Das neue Banking Package (Teil 8): Änderung der Großkreditvorschriften – Fünftes Rad am Wagen oder Zünglein an der Waage?

Am 15. Februar 2019 hat der Europäische Rat die finalen Entwürfe des Banking Package, u.a. zur Änderung der Eigenmittelverordnung (CRR II), gebilligt und damit auch einige weitreichende Änderungen am bestehenden Großkreditregelwerk der CRR in Stein gemeißelt. Die Anpassungen resultieren im Wesentlichen aus Vorgaben des Baseler Ausschusses aus dem Jahr 2014 (siehe dazu ausführlich unseren damaligen Beitrag). Und auch wenn sie neben den deutlich prominenteren Themen der CRR II wie FRTB, SA-CCR oder MREL/TLAC gerne aus dem Fokus der Diskussionen geraten, sind sie mit teilweise erheblichen quantitativen Auswirkungen und operativen Handlungsbedarfen verbunden.

Im Folgenden stellen wir die wesentlichen Änderungen der Großkreditvorschriften innerhalb des finalen CRR II-Entwurfs dar und heben die daraus resultierenden Herausforderungen für Banken hervor. Die nachfolgende Abbildung gibt hierzu einleitend einen Überblick über die im Großkreditrahmenwerk zu berücksichtigenden Komponenten der Exposure- und Kapitalmessgrößen sowie die einzuhaltende Großkreditobergrenze. (zum Vergrößern bitte Grafik anklicken).

Festlegung der Großkreditdefinitions- und ‑obergrenzen ohne Berücksichtigung des Ergänzungskapitals

Eine der wesentlichsten Änderungen stellt die neue Kapitalmessgröße als Grundlage für die Berechnung der Großkreditgrenzen dar. Während die Großkreditdefinitions- und -obergrenze nach der aktuellen CRR durch das Verhältnis aus Risikopositionswerten und anrechenbaren Eigenmitteln berechnet wird, soll nach den Vorgaben der CRR II lediglich das Kernkapital (Tier 1) als Bezugsgröße verwendet werden. Eine Anrechnung von Ergänzungskapitalinstrumenten ist also nicht länger möglich. Die logische Konsequenz ist die Verringerung sowohl der Großkreditdefinitionsgrenze (zukünftig 10 % des Kernkapitals) als auch der Großkreditobergrenze (zukünftig 25 % des Kernkapitals).

Anhand der Daten aus der EBA Transparency Exercise haben wir zum Auswertungsstichtag 31.12.2017 eine Analyse der Großkreditobergrenzen europäischer Institute unter Berücksichtigung der geänderten Kapitalmessgröße durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Großkreditobergrenzen für Banken in der EU durch die Änderung der CRR II um durchschnittlich 10,42 % reduzieren werden, während deutsche Banken sogar eine durchschnittliche Reduktion von 13,45 % erfahren werden. Die nachfolgende Grafik verdeutlicht, dass teilweise Reduktionen der Großkreditobergrenze von bis zu 25 % möglich sind. (zum Vergrößern bitte Grafik anklicken)

Des Weiteren sieht der CRR II-Entwurf eine niedrigere Großkreditobergrenze für Risikopositionen zwischen global systemrelevanten Instituten (G-SII) vor: G-SIIs dürfen keine Risikopositionen gegenüber anderen G-SIIs aufweisen, die 15 % ihres Kernkapitals (Tier 1) übersteigen. Wird ein Institut erstmalig als global systemrelevant eingestuft, hat es diese Vorgabe innerhalb von maximal zwölf Monaten nach seiner Klassifizierung als G-SII einzuhalten.

