Der IRB-Ansatz 2.0

Die neuen Bankaufsichtsrechtlichen Vorgaben, in der Branche als „Basel IV“ bekannt, sehen zahlreiche Änderungen an dem auf internen Ratings basierenden Ansatz (IRBA) vor, der durch Basel II in 2007 eingeführt wurde. Die wichtigste Neuerung betrifft die Einführung eines Output-Floors, wonach die Kapitalanforderungen gemäß des IRB-Ansatzes auf mindestens 72,5% der RWA, gemessen mittels der Standardansätze, nach unten hin begrenzt sind.

Bislang haben viele KSA-Banken gezögert, auf den IRB Ansatz zu wechseln. Einerseits fürchteten sie den hiermit einhergehenden Aufwand und andererseits die resultierende Abhängigkeit von internen Modellen. Die Umsetzung von IFRS 9 hat jedoch bei vielen dieser Banken zu einem Umdenken geführt, da sie hierdurch bereits gezwungen waren, Erfahrungen mit der Modellierung und der Model-Governance zu sammeln. Tatsächlich ist für die Umsetzung des IRB Ansatzes sogar wesentlich mehr Zeit (bis zu drei Jahre) vorgesehen, als die Banken in IFRS 9 investiert haben.

Daher ist zu erwarten, dass die Zahl der Banken mit einem Interesse an der IRBA-Umsetzung innerhalb des SSM in den kommenden Jahren deutlich ansteigen wird. Hierfür gibt es mehrere Gründe, die in diesem Beitrag erläutert werden. Ebenso wird auf die Herausforderungen und Vorteile eingegangen, die die Banken aufgrund der Veränderungen im IRB-Rahmenwerk (Basel III: Finalising the post-crisis reforms (BCBS 424)) (bis 2022) erwarten könnten.

Viele Retailbanken sehen sich der Herausforderung ausgesetzt, Kapital freizusetzen um weiteres Wachstum zu ermöglichen (z.B. im Baufinanzierungsgeschäft oder im Geschäft mit KMU) und hierdurch im zunehmenden Wettbewerb um diese Geschäfte zu bestehen. Angesichts der nahenden Beendigung der quantitativen Lockerung („quantitative easing“) durch die FED und die EZB, steigt die Bedeutung des Kapitals als knappes Gut. Folglich kann eine Ausweitung der Geschäftstätigkeit nur über die Nutzung des IRB-Ansatzes und die damit einhergehenden niedrigeren Risikogewichte erfolgen. Darüber hinaus bietet der IRBA eine verbesserte Risikosensitivität und verstärkte Anreize für das Risikomanagement der Institute. Die Umsetzung des IRB-Ansatzes ist jedoch mit zahlreichen Herausforderungen verbunden, so dass eine langfristige und realistische Planung unumgänglich ist. Dabei lassen sich die wichtigsten Herausforderungen in drei Kategorien einteilen (i) Datenanforderungen, (ii) Fachwissen und (iii) Management der Erwartungen von Bankenaufsehern und bankinternen Stakeholdern.

Alle Herausforderungen haben Auswirkungen auf die Geschäftstätigkeit und die Infrastruktur der Institute, so dass die relevanten Entscheidungsträger diese kennen sollten.

Datenanforderungen

Hierbei handelt es sich im Regelfall um die schwierigste Hürde. Unabhängig von der Größe des Portfolios einer Bank muss diese Schätzungen für die konjunkturunabhängige Ausfallwahrscheinlichkeit (through the cycle probability of default, PD) und Verlusthöhe bei Ausfall unter Berücksichtigung eines Konjunkturabschwungs (downturn loss given default, LGD) unter Nutzung der IRB-Modelle berechnen. Die aktuellen Regelungen gemäß CRR sehen die Verwendung von langen historischen Beobachtungszeiträumen vor; bei Retail-Baufinanzierungen sind durchschnittliche Ausfallraten aus mindestens fünf Jahren für die PD-Modelle und Verlustdaten bei Ausfall aus mindestens sieben Jahren für die LGD-Modelle vorzuhalten. Die anstehenden Änderungen der Vorgaben für den IRBA, abgekürzt IRB 2.0, können jedoch so ausgelegt werden, dass Seitens der EBA mindestens 20 Jahre an historischen Daten für die LGD-Schätzung vorausgesetzt werden. Diese Anforderung ist für die meisten Banken so nicht zu erfüllen, wenn sie nicht auf Daten von externen Anbietern zurückgreifen können. Insbesondere ist davon auszugehen, dass die betroffenen Portfolios vor fünfzehn Jahren noch deutlich kleiner waren oder die Kredite unterschiedliche Produkteigenschaften hatten, so dass diese Daten nicht repräsentativ für die aktuellen Portfolios sind. Gleichzeitig haben spezialisierte Datenanbieter in den letzten fünfzehn Jahren ihre Aktivitäten schrittweise ausgeweitet und können für viele dieser Portfolios das Fehlen einer ausreichend langen Datenreihe ersetzen. Zudem stellt die EBA in den von ihr vorgeschlagenen Leitlinien klar, unter welchen Bedingungen externe Daten für die Entwicklung von IRB-Modellen verwendet werden können.

