer übermäßigen bilanzwirksamen und außerbilanziellen Verschuldung im Bankensektor. In den meisten Fällen haben die Institute eine übermäßige Verschuldung aufgebaut aber gleichzeitig hohe risikobasierte Kapitalquoten beibehalten. Der anschließende Verschuldungsabbau auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, der durch den Verkauf von Vermögensgegenständen erfolgte, schuf einen Teufelskreis von Verlusten und reduzierte die Verfügbarkeit von Krediten in der Wirtschaft.

Mit der Einführung der Leverage Ratio wurde für Institute die Ermittlung einer nicht-risikosensitiven Kennzahl zur Begrenzung einer übermäßigen Verschuldung erforderlich. Die Leverage Ratio setzt das aufsichtsrechtliche Kernkapital einer Bank in das Verhältnis zu einer Gesamtrisikopositionsmessgröße. Die Gesamtrisikopositionsmessgröße umfasst bilanzielle und außerbilanzielle Positionen sowie Derivate- und Wertpapierfinanzierungsgeschäfte.

Nach mehreren Änderungen und Überarbeitungen des regulatorischen Rahmenwerks wird mit der CRR II und der CRD V eine verbindliche Mindestquote von 3% für die Leverage Ratio sowie ein zusätzlicher Puffer für global systemrelevante Institute eingeführt. Mit Einführung der Mindestquote sind Institute erstmalig gezwungen ihre Bilanzstruktur kritisch zu hinterfragen. Da die Einhaltung der Leverage Ratio aufgrund ihrer strukturellen Natur nur eingeschränkt durch kurzfristige Maßnahmen erreicht werden kann, ist durch die Institute zu analysieren, wie die relevanten Risikopositionen auf die Leverage Ratio wirken, um notfalls Änderungen im Risikoappetit herbeizuführen.

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In der aktuellen CRR wurde bereits darauf hingewiesen, dass den Auswirkungen der Leverage Ratio auf die Geschäftsmodelle von Instituten mit offensichtlich geringerem Risiko besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden soll. Um bestimmte negative Auswirkungen zu vermeiden, sieht die CRR II unter festgelegten Voraussetzungen den Ausschluss von öffentlichen Förderkrediten von Entwicklungsbanken, Durchleitungskrediten und öffentlich garantierten Exportkrediten aus der Berechnung der Leverage Ratio vor. Eine zusätzliche Neuerung stellt unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit des Ausschlusses von Forderungen gegenüber Zentralbanken dar. Institute die diese Ausnahme nutzen wollen, haben künftig eine sogenannte adjusted Leverage Ratio (aLR) zu ermitteln und diese jederzeit einzuhalten. Hierbei wird die Gesamtrisikopositionsmessgröße in das Verhältnis zur Gesamtrisikopositionsmessgröße ohne Forderungen gegenüber Zentralbanken gesetzt und mit 3% multipliziert. Vor dem Hintergrund, dass neben der adjusted Leverage Ratio weiterhin eine tägliche Ermittlung der originären Gesamtrisikopositionsmessgröße erforderlich ist, sollte jedes Institut den hieraus resultierenden Aufwand sowie die Notwendigkeit der Inanspruchnahme analysieren.

Eine zusätzliche Besonderheit zur Entlastung von Bausparkassen sieht die Verrechnung von Vor- und Zwischenfinanzierungen mit Bausparguthaben auf den zugrundeliegenden Bausparverträgen vor. Dies ist darauf zurückzuführen, dass bei Vor- und Zwischenfinanzierungen von Bausparkassen die Tilgungszahlungen das Bausparguthaben erhöhen. Hierbei bleibt der Forderungsbetrag der Bausparkasse unverändert und erhöht das Bilanzvolumen, obwohl das Guthaben bei Bedarf mit dem Forderungsbetrag verrechnet werden kann. Bei regulären Darlehen führt die Tilgung zur Verringerung des Forderungsbetrags und des Bilanzvolumens. Vor diesem Hintergrund soll bei der Berechnung der Leverage Ratio die Verrechnung des Bauspardarlehens mit dem Bausparvertrag ermöglicht werden.

Des Weiteren ist für die Ermittlung der Bemessungsgrundlage von derivativen Risikopositionen eine modifizierte Version des Standardansatzes für das Kontrahentenausfallrisiko (SA-CCR) heranzuziehen. Da in der CRR II die Nutzung von Netting grundsätzlich nur für bilanzielle und außerbilanzielle Risikopositionen vorgesehen ist, werden bestimmte Parameter des SA-CCR bereits festgesetzt, weshalb von einem modifizierten SA-CCR gesprochen wird. Durch die Einführung des modifizierten SA-CCR soll ein Gleichlauf mit den neuen Anforderungen an die Ermittlung der Eigenmittelanforderungen für das Kreditrisiko herbeigeführt werden.

Weitere Änderungen im Rahmen der CRR II sind eine Klarstellung für die Behandlung von geschriebenen Kreditderivaten sowie deren Verrechnung mit gekauften Kreditderivaten und die Behandlung von marktüblichen Käufen und Verkäufen finanzieller Vermögenswerte. Die genannten Änderungen setzten zudem neue Melde- und Offenlegungsanforderungen voraus, welche in einem nachfolgenden Beitrag detaillierter behandelt werden.

Welche Schritte müssen Institute jetzt ergreifen?

Die Überführung von Leverage Ratio und Net Stable Funding Ratio in verbindliche Mindestquoten sollte für die meisten Institute keine größeren Überraschungen bereithalten, da diese seit längerem absehbar war. Auch die Umsetzung im Meldewesen birgt auf den ersten Blick nur wenige Knackpunkte. Banken, die bislang noch keine Proberechnungen erstellt haben, sollten allerdings dringend prüfen, welche Auswirkungen die Quoten auf das Geschäftsmodell haben. So limitiert die Leverage Ratio insbesondere volumenstarke, risikoarme Geschäfte, während die NSFR Auswirkungen auf den Refinanzierungsmix haben könnte.

Bei allen Fragen rund um diese Themen stehen Ihnen die Experten von PwC gerne zur Seite.

 

 

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