Das neue Banking Package (Teil 7): Marktpreisrisiko-Anforderungen Reloaded – und noch kein Ende in Sicht!

Am 15. Februar 2019 hat der Rat der Europäischen Union die finalen Kompromissentwürfe zu allen Reformpaketen, einschließlich CRR II, CRD V, BRRD II, und SRMR II gebilligt. Ein wesentlicher – und lang ersehnter – Bestandteil sind dabei die überarbeiteten Anforderungen zur Ermittlung des Marktpreisrisikos, die über Jahre unter dem Kürzel FRTB (Fundamental Review of the Trading Book) auf internationaler und nationaler Ebene konsultiert wurden. Doch die Erwartung, dass die Arbeit am FRTB mit Veröffentlichung der CRR II ein Ende hat, trifft nicht zu.

Der finale Kompromissentwurf der CRR II macht deutlich, dass die Rekalibierungen des FRTB-Rahmenwerkes auch mit Veröffentlichung des neuen Reformpaketes nicht abgeschlossen sind. Der im Januar durch den BCBS veröffentlichte finale Rekalibierungsvorschlag (BCBS 457) hat dies zwar schon vermuten lassen, die genaue Ausgestaltung der Anforderungen innerhalb der EU blieb jedoch bis zur Veröffentlichung des finalisierten Kompromisses unklar (genauere Details zu den finalen Rekalibrierungsvorschlägen des BCBS finden Sie in unserem Regulatory Blog Beitrag: „FRTB – The final chapter? BCBS rekalibriert die Marktpreisrisikoanforderungen“ vom 14. Februar 2019).

Doch auch nach der Finalisierung der CRR II bestehen Unsicherheiten zur genauen Umsetzung der FRTB-Anforderungen innerhalb der EU, insbesondere im Bereich der Handelsbuchabgrenzung. Dies ist vor allem dadurch getrieben, dass die CRR II in ihrer finalen Fassung die bisher diskutierte Detailabgrenzung zwischen den Büchern nicht mehr enthält. Die in den Konsultationsfassungen der CRR II enthalten FRTB-Anforderungen (analog BCBS 352) haben keinen Eingang in den finalen Kompromissentwurf gefunden. Vielmehr wird auf die bisherigen Anforderungen, im Detail Art. 104 CRR, verwiesen. Dies ist nicht zwingend überraschend, da BCBS 457 im Januar noch wesentliche Klarstellungen zur überarbeiteten Abgrenzungsmethodik vorgenommen hat und die Methodik daher vermutlich noch nicht abschließend final ist. Dennoch bleibt es verwunderlich, dass die CRR II – anders wie im Bereich des Standardansatzes und Internen Modelle Ansatzes – in Bezug auf die Handelsbuchabgrenzung keinerlei Verweise auf ausstehende Klarstellungen, wie beispielsweise der avisierte delegierte Rechtsakt, macht.

Nichtsdestotrotz verschafft die CRR II Klarheit darüber, in welchem Zeithorizont die Marktpreisrisiko-Anforderungen von Instituten innerhalb der EU umgesetzt werden müssen. Klar ist, dass mit Veröffentlichung der CRR II keine neue Eigenmittelanforderung einhergeht und die aktuellen CRR-Verfahren bis zur finalen Ablösung parallel bestehen bleiben. Dennoch besteht durch die Einführung einer Meldeanforderung direkter Handlungs- und Implementierungsbedarf. Analog des abgebildeten Zeitstrahls, wird zunächst eine Reporting-Anforderung für den Standardansatz bei großen Handelsbuchinstituten eingeführt. Handelsbuchinstitute, die unter die Definition eines mittleren Handelsbuches fallen, sind bis zur Klarstellung der für sie einschlägigen Berechnungsmethodik von einer Meldepflicht befreit. (zum Vergrößern bitte Grafik anklicken).

