BREXIT – Welche Auswirkungen hat ein Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union auf die deutsche Finanzwirtschaft?

Hintergrund

Unter dem Begriff BREXIT – einem Kunstwort aus (Great) Britain und Exit – wird derzeit ein möglicher Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) diskutiert. Infolge stockender Verhandlungen hinsichtlich Forderungen Großbritanniens nach EU-Reformen wurde beschlossen, mittels eines Volksreferendums am 23. Juni 2016 über einen BREXIT abzustimmen.

Makroökonomische Auswirkungen eines BREXIT

Im Falle einer Abstimmung zugunsten eines BREXIT wird der Austritt gemäß Artikel 50 des EU-Vertrags, welcher den freiwilligen Austritt von Mitgliedsstaaten regelt, erst zwei Jahre nach Beschluss wirksam. Bevor die Mitgliedschaft rechtskräftig endet, würde Großbritannien demnach die Möglichkeit eingeräumt neue Außenhandelsvereinbarungen zu verhandeln. (Außen-)Politische ad hoc Maßnahmen werden damit unwahrscheinlicher. Zudem wird die Gefahr mitigiert, dass kurzfristig ein handelspolitisches Vakuum entsteht, welches sich nachhaltig negativ auf die britische Realwirtschaft auswirken würde. Kurzfristige direkte Auswirkungen eines BREXIT auf die Finanzmärkte (insb. den Sterling-Wechselkurs, Risikoprämien und Kreditkosten) hängen insbesondere davon ab, inwieweit potentielle Risiken zum Zeitpunkt der Abstimmung bereits eingepreist sind. Das Ausmaß mittel- bis langfristiger Auswirkungen wäre insbesondere von der Ausgestaltung zukünftiger (Frei-)Handelsabkommen mit der EU abhängig. In einer Studie von PwC UK[1] wird dabei ein Rückgang der Bruttowertschöpfung im britischen Financial Services-Sektor von bis zu 10% prognostiziert.

Mögliche Risiken und Chancen aus einem BREXIT und sich daraus ergebende Anforderungen an das Risikomanagement

Ein BREXIT würde aus einer wirtschaftlichen wie auch regulatorischen Betrachtung heraus Risiken (ggf. auch Chancen) für die deutsche Finanzwirtschaft begründen.

Der Finanzplatz Deutschland – insbesondere Frankfurt am Main – könnte bei Eintritt zu erwartender Migrationsszenarien grds. eine Stärkung erfahren – es wird eine Verlagerung von Geschäften, insbesondere des Investmentbankings, außereuropäischer Institute von Großbritannien in andere EU-Länder erwartet.

Allerdings sind auch unterschiedliche negative Ausprägungen bzw. Risiken eines BREXIT denkbar oder sogar wahrscheinlich. Nachfolgend haben wir beispielhaft einige potenzielle Risiken, die durch das Risikomanagement bei Instituten angemessen adressiert werden sollten, aufgeführt:

 

Wurden institutsspezifische Risiken aus Geschäften analysiert, die von der Entwicklung der britischen Real- und Finanzwirtschaft bzw. des Sterling-Wechselkurses beeinflusst werden?

Um potenzielle Auswirkungen eines BREXIT frühzeitig identifizieren zu können, sollten auf Portfolioebene Risiko- und Auswirkungsanalysen durchgeführt werden. Es gilt zu untersuchen, wie stark das Engagement in Großbritannien im Kreditgeschäft und im Handelsgeschäft (Wertpapiere, Derivate) ist. Insbesondere das Adressenausfallrisiko (inklusive Transferrisiken oder Länderrisiken) aus Geschäften mit britischen Geschäftspartnern (insbesondere Import-Export-Finanzierungen) oder solchen, deren Bonität wesentlich von der wirtschaftlichen Entwicklung Großbritanniens abhängen, sollte analysiert werden. Des Weiteren könnten in Abhängigkeit von der Reaktion des Sterling-Wechselkurses auf einen BREXIT Wechselkursrisiken aus Fremdwährungsgeschäften bzw. die Stabilität von Transaktionspartnern bei Hedginggeschäften (z.B. bei Währungsswaps) an Relevanz gewinnen.

