Liquiditätsanforderungen Reloaded: neue Entwicklungen bei der LCR

Liquidität im Fokus der Aufsicht: Seit dem 13. Juli 2018 liegt die Delegierte Verordnung zur Anpassung der bisherigen Vorschriften für die Liquiditätsdeckungsquote (LCR) der EU Kommission vor (D-VO 2018/1620). Damit einhergehend konsultiert die European Banking Authority (EBA) seit August 2018 die daraus resultierenden Anpassungen an den LCR-Meldevordrucken (EBA/CP/2018/12). Die erstmalige Befüllung der neuen Meldetemplates steht im Einklang mit dem Erstanwendungszeitpunkt der überarbeiteten Regelungen im April 2020 und ist damit nicht mehr in allzu weiter Ferne. Auch die am 16. April 2019 verabschiedete CRR II beinhaltet neben der Ausgestaltung der Mindestanforderung an die Net Stable Funding Ratio (NSFR) (näher hierzu unser Regulatory Blog Beitrag: „Leverage Ratio und NSFR werden scharfgeschaltet!“ vom 11. März 2019) Überarbeitungen des Teils VI der CRR zur Liquidität. Erfahren Sie in diesem Beitrag, welche wesentlichen Neuerungen sich aus der Überarbeitung der Delegierten Verordnung (EU) 2015/61 („LCR-Verordnung“) und der CRR ergeben und weshalb Institute die fachlichen Änderungen nicht nur bei der Befüllung der Meldetemplates, sondern immer stärker auch in ihrer internen Liquiditätssteuerung berücksichtigen sollten.

Lessons learned bei der LCR

Ein wesentliches Ziel der Aufsicht ist es, Erkenntnisse aus der bisherigen LCR-Meldung in den neuen Gesetzestext einzubringen und zu verankern. Vor diesem Hintergrund wurden in der Überarbeitung der Delegierten Verordnung eine Reihe von Anpassungen vorgenommen. Dies soll nicht zuletzt das Liquiditätsmanagement verbessern und die Meldeanforderungen weiter harmonisieren.

Zusammenfassend sind folgende Aspekte hervorzuheben:

  • Weitreichende Diskussionen um die Regelungen der D-VO (EU) 2015/61 mündeten in diversen praxisrelevanten EBA Q&As, die nun durch die Überarbeitung der aufsichtsrechtlichen Anforderungen (vgl. EBA Q&A 784, 801 und 3357) in die neue Verordnung aufgenommen werden.
  • Die Berechnungslogik bei Liquiditätsabflüssen und -zuflüssen wird in den folgenden Punkten geändert:

– Für besicherte Kredite, besicherte Finanzierungen und Sicherheiten-Swaps müssen die operationellen Anforderungen an die zugrundeliegenden Sicherheiten zukünftig nicht mehr erfüllt sein.

– Bei den Liquiditätszuflüssen für besicherte Kreditvergaben wird zukünftig kein Vergleich des Liquiditätswerts des Kassa- und des Sicherheiten-Legs notwendig sein. Im Gegensatz dazu multipliziert man zukünftig den Betrag an fälligen Zahlungen mit einem aufsichtsrechtlichen Faktor. Ziel der Aufsicht war es dabei, den Ansatz für Abflüsse aus besicherten Refinanzierungsgeschäften auf die Liquiditätszuflüsse zu übertragen.

  • Einführung der Möglichkeit, auf das in Art. 17 Abs. 2 D-VO (EU) 2015/61 geregelte „Unwinding“ im Falle von besicherten Krediten, besicherten Finanzierungen und Sicherheiten-Swaps mit Zentralbanken zu verzichten.
  • Weitere Überarbeitungen erfuhren unter anderem

– die Behandlung von Drittlands-Aktiva (bedingte Anrechnung als liquides Aktiva; Aufhebung des Mindestemissionsvolumens),

– die Anrechenbarkeit von Verbriefungen (Erfüllung der STS-Kriterien) und

– sonstige Themengebiete wie u.a. die Berichtswährung als signifikante Währung, der Marktwert von OGA-Anteilen und die ermittelten Haircuts (mind. jährliche Validierung durch externe Prüfer)

(zum Vergrößern bitte Grafik anklicken)

