Regulatory im Advent – Teil IV

In guter Tradition möchten wir uns auch in diesem Jahr wieder mit einigen persönlichen Gedanken in eine kurze Winterpause verabschieden. Die ersten drei Teile unserer “Regulatory im Advent”-Serie haben bereits zurückgeblickt auf die großen Herausforderungen, die die COVID-19 Pandemie mit sich gebracht hat, und einen ersten Ausblick auf den schon jetzt vollgepackten regulatorischen Kalender des Jahres 2021 gewagt.

 


 

Zusammenfassend lässt sich wohl schon jetzt mit Fug und Recht behaupten, dass die Schlagzahl neuer regulatorischer Anforderungen für Banken auch zu Beginn der 20er Jahre dieses Jahrtausends hoch bleiben wird. Zugegeben, einige Kommentatoren hatten das kürzlich veröffentlichte Statement des Baseler Ausschusses (BCBS) etwas anders interpretiert. Dort hatte das BCBS das Ende der umfassenden Basel III-Regulierungsinitiativen, die als Folge der Finanzmarktkrise der Jahre 2007 ff. entwickelt wurden, eingeläutet. Das mag aus Sicht des BCBS und bezogen auf die Finalisierung des globalen Basel III-Rahmenwerks zutreffen. Daraus aber das Ende der Entwicklung der regulatorischen Rahmenbedingungen für Banken abzuleiten wäre in etwa so, als hätte man mit der Zulassung des ersten E-Autos die Entwicklung der Elektromobilität für beendet erklärt. Aber der Reihe nach:

Mit Basel III ist alles vorbei?

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die sog. “Finalisierung von Basel III”, aufgrund der signifikanten Auswirkungen gerne auch “Basel IV” genannt, weder auf Seiten der Gesetzgeber und Regulatoren noch auf Seiten der Banken abgeschlossen ist. Im Gegenteil: Eine Vielzahl an wegweisenden Vorgaben muss auf europäischer Ebene zunächst noch spezifiziert und in Verordnungstexte (CRR III) gegossen werden. Erst dann werden Banken die Phase der Vorstudien und Szenariorechnungen verlassen und in die fachliche und technische Umsetzung übergehen können. Das dicke Ende kommt also wie immer zum Schluss.

Zudem ist zu bemerken, dass das Basel IV-Paket – vor allem verglichen mit früheren Regulierungsinitiativen – eine hohe strategische und geschäftspolitische Relevanz aufweist. Insbesondere die Wechselwirkungen der neuen Floor-Regelung können dazu führen, dass sich die Kapitalbedarfe einzelner Geschäftsfelder deutlich verschieben und auch das Kosten-Nutzen-Verhältnis interner Modelle strategisch zu hinterfragen ist. Es wird in den nächsten Monaten in vielen Häusern also nicht nur um die Anbindung des richtigen Datenfelds für das Meldewesen gehen.

Und dass es sich bei einem bankaufsichtlichen Rahmenwerk immer eher um ein “Moving Target” handelt als um ein starres Gebilde, an dem man sich in Ruhe abarbeiten kann, zeigen nicht zuletzt zwei aktuell sehr präsente Beispiele:

  • Mit Einzug der COVID-19 Pandemie in Europa wurden kurzfristig diverse regulatorische Maßnahmen getroffen, um die Auswirkungen potentieller Kreditausfälle und Marktverwerfungen für Banken handhabbar zu machen. Von der Einstufung ausgefallener Forderungen über die Berücksichtigung erhöhter Risikovorsorgeaufwände im harten Kernkapital bis hin zum Liquiditätsnachweis für Wertpapiere des Liquiditätspuffers – das bestehende aufsichtliche Regelwerk war in vielerlei Hinsicht Gegenstand von Detailänderungen mit weitreichenden Auswirkungen.
  • Während die Brexit-Verhandlungen zwischen EU und UK offenbar bis zur letzten Minute geführt werden, stellen sich viele Banken dies- und jenseits des Ärmelkanals die Frage, wie es am 1. Januar 2021 weitergeht. So können bspw. die Eigenmittelanforderungen für Positionen gegenüber UK-Instituten nur noch dann mit einem privilegierten Risikogewicht versehen werden, wenn der in UK nach dem Brexit geltende Regulierungsrahmen als CRR-äquivalent eingeordnet werden wird. Ein Anstieg der Eigenmittelanforderungen für diese Risikopositionen um mehr als das Doppelte droht, sofern keine rechtzeitigen Einigungen erzielt bzw. Änderungen am bestehenden Regelwerk vorgenommen werden.

Noch nicht überzeugt? Wem das noch zu kleinteilig ist, der sollte seinen Blick auf zwei echte Megatrends richten, die auch vor dem Bankaufsichtsrecht nicht Halt machen: Digitalisierung und Nachhaltigkeit.