Überschreiten Banken die für sie jeweils einschlägige Großkreditobergrenze ausnahmsweise, müssen sie gemäß dem finalen CRR II-Entwurf einen Plan erstellen, der die Maßnahmen für eine frühzeitige Wiedereinhaltung der Großkreditobergrenzen, bspw. durch eine kurzfristige Rückführung von Risikopositionen, spezifiziert. Der zuständigen Aufsichtsbehörde obliegt die Überwachung der Umsetzung dieses Plans und, sofern erforderlich, die Vorgabe eines kürzeren Rückführungszeitraums. In diesem Zusammenhang wird die EBA noch Leitlinien entwickeln, die den Begriff des Ausnahmetatbestands, den angemessenen Zeitraum zur Rückführung unterhalb der Großkreditobergrenze sowie die hierfür zu ergreifenden Maßnahmen konkretisieren.

Banken sind daher bereits jetzt zum Handeln aufgefordert, um die Auswirkungen auf die Großkreditgrenzen aufgrund der Nichtberücksichtigung des Ergänzungskapitals zu analysieren und in ihrer Mehrjahresplanung zu berücksichtigen.

Änderungen in der Ermittlung des Risikopositionswertes für Kontrahentenausfallrisiken und Handelsbuchpositionen

Dem finalen CRR II-Entwurf folgend, sind Banken zukünftig dazu verpflichtet, den neu eingeführten Standardansatz (SA-CCR bzw. vereinfachter SA-CCR) oder die überarbeitete Ursprungsrisikomethode (OEM) zur Ermittlung der Risikopositionswerte für Derivategeschäfte zu verwenden. Die Anwendung der Internen Modelle-Methode (IMM) bei Derivategeschäften ist demnach im Bereich der Großkredite nicht mehr gestattet, selbst wenn eine Erlaubnis zur Verwendung der IMM bei der RWA-Ermittlung vorliegt. Im Falle von Wertpapierpensionsgeschäften (Repo-Geschäfte bzw. sog. Securities Financing Transactions, SFTs) darf die IMM bei entsprechender Zulassung jedoch weiterhin auch für Großkreditzwecke genutzt werden.

Außerdem wird mit der CRR II klargestellt, dass Banken bei der Ermittlung der Risikopositionswerte aus Derivategeschäften neben den Kontrahentenausfallrisiken auch ggf. die indirekten Risikopositionen aus den zugrundeliegenden Finanzinstrumenten berücksichtigen müssen. Die EBA soll hierzu nach Inkrafttreten der CRR II konkretere Vorgaben machen.

Darüber hinaus sieht der CRR II-Entwurf Änderungen für die Risikopositionswertermittlung aus Handelsbuchpositionen vor. Demnach ist die Verrechnung von Kaufs- und Verkaufspositionen in unterschiedlichen Finanzinstrumenten desselben Kontrahenten nur dann erlaubt, wenn die einzelnen Positionen von gleicher Rangigkeit sind bzw. das Finanzinstrument der Verkaufsposition gegenüber dem der Kaufposition nachrangig ist. Die Institute sind somit zur Bildung von sog. „Seniority Buckets“ aufgefordert.

Änderungen in der Verwendung von Kreditrisikominderungstechniken und Anrechnungsbefreiungen

Wesentliche Veränderungen der Großkreditvorschriften verbergen sich hinter wenigen neuen bzw. umformulierten Textstellen in der CRR II im Zusammenhang mit der Verwendung von Kreditrisikominderungstechniken (KRMT). So sieht der finale CRR II-Entwurf im Einklang mit den Vorgaben des Baseler Ausschusses vor, dass ein Gleichlauf zwischen den genutzten KRMT im Rahmen der RWA-Ermittlung und bei den Großkreditvorschriften herzustellen ist. Folglich müssen Banken grundsätzlich alle zulässigen Sicherheiten, Garantien und Kreditderivaten, welche sie bei der RWA-Berechnung anwenden, auch für die Zwecke der Großkreditmeldung- bzw. -überwachung berücksichtigen, sofern die dortigen Anforderungen für eine Anrechnung erfüllt sind. Damit kann für viele Institute zunächst einmal eine erhebliche operative Belastung einhergehen, wenn Sicherheiten im Rahmen der Großkreditvorschriften bisher nur punktuell angerechnet wurden.

