EBA entwirft neue Großkreditregelungen für indirekte Risiken aus Derivaten und Kreditderivaten

Am 23. Juli 2020 hat die European Banking Authority (EBA) das Konsultationspapier zur Behandlung von indirekten Risikopositionen aus Derivaten und Kreditderivaten im Großkreditregime veröffentlicht (Draft Regulatory Technical Standards on the determination of indirect exposures to underlying clients of derivatives and credit default derivatives under Article 390(9) CRR2 (EBA/CP/2020/14)) und damit den nächsten wichtigen Meilenstein zur Konkretisierung der Neuregelung in Art. 390 Abs. 5 der CRR2 erreicht. Über die CRR2 wurde zunächst klargestellt, dass auch solche Risiken in der Großkreditmeldung und ‑überwachung zu berücksichtigen sind, die ein Institut nur indirekt über den Abschluss eines Derivategeschäfts (bspw. Option, Forward) oder eines Kreditderivats (bspw. CDS) gegenüber dem Schuldner eines Referenzaktivums eingegangen ist. Der dazugehörige EBA-Standard soll die konkrete Methodik zur Ermittlung der indirekten Risikopositionswerte vorgeben, wobei das nun vorliegende Konsultationspapier bereits erahnen lässt, dass die Umsetzung diverse fachliche und praktische Herausforderungen mit sich bringen wird.

Hintergrund

Aus einem Derivategeschäft resultieren typischerweise Kontrahentenausfallrisiken, die ein Institut sowohl für die Zwecke der Eigenmittelunterlegung als auch zur Überwachung der Großkreditgrenzen dem Derivatekontrahenten zuzuordnen hat. Sofern dem Derivat ein oder mehrere Referenzschuldner zugrunde liegen, kann der Ausfall der Referenzschuldner eine zusätzliche Risikoquelle für das Institut darstellen. Dies ist beispielsweise bei einer verkauften Verkaufsoption (Short Put) oder einem Future auf eine Aktie oder einen Schuldtitel der Fall, da ein Ausfall des zugrunde liegenden Emittenten bzw. Schuldners zu einem Wertverlust des Referenzaktivums führt. Gleiches gilt für den Verkäufer eines Kreditderivats, der sich aufgrund seiner Eigenschaft als Sicherungsgeber dem Bonitätsrisiko des abgesicherten Referenzschuldners aussetzt. Vor diesem Hintergrund regelt Art. 390 Abs. 5 CRR2, dass etwaige indirekte Risiken, die aus Derivaten und Kreditderivaten resultieren, zu ermitteln und im Rahmen der Großkreditmeldung und -überwachung den jeweiligen Referenzadressen zuzuordnen sind.

Das EBA-Papier im Überblick

Die EBA greift mit ihrem Konsultationspapier diese grundsätzliche Vorgabe der CRR2 auf und konkretisiert die Methoden, die bei der Ermittlung und Bemessung der indirekten Risikopositionen aus Derivaten und Kreditderivaten im Anlagebuch und Handelsbuch gleichermaßen zur Anwendung kommen sollen. Dabei differenziert sie zunächst einmal methodisch zwischen solchen (Kredit-)Derivaten, deren Basiswert eine einzige Referenzadresse umfasst, und (Kredit-)Derivaten, deren Basiswert sich aus mehreren Referenzadressen zusammensetzt. Allen methodischen Vorgaben der EBA ist jedoch ein wesentlicher Grundgedanke gemein: Eine indirekte Risikoposition mit positivem Vorzeichen kann demnach immer nur dann entstehen, wenn dem Institut bei Ausfall der Referenzadresse ein Verlust entstehen würde (d.h. Long Call- und Short Put-Perspektive). In den anderen Fällen (d.h. Short Call- und Long Put-Perspektive) würde eine negative indirekte Risikoposition entstehen, die ggf. als „Nettingpotential“ im Großkreditregime berücksichtigt werden könnte, sofern es sich um eine Handelsbuchposition handelt (vgl. Art. 390 Abs. 4 CRR).

