Erkenntnisse aus dem COVID-19-Stresstest der BaFin für LSIs

Die BaFin hat im „BaFin Journal“ vom Juli 2020 die Ergebnisse für einen speziellen COVID-19-Stresstest für die LSIs, die weniger bedeutenden Institute unter nationaler Aufsicht, veröffentlicht. Der Stresstest ist zusammen von der BaFin und von der Bundesbank aufsichtsintern, ohne direkte Beteiligung der einzelnen Institute, erfolgt. Als Ergebnis resümiert die BaFin, dass auch bei einem schweren Einbruch des Bruttoinlandsprodukts die LSIs im Durchschnitt ausreichend kapitalisiert sind – doch ist dem tatsächlich so?

Hintergrund

Aufgrund der aktuellen COVID-19-Entwicklungen haben die BaFin und die Bundesbank die aufsichtlichen Prozesse für dieses Jahr angepasst. Die BaFin hat bereits zu Beginn der Corona-Pandemie im Februar 2020 den Austausch mit den LSIs und den Verbänden mit der Zielsetzung, die Risikolage so umfassend wie möglich zu bewerten und frühzeitig Maßnahmen ergreifen zu können, intensiviert. Eine der ersten größeren Entscheidungen in diesem Kontext war das Aussetzen der SREP-Kapitalquantifizierung für das Jahr 2020, sowohl auf europäischer Ebene durch die EZB als auch auf nationaler Ebene durch die BaFin. Die Bundesbank hat außerdem losgelöst von dieser Entscheidung angekündigt, den aufsichtlichen Fokus in der regelmäßige Risikobeurteilung der Institute im Rahmen des SREP auf die bereits eingetretenen als auch die perspektivischen Auswirkungen der COVID-19-Krise zu legen.

Diesbezüglich hat die Bundesbank aufgrund der spärlichen Informationslage über die Auswirkungen der Pandemie auf die Institute mit Rundschreiben vom 27. Mai 2020 die nationalen LSIs um die Übermittlung der folgenden Unterlagen zum Stichtag 30. Juni 2020 in elektronischer Form mit einer Frist zum 15. August 2020 gebeten:

  • die jeweils aktuelle Ertragsplanung und Kapitalplanung mit Planungshorizont von mindestens drei Jahren in beiden Fällen;
  • Gesamtrisikobericht einschließlich Risikotragfähigkeitsrechnung sowie einer Übersicht über das Limitsystem und der aktuellen Auslastungsrechnung;
  • eine aktuelle Depot-A-Übersicht.

Im Vorfeld hatten BaFin und Bundesbank zusammen, ohne direkte Beteiligung der einzelnen Institute, aufsichtsintern die Auswirkungen eines Stresstests analysiert, der speziell die erwarteten Auswirkungen der COVID-19-Krise adressierte.

Das Berechnungsverfahren des COVID-19-Stresstests baut im Wesentlichen auf den Erkenntnissen aus dem LSI-Stresstest 2019 auf. Die Grundlage des Stresstests ist der erwartete Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Deutschland. Die BaFin und die Bundesbank modellierten deshalb verschiedene Einbruchsszenarien des BIP für das aktuelle Jahr, um die Auswirkungen auf die Kapitalisierung der LSIs messen zu können.

Ergebnis

Insgesamt kommt die BaFin zu dem Ergebnis, dass die LSIs mit einer gegenwärtigen durchschnittlichen harten Kernkapitalquote von 15,9 Prozent solide und bezogen auf die COVID-19-Krise ausreichend kapitalisiert sind. So ergab der Stresstest bei einem simulierten BIP-Einbruch von 8,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, dass ein Rückgang der durchschnittlichen harten Kernkapitalquote von 4,1 Prozentpunkten auf 11,8 Prozent per Ende 2020 simulationsgemäß eintreten wird. Bei einem schwereren BIP-Einbruch von 10,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ergab sich hingegen, ein nur geringfügig stärkerer Rückgang der durchschnittlichen harten Kernkapitalquote von 4,7 Prozentpunkten auf 11,2 Prozent per Ende 2020. Als wesentliche Ergebnistreiber haben die BaFin und die Bundesbank das Kredit- und das Marktpreisrisiko ausgemacht. Insbesondere beim simulierten schweren BIP-Einbruch resultieren die zusätzlichen Verluste gegenüber dem schwächeren aus dem Kreditrisiko.