CRR II: Neuerungen im Bereich Handelsbuchabgrenzung

Die CRR II nimmt insbesondere im Bereich der qualitativen Anforderungen an die Führung und die Einbeziehung von Positionen in das Handelsbuch Klarstellungen und Ergänzungen vor. Dies ist vor allem dadurch getrieben, dass die konsultierte neue FRTB-Abgrenzungsmethodik noch keinen Einzug in die finale Regulierung gefunden hat. Im Detail ergeben sich jedoch auf qualitativer Seite keine wesentlichen Neuerungen zu den aus der Konsultation bekannten Anpassungen. Vor diesem Hintergrund kommt es beispielsweise zu Ergänzungen im Bereich des Handelsbuch-Managements oder den Trading Desk Anforderungen. Darüber hinaus kommt es zukünftig zu deutlich strikteren Vorgaben bei der Umwidmung von Positionen. Zur genauen Auslegung der Definition bestimmter Ausnahmefälle, soll die EBA spätestens 5 Jahre nach Inkrafttreten Guidelines vorgeben.

Analog den Konsultationsentwürfen der CRR II, kommt es zukünftig zu einer Erweiterung der Schwellenwerte zur Definition eines Handelsbuches. Hierbei darf das getätigte bilanzielle und außerbilanzielle Handelsgeschäft beide der folgenden Schwellen nicht überschreiten:

  • Kleines Handelsbuch: ≤5% der Aktiva und ≤50 Mio. €.
  • Mittleres Handelsbuch: ≤10 % der Aktiva und ≤500 Mio. €.
  • Großes Handelsbuch: >10% der Aktiva und >500 Mio. €.

Im Vergleich zu den bestehenden CRR-Anforderungen ist dabei neu, dass beide Schwellenwerte zwingend einzuhalten sind. Die Schwellenwerte sind darüber hinaus entscheidend über die Anforderungen, welche Methodik bei der Berechnung der Eigenmittelanforderung anzuwenden ist. Details zu einer genauen Methodik, die Institute mit „mittleren Handelsbüchern“ für die Bestimmung ihrer Eigenmittelunterlegung zukünftig anwenden müssen, werden im Rahmen der CRR II noch nicht gegeben. Der Baseler Ausschuss schlägt an dieser Stelle eine Fortführung der bestehenden CRR-Ansätze vor, die durch die Anwendung eines Multiplikators kalibriert werden. Institute mit großen Handelsbüchern sind zwingend gefordert, den neuen sensitivitätsbasierten Standardansatz zu verwenden.

CRR II: Neuerungen im Bereich Marktpreisrisiko-Standardansatz

Grundsätzlich übernimmt die CRR II den durch den Baseler Ausschuss vorgeschlagenen FRTB-Standardansatz, dessen Berechnungslogik größtenteils auf Sensitivitäten basiert. Zukünftig bestehen damit Eigenmittelanforderungen für das Delta-, Vega-, Curvature- und Ausfallrisiko. Hinzu kommt ein Kapitalaufschlag für das sogenannte Restrisiko, welches alle Instrumente umfasst, die nicht im Standardansatz abgebildet werden können. Obwohl die Kalibrierung wesentlicher Anforderungen des neuen Standardansatzes in einen delegierten Rechtsakt ausgelagert wird, gibt die finale CRR II bereits Details zum Delta- und Vega-Risiko vor. Für Details zum Curvature-Risiko wird komplett auf den delegierten Rechtsakt verwiesen. Darüber hinaus werden durch die CRR II weitreichende Spezifikationen und Klarstellungen in separate Regulierungen ausgelagert. Hierunter fallen beispielsweise die folgenden Themen:

  • Spezifikation des niedrigen Korrelationsszenarios,
  • Behandlung von Indexpositionen,
  • Behandlung von Fonds,
  • Klarstellungen zu Risikogewichten und Kalibrierungsanforderungen für die Risikoarten im Bereich des Delta- und Vega-Risikos (u.a. Definitionen von Marktkapitalisierung oder der Abgrenzung zwischen Schwellenländer und Industrieländer), sowie
  • Definition von exotischen Underlyings für die Ermittlung des Restrisiko-Aufschlages.

