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Liquiditätsmeldewesen im Wandel – Teil 2: Finales Papier des Baseler Ausschusses zur Net Stable Funding Ratio

Die Finanzkrise von 2007 ff. zeigte, dass viele Banken langfristige und illiquide Vermögenswerte durch kurzfristige Verbindlichkeiten refinanzierten. Diese Art der Fristentransformation gehört zwar zu den Kernaufgaben einer Bank, birgt jedoch besonders in Stresssituationen ein hohes Maß an Liquiditätsrisiken. Der Baseler Ausschuss will diesem Risiko mit der Einführung der Net Stable Funding Ratio (NSFR) entgegenwirken und sicherstellen, dass die Institute für einen Zeitraum von bis zu einem Jahr über eine ausreichend stabile Refinanzierung verfügen. Die Net Stable Funding Ratio ergänzt die an dieser Stelle in Teil 1 der Serie Liquiditätsmeldewesen im Wandel vorgestellte Liquidity Coverage Ratio (LCR) (siehe Regulatory Blog Beitrag: „Liquiditätsmeldewesen im Wandel – Teil 1: die Delegierte Verordnung zur Liquidity Coverage Ratio“ vom 16. Juli 2015) im Rahmen der bankaufsichtlichen Neuerungen im Liquiditätsmeldewesen um eine längerfristig ausgerichtete Refinanzierungsquote.

Hintergrund

Auf EU-Ebene regelt die CRR die Anforderungen an eine ausreichende und stabile Refinanzierung in den Artikeln 413, 427 und 428 CRR. Gemäß Artikel 413 Abs. 1 CRR sind Banken grundsätzlich dazu verpflichtet, eine hinreichend stabile Refinanzierung ihrer Geschäftsaktivitäten sicherzustellen. Da es jedoch keine darüber hinausgehende, verpflichtend einzuhaltende Mindestquote und keine Gewichtungsfaktoren für einzelne Bilanzpositionen zur Ermittlung einer solchen Quote gibt, umfasst die mit der CRR eingeführte Meldepflicht bislang nur die einzelnen Bestandteile der NSFR.

Auf Baseler Ebene wurden die Basel III Vorgaben zur Ermittlung und Einhaltung einer verpflichtenden NSFR-Mindestquote durch das am 31. Oktober 2014 veröffentlichte Papier des Baseler Ausschusses zur NSFR überarbeitet (Basel III: the net stable funding Ratio, BCBS 295). Diese ersetzen die vorherige Regelung aus dem Jahr 2010 (Basel III: International framework for liquidity risk measurement, standards and monitoring, BCBS 188).

Aufbau und Zusammensetzung der NSFR

Bei der NSFR handelt es sich um eine Bilanzstrukturkennziffer, die keine Stressszenarien widerspiegelt. Grundsätzlich sind Banken dazu angehalten, verfügbare stabile Refinanzierung (Available Stable Funding, ASF) vorzuhalten, die mindestens so groß ist wie die erforderliche stabile Refinanzierung (Required Stable Funding, RSF). Die Ermittlung der verfügbaren sowie der erforderlichen stabilen Refinanzierung ist so kalibriert, dass sie die Liquidität der Vermögenswerte und das vermutete Ausmaß der Stabilität der korrespondierenden Verbindlichkeiten abbilden soll.

NSFR

Als Bilanzstrukturkennziffer basiert die NSFR auf der bilanziellen Gliederung der Aktiv-, Passiv- und außerbilanziellen Positionen in ein vorgegebenes Schema. Hierbei wird soweit möglich auf bestehende Definitionen zurückgegriffen, beispielsweise die Definition der Privatkundeneinlage im Sinne der LCR. Den einzelnen Positionen werden dann Faktoren in Höhe von 0% bis 100% zugewiesen. Diese sind durch den Baseler Ausschuss vorgegeben und beinhalten die Einschätzung der Stabilität bzw. Liquidität der betreffenden Positionen. In einigen Fällen besteht darüber hinaus weiterhin die Möglichkeit, im Rahmen einer nationalen Umsetzung grundsätzlich abweichende Faktoren zu nutzen oder bezüglich der Mindestquote über die Vorgaben des Baseler Ausschuss hinauszugehen. Denkbar ist beispielsweise, dass künftig in der EU im Rahmen des SREP institutsspezifische NSFR-Mindestquoten festgelegt werden, um den spezifischen Fundingrisiken der Institute adäquat begegnen zu können.