Einordnung der Ergebnisse

Der COVID-19-Stresstest lässt Spielraum für offene Fragen. Im Wesentlichen drehen diese sich dabei um den angenommenen Schweregrad des Stresstests und um die Einordnung der Ergebnisse:

  • Im Rahmen des COVID-19-Stresstests wird im ersten Szenario von einem BIP-Einbruch von 8,1 Prozent ausgegangen. Zur Einordnung wird angegeben, dass dieses dem Basisszenario der aktuellen Konjunkturprognose der Bundesbank von -7,1 Prozent nahekommt. Bei Betrachtung weiterer Prognosen zur Entwicklung des deutschen Bruttoinlandsprodukts fällt jedoch auf, dass ein BIP-Einbruch von 8,1 Prozent durchaus als eine Basis- und nicht als eine adverse Annahme interpretiert werden kann. Folgende Darstellung gibt eine Übersicht über die Prognosen zur Entwicklung des deutschen Bruttoinlandsprodukts von verschiedenen ausgewählten Institutionen:
Bundesregierung OECD Internationaler Währungsfonds Bundesbank Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung Institut der deutschen Wirtschaft Köln
-6,3 % -8,8 % -7,8 % -7,1 % -9,4 -9,0

Ob es sich um eine Basis- oder um eine adverse Entwicklung handelt, hat einen Einfluss auf die Interpretation des Ergebnisses des Stresstests, da die einzuhaltenden Kapitalanforderungen um die Anforderungen zur Eigenmittelzielkennziffer und zum kombinierten Kapitalpuffer höher wären. Es stellt sich deshalb die Frage, ob der zu erwartende Rückgang der durchschnittlich harten Kernkapitalquote auf 11,8 Prozent bei den LSIs demnach nicht durchaus dazu führen kann, dass ein bedeutender Teil der LSI zukünftig ihre Kapitalanforderungen nicht erfüllen können.

Als Hinweis sei zusätzlich erwähnt, dass der deutsche Gesetzgeber im Referentenentwurf für das Gesetz zur Reduzierung von Risiken und zur Stärkung der Proportionalität im Bankensektor eine Erfüllung der Eigenmittelempfehlung vollständig in Form von hartem Kernkapital verlangt. Das Gesetz steht gegenwärtig zur Diskussion und soll bis Ende des Jahres verabschiedet werden.