Vor diesem Hintergrund wird klar, dass es durch die CRR II zu keiner vollständigen Operationalisierung des FRTB-Standardansatzes kommt. Ein wesentlicher Baustein zur Schließung der regulatorischen Lücken wird insbesondere der bis Ende 2019 angekündigte delegierte Rechtsakt sein. Inwieweit dieser sich an den kürzlich veröffentlichten Vorgaben des Baseler Ausschusses orientiert, ist derzeit nicht bekannt.

CRR II: Neuerungen im Bereich Interne Modelle Ansatz (IMA)

Im Vergleich zur aktuell gültigen CRR ergeben sich durch die Finalisierung der CRR II auch im Bereich des IMAs wesentliche Änderungen.

Der Value-at-Risk (VaR) wird durch den Expected Shortfall (ES) ersetzt:

Neben dem Austausch des Risikomaßes werden im ES Modell zusätzlich Liquiditätshorizonte berücksichtigt. Während der VaR auf Basis von 10 Tagen zu berechnen ist, wird der ES für gewisse Risikofaktoren zusätzlich gemäß vorgegebener Liquiditätshorizonte von bis zu 120 Tagen skaliert.  Zudem wird der ES auf einem 97,5% Konfidenzniveau berechnet im Vergleich zum 99% Konfidenzniveau des VaRs. Das Konzept des aktuell zusätzlich berechneten VaR unter Stressbedingungen (sVaR) spiegelt sich im neuen Modell dahingehend wieder, als dass der ES der aktuellen 12 Monate um einen Faktor erhöht wird, der auf dem ES einer definierten Stressperiode basiert.

Die Anmeldung der internen Modelle erfolgt nach Handelstischen statt nach Risikokategorien:

Statt der Genehmigung zur Verwendung der internen Modelle für die einzelnen Risikokategorien werden künftig die Genehmigungen für einzelne Handelstische erteilt. Damit ein Handelstisch eine Zulassung für die Verwendung von internen Modellen erhält, muss dieser sowohl qualitative, wie eine klar definierte Geschäftsstrategie und Organisation, als auch quantitative Anforderungen, wie Backtesting und P&L Attribution Tests, erfüllen.

Zusätzliches Backtesting und P&L Attribution Tests:

Das Backtesting wird trotz der Verwendung des ES weiterhin auf Grundlage des VaR durchgeführt. Dabei muss zwischen dem Backtesting auf Gesamtebene und auf Handelstischebene unterschieden werden. Vergleichbar zur aktuellen CRR dienen die Ergebnisse des Backtestings auf Gesamtebene zur Ermittlung eines Zuschlagfaktors. Das Backtesting auf Handelstischebenen bestimmt hingegen, ob die Verwendung des internen Modells für den entsprechenden Handelstisch zulässig ist. Neben dem Backtesting muss ein Handelstisch gleichzeitig den P&L Attribution Test bestehen. Dabei erfasst der P&L Attribution Test, inwiefern sich Risikofaktoren, Marktdaten sowie Bewertungsmethoden zwischen Handel und Risiko unterscheiden.

Die Incremental Risk Charge (IRC) wird durch die Default Risk Charge (DRC) ersetzt:

Während die IRC sowohl Ausfallrisiken als auch Migrationsrisiken erfasst, wird die künftige DRC nur Ausfallrisiken berücksichtigen. Dies verhindert eine doppelte Berücksichtigung der Migrationsrisiken in der Kapitalunterlegung, die im ES Modell beinhaltet sind. Trotz der Beibehaltung des Risikomaßes VaR, sind dennoch weitreichende Neuerung umzusetzen. Zum einen muss die DRC zusätzlich Eigenkapital Instrumente sowie Positionen in ausgefallenen Schuldtiteln umfassen sowie unter der Annahme unveränderter Positionen statt eines unveränderten Risikoniveaus berechnet werden. Zum anderen muss das DRC Modell zwei systematische Risikofaktoren beinhalten und soll die Abhängigkeit der Erlösquoten von Konjunkturzyklen bzw. den systematischen Faktoren widerspiegeln.