Digitalisierung und die Zukunft des Meldewesens

Die Digitalisierung im Finanzsektor ist sicherlich kein exklusives bankaufsichtsrechtliches Thema. Gleichwohl geben die heute verfügbaren digitalen Lösungen sowohl dem Aufseher als auch dem Beaufsichtigten verschiedene Möglichkeiten zur Steigerung von Effizienz und Qualität.

Integrierte Datenhaushalte (Data Lakes), die kapazitätsschonend über Cloud-Anwendungen aufgesetzt werden, standardisierte Data Dictionaries, effiziente technische Schnittstellen zwischen den Systemen, automatisierte und selbstlernende Kontrollinstanzen zur Überwachung der Datenqualität oder kleine Helferlein wie Robotics (RPA) und Business Intelligence-Lösungen – das alles sind nur Beispiele dafür, wie Banken heutzutage ihre Prozesse im Bereich Meldewesen einschließlich der Steuerung und Überwachung aufsichtlicher KPIs/KRIs effizient und zeitgemäß aufsetzen können. Nachdem viele der regulatorischen Neuerungen nach der Finanzmarktkrise (insbesondere CRR, CRR II) aufgrund enger zeitlicher Vorgaben oftmals nur als Provisorium mit einer Vielzahl manueller Bypässe  umgesetzt wurden, könnte die von Seiten des BCBS nun ausgerufene Regulierungspause also dazu genutzt werden, effiziente und qualitativ hochwertige Infrastrukturen, Datenflüsse und Prozesse zu implementieren.

Derartige Lösungen werden in der FS-Branche unter dem Schlagwort “RegTech” zusammengefasst. Dass es hierbei aber nicht nur um eine Initiative der Beaufsichtigten geht, lässt sich schon daran erkennen, dass es auch ein Pendant auf Seiten der Aufseher gibt: die sog. “SupTech”-Lösungen. Hierunter fallen einerseits solche Initiativen, die die automatisierte Auswertung der zehntausenden Meldewesendaten, die monatlich bzw. quartalsweise von Banken und anderen beaufsichtigten Unternehmen einzureichen sind, ermöglichen und verbessern. Mit anderen Worten: Die Beaufsichtigten sollten sich darauf vorbereiten, dass die Aufseher eine zunehmend granulare und zeitnahe Sicht auf ihre Finanz-, Liquiditäts- und Risikolage einnehmen und auch Rückschlüsse auf die Datenqualität und Robustheit der Meldewesenprozesse ziehen können.

Darüber hinaus lässt sich schon heute ein Bild über das “Meldewesen der Zukunft” zeichnen. Die Einführung der AnaCredit-Meldung und Initiativen wie BIRD und IReF geben bereits zu erkennen, dass Banken in Zukunft wohl nicht mehr sechs Wochen Zeit bekommen dürften, um ihre COREP- und FINREP-Daten zu aggregieren. Stattdessen sollen standardisierte Datenpunktmodelle auf granularer Ebene definiert werden, um aufsichtliche ad hoc-Abfragen durchführen zu können und perspektivisch auch eine Art “Real-Time”-Beaufsichtigung zu ermöglichen. Wo auch immer die Reise am Ende hingehen wird: Klar ist, dass es künftig noch stärker auf integrierte, qualitativ hochwertige Datenhaushalte sowie robuste Prozesse und Kontrollen ankommen wird. Und wer die Weichen hierfür schon heute richtig stellt, könnte dann mit dem notwendigen Vorsprung ins Rennen gehen.

Nachhaltigkeit und Aufsichtsrecht – eine Annäherung

Wer das Buzzword “Sustainability” nicht mehr hören kann, sollte jetzt dennoch weiterlesen. Denn die EU-Kommission hat sich in ihrem Aktionsplan vorgenommen, dass Banken eine wichtige Rolle spielen sollen bei der Förderung eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums. Und damit dies nicht allein dem Ermessen der Banken überlassen ist, hat man auch konkrete Ansatzpunkte in allen drei Säulen der Bankenregulierung identifiziert: So geht es bspw. um Vorgaben, um Nachhaltigkeits- bzw. ESG-Risiken im Portfolio einer Bank angemessen zu identifizieren und zu steuern (Säule 2) und für eine erhöhte Transparenz für die Marktteilnehmer zu sorgen (u.a. Offenlegung gemäß Säule 3). Darüber hinaus werden aber auch Maßnahmen in den Kapitalanforderungen der Säule 1 diskutiert, die Anreize für Banken schaffen sollen, in nachhaltige Finanzierungen zu investieren. All dies soll letztlich auf einem einheitlichen und damit vergleichbaren System zur Klassifizierung von wirtschaftlichen Aktivitäten in Bezug auf deren Einfluss auf die Nachhaltigkeitsziele (EU Taxonomie) basieren.

