Das neue Banking Package (Teil 4): Zurücklehnen verboten! KSA und IRBA sind nicht erst durch „Basel IV“ betroffen!

Am 15. Februar 2019 hat der Rat der Europäischen Union die finalen Entwürfe zur Änderung des Banking Package, darin unter anderem die finalen Entwürfe der CRR II und der CRD V gebilligt. Im vierten Teil unserer Beitragsserie zum neuen Banking Package möchten wir Ihnen die Änderungen der CRR II in Bezug auf das Kreditrisiko vorstellen. Sowohl im Kreditrisikostandardansatz (KSA) als auch in dem auf internen Ratings basierenden Ansatz (IRBA) kommt es dabei zu Anpassungen. Die bedeutendste Änderung betrifft jedoch die Behandlung von Anteilen an Investmentfonds im Anlagebuch. Der Beitrag schließt mit einem kurzen Abriss über die bereits am 1. Januar 2019 in Kraft getretenen neuen Verbriefungsregelungen.

Neuerungen im Kreditrisikostandardansatz (KSA)

Erwartungsgemäß umfassen die Änderungen der CRR II noch nicht die auf Baseler Ebene beschlossene umfassende Überarbeitung des KSA gemäß BCBS 424 aus dem Dezember 2017. Diese wird damit vermutlich Teil einer künftigen CRR III. Dennoch gibt es auch in der CRR II zahlreiche Anpassungen am KSA, die in der Praxis von großer Bedeutung sein können.

So gab es intensive Diskussionen um die Forderungsklasse „durch Immobilien besicherte Positionen“. Vor dem Hintergrund von sehr heterogenen Immobilienmärkten und großem politischen Interesse an dieser volkwirtschaftlich wichtigen Forderungsklasse hat man sich jedoch nur auf den kleinsten Nenner einigen können. Mit der CRR II werden die nationalen Aufseher verpflichtet, zukünftig die privilegierten Risikogewichte von 35% für Wohnimmobilien und 50% für Gewerbeimmobilien intensiver auf Angemessenheit hin zu überprüfen. Dazu müssen seitens der Mitgliedsländer auch die entsprechend Verantwortlichen klar benannt werden.

In der Forderungsklasse „multilaterale Entwicklungsbanken“ wurden zwei Entwicklungsbanken zu der Liste der Institute hinzugefügt, welche ein Risikogewicht von 0% erhalten. Zudem soll es künftig eine regelmäßige Anpassung der Liste dieser Ausnahmen geben. In den „internationalen Organisationen wurde die europäische Atomenergiebehörde als Organisation mit einem zulässigen Risikogewicht von 0% ergänzt.

Darüber hinaus gibt es Anpassungen beim KMU Faktor. Dieser ist nun zweistufig gestaltet: Der Forderungsanteil bis zu einer Höhe von € 2,5 Mio erhält einen Faktor von 0,7619. Überschreitet die Forderungshöhe € 2,5 Mio, so erhält dieser überschreitende Teil einen Faktor von 0,85 (zur Formel siehe Abbildung unten).Das bedeutet, dass die nach dem normalen Vorgehen ermittelten risikogewichteten Aktiva mit diesen Unterstützungsfaktoren multipliziert und damit verringert werden.

Forderungen aus den Forderungsklasse „Unternehmen“ bzw. im IRBA auch „Spezialfinanzierungen“ können einen neuen Infrastruktur-Unterstützungsfaktor von 0,75 erhalten. Damit möchte man den Ausbau der Infrastruktur fördern. Damit Banken diesen Unterstützungsfaktor anwenden können, sind eine Reihe zum Teil strenger Anforderungen an diese Finanzierungen zu erfüllen.

Die nachfolgende Abbildung gibt einen Überblick über die beiden Unterstützungsfaktoren (zum Vergrößern bitte auf die Abbildung klicken): 

Anpassungen am IRB-Ansatz

Außer den nachfolgend beschriebenen Änderungen bei der Behandlung von Anteilen an Investmentfonds ergeben sich kaum Änderungen am IRB-Ansatz. Lediglich bei der Schätzung von Verlustquoten bei Ausfall (LGD) wird ein neues Mandat für EBA und das European Systemic Risk Board (ESRB) vorgesehen, Vorgaben zur Erhöhung der Mindest-LGD für immobilienbesicherte Positionen zu entwickeln. Die bereits oben in Bezug auf den KSA beschriebenen Änderungen bei immobilienbesicherten Positionen werden somit analog auch für den IRB-Ansatz umgesetzt.

