Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch – neue Regeln für Zinsschock und Eigenmittelanforderungen

Erträge durch  Fristentransformation aufgrund der Differenz zwischen kurz- und langfristigen Zinsen haben für viele Institute eine große Bedeutung. Die dabei in Kauf genommenen Zinsänderungsrisiken werden seitens der BaFin kritisch beurteilt.  Die langanhaltende Niedrigzinsphase scheint auszulaufen. Darauf folgende Zinssteigerungen könnten bei Instituten, die überdurchschnittliche Zinsänderungsrisiken eingegangen sind, dann zu existenzgefährdenden Risiken führen.

Um das Management der Zinsänderungsrisiken der Institute aufsichtlich frühzeitig im Blick zu haben, hat die BaFin einen neuen Entwurf des Rundschreibens zu den Zinsänderungsrisiken 7/2007 zur Konsultation vorgelegt. Die Konsultationsfrist läuft noch bis zum 22.07.2011, eine Anhörung ist zum 11.08.2011 geplant.

Im folgenden Beitrag möchte ich Sie über die geplanten Änderungen informieren.

 Hintergrund

Art. 124 Abs. 5 der  Bankenrichtlinie (Richtlinie 2006/48/EG) verpflichtet die BaFin als nationale Aufsichtsbehörde, die institutsinternen Prozesse und Verfahren zum Risikomanagement zu überprüfen und zu bewerten, um so eine solide Risikoabdeckung sicherzustellen.  Dazu kann die Aufsicht nach § 25a Abs. 1 Satz 7 KWG Vorgaben zur Ausgestaltung einer plötzlichen und unerwarteten Zinsänderung  festlegen.

Zwar wird das Zinsänderungsrisiko der Anlagebuchpositionen  derzeit nicht bei der Ermittlung der Eigenkapitalanforderungen nach  der SolvV berücksichtigt. Allerdings kann die BaFin nach § 10 Abs. 1 b Nr. 1 KWG bei der Beurteilung der Angemessenheit der Eigenmittel an ein Institut höhere Eigenmittelanforderungen stellen, wenn Risiken im Rahmen der Solvabilitätsverordnung (SolvV) nicht oder nicht  voll umfänglich berücksichtigt werden.

Bisher ist dieses Verfahren zur Überprüfung und Bewertung des Zinsänderungsrisikos im Rundschreiben 07/2007  festgelegt. Kernpunkt ist dabei die Simulation des  Zinsschocks. Bei Instituten, deren wirtschaftlicher Wert bei einer plötzlichen und unerwarteten Zinsänderung um mehr als 20 % ihrer Eigenmittel absinkt, sind die zuständigen nationalen Behörden gehalten, Maßnahmen zu ergreifen.

 

 Die wesentlichen Änderungen

  •  Anwenderkreis

Der neue Entwurf stellt klar, dass die Anforderungen bei Instituten, die von der Ausnahmeregelung des Gruppen-Waiver  (§ 2a Abs. 1 oder § 2a Abs. 6 KWG) Gebrauch machen und die Zinsänderungsrisiken auf Anwendungsebene des Gruppen-Waivers steuern, auf dieser Ebene und nicht mehr auf Einzelinstitutsebene zu beachten sind.

Für Nichthandelsbuchinstitute sind die Anforderungen dieses Rundschreibens nicht nur auf das Anlagebuch, sondern auf  alle Geschäfte des Instituts anzuwenden.

  •  Szenario für den Zinsschock

Bislang beträgt die für die plötzliche und unerwartete Zinsänderung unterstellte Parallelverschiebung der Zinsstrukturkurven + 130 bzw. – 190 Basispunkte. Nach dem neuen Entwurf werden die Institute zukünftig eine Parallelverschiebung der Zinskurve von 200 Basispunkten jeweils nach oben oder unten annehmen müssen.

Bei der Ermittlung der Auswirkungen des Zinsschocks ist – wie bisher auch – auf den „wirtschaftlichen Wert“ abzustellen. Die Veränderung des wirtschaftlichen Werts ist in Bezug zu den regulatorischen Eigenmitteln zu setzen. Dabei sind für die Ermittlung der Auswirkungen einer plötzlichen Zinsänderung alle mit einem Zinsänderungsrisiko behafteten bilanziellen und außerbilanziellen Positionen des Anlagebuchs zu erfassen. Wie auch schon im RS 07/2007 werden mit einem Ausweichverfahren die barwertigen  Auswirkungen im Anlagebuch aufgrund einer Zinsänderung geschätzt, die in Relation zu den regulatorischen Eigenmitteln zu setzten sind.

  •  Institute mit erhöhten Zinsänderungsrisiken

Institute,  deren wirtschaftlicher Wert bei einer plötzlichen und unerwarteten Zinsänderung um mehr als 20 % ihrer Eigenmittel absinkt, werden im Rahmen des RS 7/2007 als sog. „Ausreißer-Institute“ eingestuft. Hier sind die zuständigen nationalen Behörden gehalten, „Maßnahmen zu ergreifen“. Im neuen Konsultations-Entwurf werden diese Banken jetzt als „Institute mit erhöhtem Zinsänderungsrisiko“ bezeichnet.

