Premiere für den antizyklischen Kapitalpuffer in Deutschland

Der Ausschuss für Finanzstabilität (AFS) empfiehlt der BaFin laut Empfehlung der Ausschusssitzung vom 27. Mai 2019, erstmalig den antizyklischen Kapitalpuffer (Countercyclical Buffer, CCyB) für Deutschland zum dritten Quartal 2019 von 0% auf 0,25% anzuheben. Der BaFin wird eine Frist bis zum 14. Juni 2019 zur Entscheidung eingeräumt. Die Vorgaben sind ab dem Zeitpunkt ihrer Aktivierung innerhalb von 12 Monaten von den Banken für die betroffenen Risikopositionen zu erfüllen. Auch wenn der CCyB keine vollständig neue Komponente in den Kapitalanforderungen von Banken darstellt, zieht die erstmalige Anwendung des CCyB auf Risikopositionen in Deutschland natürlich insbesondere für deutsche Institute einen erheblichen zusätzlichen Kapitalbedarf mit sich. Im Folgenden Beitrag beleuchten wir zunächst die Hintergründe und Wirkungsweise des Kapitalpuffers und zeigen anschließend die prognostizierten quantitativen Effekte für eine Auswahl größerer deutscher Kreditinstitute auf.

 

Der antizyklische Kapitalpuffer

Der antizyklische Kapitalpuffer stellt eine Erweiterung des Kapitalerhaltungspuffers dar. Seine Einführung geht auf Basel III zurück (Artikel 140 CRD IV). Er soll einer etwaigen prozyklischen Entwicklung durch die risikosensitiven Eigenmittelanforderungen aus Basel II und III entgegenwirken. Dieser Aufschlag auf das harte Kernkapital der Banken kann über den Kreditzyklus variiert werden. Ziel ist es, in starken wirtschaftlichen Phasen ein Polster für Zeiten des wirtschaftlichen Abschwungs aufzubauen und so die nachhaltige Kreditvergabe zu unterstützen. Banken können dieses Kapitalpolster in Stressphasen aufbrauchen, ohne das Kreditangebot einzuschränken. Normalisiert sich die Kreditentwicklung oder erleiden die Banken Verluste, kann er wieder herabgesetzt werden. Typischerweise beträgt der CCyB 0 bis 2,5% der in dem jeweiligen Land belegenen RWA eines Instituts und wird auf vierteljährlicher Basis durch die nationale Aufsichtsbehörde des jeweiligen Landes anhand von volkswirtschaftlichen Indikatoren, insbesondere die Entwicklung des Verhältnisses von Kreditvergabe zum Bruttoinlandsprodukt, festgelegt. Im deutschen Rechtsraum finden sich die Regelungen zum CCyB in §10d des KWG und die BaFin ist die für die Festlegung zuständige Aufsichtsbehörde.

Da sich der CCyB ermittelt auf Basis der Pufferanforderungen in den einzelnen Ländern, in denen die Risikopositionen eines Instituts belegen sind, handelt es sich im Ergebnis um eine institutsspezifische Größe. Der institutsspezifische antizyklische Kapitalpuffer wird dabei als gewichteter Durchschnitt aus den festgelegten antizyklischen Kapitalpufferquoten der Länder, in denen die maßgeblichen Risikopositionen des Instituts belegen sind, berechnet. Dieser gewichtete Durchschnitt ist als Prozentwert der RWA in hartem Kernkapital vorzuhalten. Die Berechnung basiert auf Artikel 140 (4) der CRD IV bzw. §10d KWG in Deutschland. Gemäß Artikel 440 CRR in Verbindung mit der Delegierte Verordnung (EU) 2015/1555 sind die Institute verpflichtet, die Informationen in Bezug auf die Einhaltung des vorgeschriebenen antizyklischen Kapitalpuffers offenzulegen.

 

Aktuell geltende Kapitalpuffer

Derzeit werden auf die Risikopositionen in folgenden Ländern antizyklische Puffer angewendet:

Dänemark, Großbritannien, Hong Kong, Island, Litauen, Norwegen, Schweden, Tschechien und Slowakei. Frankreich und Luxemburg folgen im Juli 2019 beziehungsweise Januar 2020 mit 0,25%.

Land Dänemark Großbritannien Hong Kong Island Litauen Norwegen Schweden Slowakei Tschechien
CCyB1 0,5% 1% 2,5% 1,25% 0,5% 2% 2% 1,25% 1,25%

1  Aktuelle CCyB, Quelle: ESRB Stand 3. Mai 2019; BCBS Stand 19. April 2019.

Übersichten zu den Quoten für den antizyklischen Kapitalpuffer finden sich auf den Homepages des European Systemic Risk Board (ESRB) sowie des Baseler Ausschuss für Bankenregulierung (BCBS).