Neue Kapitalanforderungen für Anteile an Investmentfonds

Für die RWA-Ermittlung von Anteilen an Investmentfonds, also sog. Organismen für gemeinsame Anlagen (OGA), besteht bereits in der aktuellen CRR die Möglichkeit, dass bei Erfüllung bestimmter Anforderungen sowohl im KSA als auch im IRBA auf die KSA-Risikogewichte bzw. IRBA-Parameter der dem OGA zugrundeliegenden Risikopositionen abgestellt werden darf (sog. Transparenzansatz bzw. Look-Through-Approach, LTA). Dieser sieht vor, dass die indirekt über den OGA erworbenen Positionen in ihrer Behandlung den direkten Positionen der Bank grundsätzlich gleichgestellt werden. Wenn dies aufgrund der Datenlage nicht möglich oder aufgrund der fehlenden adäquaten Beaufsichtigung des OGA nicht erlaubt ist, kann im KSA auf ein ggf. verwendbares externes Rating zurückgegriffen oder ein pauschales Risikogewicht von 100% angewandt werden. Im IRBA besteht zusätzlich noch die Option, auf den sog. modifizierten Standardansatz abzustellen, sofern eine vollständige Durchschau der OGA-Anteile oder eine durchgehende Ermittlung von PD und ggf. LGD und EAD nicht möglich ist (mit einem 10%igen Aufschlag auf die KSA-Risikogewichte) oder – sofern auch dies nicht darstellbar ist – die konservative Annahme zu treffen, dass der OGA vollständig in „Sonstige Beteiligungspositionen“ mit einem Risikogewicht von 390% investiert ist.

Die CRR II hat diesen Transparenzgedanken in Umsetzung des BCBS 266 nun noch einmal deutlich stärker in den Mittepunkt gerückt. Im Wesentlichen ist der Neufassung des Art. 132 CRR zu entnehmen, dass im KSA die Möglichkeiten zum Rückgriff auf ein externes Rating oder ein pauschales Risikogewicht von 100% weggefallen sind. Instituten steht für die Ermittlung der KSA-Risikogewichte für OGA-Anteile zukünftig nur noch der LTA oder der sog. mandatsbasierte Ansatz (MBA) zur Verfügung – und zwar auch nur dann, wenn eine Vielzahl an Mindestanforderungen erfüllt wird. So muss es sich um in der EU zugelassene bzw. registrierte oder zumindest vermarktbare OGA handeln, d.h. der OGA bzw. seine Verwaltungsgesellschaft muss einer entsprechenden EU-Richtlinie (UCITS- oder AIFM-Richtlinie) unterliegen. Zudem muss der OGA über eine detaillierte und validierte Berichterstattung über seine Risikopositionen verfügen, die er dem Institut in hoher Frequenz für seine RWA-Ermittlung zur Verfügung stellt. Ist die Datenlage für den LTA nicht ausreichend, kann der etwas weniger granulare MBA angewandt werden. In diesem Fall können zwar einige Abstriche bei der Granularität und Häufigkeit des Fondsreportings gemacht werden. Allerdings sind dann statt der tatsächlichen Fondszusammensetzung die im Fondsprospekt ggf. festgelegten Anlagebeschränkungen ausschlaggebend. Im Zweifel bedeutet dies, dass konservative Annahmen über z.B. den Verschuldungsgrad (Leverage) und die Investitionen des Fonds in Verbriefungen oder Derivate getroffen werden müssen, was wiederum zu deutlich erhöhten RWA führen kann. Zwar besteht eine dem MBA vergleichbare Regelung auch heute schon, in der Praxis ist sie jedoch weitgehend bedeutungslos.

Können die Anforderungen an den LTA und MBA nicht erfüllt werden, ist stets, d.h. auch bei einer ausreichenden Informationslage, ein Risikogewicht von 1.250% anzuwenden, was also rechnerisch einem kompletten Kapitalabzug des Investmentanteils gleichkommt (sog. Fallback-Ansatz, FBA).