Die Ermittlung der verfügbaren stabilen Refinanzierung (ASF)

Zur Ermittlung der verfügbaren stabilen Refinanzierung, die den Zähler der NSFR darstellt, werden die Verbindlichkeiten und Eigenkapitalbestandteile der Bank nach Laufzeit und Kontrahent in Kategorien eingeteilt. Die verfügbare stabile Refinanzierung stellt in ihrer Gesamtheit das Volumen der Passivseite dar, welches über den Betrachtungszeitraum der NSFR voraussichtlich dauerhaft zur Verfügung steht. Rechnerisch wird die Gesamtheit der verfügbaren stabilen Refinanzierung in drei Schritten ermittelt. Der erste Schritt umfasst die Zuordnung sämtlicher Passivpositionen zu den vom Baseler Ausschuss vorgegebenen fünf ASF-Kategorien. Im zweiten Schritt wird der Buchwert der Positionen ermittelt und daraufhin im letzten Schritt mit dem von der ASF-Kategorie abhängigen Faktor multipliziert. Bei der verfügbaren stabilen Refinanzierung werden ausschließlich Positionen verwendet, die auf der Passivseite der Bilanz ausgewiesen werden. Die fünf ASF-Kategorien können in Eigenmittel, stabile Einlagen, weniger stabile Einlagen, andere Einlagen und Verbindlichkeiten sowie sonstige Passiva untergliedert werden. Entsprechend wird diesen Kategorien ein ASF-Faktor in Höhe von 100%, 95%, 90%, 50% oder 0% zugewiesen. Alle nicht explizit genannten Positionen, wie zum Beispiel Rückstellungen oder latente Steuern, werden mit einem ASF-Faktor in Höhe von 0% berücksichtigt.

Im Detail setzt die Aufsicht in ihrem finalen Papier einen konservativen Ansatz für Verbindlichkeiten fort und spezifiziert die grundlegenden Anforderungen zu deren Behandlung (siehe Abschnitt „Änderungen zu den bisherigen Regelungen“). Sofern in Bezug auf aufgenommene Finanzierungsmittel Kündigungsoptionen o.ä. vorliegen, ist bei der Einteilung in Laufzeitbänder konservativ davon auszugehen, dass die Optionen zum frühesten möglichen Zeitpunkt ausgeübt werden. Eine Abweichung von diesem Grundsatz kann bei ausreichendem Nachweis gestattet werden. Im Vergleich zum Konsultationsstand aus dem Januar 2014 (Consultative Document Basel III: The Net Stable Funding Ratio, BCBS 271) haben sich im Bereich der verfügbaren stabilen Refinanzierung keine wesentlichen Änderungen ergeben. Die Anpassungen die auf Grundlage der QIS im Konsultationsprozess – zum Beispiel bei den Einlagen – vorgenommen wurden, haben sich auch im finalen Papier durchgesetzt. Das heißt, dass sowohl stabile Retaileinlagen ohne feste Laufzeit weiterhin mit einem AFS Faktor von 95% als auch operative Einlagen mit einem Faktor von 50% berücksichtigt werden. 

Die Ermittlung der erforderlichen stabilen Refinanzierung (RSF)

Die Ermittlung der erforderlichen stabilen Refinanzierung erfolgt mit der gleichen Logik in Schritten wie bei der verfügbaren stabilen Refinanzierung. Auch hier ist der Ausgangspunkt die Kategorisierung einzelner Bilanzaktiva und außerbilanzieller Risikopositionen in Abhängigkeit ihrer Laufzeit und Liquidität. Dabei soll ein konservativer Ansatz dahingehend angewendet werden, dass Verlängerungsoptionen, für die das Ausübungswahlrecht beim Kontrahenten liegt, stets als ausgeübt angenommen werden. Ebenso sollen Institute beispielsweise innerhalb eines Jahres auslaufende Kreditlinien aus Reputationsgründen zu einem erheblichen Anteil als verlängert betrachten. Bei der Kategorisierung der Aktiva zu den verschiedenen RSF-Faktoren werden im Wesentlichen drei Laufzeitbänder unterschieden: weniger als 6 Monate, zwischen 6 und 12 Monaten und mehr als 12 Monate. Belastete Aktiva, die beispielsweise als Sicherheiten gestellt oder verpfändet sind, werden dabei nicht anhand ihrer eigenen Laufzeit, sondern anhand der (Rest-)Laufzeit der Belastung eingestuft. Die Gruppierung der Aktiva orientiert sich in Teilen an den Definitionen liquider Aktiva nach dem Vorschlag des Baseler Ausschusses (Basel III: The Liquidity Coverage Ratio and liquidity risk monitoring tools, BCBS 238), welcher in weiten Teilen durch die Delegierte Verordnung (EU) 2015/61 vom 10. Oktober 2015 zur Ergänzung der VO (EU) Nr. 575/2013 in Bezug auf die Liquiditätsdeckungsanforderungen an Kreditinstitute bereits in geltendes EU-Recht umgesetzt wurde. Dabei sind Aktiva der Stufe 1 in der Regel mit 5% auf die RSF anzurechnen, während Aktiva der Stufe 2A zu 15% und Aktiva der Stufe 2B zu 50% stabil zu refinanzieren sind. Risikopositionen aus Krediten gegenüber Finanzinstituten mit einer Restlaufzeit von unter einem Jahr erhalten einen Anrechnungsfaktor zwischen 10% und 50%, während Risikopositionen gegenüber Unternehmens- und Privatkunden aufgrund der eingangs genannten Annahmen zur häufigen Prolongation tendenziell höhere Anrechnungssätze von mindestens 50% erhalten. Kredite gegenüber Nicht-Finanzkunden mit einer Laufzeit von mehr als einem Jahr sind dagegen nur mit 65% bis 85% anzurechnen, während Kredite an Finanzinstitute mit einer vergleichbaren Restlaufzeit eine Anrechnung von 100% erhalten sollen. Eine Anrechnung von 0% ist nur noch für wenige Assetklassen wie Münzen und Banknoten oder Forderungen gegenüber Zentralbanken mit einer Restlaufzeit von weniger als 6 Monaten möglich. Auch Forderungen aus Assetverkäufen sind, sofern eine Erfüllung kurzfristig zu erwarten ist, von der Pflicht zur stabilen Refinanzierung ausgenommen.