  • Meldungen und Offenlegung

Nach wie vor müssen die Institute, die auf der Grundlage ihrer internen Berechnungen und unter Beachtung der aufsichtlichen Vorgaben  eine negative Barwertänderung von mehr als 20 % der regulatorischen Eigenmittel aufweisen, dies gegenüber  Bundesbank und BaFin unverzüglich anzeigen.

Neu ist, dass die Institute künftig zum Quartalsende die Maßzahl zum Zinsänderungsrisiko nach § 11 Abs. 2 PrüfbV (die Höhe des potentiellen Verlustes gemäß der vorgegebenen Zinsänderung nach § 25a Abs. 1 Satz 7 des KWG zum letzten Berechnungszeitpunkt) an die Deutsche Bundesbank melden sollen. Diese zusätzlichen Meldungen sind bereits  im neuen Konzept der Aufsichtsbehörden zur Modernisierung des Meldewesen bzgl. der unterjährigen Finanzdaten berücksichtigt (Modul A – vgl. dazu unser Blog-Beitrag: „Neues Meldewesen für Millionenkredite, Finanzdaten und Risiko“ vom 24.03.2011). Durch die quartalsweise Meldung der Kennzahlen  erhält die Aufsicht regelmäßige und aktuelle Informationen, um entsprechende Fehlentwicklungen frühzeitig zu erkennen.. Im Rahmen der Konsultation zu den Zinsänderungsrisiken geht die BaFin davon aus, dass die Institute die geforderte Maßzahl ab dem  30.09.2011 jeweils zum Quartalsende melden. Nachdem aktuell jedoch der Meldebeginn für die unterjährigen Finanzdaten aufgrund der andauernden Diskussion verschoben wurde (Blog-Beitrag: „Stichtag zur Anwendung des neuen Meldewesenkonzepts verschiebt sich“ vom 07.07.2011), bleibt abzuwarten, wann die Institute hier zur Meldung der Kennzahlen zum Zinsänderungsrisiko aufgefordert sind.

  •  Individuelle Prüfung der Eigenmittelausstattung

Das Ergebnis des Zinsänderungsszenarios ist nach dem neuen RS-Entwurf jetzt der Ausgangspunkt für eine genauere Untersuchung der Institute. Geprüft wird dabei im Einzelfall, ob das Institut unter Einbeziehung der Zinsänderungsrisiken des Anlagebuchs sowie der Eigenmittelanforderungen nach der SolvV insgesamt angemessene Eigenmittel hat. Das bedeutet im Gegenzug, dass allein eine Einstufung als „Institut mit erhöhtem Zinsänderungsrisiko“ nicht notwendigerweise zu einer erhöhten Eigenkapitalanforderung führen muss. Ein erhöhtes Zinsänderungsrisiko – also ein Risikobetrag für Zinsänderungsrisiken im Anlagebuch, der 20% der Eigenmittel übersteigt – in Verbindung mit einem hohen Eigenmittelkoeffizienten bliebe  wohl eher ohne aufsichtliche Konsequenzen. Ergibt die Gesamtschau jedoch, dass die Eigenmittel im Verhältnis zu den Eigenmittelanforderung nach der SolvV inklusive einem  Verlust in Folge des simulierten Zinsschocks zu einem zu geringen Eigenmittelkoeffizienten führen, kann die Aufsicht entsprechend höhere Eigenmittelanforderungen festlegen. Dies gilt grundsätzlich für alle Institute, nicht nur für solche, die ein „erhöhtes“ Zinsänderungsrisiko im Sinne dieses RS-Entwurfs aufweisen.

  •  Erhöhungsbetrag für die Eigenmittelanforderung

Wird seitens der BaFin ein erhöhter Bedarf an Eigenmitteln angeordnet, bestimmt sich der Erhöhungsbetrag nach der ermittelten Veränderung der Barwerte für die Zinsschockszenarien (Ansteigen und Absinken des Zinsniveaus). Zum ersten Meldestichtag wird ein Viertel des Barwerts gefordert. Für die weitere Meldeperiode erhöht sich der Betrag jeweils um ein Viertel der Barwertänderung. Ab dem 5. Meldestichtag wird die BaFin zudem eine sog. Beobachtungsperiode einführen, währende der das Institut verpflichtet ist, über die Barwertänderungen zu informieren. Anhand der Meldungen kann die BaFin die Entwicklung beurteilen und entsprechend über eine Fortführung der Anordnung entscheiden.

 

Durch den neuen Entwurf geraten die Zinsänderungsrisiken  aller Institute verstärkt in den Fokus der Aufsicht. Die Regelung hat Präventionscharakter. Das kommt durch die vermehrten Offenlegungspflichten deutlich zum Ausdruck. Auch auf europäischer Ebene steigt das Problembewusstsein für die Zinsänderungsrisiken und ihr Management, was die Diskussion um die Net Stable Funding Ratio (NSFR) wieder zeigt. Denn die Liquiditätskennziffern können die Möglichkeiten der Fristentransformation einschränken. Hier werden wohl noch weitere Änderungen zu erwarten sein, wenn auch im aktuellen CRD IV- Entwurf keine Kennziffer für die NSFR definiert wurde, sondern zunächst der Weg über verstärkte Meldeanforderungen gewählt wurde, um aus den gesammelten Daten die weiteren Folgen abzuschätzen.

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