  • Im Rahmen des COVID-19-Stresstests wird im zweiten Szenario von einem BIP-Einbruch von 10,8 Prozent ausgegangen, was zu einem erwarteten Rückgang der durchschnittlichen harten Kernkapitalquote von 4,7 Prozentpunkten auf 11,2 Prozent per Ende 2020 führt. Beim ersten Szenario führte ein BIP-Einbruch von 8,1 Prozent, zu einem erwarteten Rückgang der durchschnittlichen harten Kernkapitalquote von 4,1 Prozentpunkten auf 11,8 Prozent per Ende 2020. Beim Vergleich der Ergebnisse fällt auf, dass die jeweiligen Kernkapitalquoten lediglich eine Differenz von 0,6 Prozentpunkten aufweisen, obwohl der simulierte BIP-Einbruch um fast 46 Prozent höher liegt. Vor dem Hintergrund stellt sich die Frage, ob sich die negativen Auswirkungen einer stärkeren Rezession in allen Portofolien so widerspiegeln, oder ob nicht gerade bei einigen Häusern auch eine stärkere Auswirkung auf die Kernkapitalqoute zu erwarten wäre.
  • Des Weiteren stellt sich die Frage, wie in der Kapitalplanung und der RTF vorzugehen wäre, bei der Annahme, dass sich der schwächere Covid-19-Stresstest realisiert. Das würde bedeuten, dass Institute Ihre Kapitalplanung und die Kalibrierung ihrer zukünftigen adversen Szenarien auf einer Basis von ca. 11,8 % beginnen würden. Eine negative Entwicklung der Kernkapitalquote um weitere 0,6 % wäre aus heutiger Sicht eher nicht als adversers Szenario einzustufen. Denn „widrige Entwicklungen“ bedeuten, dass über den Betrachtungshorizont hinweg ein spürbarer Einfluss auf die Kapitalausstattung bzw. Kapitalplanung erkennbar wird. Für die Kapitalplanung inkl. adverser Szenarien ist also die Kalibrierung zukünftig von besonderer Bedeutung, genauso wie die Vorgabe der Aufsicht, welche Puffer zukünftig angegriffen bzw. verbraucht werden dürften.
  • Den Berechnungen der Aufsicht liegen Durchschnittswerte Im Gegensatz dazu werden aber einzelne Institute auf individueller Ebene von der Krise getroffen, Das „Durchschnittsinstitut“ wird es aber nur sehr selten geben, und die „guten“ Institute werden sich auf die „schlechten“ Institute nicht risikoausgleichend auswirken. Es ist im Umkehrschluss davon auszugehen, dass es eine signifikante Anzahl von Instituten gibt, die die Auswirkungen von COVID-19 sehr deutlich spüren werden und an die Grenzen ihrer Kapitalausstattung (oder auch darüber hinaus) kommen werden.

Fazit:

Trotz des Resümees zum COVID-19-Stresstest der BaFin und der Bundesbank, dass auch bei einem schweren Einbruch des Bruttoinlandsprodukts die LSIs im Durchschnitt ausreichend kapitalisiert sind, zeigen die noch offenen Fragen, dass durchaus großer Handlungsbedarf hinsichtlich der Kapitalplanung bei zahlreichen Instituten bestehen kann. Jedes Institut ist ganz individuell von der Krise betroffen, und jedes Institut hat sein individuelles Risikoprofil, seine individuelle Kapitalausstattung und damit auch seine individuellen Grenzen der Risikotragfähigkeit. Gleichwohl ist keine Bank der Dynamik der COVID-19-Krise hilflos ausgeliefert: bei fast jeder Bank lassen sich durch gezielte Maßnahmen die Grenzen der Risikotragfähigkeit zu einem gewissen Grad verschieben. Dabei können wir Sie gerne unterstützen.

Der PwC-Lösungsansatz vereinbart methodisches Benchmarkwissen und praktische Erfahrungen aus einer Vielzahl von Beratungsprojekten mit einer technischen Lösung zur Visualisierung und Optimierung der Kapital- und Geschäftsplanung (vgl. unsere Blogbeiträge bzgl. Kapitalplanung in der Krise sowie Kapitalplanung im Fokus). Eine kurzfristige Implementierung kann Ihnen die in der Krise erforderlichen entscheidungsrelevanten Informationen zu Steuerung Ihrer Bank und insbesondere zur rechtzeitigen Ergreifung wirksamer Gegenmaßnahmen verschaffen.

Gerne tauschen wir uns persönlich mit Ihnen über Ihre Optimierungsmöglichkeiten in einem unverbindlichen Informationsgespräch aus. Sprechen Sie uns gerne an.

Michael Maifarth

Telefon    +49 69 9585 2318

Mobil       +49 170 786 5727

michael.maifarth@pwc.com

Matthias Eisert

Telefon    +49 69 9585 2269

Mobil       +49 160 895 3260

matthias.eisert@pwc.com

Alexander Kottmann

Telefon    +49 30 2636 5018

Mobil       +49 170 473 8250

alexander.kottmann@pwc.com

Dieter Lienland

Telefon    +49 211 981 4929

Mobil       +49 171 553 2631

dieter.lienland@pwc.com

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

/* */