Erforderliche Fachkenntnisse

Die IRB-Umsetzung erfordert natürlich viel Fachwissen und Erfahrung. Im Gegensatz zu der Zeit der IRBA-Einführung im Rahmen von Basel II, liegen heute jedoch wesentlich umfangreichere und damit auch konkretere Vorgaben vor, als in 2005/06. Sowohl EBA als auch EZB haben in den letzten zwei bis drei Jahren eine Fülle von Umfragen, technischen Standards und Leitlinien entwickelt. Gerade der „Targeted Review of Internal Models“ (TRIM) der EZB verfolgt das Ziel, alle IRB-Modelle unabhängig davon, in welchem Land sie zugelassen wurden, in Bezug auf ihre technischen Methoden vergleichbar zu machen, um Unstimmigkeiten oder die Verwendung unzuverlässiger Modelle für die Bestimmung der Kapitalanforderungen zu vermeiden. Daher besteht heute Zugang zu einer viel detaillierteren technischen Anleitung als in den Anfangszeiten der IRB-Umsetzung.

Dies ist jedoch nicht die entscheidende Änderung des bestehenden Regelwerks durch IRB 2.0. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass die Anforderung einer (annähernd) vollständigen Abdeckung aller Portfolios durch IRB-Modelle künftig entfällt. In Deutschland gilt bislang eine Zielquote von 92%, d.h. nach Einführung des IRBA müssen 92% des Exposure und 92% der risikogewichteten Aktiva einer Bank dauerhaft über den IRB Ansatz abgebildet werden. IRB 2.0 ist insofern ein Game Changer, als er erlaubt die IRB-Compliance auf Portfoliolevel zu erreichen. Somit können Banken künftig einzelne Portfolios in den IRBA überführen, ohne gleichzeitig der Verpflichtung zu unterliegen, alle Portfolios in den IRBA zu überführen. So könnten zukünftig beispielsweise 40% des Portfolios einer Bank im IRBA abgebildet werden und die verbleibenden Portfolios dauerhaft im Kreditrisikostandardansatz verbleiben.

Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass die Kosten der IRBA-Umsetzung geringer ausfallen, weil aufgrund der Arbeiten zur Umsetzung von IFRS 9 bereits umfangreiches Wissen über PD- und LGD-Modelle in den Banken vorliegt. Dies dürfte auch helfen, internen Widerständen gegen eine IRBA-Einführung zu begegnen, wenn diese mit dem erwarteten Aufwand der IRBA-Umsetzung begründet sind.

Im Gegensatz zu den IRBA-Umsetzungen unmittelbar nach der Einführung von Basel II ist das notwendige Fachwissen über die Anforderungen an die Modellentwicklung und -validierung deutlich weiter verbreitet. Ganz zu schweigen davon, dass die meisten Banken bei der Umsetzung des IFRS 9 Impairment-Frameworks umfangreiche Erfahrungen gesammelt haben, um solche umfassenden Projekte durchzuführen, die fast alle Bankaktivitäten beeinflussen. Der Erwerb der notwendigen fachlichen Ressourcen ist daher ebenfalls deutlich weniger problematisch als noch vor 15 Jahren.

Management der regulatorischen Erwartungen

Nach der Übernahme der Bankenaufsicht durch die EZB im Rahmen des SSM mussten IRBA-Banken erkennen, dass Modelprüfungen der EZB deutlich strengere, auch formale Anforderungen an die Einhaltung der Vorgaben der CRR voraussetzen, als dies teilweise in der Vergangenheit bei den Prüfungen der nationalen Aufsichtsbehörden der Fall war. Hier hat die EZB-Aufsicht sicherlich das Ziel erreicht, für Europaweit einheitliche Standards zu sorgen und wird auch zukünftig das Ruder in der Hand halten. Zwar setzen sich die Joint Supervisory Teams („JST“) auch aus Experten der lokalen Aufsichtsbehörden zusammen, eine Aufsichtsarbitrage innerhalb des SSM wird jedoch verhindert.

Im Rahmen der IRBA Umsetzung ist es somit für die Institute essentiell, einen realistischen Umsetzungsplan zu erstellen und auf klare und prägnante Art und Weise an die EZB zu kommunizieren. Ein solcher Antrag dauert in der Regel mindestens drei Jahre, die regulatorischen Herausforderungen können jedoch zu Verzögerungen führen. Diese sind untrennbar mit der Nutzung interner Modelle verbunden, so dass die Banken lernen müssen, hiermit umzugehen. Darüber hinaus verfügt PwC über umfangreiche Dokumente, Schreiben und weitere Arten von Mitteilungen, die die Banken bei der Festlegung einer soliden Kommunikationspolitik mit den Regulierungsbehörden unterstützen können.

Fazit und Ausblick: IRB 2.0

Eine IRBA-Umsetzung nur als Programm zur Einsparung von Eigenkapital zu verstehen, wäre ein offensichtlicher Irrtum, da die Vorteile aus der Nutzung des IRBA viel weitreichender sind. So führt eine IRBA-Umsetzung zu Vorteilen wie z.B. eine bessere Risikosteuerung, setzt Anreize für sorgfältige Planungsprozesse und Portfoliomanagement, die Nutzung von Synergien bei Modellen und Systemen sowie eine verbesserte Nutzung von Daten in der Banksteuerung – und nicht nur Kapitaleinsparungen.

Besonders im Retail-Bereich tätige Banken verlieren deutlich an Wettbewerbsfähigkeit, wenn sie ihre Eigenkapitalanforderungen weiterhin nach dem Standardansatz messen. Insbesondere bei Banken, die bereits über IFRS 9 Modelle verfügen, kann der Wechsel in den IRBA ein deutliches Kreditwachstum bei identischem Kapitaleinsatz erlauben, während die Investitionskosten überschaubar bleiben. Daher ist zu erwarten, dass gerade im Retail-Segment solche Institute ihren Marktanteil in Zukunft halten bzw. ausweiten können, die auf den IRB-Ansatz wechseln. Dies ist ein Trend, der in vielen SSM-Ländern bereits begonnen hat und in den nächsten Jahren weiter anhalten wird.

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