Neben der angepassten LCR-Verordnung nutzt die Europäische Kommission auch die Überarbeitung der CRR (CRR II) für Anpassungen der Anforderungen an die Ausgestaltung der Liquiditätskennziffern. Zusätzlich zu der Finalisierung der Mindestanforderung an die Net Stable Funding Ratio überträgt die CRR II zum einen der EBA weitere Mandate beispielsweise für die Erarbeitung einer AMM Meldung, die dem Proportionalitätsprinzip für kleine und nicht komplexe Institute nachkommt. Zum anderen beinhalten die Änderungen der Artikel 411 ff CRR diverse Neuerungen, die sich neben den Anpassungen für die finale Einführung der Mindestanforderung an die NSFR auch auf die beiden Liquiditätskennzahlen LCR und AMM beziehen. Insbesondere wurde die Auflistung der Definitionen verwendeter Begriffe für Teil VI der CRR erweitert. Weiterhin wurden einige Passagen überarbeitet und beinhalten Klarstellungen im Vergleich zu bisherigen Formulierungen.

Die gesetzlichen Überarbeitungen der aufsichtsrechtlichen Anforderungen an die Liquiditätskennziffern aufgrund der bisherigen Erfahrungen seit 2014 können jedoch nicht alle Forderungen der Aufsicht vollumfänglich einfangen. Die privilegierte Behandlung von Einlagen ist ein Beispiel für eine notwendige Etablierung von Best Practices und einer laufenden Kommunikation zwischen Banken und ihrer Aufsichtsbehörde. Ist der Begriff einer etablierten Geschäftsbeziehung zur Klassifizierung von operativen Einlagen noch definiert, stehen Banken vor erheblichen Herausforderungen bei der Erläuterung, weshalb die Einlage für den Kunden von entscheidender Bedeutung ist, oder bei dem expliziten Nachweis, dass der Einleger innerhalb von 30 Tagen keine Gelder abheben kann, ohne damit seine operative Funktionsfähigkeit einzuschränken. Wenn Institute die entlastende Behandlung der Einlagen in Anspruch nehmen möchten, genügt demzufolge nicht nur ein Blick in den aktuellen Gesetzestext. Sie müssen sich ebenfalls über die praktische fachliche und technische Umsetzung der geforderten Bedingungen im Klaren sein.

Auf die fachlichen Änderungen folgt die Angleichung der Meldevordrucke: Eine Übersicht der konsultierten Anpassung durch die EBA

Die Anpassungen an den Meldebögen C 73.00 und C 74.00 (Liquiditätsabflüsse und -zuflüsse) sind vor allem durch die geänderten aufsichtsrechtlichen Anforderungen getrieben. Beispielsweise werden in Zukunft Zeilen für Abflüsse und Zuflüsse aus gesicherten Finanzierungstransaktionen vorgesehen, unabhängig davon, ob die getauschten Sicherheiten den operativen Anforderungen für die Berechnung der Abflüsse und Zuflüsse entsprechen würden oder nicht. Repos bzw. Reverse Repos, bei denen die Sicherheiten den operationellen Anforderungen entsprechen würden, sind in Form einer „davon“-Position separat anzuweisen. Weiterhin werden auch Repos bzw. Reverse Repos bei Zentralbanken und anderen Gegenparteien in „davon“-Positionen erfasst. Dies soll sicherstellen, dass ein ordnungsgemäßes Unwinding gemäß des überarbeiteten Artikel 17 Abs. 2 zu gewährleisten ist und dass bestimmte Repos oder Reverse Repos bei den Zentralbanken, die von der Aufhebung des Artikels 17 profitieren würden, erfasst werden.

Die Änderungen der Anforderungen an besicherte Geschäfte mit Zentralbanken führen zu weiteren Anpassungen an den Meldebögen. Lediglich Geschäfte mit der inländischen Zentralbank erhalten weiterhin eine Abflussrate von 0%. Alle anderen Geschäfte müssen einer Abflussrate gemäß der entsprechenden ausländischen Zentralbank, die als Gegenpartei fungiert, erhalten.

Im Bereich der Liquiditätsabflüsse wurde auf dem Meldebogen C 73.00 eine separate Meldeverpflichtung für den Teil der operativen Einlagen, der über den für die Erbringung der operativen Dienstleistungen erforderlichen Betrag hinausgeht und daher als nicht operativ zu behandeln ist, ergänzt. Die Aufsicht möchte dadurch eine angemessene Überwachung sicherstellen.

Die Struktur des Meldebogens C 75.00 für Collateral Swaps bleibt durch die Überarbeitung der EBA weitgehend unverändert. Die Änderungen der bisherigen Anforderungen an die Berechnung der LCR motivierten jedoch auch im Bereich der Collateral Swaps zu einer erhöhten Granularität der Meldeinhalte analog den Änderungen bei den Liquiditätsabflüssen und -zuflüssen.