Änderungen zu den bisherigen Regelungen

Im Vergleich zum ersten Baseler Konsultationspapier aus dem Jahr 2010 (BCBS 188) fällt auf, dass die neuen Kriterien je nach Geschäftsmodell einer Bank sowohl zu einer Verschärfung wie auch zu einer Erleichterung führen können. Wesentliche Änderungen umfassen unter anderem die folgenden Punkte:

  • Auf Seiten der verfügbaren stabilen Refinanzierung müssen künftig innerhalb eines Jahres abfließende Cashflows aus dem Positionswert herausgerechnet werden.
  • Belastungen von Aktiva mit einer Restlaufzeit von weniger als einem Jahr führen nach dem neuen Papier zu deutlich höheren Refinanzierungsanforderungen, während die alte Veröffentlichung eine Encumbrance von weniger als einem Jahr in der Regel gänzlich unbeachtet ließ.
  • Dem gegenüber wurde die Anrechnung von Forderungen gegenüber Nicht-Finanzkunden bei der Ermittlung der RSF deutlich herabgesetzt, was zu Erleichterungen bei typischen Geschäftsbanken führen dürfte.

Auch im Vergleich zur Konsultation aus dem Januar 2014 (BCBS 271) fallen in der endgültigen Fassung einige Veränderungen auf, beispielsweise:

  • Überarbeitete Regelungen zur Erfassung von Derivaten unter Berücksichtigung von Nettingvereinbarungen sowie Initial und Variation Margins.
  • Bei Reverse-Repo Geschäften unterscheidet der Abflussfaktor zwischen einer Besicherung mit Level 1-HQLA und anderen Papieren.

Ausblick auf die Entwicklung auf EU-Ebene

Die Vereinbarung des Baseler Ausschusses hat noch keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Institute in der EU. In der Vergangenheit konnten die Empfehlungen des Baseler Ausschusses jedoch stets als Wegweiser für die künftige Gesetzgebung in Europa angesehen werden.

Auf Grundlage des EBA-Mandats, die Einführung einer verpflichtenden Quote zur stabilen Refinanzierung gem. Art. 510 Abs.1 CRR bis zum 31.12.2015 zu bewerten, ist davon auszugehen, dass das aktuelle Baseler Papier zumindest in Teilen eine Umsetzung in der europäischen Regulierung finden wird. Ein entsprechender Gesetzesvorschlag wäre dann gemäß Artikel 510 Abs. 3 CRR durch die Europäische Kommission bis zum 31.12.2016 vorzulegen. Die verpflichtende Einführung der NSFR-Quote auf EU-Ebene würde sich in diesem Fall voraussichtlich an den Vorgaben des Baseler Papiers zum 01.01.2018 orientieren, wie bereits in Erwägungsgrund Nr. 112 der CRR dargelegt. Um die Einführung der NSFR zu unterstützen, wird die EBA bis Ende 2015 einen Bericht über die Kalibrierung der Anforderungen finalisieren und an die Europäische Kommission weiterleiten. Der Entwurf des Reports wurde am 15. Oktober 2015 im Rahmen eines EBA Hearings (Draft Report on the calibration of a stable funding requirement under Art. 510 CRR) vorgestellt und unterstreicht in einer vorläufigen Zusammenfassung die Notwendigkeit der stabilen Refinanzierungsanforderung. Einen Standard für die verpflichtende Offenlegung der NSFR, der sämtliche Anpassungen des neuen Papiers beinhaltet, hat der Baseler Ausschuss bereits im Juni 2015 veröffentlicht (Net Stable Funding Ration disclosure standards, BCBS 324).

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