Erklärung der EZB-Bankenaufsicht zur internen Governance und zum Risikoappetit

Die Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank hat im Rahmen einer kürzlich veröffentlichten Erklärung ihre Vorstellungen zur internen Governance und zur Risikobereitschaft der von ihr direkt beaufsichtigten bedeutenden Institute konkretisiert. Basis für die Veröffentlichung war ein von der EZB im Jahr 2015 durchgeführter thematischer Review zur Beurteilung der Leitungsorgane und der Risikobereitschaft der bedeutenden Institute des Euroraums.

Überprüfung der Risikobereitschaft im Rahmen des SREP

Als Teilaspekt des aufsichtsrechtlichen Überprüfungsprozesses (Supervisory Review and Evaluation Process, SREP) wurde von der EZB-Bankenaufsicht bei 113 bedeutenden Instituten eine thematische Überprüfung der Risk Governance und des Risikoappetits durchgeführt. Dabei wurden von der EZB insbesondere die Teilaspekte „Arbeitsweise und Effektivität der Leitungsorgane“ und „Rahmenwerk für die Risikobereitschaft“ überprüft und das Ergebnis der Überprüfung den überwachten Instituten anschließend schriftlich mitgeteilt.

Die jetzt veröffentlichte Erklärung der EZB konkretisiert neben den Erwartungen an die Ausgestaltung und Funktionsweise des Aufsichtsorgans (hierfür verweisen wir auf die Ausführungen im Regulatory Blog) die spezifischen aufsichtlichen Erwartungen an das Rahmenwerk für die Risikobereitschaft (Risk Appetite Framework) der direkt überwachten bedeutenden Institute. In diesem Rahmenwerk sowie in der expliziten Festlegung des Risikoappetits sieht die EZB einen Eckpfeiler einer soliden internen Governance. Dabei unterscheidet die EZB in ihrer Erklärung zwischen dem Design (d.h. Aufbau, Inhalt und Strukturierung) und der Implementierung (d.h. praktische Umsetzung, Funktionsweise und organisatorische Einbettung) des Rahmenwerks.

Rahmenwerk zur Risikobereitschaft

In Bezug auf das Design des Rahmenwerks zur Risikobereitschaft sind insbesondere eine ausreichende Regelungsbreite und –tiefe sowie eine enge Orientierung am Geschäftsmodell und am Risikoprofil des Instituts gefordert.

Hier sollten zumindest alle wesentlichen finanziellen und nicht-finanziellen Risiken im Rahmen der Artikulierung der Risikobereitschaft betrachtet werden. Unbeschadet vom Ausgang der i.d.R. jährlich durchzuführenden Risikoinventur sieht die EZB dabei zumindest die folgenden (z.T. hinsichtlich Definition und Abgrenzung redundanten) Risikoarten als wesentlich an:

  • Geschäftsrisiko und Profitabilität
  • Kapitalrisiko
  • Liquiditätsrisiko
  • Zinsänderungsrisiko im Bankbuch (IRRBB)
  • Adressenausfallrisiko
  • Marktpreisrisiko
  • Operationelles Risiko
  • Nicht-finanzielle Risiken (insbesondere Compliance-Risiko, Reputationsrisiko, IT-Risiko, Rechtsrisiko und Verhaltensrisiko)

Zur Festlegung der Risikobereitschaft in Bezug auf die wesentlichen Risiken sollte das Institut geeignete Limite, Indikatoren und Schwellenwerte definieren, die zukunftsgerichtet sein sollten und insbesondere das Risikodeckungspotential, Stresstestergebnisse und auch Risikokonzentrationen berücksichtigen. In diesem Zusammenhang sind geeignete Prozesse und Verantwortlichkeiten zur Steuerung und Überwachung der Risikobereitschaft zu definieren und zu implementieren.

Zur Erörterung des Risikoappetits auf Ebene des Aufsichtsrates schlägt die EZB maximal 20 bis 30 Indikatoren vor, abhängig von der Größe und Komplexität des Instituts. Einerseits sollten alle wesentlichen Risiken des Institutes in die Überwachungstätigkeit des Aufsichtsrates mit einbezogen werden. Demgegenüber steht die Übersichtlichkeit und Verständlichkeit der Risikoinformationen, die dem Aufsichtsrat präsentiert werden.

Implementierung des Rahmenwerks

In Bezug auf die Implementierung des Rahmenwerks zur Risikobereitschaft sollte der Risikoappetit in die strukturellen Prozesse des Institutes, z.B. Strategiebildungsprozess, Mittelfristplanung, Kapital- und Liquiditätsplanung, Sanierungsplanung sowie Vergütung, integriert werden und impliziter Teil der Entscheidungsfindungsprozesse sein. Dabei sollten gleichzeitig auch die methodische Kontinuität und quantitative Stabilität des Risikoappetits im Zeitablauf sichergestellt werden.

Der Risikoappetit umfasst sowohl finanzielle als auch nicht-finanzielle Risiken. Begrenzend für den Risikoappetit sind die vorhandenen Risikodeckungspotentiale, die insbesondere mit der Kapital- und Liquiditätsplanung übereinstimmen müssen.

Der Risikoappetit sollte dabei sowohl auf Gesamtinstitutsebene, auf Ebene einzelner Geschäftsbereiche und Tochterunternehmen und insbesondere auch für die wesentlichen Risikoarten festgelegt werden. Die Entwicklung und Implementierung von Risk Appetite Dashboards unterstützten die Steuerung und Überwachung des Risikoappetits auf den unterschiedlichen Geschäfts- und Risikoebenen.

Fazit und Herangehensweise

Aus Sicht der EZB verfügen viele Banken aktuell noch nicht über ausreichend widerstandsfähige und umfassende Rahmenwerke zur Risikobereitschaft, welche auch konsistent zum Gesamtrisikoprofil des Institutes sind. Die vorliegenden Erwartungen und Empfehlungen der EZB greifen die im Rahmen des thematischen Reviews getroffenen Feststellungen auf und sollen den Instituten als Orientierungshilfe bei der Implementierung verbesserter Ansätze und Verfahren dienen.

In der Praxis wird die Risikobereitschaft des Institutes meist mit drei unterschiedlichen, allerdings interdependenten Verfahren festgelegt:

  • Anhand von qualitativen Aussagen formuliert das Institut die risikopolitischen Ziele, die sich an der strategischen Ausrichtung und den Zielen des Instituts orientieren müssen.
  • Durch die Festlegung von Kennzahlen und Indikatoren werden die vorab getroffenen qualitativen Aussagen komplementiert und die Steuerung und Überwachung der Ziele des Institutes ermöglicht.
  • Risikolimitierungen auf Gesamtinstitutsebene sowie auf Ebene der einzelnen Steuerungseinheiten (z.B. Geschäftsfelder oder Produktkategorien) bringen den Risikoappetit in Einklang mit der Geschäftsstrategie, der Mittelfristplanung und insbesondere auch dem zur Verfügung stehenden Risikodeckungspotential.

Haben Sie weitere Fragen oder sehen Sie Diskussionsbedarf? Wir stehen Ihnen hierbei gern zur Seite.

Alexander Kottmann

Telefon    +49 30 2636 5018

Mobil       +49 170 473 8250

alexander.kottmann@de.pwc.com

Dieter Lienland

Telefon    +49 211 981 4929

Mobil       +49 171 553 2631

dieter.lienland@de.pwc.com

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

/* */