Der Übersichtsbogen zur LCR-Berechnung (C 76.00) wurde entsprechend den Änderungen aktualisiert. Dies hat zur Folge, dass die Berechnung des Überschusses an liquiden Mitteln für die verschiedenen HQLA-Kategorien entsprechend entfernt wurden. Materiellen Mehraufwand dürfte diese Änderung daher nicht hervorrufen.

Für Zwecke der LCR-Meldung auf konsolidierter Ebene wird ein zusätzliches Template (C 77.00) ergänzt, das die Institute der Gruppe je Konsolidierungsstufe auflistet. Zusätzliche Berechnungsanforderungen werden nicht gestellt, so dass auch hier keine großen Implementierungsaufwände zu erwarten sind.

Die Verknüpfung von aufsichtsrechtlichen Kennzahlen mit der internen Liquiditätssteuerung gewinnt immer mehr an Gewicht

Nicht nur mit der weiteren Schärfung der Anforderungen an die aufsichtsrechtlichen Liquiditätskennziffern, sondern auch mit den immer stärker etablierten Säule-II-Anforderungen an die Liquidität offenbart sich die große Tragweite, die die Aufsichtsbehörden in einer angemessenen Ausgestaltung der Liquiditätsstruktur und dem Liquiditätsmanagement der Banken sehen. Die unlängst veröffentlichte Zusammenfassung der Ergebnisse aus dem aufsichtlichen Überprüfungs- und Bewertungsprozess (SREP) 2018 bestätigt, was vielen Instituten bereits aus ihren individuellen SREP-Schreiben aus 2018 bekannt ist: Neben den zusätzlichen Kapitalanforderungen sowie qualitativen Maßnahmen, beispielsweise hinsichtlich der internen Governance, verlangt die EZB von den überwachten Instituten liquiditätsbezogene Maßnahmen wie die Verbesserung des Prozesses zur Analyse ihres Liquiditätsbedarfs, ihrer Refinanzierungspläne und ihrer Innertagesliquidität. Diese Entwicklung wird auch für 2019 anhalten. Die Aufsicht hat bereits angekündigt, dass die Ergebnisse des im ersten Quartal 2019 durchgeführten Liquiditätsstresstests im Rahmen des SREP 2019 Berücksichtigung finden werden. Der Liquiditätsstresstest verdeutlicht also einmal mehr eine zentrale Anforderung der Aufsicht: die Verknüpfung der aufsichtsrechtlichen Kennzahlen mit der internen Liquiditätsrisikosteuerung und -überwachung und die damit einhergehende zwingende Notwendigkeit der Konsistenz und Überleitbarkeit zwischen den Anforderungen der Säule I und II.

Parallel dazu arbeitet die deutsche Aufsicht an einer Erweiterung der FinaRisikoV-Meldung, die unter anderem mit weiteren Meldepflichten in Bezug auf das Liquiditätsrisikomanagement ergänzt werden soll.

Analysieren Sie die Auswirkungen der neuen Regelungen noch vor Inkrafttreten der Reportinganforderungen

Die Konsultationsphase zum vorgelegten Entwurf der LCR Meldebögen lief Ende Oktober 2018 aus. Die Reportinganforderung wird voraussichtlich im Rahmen des EBA DPM 2.9 eingeführt und ist somit – analog der delegierten Verordnung zur Änderung der LCR – im April 2020 erstmalig anzuwenden. Bis dahin bleibt den Instituten Zeit, die potentiellen institutsindividuellen Auswirkungen der Änderungen zu ermitteln und die neuen Anforderungen umzusetzen. Während bei kleineren Instituten die Auswirkungen voraussichtlich geringfügig sind, wird es insbesondere in Häusern mit großen Engagements in Drittländern als auch bedeutenden Aktivitäten im Bereich der besicherten Kapitalmarktgeschäfte durch eine bessere Anrechenbarkeit zu Erleichterungen kommen können. Die Herausforderungen dürften daher verstärkt in der Umsetzung und Automatisierung der neuen Meldeanforderungen liegen.

Sie haben Fragen zu den Änderungen im Detail oder der Aufarbeitung der individuellen Effekte aus der überarbeiteten Berechnung der LCR? Sie benötigen Unterstützung bei einer effizienten Verknüpfung der normativen und ökonomischen Liquiditätsbetrachtung? Gerne stehen wir Ihnen mit unseren Experten zur Seite. Sprechen Sie uns einfach an!

 

 

 

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