 

Zyklische Systemrisiken

Die Beurteilung zur Notwendigkeit einer Erhöhung des CCyB setzt sich aus zwei Komponenten zusammen. Die regelgeleitete Komponente und die diskretionäre Komponente. Auch wenn die Kredit-/ BIP-Lücke noch keinen kritischen Referenzwert für die Festlegung einer Quote für den CCyB aufweist – dies ist der Fall bei einer Überschreitung ab 2% – gibt es laut Bericht über die Tätigkeit des AFS Indikatoren, die eine Erhöhung erforderlich machen. Laut dem Ausschuss haben sich aufgrund des langanhaltenden Niedrigzinsniveaus und des anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwungs zyklische Systemrisiken aufgebaut (diskretionäre Komponente). Dabei werden drei potenzielle Risiken identifiziert: Unterschätzte Kreditrisiken, überbewertete Kreditsicherheiten aufgrund jahrelang steigender Immobilienpreise und Zinsrisiken aufgrund weiterhin anhaltend niedriger Niveaus oder eines unerwarteten und erheblichen Anstiegs der Risikoprämien am Finanzmarkt.

Besonders hohe Gefahrenpotentiale sieht der AFS hier bei Instituten, die interne Risikomodelle zur Schätzung von Kreditrisiken verwenden. Szenarien des wirtschaftlichen Abschwungs sind aufgrund der historischen Datengrundlage der Modelle tendenziell unterrepräsentiert.

 

Berechnung für deutsche Institute

Um die quantitativen Auswirkungen des neu eingeführten CCyB für Deutschland zu beurteilen, haben wir die Offenlegungsberichte 19 deutscher Banken mit Stichtag 31. Dezember 2018 ausgewertet. Hierzu wurden die Tabellen zur „Geografischen Verteilung der für die Berechnung des antizyklischen Kapitalpuffers wesentlichen Kreditrisikopositionen“ gemäß Anhang I der Delegierten Verordnung (EU) 2015/1555 herangezogen. Der Anteil der in Deutschland belegenen RWA variiert bei den Instituten zwischen 26% und 92%, durchschnittlich betragen diese 61%. Bei 38% der betrachteten Banken bestehen mehr als zwei Drittel der gesamten RWA gegenüber in Deutschland ansässigen Kreditnehmern bzw. Gegenparteien.

(zum Vergrößern bitte Grafik anklicken)

 

Anstieg der Eigenmittelanforderungen zur institutsbezogenen CCyB

Die Anwendung des CCyB bedeutet für die 19 untersuchten deutschen Institute, dass sich deren individuelle CCyB-Quote von bisher durchschnittlich unbedeutenden 0,1% auf immerhin rund 0,25% erhöht. In Summe ergibt sich für die betrachteten Institute eine Gesamterhöhung des erforderlichen harten Kernkapitals aufgrund des institutsbezogenen CCyB von circa 1,7 Mrd Euro. Für die einzelnen Institute bedeutet dies ein Anstieg der CET1-Mindestanforderung – gemessen an dem zum 31.12.2018 bestehenden CET1 – von 0,3% bis zu 2,4%.

(zum Vergrößern bitte Grafik anklicken)

 

Nicht nur deutsche Institute sind betroffen

Der deutsche CCyB gilt für alle Banken und ihre Töchter, die der CRR/ CRD IV unterliegen. Das bedeutet auch für andere Banken des europäischen Wirtschaftsraumes die Anforderung, den Puffer unter dem Gesichtspunkt der Reziprozität anzuwenden. Diese müssen den CCyB auf vergebene Kredite und andere in Deutschland belegene Risikopositionen (gemäß Art. 92 Abs. 3 CRR) anwenden.

Die Banken haben nun bis spätestens zum 3. Quartal 2020 Zeit, den Kapitalpuffer vollständig aufzubauen, sofern die BaFin beabsichtigt, der Empfehlung des AFS nachzukommen.

 

Was müssen Institute nun tun?

Institute sollten so schnell wie möglich die individuellen Auswirkungen des angekündigten CCyB berechnen und etwaige Änderungen in der Mittel- und Langfristplanung berücksichtigen. Die Wachstumsprognosen gemäß deren Geschäftsplanung sollte grundsätzlich überprüft werden.

Bei Fragen zum antizyklischen Kapitalpuffer und seinen Auswirkungen hilft Ihnen unser Expertenteam gerne weiter. Gerne unterstützen wir Sie bei Kapitalprognosen und –Planung mit unserem Praxiswissen.

Wichtige Links:

Beschluss der Ausschusssitzung vom 27. Mai 2019

PM der BaFin

PM Bundesfinanzministerium

FAQ der BaFin

6. Bericht über die Tätigkeit des AFS

Homepages des European Systemic Risk Board (ESRB)

Baseler Ausschuss für Bankenregulierung (BCBS)

Delegierte Verordnung (EU) 2015/1555

 

 

 

 

Dr. Matthias Maucher

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