Im IRBA stellt sich eine vergleichbare Situation dar. Auch hier geht die CRR II in erster Linie davon aus, dass Institute den LTA nutzen und ihre IRBA-Risikogewichte auf Basis der Informationen über die zugrundeliegenden Risikopositionen ermitteln. Ist dies nicht für alle IRBA-Parameter möglich, kann weiterhin der modifizierte KSA genutzt werden. Dieser sieht wie bisher auch einen Rückgriff auf die KSA-Risikogewichte der zugrundeliegenden Positionen – mit Ausnahme von Beteiligungen und Verbriefungen – vor, wobei der derzeit noch einschlägige 10%ige Risikogewichtsaufschlag entfallen ist. Ist auch dies nicht möglich, soll auch im IRBA der MBA zur Anwendung kommen können. Allen drei „Transparenzansätzen“ im IRBA ist jedoch gemein, dass die beschriebenen formalen und operativen Anforderungen an die Registrierung/Zulassung des OGA bzw. des Verwalters sowie an die Berichterstattung und die Anlagebedingungen des Fonds zwingend erfüllt sein müssen. Andernfalls ist auch hier ein pauschales Risikogewicht von 1.250% nicht zu vermeiden.

Im Allgemeinen gilt also nach wie vor der in folgender Grafik skizzierte Grundsatz: Je geringer die Granularität der verfügbaren Informationen über die Risikopositionen des Fonds ist, desto höher ist das Konservativitätsniveau des anzuwendenden Ansatzes. Allerdings hat die CRR II durch die Einführung des Fallback-Ansatzes die bisherigen „Rückfalllösungen“ bei nicht ausreichender Informationslage oder nicht adäquater Regulierung des OGA deutlich verschärft. Die nachfolgende Abbildung zeigt diesen Zusammenhang auf (zum Vergrößern bitte auf die Abbildung klicken):

 

Die damit aufgebaute „Drohkulisse“ einer vollständigen Kapitalunterlegung von Investmentanteilen über den Fallback-Ansatz verstärkt natürlich im Umkehrschluss den Anreiz zur Anwendung der Transparenzansätze. Der Regulator verleiht damit insbesondere seiner Erwartungshaltung Nachdruck, dass die den Fondsinvestments zugrundeliegenden Risikopositionen den Instituten hinreichend bekannt und auch in die internen Prozesse und Systeme eingebunden sein sollten. Alternativ wird noch der MBA als vertretbar erachtet, sofern aus der Fondsdokumentation möglichst eindeutige Rückschlüsse auf die Zusammensetzung des OGA gezogen werden können.

Zur operativen Umsetzung des LTA und des MBA gestattet die CRR II den Instituten sowohl im KSA als auch im IRBA, auf Berechnungen von Drittparteien zurückzugreifen. Nimmt ein Institut eine solche Outsourcing- Dienstleistung in Anspruch, muss es sich allerdings die Richtigkeit der Berechnungen durch einen externen Prüfer bestätigen lassen und die ermittelten Risikogewichte mit einem Zuschlagsfaktor von 1,2 multiplizieren.