Hinzu kommt jedoch noch eine weitere Änderung: Der anrechenbare Betrag finanzieller Sicherheiten ermittelt sich auch gemäß CRR II unter Anwendung der Umfassenden Methode oder des Substitutionsansatzes, während für Garantien und Kreditderivate weiterhin allein der Substitutionsansatz anwendbar ist. Unabhängig von der Methodik ist jedoch zukünftig immer auch der Substitutionseffekt in Bezug auf die hereingenommene Sicherheit bzw. die Garantie zu berücksichtigen. Damit erhöht sich der auf die Großkreditobergrenze anzurechnende Betrag gegenüber dem Emittenten der finanziellen Sicherheit bzw. dem Garantiegeber durch die Hereinnahme und Anrechnung der Besicherung. Ausgenommen von der Berücksichtigung des verpflichtenden Substitutionseffekts sind im Wesentlichen die unter die Ausnahmeregelungen des Art. 400 CRR fallenden Risikopositionen, wie bspw. Garantien von Zentralregierungen oder Barsicherheiten.

Im Ergebnis kann also der verpflichtende Gleichlauf der Kreditrisikominderungstechniken in Verbindung mit dem zwingend zu berücksichtigenden Substitutionseffekt potenziell zu einer deutlichen Erhöhung der auf die Großkreditobergrenze anzurechnenden Beträge der Garantiegeber und Emittenten der finanziellen Sicherheit führen. Gegenstand der nun anstehenden Analysen sollten also insbesondere Garantien von Banken, Unternehmen oder natürliche Personen sowie hereingenommene finanzielle Sicherheiten sein, die zwar bei der RWA-Ermittlung risikomindernd berücksichtigt wurden, bisher aber noch gar nicht oder – im Falle finanzieller Sicherheiten – allein über die Umfassende Methode in die Berechnung der Großkreditbeträge eingeflossen sind.

Eine gesonderte Behandlung bei der Anwendung des Substitutionsansatzes kann über ein Wahlrecht für Tri-Party-Repo-Geschäfte in Anspruch genommen werden. Demnach kann der aus dem Substitutionseffekt resultierende aktuelle Risikopositionswert gegenüber den Emittenten der Wertpapiere durch ein vorab mit dem Tri-Party-Agenten festgelegtes kontrahentenspezifisches Gesamtlimit ersetzt werden. Dies soll Banken die operative Umsetzung des Substitutionsansatzes erleichtern, wenn es nicht möglich ist, den jeweils aktuellen Stand des über den Tri-Party-Agenten verwalteten Sicherheitenpools zu erhalten bzw. für Großkreditzwecke zu verarbeiten. Diese Vorgehensweise ist jedoch an verschiedene Bedingungen geknüpft, wie bspw. das Bestehen angemessener Vorkehrungen seitens des Tri-Party-Agenten zur Einhaltung der vorgegebenen Gesamtlimite und nicht zuletzt das Einverständnis der zuständigen Aufsichtsbehörde.

Für Banken, die eine Erlaubnis zur Anwendung der IMM bei Repo-Geschäften haben, scheint der finale CRR II-Entwurf eine vollständige Ausnahme von der verpflichtenden Berücksichtigung des Substitutionseffekts vorzusehen. Diese Erleichterung könnte begründet werden durch die hohen Anforderungen an das Management und die Überwachung von Konzentrationsrisiken aus herein genommenen Sicherheiten, die bereits an die Zulassung zur IMM gestellt werden. Gleichwohl wäre an dieser Stelle eine Klarstellung im Regelungstext bis zur Finalisierung und Veröffentlichung der CRR II wünschenswert, zumal die entsprechenden Ausführungen sowohl in den Vorgaben zur Ermittlung des Risikopositionswerts (vor KRMT) als auch bei der Anwendung der KRMT enthalten sind.

