Einheitliche Spielregeln für die Liquiditätsanforderungen an Banken – Das Konzept der Liquidity Coverage Ratio

Hintergrund

Einen weltweit einheitlichen Standard für die kurzfristigen Liquiditätsanforderungen  gab es bisher nicht. Das soll mit der Einführung der Liquidity Coverage Ratio (LCR) anders werden. Die Grundzüge der Ausgestaltung der LCR wurden bereits im Sommer 2010 vorgestellt (dazu auch Blog-Beitrag: “ Neues Tuning bei Basel III?“). Mit dem jetzt veröffentlichten Papier „Basel III: International framework for liquidity risk measurements, standards  and monitoring“ werden einheitliche  Anrechnungsverfahren für die Liquiditätsüberwachung der  Institute festgelegt.

Mit der Reform sollen die Banken zukünftig „schock-resistenter“ gegenüber finanziellen und/oder ökonomischen Krisen werden. Insbesondere soll dadurch auch das Risiko eines Übergreifens von Krisen im  Finanzsektor auf die übrigen Wirtschaftsbereiche verhindert werden.

Liquidity Coverage Ratio

Mit der Liquidity Coverage Ratio wird das kurzfristige Liquiditäts-Risikoprofil der Bank verbessert. Banken müssen künftig einen Mindestbestand an hochliquiden Aktiva vorhalten, um im Rahmen der „30-day-liquidity coverage ratio“ den Liquiditätsbedarf unter Stress für die nächsten 30 Tage zu decken und so das Überleben des Instituts kurzfristig zu sichern. Die LCR deckt den damit den potentiellen Nettoabfluss von Zahlungsmitteln bei einem akuten Stressszenario ab. 

Die Katastrophe – was beinhaltet das Stressszenario?

Das vorgegebene Stressszenario beinhaltet eine Kombination aus instituts- und marktspezifischen Ursachen. Dazu gehört unter anderem ein Herunterstufen der Ratings der Bank, der teilweise Verlust von gesichertem kurzfristigen Finanzierungen, zunehmende Marktvolatilität, die die Qualität der Sicherheiten oder derivativen Positionen negativ beeinflusst und höhere Sicherheitsabschläge bzw. zusätzliche Sicherheiten erforderlich macht, außerplanmäßige Ziehungen von bisher ungenutzten Kreditzusagen und Liquiditätsfazilitäten, die Notwendigkeit der Bank, aus Reputationsgründen Schuldtitel zu tilgen bzw. außervertraglichen Verpflichtungen nachzukommen. Über diesen Minimumstandrad hinaus müssen die Banken einen eigenen institutsspezifischen Stresstest durchführen, um das für ihr spezielles Geschäftsprofil  gefährdende Krisenszenario festzulegen. Basierend auf den individuellen Geschäftsfelder kann ein solcher interner Stresstest zum Beispiel zu längeren Zeithorizonten führen als im Minimumstandard vorgesehen. In jedem Fall müssen die Banken die Ergebnisse der zusätzlichen Stresstests den Bankaufsehern mittteilen.

Die Deckungsquote – Level 1 und Level 2

Die Deckungsquote muss mit einem Grundstock an hoch liquiden Vermögenswerten erreicht werden. Grundlegende Charakteristika dieser Vermögenswerte sind unter anderem eine hohe Kreditwürdigkeit des Emittenten, geringes Marktrisiko mit niedriger Volatilität und niedrigem Inflationsrisiko, einfache und anerkannte Bewertungs- bzw. Preisermittlung, möglichst keine Interdependenz mit riskanten Geschäften und Handelbarkeit an anerkannten Devisenmärkten.

Die LCR muss in einer einzelnen Währung erfüllt werden. Von den Banken wird jedoch erwartet, dass sie die LCR auch in anderen bedeutenden Währungen erfüllen

Die Deckungsquote kann durch zwei Kategorien von liquiden  Vermögenswerten erfüllt werden. Die sogenannten Level 1  Vermögenswerte können unbegrenzt zur Bildung des Deckungsstocks eingesetzt werden. Dabei handelt es sich um besonders sichere  Positionen, also Bargeld, Zentralbankreserven und Vermögenswerte, für die nach dem Standardansatz bei der Kapitalunterlegung eine Nullgewichtung gilt.