Die eigentliche RWA-Ermittlung im Falle der Anwendung des LTA oder des MBA hat sich gegenüber den aktuell geltenden Vorgaben hingegen nur an wenigen Stellen geändert. Es gilt weiterhin der Grundsatz, dass die zugrundeliegenden Positionen so zu behandeln sind, als würden sie direkt durch das Institut gehalten werden. Allerdings wurde zusätzlich klargestellt, dass auch außerbilanzielle Positionen in Bezug auf einen zukünftigen Erwerb von Investmentanteilen (d.h. Zeichnungszusagen) in die RWA-Ermittlung einbezogen werden müssen. Ferner wird eine vereinfachte Ermittlung der CVA Risk Capital Charge bezogen auf die durch den Fonds abgeschlossenen derivativen Positionen gestattet: Anstelle der üblichen Verfahren zur Ermittlung der CVA Risk Charge kann näherungsweise auf einen Wert in Höhe von 50% der Eigenmittelanforderungen für das Kontrahentenrisiko aus den Derivaten abgestellt werden. Und schließlich wird Instituten die Möglichkeit eröffnet, dass – anstelle einer „bottom-up“ Berücksichtigung der RWA der einzelnen zugrundeliegenden Risikopositionen – der absolute Eigenkapitalanteil des Instituts, multipliziert mit dem durchschnittlichen Risikogewicht und dem Verschuldungsgrad (Leverage) des Fonds, als RWA herangezogen wird, wenn die Fondsanteile zu Anschaffungskosten bewertet werden, die zugrundeliegenden Risikopositionen aber im Falle einer Einzelbewertung im Rahmen des LTA zum Fair Value bewertet werden würden. Hintergrund dieser Option ist die potenzielle Ungleichbehandlung mit Blick auf die Eigenmittelquote des Instituts, da ansonsten Wertzuwächse der zugrundeliegenden Positionen die Bemessungsgrundlagen zur RWA-Ermittlung im Nenner der Quote erhöhen würden, während die unrealisierten Gewinne die Eigenmittel des Instituts (Zähler) noch nicht beeinflussen.

Zusammenfassend sollten Banken, die Investmentanteile halten oder dies für die Zukunft geplant haben, also schon jetzt insbesondere die folgenden Veränderungen bei der RWA-Ermittlung beachten:

  1. Ein pauschales Risikogewicht von 1.250% für den gesamten Investmentanteil lässt sich zukünftig nur dann vermeiden, wenn die Transparenzansätze (LTA bzw. modifizierter Standardansatz) oder zumindest der mandatsbasierte Ansatz (MBA) zur Anwendung kommt. Sofern noch nicht geschehen, müssen also entsprechende Verfahren aufgesetzt und Informationen angebunden, Drittparteien beauftragt oder Detailanalysen zur Ableitung der Risikogewichte aus den Fondsunterlagen durchgeführt werden.
  2. Investmentanteile von OGA, die nicht in einem EU-Mitgliedsstaat zugelassen bzw. registriert sind und auch nicht in einem EU-Mitgliedsstaat vermarktet werden dürfen, laufen Gefahr, ein pauschales Risikogewicht von 1.250% zu erhalten – selbst wenn die Datenlage eine vollständige Durchschau auf die zugrundeliegenden Assets zulassen würde.

Überarbeitung des Verbriefungsregelwerks

Ein bedeutender Baustein des Baseler Ausschusses zum Neuaufsatz der Eigenmittelanforderungen von Banken im Nachgang der Finanzmarktkrise war die umfassende Überarbeitung des Verbriefungsrahmenwerks. Die darauf ausgerichteten Arbeiten konnten bereits in weiten Teilen in 2015 finalisiert und auf EU-Ebene in 2017 beschlossen werden. Die in dem Rahmenwerk enthaltenen neuen Methoden zur RWA-Ermittlungen von Verbriefungspositionen sind in der EU zum 1. Januar 2019 über eine weitreichende Änderung der CRR in Kraft getreten. Insofern kann man diese Neufassung auch guten Gewissens als „CRR I.5“ bezeichnen. Wir haben hierüber bereits ausführlich in unseren früheren Blog-Beiträgen und auch auf unserem YouTube-Channel berichtet.

Durch die nun veröffentlichten finalen Entwürfe der CRR II ergeben sich keine Veränderungen mehr am neuen Verbriefungsrahmenwerk.

Welche Schritte müssen Institute jetzt ergreifen?

Alle dargestellten Neuerungen sollten von den Instituten auf ihre Auswirkungen hin analysiert werden. Insbesondere die Änderungen im KSA sind mit Ausnahme des KMU-Faktors im Vorfeld nur wenig diskutiert worden. Die Änderungen bei Anteilen an Investmentfonds sind insbesondere für solche Institute von hoher Bedeutung, die zu einer Durchschau noch nicht in allen Fällen in der Lage sind. Hier, ebenso wie bei den gehebelten Fonds, gilt es rechtzeitigt die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen um eine adäquate Versorgung mit den notwendigen Daten sicherzustellen.

Bei allen Fragen rund um diese Themen stehen Ihnen die Experten von PwC gerne zur Seite.

 

 

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