Auch wenn das Thema Nachhaltigkeit und auch die Schaffung der EU Taxonomie weit über die Bankenregulierung hinausgehen, so sind doch signifikante Zweitrundeneffekte auf das aufsichtsrechtliche Meldewesen und insbesondere die Offenlegung von Banken vorgezeichnet. Einen ersten Vorgeschmack lieferten bereits die Umfrage der EBA sowie der Report der EZB zur Offenlegung von ESG-bezogenen Risiken im September bzw. November 2020. Ein weiteres Beispiel für die Verknüpfung des Bankaufsichtsrechts mit den Nachhaltigkeitszielen ist der sog. Infrastruktur-Unterstützungsfaktor, der mit der CRR II eingeführt wurde und für bestimmte Infrastrukturfinanzierungen ein reduziertes Risikogewicht zulässt. Neben einer Vielzahl anderer Bedingungen muss dabei auch bewertet werden, ob die finanzierten Vermögenswerte zu bestimmten Umweltschutzzielen beitragen (vgl. Art. 501a CRR II). Darüber hinaus untersucht die EBA auf Basis eines CRR-Mandats, ob eine spezielle aufsichtliche Behandlung von nachhaltigen Investitionen gerechtfertigt wäre (sog. “Green Supporting Factor”). Die EBA soll den EU-Institutionen spätestens bis zum Jahr 2025 einen Ergebnisbericht vorlegen, auf dessen Basis dann ggf. ein Gesetzgebungsvorschlag entworfen wird (vgl. Art. 501c CRR II). Es kann also durchaus erwartet werden, dass in Zukunft eine Vielzahl zusätzlicher Informationen über Geschäfte und Geschäftspartner für das aufsichtliche Meldewesen und die Offenlegung nach der Säule 3 benötigt werden, die in den meisten Banken in Umsetzung der EU Taxonomie zunächst noch geschaffen werden müssen. Ein integriertes Vorgehen innerhalb jeder Sustainability-Initiative einer Bank unter Einbeziehung des Meldewesens ist also schon heute dringend zu empfehlen.

Regulierung heute und morgen – wir sind gerüstet!

Unser kleiner Abriss zeigt, dass vielleicht die Baseler Papiere zum Abschluss von Basel III final veröffentlicht und somit die theoretischen Grundlagen geschaffen wurden, dass aber weder die Umsetzung von Basel III selbst noch die Entwicklung der Bankenregulierung zu einem Ende gekommen ist. Im Gegenteil: Die aufsichtsrechtlichen Kennzahlen gewinnen einerseits immer weiter an Bedeutung bei der Steuerung von Banken. Sie sind oftmals der Engpassfaktor bei strategischen und geschäftspolitischen Entscheidungen und immer häufiger Gegenstand von zielgerichteten Optimierungsmaßnahmen. Andererseits wird das aufsichtsrechtliche Meldewesen einer Bank auch aufgrund der gestiegenen Relevanz zukünftig noch stärker gefordert sein, um beispielsweise die Digitalisierung interner Prozesse aktiv mitzugestalten oder die verschiedenen Nachhaltigkeitsinitiativen begleiten zu können.

Wir sind davon überzeugt, dass man diesen Herausforderungen nur mit einem integrierten Team und der bedarfsgerechten Zusammenführung verschiedener Kompetenzen begegnen kann. Vor diesem Hintergrund vereinen wir in unserem Regulatory Management Team von PwC eine umfassende Fach- und Umsetzungsexpertise mit einem breit aufgestellten nationalen und internationalen Netzwerk, um unseren Mandanten adäquate und gleichzeitig innovative und zeitgemäße Lösungen anbieten zu können. Sprechen Sie uns jederzeit gerne an, wenn Sie konkrete Fragen oder einfach nur Interesse an einem unverbindlichen Austausch zu den dargestellten Entwicklungen haben.

Im Namen des gesamten Teams möchten wir uns nun erst einmal recht herzlich bei unseren Mandanten und der treuen Leserschaft des Blogs für die vertrauensvolle Zusammenarbeit und die vielen anregenden Diskussionen in diesem Jahr bedanken. Es war uns eine große Freude, auch wenn die Themen sicherlich nicht immer ganz leicht verdaulich waren. Ihr Feedback bestätigt und verpflichtet uns zugleich, Sie an dieser Stelle auch im kommenden Jahr wieder regelmäßig mit relevanten Neuigkeiten zu versorgen. Bis dahin wünschen wir Ihnen fröhliche und besinnliche Feiertage und dann einen gesunden und zuversichtlichen Start in das neue Jahr!

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