EZB bezieht Stellung zum Umgang mit Klima- und Umweltrisiken

Am 20. Mai 2020 veröffentlichte die EZB zur öffentlichen Konsultation ihre Leitlinien zu Klima- und Umweltrisiken.[1] Die öffentliche Konsultation läuft bis zum 25. September 2020 und ist ein erster Schritt zu einem strukturierten Dialog mit den beaufsichtigten Instituten (SIs) in Bezug auf das Management der auf Kreditinstitute einwirkenden Klima- und Umweltrisiken.

Die Veröffentlichung der Richtlinien dient einerseits der Kommunikation der Erwartungen der EZB an die Integration von Klima- und Umweltrisiken in das Risikomanagement von Kreditinstituten und andererseits als Basis für einen Dialog zwischen den Aufsichtsbehörden und der Finanzindustrie. Die Leitlinien ergänzen das Pariser Abkommen[2] und die Pläne der Europäischen Kommission für den Übergang in eine kohlenstoffarme Wirtschaft und heben die Schlüsselrolle von Kreditinstituten bei der Erreichung der in diesem Kontext gesetzten ehrgeizigen Ziele für das Jahr 2050 hervor[3].

Einleitung

Die Leitlinien selbst sind zwar nicht verpflichtend, dennoch hat die EZB 13 konkrete Erwartungen in Bezug auf den Umgang mit Klima- und Umweltrisiken formuliert. Die Leitlinien sind ab dem Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung anwendbar, wobei die Institute verpflichtet sind, die EZB bis Ende 2020 über etwaige Abweichungen ihrer Geschäftsprozesse von den in den Leitlinien formulierten Erwartungen in Kenntnis zu setzen.

Die Leitlinien wurden gemeinsam von der EZB und den nationalen Aufsichtsbehörden (NCA) entwickelt. Von den direkt durch die EZB beaufsichtigten Instituten wird erwartet, dass sie die Richtlinien bei der Verbesserung und Weiterentwicklung ihrer Risikomanagementpraktiken nutzen, um auf die besonderen Herausforderungen in Bezug auf das Management von Klima- und Umweltrisiken zu reagieren. Den NCA wird empfohlen, die Richtlinien unter Berücksichtigung des Proportionalitätsprinzips auch bei der Aufsicht von nicht durch die EZB beaufsichtigten Instituten anzuwenden. Die BaFin hat als eine der ersten nationalen Aufsichtsbehörden ihren Standpunkt zu Marktpraktiken für das Management von Nachhaltigkeitsrisiken in einem breiteren Kontext der Nachhaltigkeit zum Ausdruck gebracht, der nicht nur Umweltaspekte, sondern auch soziale und Governance-Aspekte für den Finanzsektor einschließlich Banken, Versicherungen und Vermögensverwalter[4] umfasst.

Überblick über die wichtigsten Erwartungen

Die Erwartungen der EZB an das Management von Klima- und Umweltrisiken basieren auf dem bestehenden aufsichtsrechtlichen Rahmen (CRD/CRR und ergänzende technische Standards der EBA). Die 13 Prinzipien decken das gesamte operative Geschäftsmodell von der Strategie über die Integration der Risiken in die wichtigsten Geschäftsprozesse von Kreditinstituten bis hin zur Offenlegung ab.

  • Strategie und Risikoappetit. Es wird erwartet, dass Klima- und Umweltrisiken bei der Festlegung von Strategien und Geschäftsplänen sowie des Risikoappetits von Instituten eine zentrale Rolle spielen. Dies schließt die Berücksichtigung mittel- und längerfristiger Entwicklungen explizit ein.
  • Unternehmensführung und Verantwortung. Die Richtlinien betonen die Bedeutung des Verhaltens von Führungskräften („tone from the top“). Es wird die klare Erwartungshaltung formuliert, dass Klima- und Umweltrisiken regelmäßig durch das Management der Institute erörtert werden. Die Institute sind zudem angehalten, die Anwendbarkeit und Angemessenheit des bestehenden „Three Lines of Defense-Modell“ in Bezug auf Klima- und Umweltrisiken zu überprüfen.
  • Risikomanagement. Auch wenn sich die Risikomanagementpraktiken und das methodische Instrumentarium in Bezug auf Klima- und Umweltrisiken derzeit noch in der Entwicklung befinden, wird seitens der EZB erwartet, dass klima- und umweltbedingte Risiken angemessen in das Risikomanagement der Institute einfließen. Die EZB hat für die wesentlichen Risiken (Kreditrisiko, Marktrisiko, operationelles Risiko und Liquiditätsrisiko) Erwartungen formuliert, die auf die Optimierung bzw. Weiterentwicklung von bestehenden Entscheidungs- und Überwachungsprozessen sowie Notfallplänen abzielen. Ferner besteht die ausdrückliche Erwartung, Klima- und Umweltrisiken im ICAAP zu berücksichtigen. Dies wirft angesichts der Komplexität der Problemstellung und der zu berücksichtigenden längerfristigen Zeithorizonte einige methodische Herausforderungen auf.
  • Stresstests und Kapitalplanung. Im Einklang mit den bestehenden Praktiken zur Überwachung der Stabilität des Finanzsystems müssen physische Risiken und transitorische Risiken in die Stresstests und Kapitalplanungsprozesse integriert werden. Die derzeitigen Verfahren und Modelle sind zu erweitern, um die Bewertung längerfristiger Szenarien zu ermöglichen und um die volle thematische Bandbreite von Klima- und Umweltrisiken zu erfassen.
  • Klimarisikodaten und Reporting. Die EZB betont die Bedeutung von Klimarisikodaten, der Datenverwaltung und der Fähigkeit von Instituten, diese Daten für Berichtszwecke zu aggregieren und anzupassen. Es wird erwartet, dass die Managementberichterstattung um aussagekräftige Analysen zu klima- und umweltbezogenen Risiken weiterentwickelt wird.
  • Offenlegung. In Übereinstimmung mit den Transparenzanforderungen der Säule 3 erwartet die EZB von den Instituten, dass sie externen Stakeholdern angemessene und aussagekräftige Informationen in Bezug auf die Exposition des Instituts gegenüber wesentlichen klima- und umweltbezogenen Risiken sowie zu Risikomanagementpraktiken und zur Steuerung genutzter Kennzahlen zur Verfügung stellen. Die EZB orientiert sich dabei an den Empfehlungen der Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD)[5].

