EZB veröffentlicht finale Leitlinien zum Umgang mit Klima- und Umweltrisiken

Am 27. November 2020 veröffentlichte die EZB nach einer öffentlichen Konsultation (sehen Sie hierzu auch unseren Blogbeitrag vom 2. Juni 2020) und einem Dialog mit den beaufsichtigten Instituten (SIs) die finale Fassung des Leitfadens zu Klima- und Umweltrisiken.

Die EZB hat in der Veröffentlichung 13 konkrete Erwartungen in Bezug auf den Umgang mit Klima- und Umweltrisiken formuliert. Auch wenn diese selbst nicht verpflichtend sind, so wurde im gleichen Schritt für 2022 eine vollständige aufsichtliche Überprüfung der Bankpraktiken für dieses Themengebiet angekündigt, die auch Bestandteil des im gleichen Jahr geplanten aufsichtsrechtlichen Stresstests sein wird. Bereits zu Beginn des Jahres 2021 sollen die Institute eine Selbsteinschätzung in Bezug auf die Umsetzung der EZB Erwartungen vornehmen und Aktionspläne entwickeln, die von der EZB analysiert und in ein Benchmarking einbezogen werden sollen.

Die Struktur und die inhaltlichen Schwerpunkte des endgültigen Leitfadens bleiben gegenüber dem Entwurf unverändert. In der finalen Fassung der Leitlinien wurden die 13 Erwartungen der EZB jedoch ergänzt und konkretisiert. Im gleichen Zuge wurden neben diesen Konkretisierungen zahlreiche Erwartungen präzisiert und die Anforderungen an die Umsetzung erhöht. Die Leitlinien sind ab sofort anwendbar.

Überblick über die wichtigsten Anpassungen im Vergleich zum Entwurf

Die Erwartungen der EZB an das Management von Klima- und Umweltrisiken basieren auf dem bestehenden aufsichtsrechtlichen Rahmen (CRD/CRR und ergänzende technische Standards der EBA). Die 13 Prinzipien decken den gesamten Lebenszyklus von der Strategie über die Integration der Risiken in die wichtigsten Geschäftsprozesse von Kreditinstituten bis hin zur Offenlegung ab. Sie stehen im Kontext mit weiteren Publikationen der Aufsichtsbehörden, wie z.B. den Leitfäden der EZB zum ICAAP/ILAAP, den EBA Leitlinien zu Internal Governance, Stresstests oder zum SREP. Im Folgenden geben wir einen Überblick zu wesentlichen Anpassungen und Konkretisierungen im Vergleich zur Konsultationsfassung:

  • Strategie und Risikoappetit.
    Es wird erwartet, dass Institute bei der Analyse der Auswirkungen von Klima- und Umweltrisiken ausreichend granulare Methoden anwenden, Unterschiede innerhalb einzelner Sektoren betrachten und auch Implikationen auf Lieferketten berücksichtigen.

    Die im Entwurf noch aufgeführte Wesentlichkeitsbetrachtung für ESG-Risiken wurde zwar grundsätzlich beibehalten, jedoch wird ein ganzheitlicher Ansatz erwartet, der eine Befassung mit sämtlichen Klima- und Umweltrisiken im Strategieprozess erfordert, zunächst losgelöst von Aspekten der Wesentlichkeit. Dies geht einher mit einer Verknüpfung des Strategieprozesses im Kredit- und Handelsgeschäft und der Verwendung der Ergebnisse von Szenarioanalysen und Stresstests zur Unterstützung strategischer Entscheidungen und Zielsetzungen.

  • Unternehmensführung und Verantwortung.
    Die letztendliche Verantwortung für den Umgang mit Klima- und Umweltrisiken liegt bei dem Leitungsorgan von Instituten. Das Management muss Klima- und Umweltrisken nicht nur verstehen, sondern auch in der Lage zu sein, diese effektiv zu steuern und eine geeignete Risikokultur im Institut schaffen. Des Weiteren wurde klargestellt, dass diese Risiken als Teil des Risikoinventars und der Risikotaxonomie zu verstehen sind und über den Risikoappetit in die Steuerungssysteme einzubeziehen sind.
  • Risikomanagement.
    Die EZB hat für die wesentlichen Risiken (Kreditrisiko, Marktrisiko, operationelles Risiko und Liquiditätsrisiko) Erwartungen formuliert, die auf die Optimierung bzw. Weiterentwicklung von bestehenden Entscheidungs- und Überwachungsprozessen sowie Notfallplänen abzielen. In der finalen Fassung wird der Leitfaden an verschiedenen Stellen konkretisiert.