 

Werden potentielle Auswirkungen (makroökonomische Schocks) in bestehenden Stresstest-Modellen berücksichtigt?

Institute sollten insbesondere regelmäßig die Aktualität der verwendeten ökonomischen Zeitreihen überwachen und diese an Entwicklungen wie den BREXIT anpassen. Es muss sichergestellt werden, dass die institutsspezifischen Risiken adäquat durch die Modellierung abgebildet werden. Dies betrifft neben den Normal- auch die Stress-Szenarien (insb. Gesamtbankstress) sowie ggf. vorhandene Sanierungspläne.

 

Besteht die Notwendigkeit zur Erstellung bzw. Anpassung von Notfallplänen und wenn ja, gewährleisten diese eine angemessene Reaktionsgeschwindigkeit auf sich ergebende Einflüsse?

Es muss untersucht werden, wie sich ein BREXIT ad hoc auf Geschäftsmodell, Refinanzierung, IT und bankinterne Prozesse von Instituten auswirkt. Notfallpläne sollten insbesondere detaillierte Maßnahmen und Verantwortlichkeiten in Reaktion auf potenziell kurzfristig eintretende Risiken, wie bspw. Wechselkursrisiken, umfassen.

 

Ist die Funktionalität von Devisenhandelssystemen bei starken Kursausschlägen sichergestellt?

Sollten sich signifikante Auswirkungen aus einem BREXIT auf den Sterling-Wechselkurs ergeben, drohen den Instituten kurzfristig andauernde Spitzenbelastungen im Devisenhandel, die – wie die Erfahrungen aus der Franken-Krise 2011 gezeigt haben – Auswirkungen auf die Möglichkeiten zur Positionsveränderung haben können. Die Readiness und Performance der IT-Systeme muss in solchen Situationen gewährleistet sein.

 

Wurden potenzielle Auswirkungen eines BREXIT auf die Bankenregulierung (bspw. aus EMIR) beachtet?

Im Falle eines BREXIT drohen britische Zentrale Kontrahenten (Central Counterparties, CCP) als „Drittland CCPs“ behandelt zu werden. Gemäß der European Market Infrastructure Regulation (EMIR) darf eine außerhalb der EU ansässige CCP Clearing-Dienstleistungen nur erbringen, wenn sie von der European Securities and Markets Authority (ESMA) anerkannt wurde. Deutsche Finanzinstitute sollten untersuchen, welche Alternativen zur Abwicklung Handelsgeschäften bestehen, sollten britische CCPs nicht mehr von der ESMA anerkannt werden.

 

Wurden Auswirkungen auf operationelle Risiken identifiziert und berücksichtigt?

Weitere Auswirkungen im Bereich der operationellen Risiken können sich zudem im Personal­bereich (ausreichende Personalausstattung, Sensibilisierung des Personals), aber auch in den Bereichen Zahlungsverkehr, Wertpapierclearing und Outsourcing ergeben.

 

Ihre Vorbereitung

Die Europäische Zentralbank (EZB) prüft derzeit wie größere Finanzinstitute auf mögliche Risiken aus einem BREXIT vorbereitet sind und führt hierzu eine entsprechende Abfrage bei ausgewählten Instituten durch. Nicht zuletzt diese Reaktion der Bankenaufsicht zeigt, dass die Risiken aus einem BREXIT ernst genommen werden müssen.

 

Wesentliche Fragen und Punkte zur Vorbereitung Ihres Hauses auf einen potenziellen BREXIT haben wir gesammelt, strukturiert und in einer Checkliste zusammengestellt, die Sie gerne über die E-Mail-Adresse:  BREXIT_fs@de.pwc.com  von uns kostenfrei beziehen können.

 

Haben Sie weitere Fragen oder sehen Sie Diskussionsbedarf? Wir stehen Ihnen hierbei gern zur Seite.

 

WP Matthias Eisert

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Jörn Klaus

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[1] Leaving the EU: Implications for the UK financial services sector. Abrufbar unter http://www.pwc.co.uk/services/economics-policy/insights/implications-of-an-eu-exit-for-the-uk-economy.html

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