Die Anpassung der gegenwärtigen Praktiken zur Einhaltung dieser Richtlinien wird voraussichtlich eine beträchtliche Herausforderung für Kreditinstitute darstellen. Da das aktuell von vielen Instituten genutzte Risikomanagement-Instrumentarium einen starken historischen Fokus aufweist, die neuen Anforderungen aber Betrachtungen über einen längerfristigen, zukünftigen Zeithorizont erfordern und historische Informationen nicht oder nur stark eingeschränkt vorliegen, müssen grundlegende Überarbeitungen der konzeptionellen Ausgestaltung von Risikomanagementpraktiken vorangetrieben werden.

Der Einbezug von klima- und umweltbedingten Risiken in die etablierten Risikomanagementprozesse erfordert die Entwicklung sinnvoller und zukunftsbasierter „Übersetzungsmechanismen“ der Auswirkungen möglicher Klimaszenarien auf das Risikoprofil von Instituten, die ggf. die Identifizierung und Bewertung bisher unbekannter Risikofaktoren erfordern. Ein weiteres, besonders komplexes Thema ist die Entwicklung langfristiger Prognosen für die geschäftliche Entwicklung von Instituten, um die Einflüsse umfassender, langfristiger Klimaszenarien abschätzen und quantifizieren zu können.

Schlussfolgerung und nächste Schritte

Die Leitlinien der EZB sind ein hilfreicher Wegweiser zur Definition der Rolle des Finanzsystems beim Übergang in eine nachhaltige Zukunft. Die EZB zeigt darin auf, wie die im Risikomanagement von Instituten eingesetzten Verfahren und Modelle weiterentwickelt werden sollten, um Klima- und Umweltrisiken angemessen zu berücksichtigen und zu steuern.

Im Einklang mit den für Ende 2020 formulierten Erwartungen der EZB sehen wir eine Reihe kritischer Handlungserfordernisse, die – unter Berücksichtigung der Herausforderungen, die der Umgang mit der aktuellen Covid-19-Situation mit sich bringt – in den kommenden Monaten umgesetzt werden sollten:

  1. Durchführung einer ersten Gap-Analyse in Bezug auf die von der EZB formulierten Grundsätze
  2. Festlegung eines Zielbilds und eines mittelfristigen Umsetzungsplans unter Berücksichtigung der bestehenden Geschäfts- und Risikostrategie und der erwarteten Veränderungen der Umweltbedingungen
  3. Identifikation relevanter Klima- und Umweltrisiken sowie der betroffenen Geschäftsbereiche und Beurteilung von deren Wesentlichkeit

Wir haben Ansätze und Lösungen entwickelt, um Institute bei der Umsetzung dieser Herausforderungen zu unterstützen und die erforderlichen Anpassungen im Risikomanagement anzugehen. In weiteren Blog-Beiträgen werden wir aufzeigen, wie Klima- und Umweltrisiken im ersten Schritt in die bestehende Risikotaxonomie eingeordnet und hinsichtlich ihrer Wesentlichkeit analysiert werden können und welche Anpassungen an Schlüsselkonzepten und -prozessen, wie z.B. dem Risikoappetit, darüber hinaus erforderlich sind.

 

[1] ECB guide on climate-related and environmental risks: https://www.bankingsupervision.europa.eu/legalframework/publiccons/html/climate-related_risks.en.html

[2] Das Pariser Abkommen: https://unfccc.int/process-and-meetings/the-paris-agreement/the-paris-agreement

[3] Der Plan der Kommission zu Finanzierung nachhaltigen Wachstums: https://ec.europa.eu/info/publications/180308-action-plan-sustainable-growth_en

[4] Leitfaden zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken: https://www.bafin.de/SharedDocs/Downloads/EN/Merkblatt/dl_mb_Nachhaltigkeitsrisiken_en.html

[5] Empfehlungen der Task Force on Climate-related Financial Disclosures: https://www.fsb-tcfd.org/wp-content/uploads/2017/06/FINAL-2017-TCFD-Report-11052018.pdf

 

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