Daneben können auch die sogenannten Level 2  Vermögenswerte anteilig zur Erfüllung der Deckungsquote herangezogen werden. Diese dürfen bis zu 40% der Deckungsquote ausmachen. Als Level 2  Vermögenswerte werden unter anderem anerkannt: Marktfähige Forderungen gegenüber Staaten, Notenbanken, Einheiten des öffentlichen Sektors oder multilateralen Entwicklungsbanken sowie von diesen Adressen garantierte Forderungen, die laut Standardansatz eine Risikogewichtung von 20 % erfordern. Daneben werden – was lange unsicher war – aber auch hochwertige private Wertpapiere wie Unternehmensanleihen, deutsche Pfandbriefe und andere gedeckte Schuldverschreibungen (corporate and covered bonds) als liquide Aktiva anerkannt, soweit sie noch zusätzliche Kriterien erfüllen, z.B. Mindestrating und Markttiefe. Weitere quantitative und qualitative Kriterien werden während der Beobachtungsphase noch getestet.
Alle Level 2  Aktiva dürfen nur mit einem Abschlag von 15% auf den Marktwert in Berechnung der Quote einbezogen werden.

Alternativen für besondere Märkte

Fehlt es in einem Markt/Land an ausreichenden liquiden  Aktiva, sieht das Baseler Papier jetzt auch andere Optionen vor, um diesen Mangel zu überbrücken. Zum einen können Notenbanken den Instituten bei Bedarf gegen Gebühr Liquiditätsfazilitäten einräumen, um so die Deckungsquote zu erfüllen. Alternativ besteht die Möglichkeit, mit Erlaubnis der Aufsicht und unter Einhaltung besonderer Grenzen die fehlenden liquiden  Aktiva mit Vermögenswerten aus anderen Währungen auszugleichen.

Übergangsbestimmungen

Die in 2011 beginnende Beobachtungsphase soll die Auswirkungen der LCR auf die Finanzmärkte und die wirtschaftliche Entwicklung zeigen, vor allem aber auch unbeabsichtigte nachteilige Folgen aufdecken. Entsprechend soll die Ausgestaltung der LCR wenn nötig einer erneuten Revision unterzogen und gegebenenfalls angepasst werden. Eine Meldung der LCR ist ab 1. Januar 2012 vorgesehen. Die finale Einführung der LCR ist für den 1. Januar 2015 avisiert.

Nichts Neues?

Auf den ersten Blick scheint sich im aktuellen Baseler Papier nichts bewegt zu haben, was nicht schon in den Vorgängerdokumenten enthalten war. Beruhigend ist jedoch das jetzt eindeutige Bekenntnis zur Zulassung der privaten Titel auf dem Niveau der Level 2 assets (insbesondere den für den deutschen Markt bedeutsamen Pfandbrief), was lange nicht sicher war  bzw.  zur Diskussion stand. Die bisher kritisierte Bevorzugung öffentlicher Schuldtitel ist damit weitgehend vom Tisch.

Auch an anderer Stelle wurde noch mal nachgearbeitet: Für Retaileinlagen, die sich als krisenfest erwiesen haben, werden beim Nettozahlungsabfluss im Krisenfall pauschale Abrufquoten (run-off-rates) zwischen 5 und 10% angenommen.

Ebenfalls eine geringere Abrufquote im Krisenfall wird bei Einlagen von Finanzinstituten anerkannt, die zu bestimmten operativen Zwecken gehalten werden. Als operative Zwecke gelten dabei zum Beispiel Zahlung- und Verrechnungsaktivitäten oder custody services. Hier wird eine höhere Stabilität der Einlage angenommen und entsprechend eine Abrufrate von 25% gewährt. Für andere Einlagen von Finanzinstituten gilt eine Abrufrate von 100%.

Und auch bei Einlagen im Rahmen einer kooperativen Zusammenarbeit bei denen spezielle Funktionen durch ein Zentralinstitut oder einen Service Provider übernommen werden, können Institute einen geringeren Mittelabfluss unterstellen und eine run-off rate von 25% annehmen. Dies betrifft insbesondere Sparkassen und Genossenschaftsbanken.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

/* */