(Kredit-)Derivate mit einer Referenzadresse

Zur Identifizierung und Bemessung indirekter Risiken sind die folgenden drei Arten von relevanten Geschäften zu unterscheiden,

  • Optionen
  • Kreditderivate (z.B. CDS, TRS)
  • Sonstige Derivate (z.B. Swaps, Forward)

Bei Optionen kommt es natürlich im nächsten Schritt auf die Ausgestaltung (Call vs. Put) bzw. die Perspektive des meldepflichtigen Instituts (Long vs. Short) an. Die aus Long Call Optionen entstehenden indirekten Risiken sollen mit dem aktuellen (positiven) Marktwert der Option bemessen werden, da davon ausgegangen wird, dass bei einem plötzlichen Ausfall der zugrunde liegenden Referenzadresse („jump to default“) die Option zwar nicht ausgeübt werden würde, der Marktwert der Option aber gegen null tendierte und somit ein Bewertungsverlust in Höhe des aktuellen Marktwerts entstünde. Bei einer Short Put Option würde der Ausfall der Referenzadresse dazu führen, dass die Option „im Geld“ ist und ausgeübt werden würde und das Institut den vereinbarten Strike Price zu entrichten hätte. Folglich soll der Positionswert des indirekten Risikos in diesem Fall in Höhe des Strike Price, angepasst um den aktuellen Marktwert der Option, angesetzt werden.

Bei indirekten Risikopositionen aus Kreditderivaten soll einheitlich der aktuelle Marktwert des Kreditderivats verwendet werden, angepasst um den Betrag, den das Institut im Falle des Ausfalls der Referenzadresse zu zahlen hat (Sicherungsgeber) bzw. erhält (Sicherungsnehmer). Wenn der Sicherungsnehmer das Kreditderivat bereits im Rahmen der Kreditrisikominderungstechniken (Substitutionsansatz) berücksichtigt, ist der indirekte Risikopositionswert auf null zu setzen.

Für das übrige Cluster der sonstigen Derivate gilt die grundsätzliche Vorgabe, dass eine Zerlegung in die einzelnen Transaktions-Legs vorzunehmen ist. So besteht bspw. ein Forward auf eine Aktie aus einem Cash-Leg (Zahlung des Kaufpreises) und einem Aktien-Leg (Erhalt der Aktie), sodass das Institut eine Long-Position in der Aktie als indirekte Risikoposition zu berücksichtigen hat. Ist eine solche Zerlegung nicht möglich, ergibt sich der indirekte Risikopositionswert als der maximale Verlust, den ein Institut bei Ausfall der Referenzadresse erleiden würde (Fallback-Ansatz).

(Kredit-)Derivate mit mehreren Referenzadressen

Für (Kredit-)Derivate, die sich auf mehrere Referenzadressen beziehen (bspw. Fondsanteile, Index-Produkte, Korb-Derivate), ist grundsätzlich eine einheitliche Berechnungsmethodik vorgesehen. Es wird lediglich unterschieden zwischen Fällen, in denen eine Durchschau auf die Referenzadressen stattfindet / stattfinden muss, und allen anderen, nicht durchgeschauten (Kredit-)Derivaten.

Im Falle der Durchschau ist für jede einzelne zugrunde liegende Referenzadresse ein eigener indirekter Risikopositionswert zu ermitteln. Hierfür ist jeweils die Marktwertänderung des (Kredit‑)Derivats anzusetzen, die sich bei Ausfall der einzelnen Referenzadresse ergeben würde. Bei einer Indexposition mit 30 Adressen wären also 30 separate Ausfallsimulationen durchzuführen, um die indirekten Risikopositionswerte zu ermitteln.

Ist eine Durchschau nicht oder nur mit unangemessen hohem Aufwand möglich, dürfen Institute auf einen Fallback-Ansatz zurückgreifen. Dieser verlangt eine Simulation des gleichzeitigen Ausfalls sämtlicher Referenzadressen. Die daraus resultierende Marktwertänderung des (Kredit-)Derivats soll dann als indirekter Risikopositionswert gegenüber der „Struktur“ angesetzt werden, wobei die Durchschau-Regelungen der D-VO (EU) 1187/2014 zur Anwendung kommen sollen: Unterschreitet der indirekte Risikopositionswert 0,25% des Kernkapitals, ist eine Erfassung als „separate client“ erlaubt; andernfalls muss der indirekte Risikopositionswert auf den „unknown client“ aggregiert werden.

