Prudent Valuation

Am 28. Januar 2016 veröffentlichte die Europäische Kommission den finalen Regulatory Technical Standard (RTS) zur Prudent Valuation und kommt hiermit ihrem Auftrag zur Konkretisierung der Anforderungen an eine vorsichtige Bewertung aller zum Fair Value bilanzierten Positionen gemäß Art. 34 i.V.m. 105 CRR nach. Aufbauend auf der Veröffentlichung des finalen RTS im EU-Amtsblatt folgte bereits am 4. Februar 2016 eine Berichtigung, welche jedoch nur eine kleine Anpassung beinhaltete. Sämtliche Regelungen sind 20 Tage nach Veröffentlichung und somit ab dem 17. Februar 2016 verpflichtend anzuwenden.

Überblick

Ziel der Prudent Valuation ist es, sämtliche zum Fair Value bilanzierten Positionen so zu bewerten, dass auch Bewertungsunsicherheiten berücksichtigt werden, die nicht oder aus Sicht des Aufsehers nicht ausreichend in den Werten der externen Rechnungslegung berücksichtigt sind. Um diesen „Prudent Value“ zu ermitteln, sind so genannte Additional Valuation Adjustments (kurz: AVA) zu berücksichtigen. Die Bestimmung der Wertanpassungen hat für sämtliche Fair Value-Positionen zu erfolgen, unabhängig davon, ob diese dem Handels- oder Bankbuch zugeordnet werden. Auch eine Bagatellgrenze für Kleinstpositionen, für die kein Prudent Value zu ermitteln wäre, gibt es grundsätzlich nicht. Diese Wertanpassungen sind zudem sowohl auf der Aktivseite (Wertminderung) als auch auf der Passivseite (Werterhöhung) zu berücksichtigen.

Zur Bestimmung der Höhe der AVA enthält der finale Regulatory Technical Standard (RTS) weiterhin einen einfachen und einen komplexeren Ansatz, wobei sich das zu verwendende Verfahren nach der Höhe der einzubeziehenden Fair Value-Positionen (15 Milliarden Euro-Grenze) richtet. Im einfachen Ansatz (Simplified Approach) wird eine Multiplikation aller relevanten Fair Value-Positionen mit dem Faktor 0,001 durchgeführt. Dem steht der Basisansatz (Core Approach) gegenüber, bei welchem für neun Risiko- und Kosten­kompo­nenten individuelle AVA gebildet werden müssen. Dabei soll ein Sicherheitsniveau für die tatsächliche Realisierung des Prudent Values von mindestens 90% erreicht werden.

Regulatorische Bedeutung und fachliche Herausforderungen

Die besondere Bedeutung der AVA entsteht vor allem dadurch, dass diese unmittelbar im Sinne von zusätzliche Bewertungsanpassungen als Verringerung des harten Kernkapitals zu berücksichtigen sind (Art. 34 CRR). Im Gegenzug sind sie jedoch auch bei der Bestimmung der Eigenmittelanforderung für das Kreditrisiko zu berücksichtigen. Die Berücksichtigung der AVA erfolgt im Kreditrisikostandardansatz (KSA) durch eine Anpassung des Exposure Values und somit durch die Reduktion der Bemessungsgrundlage. Voraussetzung ist, dass die aufsichtsrechtlichen Vorgaben eine Verwendung des Fair Value vorsehen (nur bilanzielle Positionen). Ansatzpunkt der Prudent Valuation im auf internen Ratings basierenden Ansatz (IRBA) bildet der Wertberichtigungsvergleich, mittels welchem die erwarteten Verluste den tatsächlich durch das Institut gebildeten Wertberichtigungen gegenübergestellt werden. Hier werden die AVA auf der Seite der gebildeten Wertberichtigungen berücksichtigt.

Zwar sind die Vorgaben der Prudent Valuation nicht grundsätzlich neu, ebenso haben die meisten Institute bereits feste Prozesse implementiert, um den Prudent Value zu bestimmen, jedoch bestehen dennoch sowohl aus fachlicher als auch aus prozessualer Sicht noch immer einige Herausforderungen.