Risikofaktoren werden zwischen modellierbar und nicht modellierbar unterschieden:

In der neuen CRR wird prinzipiell zwischen modellierbaren und nicht modellierbaren Risikofaktoren unterschieden. Während die Kapitalunterlegung für die modellierbaren Risikofaktoren im ES Model berechnet wird, muss die Kapitalunterlegung der nicht modellierbaren Risikofaktoren auf Grundlage eines Stressszenarios berechnet werden, wobei Diversifikationseffekte nur bedingt Berücksichtigung finden.

Hinsichtlich der genauen Ausgestaltung der einzelnen Änderungen wird die EBA aufgefordert, innerhalb von 9 bzw. 15 Monaten nach Inkrafttreten der CRR II „Regulatory Technical Standards“ (RTS) unter anderem zu den folgenden Themen zu veröffentlichen:

  • Die genaue Zuordnung der Liquiditätshorizonte für das ES Modell
  • Die Kriterien zur Bestimmung der Modellierbarkeit der Risikofaktoren
  • Berechnung der „actual“ und „hypothetical“ P&L
  • Welche P&L Attribution Tests verwendet werden sollen und die genaue Berücksichtigung der Testergebnisse
  • Die Ermittlung und Anwendung des Stressszenarios für die Kapitalunterlegung für nicht modellierbare Risikofaktoren

Während der Wechsel des Risikomaßes vom VaR zum ES in der Regel keine aufwendigen Anpassungen des verwendeten Risikomodells nach sich zieht, so bedeuten insbesondere der Zuschnitt der einzelnen Handelstische, die Anforderungen an die Risikofaktoren und deren unterliegende Marktdatenqualität sowie der Abgleich zwischen Marktdaten und Bewertungsmethoden von Handel und Risiko mittels P&L Attribution Tests umfassende Änderungen in der Risikoarchitektur. Hinzu kommen die zusätzlichen Positionen und Modellierungsanforderungen im DRC sowie die Berechnung des ES für verschiedene Liquiditätshorizonte. Im Anbetracht dieser Anforderungen sind eine umfassende Gap-Analyse sowie eine indikative Quantifizierung der Auswirkungen notwendig, um auch in Zukunft eine optimale Verwendung der Eigenmittel zu gewährleisten.

Die Herausforderungen und nächsten Schritte

Den Einfluss der neuen Marktpreisrisiko-Anforderungen auf Institute kann man nur schwer pauschal abschätzen. In Vorstudien hat sich immer wieder gezeigt, dass der individuelle Einfluss stark von den Portfolios und der allgemeinen Handelsstrategie abhängt. Daher ist es umso wichtiger, ein genaues Bild über die institutsindividuellen Auswirkungen zu haben. Durch die Finalisierung der CRR II besteht hinreichende Sicherheit bezüglich des angestrebten Zeitplans der FRTB-Umsetzung, auch wenn Details teilweise noch offen sind. Insbesondere die Berechnung des FRTB-Standardansatzes wird für große Handelsbuchinstitute im kommenden Jahr zu einer Reportinganforderung werden. Daher ist es umso wichtiger, frühzeitig die Meldefähigkeit herzustellen und Herausforderungen, beispielsweise im Rahmen der notwendigen Datenverfügbarkeit, anzugehen. Dabei sollte nicht auf den delegierten Rechtsakt Ende 2019 gewartet werden, da die Zeit bis zur Meldeanforderung voraussichtlich nicht ausreichend sein wird, umfassende Implementierungen durchzuführen. Sofern notwendig, können die in der CRR II bestehenden Lücken durch das jüngste Baseler Papier (BCBS 457) geschlossen werden. Es ist nicht davon auszugehen, dass es im erwarteten delegierten Rechtsakt zu umfangreichen Änderungen der Methodik kommen wird.

Sie haben Fragen zu den Änderungen im Detail? Gerne unterstützen wir Sie bei der weiteren Aufarbeitung und Umsetzung der Anforderungen. Sprechen Sie uns einfach an.

 

 

 

Dirk Stemmer

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