EBA definiert Prozesse bei Überschreitung der Großkreditgrenzen

Mit Anwendung der CRR2 zum 28. Juni 2021 erfahren auch die Vorgaben zum Umgang mit Überschreitungen der Großkreditobergrenze einige Änderungen. Ziel ist insbesondere die Vereinheitlichung der EU-weiten Aufsichtspraxis im Falle von Großkreditüberschreitungen. Die Anpassungen in Art. 396 (1) CRR rücken vor allem die individuelle Kommunikation zwischen dem Institut und der zuständigen Aufsichtsbehörde in den Mittelpunkt, wenn es in “außergewöhnlichen Umständen” ausnahmsweise zu Großkreditüberschreitungen kommt. Für die Definition der außergewöhnlichen Umstände, den Zeitraum bis zur Wiedereinhaltung der Grenze und den dafür zu ergreifenden Maßnahmen wurde der European Banking Authority (EBA) mit Art. 396 (3) CRR ein Mandat zur Vorgabe entsprechender Leitlinien erteilt. Mit dem am 17. Februar 2020 veröffentlichten Konsultationspapier ist die EBA diesem Mandat nachgekommen. Die Konsultationsfrist läuft zwar noch bis Mitte Mai; Handlungsbedarfe sind aber bereits erkennbar.

Die Leitlinien im Überblick

Die Großkreditobergrenzen nach Art. 395 CRR sind jederzeit einzuhalten. Jeder Umstand, der zu einer Überschreitung der Obergrenzen außerhalb des Handelsbuchs führt, muss demzufolge bereits per Definition als “außergewöhnlich” gelten, da ansonsten eine bewusste oder zumindest fahrlässige Aushebelung dieser Vorgabe vorläge. Die EBA-Leitlinien umreißen nun, was grundsätzlich unter “außergewöhnlichen Umständen” zu verstehen ist, vor allem, um diese bspw. von wiederkehrenden Ereignissen, die im Einflussbereich des Instituts stehen, abzugrenzen. Zudem wird geregelt, welche Informationen im Fall einer Großkreditüberschreitung typischerweise bereitzustellen sind, wie die Zeitspanne bis zur Rückführung unter die Obergrenze definiert wird und welche Maßnahmen hierfür durch das Institut zu ergreifen sind. 

Auch wenn der Gesamtprozess im Einzelfall weiterhin sehr individuell zwischen Institut und Aufsichtsbehörde geregelt werden wird, geben die Leitlinien also einen deutlich engeren und damit auch besser planbaren Rahmen vor. Klar wird durch die Leitlinien aber auch, dass es jenseits der besonderen Vorschriften für Überschreitungen im Handelsbuch keine automatischen Kapitalabzüge für Großkreditüberschreitungen geben wird. Stattdessen liegt der Fokus der Anforderungen eindeutig auf der institutsinternen Governance und den eingerichteten Prozessen.

Außergewöhnliche Umstände und Kriterien zur Analyse einer Überschreitung 

  • Außergewöhnliche Umstände liegen immer außerhalb des Wirkungsbereichs eines Instituts. Als Beispiel hierfür können etwa die aktuellen Pandemieumstände oder die Auswirkungen des Brexit genannt werden.
  • Es ist eine Analyse einer jeden Überschreitung auf Basis von Frequenz, Vorhersehbarkeit und einzelfallbezogener Hintergründe vorzunehmen.

Notwendige Informationen für die Aufsichtsbehörde

  • Institute haben eine Vielzahl an quantitativen und qualitativen Informationen zu der betreffenden Überschreitung vorzulegen, darunter die Höhe der Überschreitung, die Hintergründe oder die verfügbaren Sicherheiten.
  • Die Leitlinien schließen weitere Datenanforderungen durch Aufsichtsbehörden nicht aus.

Bestimmung der Zeitspanne bis zur Wiedereinhaltung der Großkreditgrenze

  • Zahlreiche Kriterien zur Bestimmung der Zeitspanne wurden definiert, wie beispielsweise die Historie der Überschreitungen eines Instituts, die Schnelligkeit der Prozesse zur Einreichung der Anzeige oder auch kundenbezogene Informationen.

Maßnahmenpaket zur Sicherstellung der Wiedereinhaltung durch das Institut

  • Bei Überschreitungen von mehr als drei Monaten haben Institute einen detaillierten Maßnahmenplan (“Compliance Plan”) vorzulegen, der von den Aufsichtsbehörden eng begleitet und überwacht werden wird
  • Abhängig davon, was als Grund für die Überschreitung identifiziert wurde, geben die Leitlinien eine Fülle an möglichen Maßnahmen vor. Hierzu zählen beispielsweise die Anpassung interner Prozesse, die Erhöhung der Kapitalbasis oder das Fordern von zusätzlichen Sicherheiten von der Gegenpartei. 

Die folgende Übersicht zeigt die Vorgaben der Leitlinien auf einen Blick:

Auswirkungen und nächste Schritte

Großkreditüberschreitungen können aus einer Vielzahl an Gründen entstehen. Die neuen EBA-Leitlinien geben insbesondere den Aufsichtsbehörden ein zusätzliches Werkzeug an die Hand, um Überschreitungen unter nicht vorhersehbaren “außergewöhnlichen Umständen” von solchen abzugrenzen, die eher auf Schwächen in Governance, Prozessen und Kontrollen im jeweiligen Institut zurückzuführen sind.

Institute sollten die Leitlinien daher auch als implizite “Messlatte” für die Güte und Qualität der eingerichteten Prozesse verstehen, etwa bei der Kreditvergabe, der Limitüberwachung und im Meldewesen. So dürften bspw. Großkreditüberschreitungen, die aufgrund einer zunächst unvollständigen Bildung von Gruppen verbundener Kunden zustande kommen, typischerweise nicht als “außergewöhnlich” einzustufen sein – mit der Folge, dass die Aufsichtsbehörden in einem solchen Fall mindestens eine dringende Anpassung der Prozesse und Kontrollen fordern würde. 

Untersuchen Sie daher Ihre Prozesse “front to end”, denn gerade das Großkreditrahmenwerk erfordert viele Zuarbeiten von unterschiedlichen Stellen in der Organisation. Etwaige Lücken im Kontrollrahmenwerk sollten zeitnah geschlossen werden. Ziel muss sein, dass Sie bei jeder zukünftigen Großkreditüberschreitung nachweisbar davon ausgehen können, dass es sich um einen “außergewöhnlichen Umstand” handeln muss, da Sie Ihre Prozesse im Griff haben. 

Zusätzlich sollten Sie die Historie der Überschreitungen in Ihrem Hause evaluieren, um etwaige Muster zu erkennen und ggf. proaktiv Maßnahmen zu ergreifen. Hierüber lassen sich auch etwaige Maßnahmen von Aufsichtsbehörden bei zukünftigen Überschreitungen besser abschätzen.

Kommen Sie bei Fragen jederzeit gern auf uns zu. Wir unterstützen Sie gern bei Ihren Vorbereitungs- und Umsetzungsmaßnahmen. Wir können ein Team ganz nach Ihren Bedürfnissen aus Spezialisten aus den Bereichen Aufsichtsrecht, Meldewesen, Risikomanagement, Kreditgeschäft und IT zusammenstellen und gewährleisten damit den hier so wichtigen ganzheitlichen Blick auf die Prozesse.

 

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