Die Anrechnung von Immobiliensicherheiten bleibt auch unter der CRR II zulässig – zumindest, sofern die jeweilige nationale Gesetzgebung dies nicht untersagt. Dies stellt also eine wesentliche Abweichung zwischen der CRR II und den Vorgaben des Baseler Ausschusses dar, der in seinem Papier die Abkehr von physischen Sicherheiten im Großkreditregime forderte (siehe BCBS 283),

Und schließlich sind auch bei der Verwendung von Anrechnungsbefreiungen einige Änderungen im Detail zu beachten: Neben der bereits in Kraft getretenen sukzessiven Abschaffung der Ausnahme von Positionen gegenüber EU-Zentralregierungen bis 2022 (siehe Regulatory Blog-Beitrag „Fast Track“ – CRR Übergangsbestimmungen für die IFRS 9-Auswirkungen auf die regulatorischen Eigenmittel“), werden neue Anrechnungsbefreiungen für MREL-bezogene Risikopositionen gemäß der ebenfalls geänderten Richtlinie 2014/59/EU (BRRD II) eingeführt. Hierunter fallen Risikopositionen von Abwicklungseinheiten in Eigenmittelinstrumenten und bail-in fähigen Verbindlichkeiten, welche entweder von den der Abwicklungsgruppe zugehörigen Unternehmen oder von deren Tochtergesellschaften ausgegeben wurden. Darüber hinaus spezifiziert der CRR II-Entwurf, dass Ausnahmen für Handelsrisikopositionen gegenüber zentralen Gegenparteien sowie Beiträge zum Ausfallfonds dieser nur zulässig sind, wenn es sich um qualifizierte zentrale Gegenparteien handelt.

Änderungen in der Bildung von Gruppen verbundener Kunden

Mit dem BCBS 283 hatte der Baseler Ausschuss auch grundsätzliche Vorgaben zur Definition und Bildung von Gruppen verbundener Kunden (GvK) veröffentlicht. Diese wurden auf europäischer Ebene im Rahmen der bereits zum 1. Januar 2019 in Kraft getretenen EBA-Leitlinien (EBA/GL/2017/15) aufgegriffen (siehe hierzu u.a. unseren Beitrag „BaFin veröffentlicht finales Rundschreiben zur Bildung von Gruppen verbundener Kunden“). Zusätzlich dazu wird in der CRR II nun noch eine Ausnahme bei der GvK-Bildung in Bezug auf zentrale Kontrahenten hinzugefügt. Ferner fällt auf, dass noch ein technischer Standard (RTS) zur GvK-Bildung angekündigt wird. Es bleibt also abzuwarten, ob dieser die erst kürzlich in Kraft getretenen EBA-Leitlinien ersetzen oder ergänzen soll.

Auswirkungsanalysen und Langfristplanungen müssen spätestens jetzt starten

Durch die Veröffentlichung des finalen CRR II-Entwurfs am 15. Februar 2019 haben Banken endlich Klarheit über die zukünftigen regulatorischen Herausforderungen und einzuhaltenden Regelungen gewonnen. Spätestens jetzt ist es an der Zeit, dass sie die Änderungen des finalen CRR II-Entwurfs in den Fokus der operativen und strategischen Planungen rücken und die institutsspezifischen Auswirkungen analysieren, um frühestmöglich handlungsfähig zu sein. Die geänderten Großkreditvorschriften, darunter insbesondere die Verringerung der Großkreditgrenzen sowie die veränderten Vorschriften zur Anwendung von KRMT, sind dabei sicherlich nicht die obersten Agendapunkte, können aber gleichwohl als „Zünglein an der Waage“ zu unerwarteten Einschränkungen bei bestimmten Geschäften und erhöhten operativen Aufwendungen führen und sollten daher stets mindestens flankierend betrachtet werden.

Sie haben Fragen zu den Änderungen im Detail? Gerne unterstützen wir Sie bei der weiteren Aufarbeitung des Entwurfs und der Analyse der Auswirkungen für Ihr Institut. Sprechen Sie uns einfach an.

 

 

 

Christoph Himmelmann

Telefon: +49 69 9585 2737

christoph.himmelmann@pwc.com

 

 

 

Anne Christin Bocklage

Telefon: +49 69 9585 7740

bocklage.anne.christin@pwc.com

 

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

/* */