    So soll die Analyse von Klima- und Umweltrisiken über die aktuellen materiellen Risikoarten (inkl. Konzentrationen) hinaus und für alle Geschäftsbereiche unter Nutzung von Szenarioanalysen und Stresstests durchgeführt werden, wobei auch die Schlussfolgerung der Unwesentlichkeit explizit begründet und dokumentiert werden muss. Zudem erwartet die EZB, dass bei der Analyse von solchen Risiken und Konzentrationen neben der sektoralen und geografischen Analyse auch die Analyse einzelner Kreditnehmer in Betracht gezogen wird. Die Bewertung von Klima- und Umweltrisiken sollte auch im Hinblick auf negative finanzielle Auswirkungen, die sich aus künftigen Reputationsschäden, Haftungen und/oder Rechtsstreitigkeiten ergeben, erfolgen.

    In Bezug auf die Steuerung von Klima- und Umwelt-Risiken gehen die Erwartungen der Aufsicht über traditionelle Limitierungs- oder Abbaustrategien hinaus. Vielmehr sollen aktive Anreize für Kunden zur Minderung solcher Risiken gesetzt werden (u.a. durch Einbeziehung spezifischer Grenzkosten für die Finanzierung nachhaltiger Investitionen).

    Weitere wichtige Ergänzungen im Zusammenhang mit einer ganzheitlichen und zukunftsorientierten Betrachtung finden sich in der expliziten Verknüpfung der normativen und ökonomischen ICAAP-Perspektive, um Klima- und Umweltrisiken auch in diesem Kontext vorausschauend zu adressieren. Auch hinsichtlich des ILAAP finden sich Konkretisierungen, beispielsweise durch die geforderte Berücksichtigung des Risikos „gestrandeter“ Vermögenswerte aufgrund von Klima- und Umweltrisiken und die damit einhergehende Verzahnung von Geschäftsstrategie und Liquiditätsplanung.

    Die EZB bekräftigt ihre Erwartung, dass Institute Klima- und Umweltrisiken über verschiedene Zeithorizonte – kurz-, mittel- und langfristig – in ihre Risikosteuerung einbeziehen sollen, wobei die langfristige Betrachtung deutlich über jene Zeiträume hinausgeht, die aktuell im ICAAP/ILAAP zugrunde gelegt werden.

  • Offenlegung.
    Die Transparenzanforderungen wurden gegenüber der Entwurfsfassung insbesondere hinsichtlich des Detaillierungsgrades in Bezug auf Berechnungsmethoden und zugrunde liegende Annahmen sowie Risiken, die sich aus Kontroversen über Produkte und Aktivitäten ergeben, ergänzt.

Schlussfolgerung

Die Leitlinien der EZB sind ein hilfreicher Wegweiser zur Definition der Rolle des Finanzsystems beim Übergang in eine nachhaltige Zukunft. Die EZB zeigt auf, wie die von Instituten im Risikomanagement eingesetzten Verfahren und Modelle weiterentwickelt werden sollen, um Klima- und Umweltrisiken angemessen zu berücksichtigen und zu steuern. Die ganzheitliche Betrachtung dieser Risiken wird umfassende Weiterentwicklungen erfordern, um die notwendige Transparenz und Steuerungsmöglichkeiten zu schaffen. Insbesondere mit Bezug auf die IT-Infrastruktur, das Datenmanagement und das methodische Instrumentarium werden Anstrengungen notwendig sein, um die Erwartungen der EZB zu erfüllen.

Kurzfristig sollen SIs zu Beginn des Jahres 2021, wie oben beschrieben, eine GAP Analyse und einen Maßnahmenplan zur Umsetzung der Anforderungen aus dem EZB Leitfaden erstellen. Gerne unterstützen wir mit unseren Experten, Tools (z.B. GAP-Analyse-Tool) sowie Markterfahrungen und Benchmarks zu den geforderten Maßnahmenplänen.

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