Herausforderungen und nächste Schritte

Dass aus (Kredit-)Derivaten indirekte Risiken gegenüber etwaigen Referenzadressen entstehen können, ist keine gänzlich neue Erkenntnis, und zumindest für Institute in Deutschland war es schon seit jeher gewohnte Praxis, diese auch in ihren Meldewesenhaushalten zu erfassen. Die neuen Vorgaben der CRR2 und die konsultierten EBA-Standards sollen nun mutmaßlich in erster Linie für eine EU-weite Harmonisierung der Behandlung dieser indirekten Risiken sorgen. Gleichwohl haben unsere Analysen insbesondere die folgenden Knackpunkte aufgezeigt:

  • Die EBA-Vorgaben unterscheiden ausdrücklich nicht zwischen Anlagebuch- und Handelsbuchpositionen und sollen ausschließlich im Bereich der Großkreditvorschriften zur Anwendung kommen. Der bisher übliche Rückgriff auf die für das Marktpreisrisiko ermittelten (emittentenbezogenen) Nettokaufpositionen im Handelsbuch dürfte damit nicht länger möglich sein; stattdessen würde ein eigener Berechnungslauf rein für Zwecke der Großkreditvorschriften erforderlich werden.
  • Die Berechnungsmethodik für indirekte Risikopositionen aus (Kredit-)Derivaten mit mehreren Referenzadressen verlangt eine noch nicht näher ausdefinierte Ausfallsimulationsrechnung bzw. Sensitivitätsbetrachtung, die so im Meldewesen typischerweise nicht vorliegt.
  • Die von der EBA dargelegte Methodik soll auch auf eingebettete Derivate angewandt werden, wobei das Konsultationspapier keine weiteren Ausführungen zur Definition eines eingebetteten Derivats und zur Frage einer geeigneten Zerlegung (bspw. einer Wandelanleihe) macht. Insgesamt ist festzustellen, dass die hohe Komplexität diverser Umsetzungsfragen im Detail wohl nur durch die enge Begleitung von Produktexperten in den Griff zu bekommen sein dürfte.
  • Da die EBA in ihrer Methodik insgesamt den Marktwertverlust bei Ausfall der Referenzadressen(n) in den Vordergrund stellt, kann es auch zu signifikanten quantitativen Effekten gegenüber der heute in Deutschland üblichen Vorgehensweise kommen.
  • Durch diese rein aufsichtsrechtliche Komponente im Gesamt-Exposure gegenüber einer Adresse entstehen nicht zuletzt weitere (erklärungsbedürftige) Unterschiede zwischen der Markt- bzw. Risikomanagement-Perspektive und der Großkreditmeldung-, überwachung und ‑beschlussfassung.

Das Konsultationspapier enthält damit weit mehr als nur Detailänderungen. Institute sollten daher unbedingt frühzeitig analysieren, welche individuellen Auswirkungen mit einer Umsetzung der EBA-Vorschläge einher gehen würden, und mit diesen Erkenntnissen ggf. auch noch den laufenden Konsultationsprozess (bis 23.10.2020) mitgestalten. Eine solche initiale Gap-Analyse, verbunden mit einer Gesamtschau auf das betroffene Portfolio und die verfügbaren Daten sowie einem ersten Zusammenfinden der relevanten Abteilungen in der Bank, kann dann gleichzeitig die notwendige „Luft“ verschaffen, um im zweiten Schritt die Umsetzung der finalen Regelungen effizient und zielgerichtet angehen zu können.

Sprechen Sie uns jederzeit gerne an, wenn Sie Fragen zum EBA-Papier haben oder Unterstützung bei der weiteren Befassung benötigen. Wir haben ein Team aus Großkredit-, Marktrisiko- und Produktexperten zusammengestellt, um Ihnen bei Umsetzungsfragen ganzheitliche Antworten geben zu können.

Christoph Himmelmann

Telefon: +49 69 9585 2737

christoph.himmelmann@pwc.com

Stefan Röth

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