In diesem Zusammenhang ist insbesondere anzuführen, dass zur korrekten Erfassung der gebildeten AVA im Rahmen der Anpassung der Bemessungsgrundlage für KSA-Positionen einerseits und im Wertberichtigungsvergleich für IRBA-Positionen andererseits eine AVA-Ermittlung auf Einzelpositionsebene erforderlich ist. Stellt dies bei Anwendung des einfachen Ansatzes durch die Linearität (0,1% auf den Fair Value) keine Herausforderung dar, so ist in der Praxis bei Verwendung des komplexeren Basisansatzes zu beobachten, dass die AVA auf Portfoliogrößen ermittelt werden. Eine Rückverteilung auf Einzelpositionen im KSA und IRBA ist anschließend – wenn überhaupt – nur mit Verteilungsschlüsseln möglich. Da die AVA somit nicht zweifelsfrei einer bestimmten Position zugeordnet werden können, werden diese aus Gründen der Konservativität nicht in der Bemessungsgrundlage bzw. im Wertberichtigungs­vergleich berücksichtigt. Aufgrund der Anforderung, die vorhandenen Eigenmittel um den Gesamtbetrag der AVA zu reduzieren (es ist somit keine explizite Zuordnung zu den einzelnen Positionen nötig)  kommt es in der Praxis zu Inkonsistenzen. Während keine Berücksichtigung im Zuge der KSA-RWA-Ermittlung und dem IRB-Wertberichtigungsvergleich erfolgt, reduzie­ren sich die Eigenmittel um den Betrag der gebildeten Wertanpassungen.

Methodische Herausforderungen

Eine zentrale, Kategorien übergreifende, Herausforderung bei der AVA-Ermittlung stellt der Ermittlungsprozess selbst dar. Hierbei muss jedes Institut eine Infrastruktur zur Sammlung sowohl von Positions-/Risikodaten (z.B. Sensitivitäten, Volumina) als auch relevanten Marktdaten schaffen. Die notwendigen Daten liegen sehr oft nicht in einem System vor und müssen über diverse Schnittstellen nach Konvertierungsprozessen aggregiert werden. Da die AVA regelmäßig zu berechnen sind, ist hierbei mit einem größeren Aufwand für die Konzeption und Umsetzung zu rechnen.

Im Folgenden sind die methodischen Herausforderungen bei der Berechnung einzelner AVA dargestellt.

Das AVA für Market Price Uncertainty stellt einen Abschlag für die Unsicherheit in den Marktdaten dar. Dieses AVA lässt sich für mehr oder weniger liquide Finanzinstrumente relativ einfach aus der Streuung der Marktdaten ableiten. Die methodische Herausforderung besteht dann allenfalls in der Auswahl der Marktdatenquellen, die für die Ableitung der Streuung untersucht werden sowie in der Wahl des Zeitfensters, für das die Streuung bestimmt wird („Zeitpunkt“ vs. „Zeitraum“). Die höchste Marktpreisunsicherheit wird jedoch gerade bei illiquiden Finanzinstrumenten vorliegen. Da bei diesen i.d.R. nur wenige und/oder nur gelegentliche Preisquotierungen vorliegen, ist die Berechnung einer Streuung der Marktpreise nicht ohne weiteres möglich. Eine weitere Herausforderung stellt die Abgrenzung von echten Ausreißern – die nicht in die Streuung einzurechnen sind – von normalen Schwankungen dar. Nach dem RTS darf dieses AVA auch unter Berücksichtigung eines Nettings der Risikofaktoren ermittelt werden. Dieses Wahlrecht führt i.d.R. zu signifikanter Reduktion der AVA-Höhe, bedarf jedoch einer Umsetzung der geforderten Volatilitätstests. Hierbei ist mit einem zusätzlichen Aufwand für die benötigte Infrastruktur zu rechnen.

Das AVA für Investment und Funding Cost ist eine Korrektur für die Unsicherheit in der Schätzung der Bewertungsanpassung für Finanzierungskosten. Soweit keine Bewertungs­anpassung für die Finanzierungskosten (Funding Valuation Adjustment, FVA) im Rechnungswesen berücksichtigt wird, ist diese als Bestandteil dieser AVA zu bilden. Für die Institute, die derzeit keine FVA bilanzieren, ist die Ermittlung dieser AVA mit großen Schwierigkeiten verbunden, da die entsprechende Berechnungslogik erst konzipiert werden muss. Hierbei sind insbesondere die Ermittlung der zukünftigen Fundinglücken und die Wahl der Fundingkosten von Bedeutung. So ist beispielsweise die Entscheidung zu treffen, ob eher Fundingkosten für gedeckte oder für ungedeckte Finanzierungen heranzuziehen sind oder aber ein Mix aus beidem.

Das AVA für Model Risk soll die Unsicherheit, die aus der Wahl des Bewertungsmodells resultiert, abbilden. Immer dann, wenn es nicht „das“ Bewertungsmodell am Markt gibt, sind Vergleichsberechnungen mit anderen Modellen durchzuführen. Hierbei stellt sich nun die Frage, welche Alternativmodelle jeweils für die Ermittlung dieses AVA eingesetzt werden sollten. Neben der Wahl des Alternativmodells kann dieses AVA erheblichen Implemen­tierungsaufwand verursachen, da ein Alternativmodell einschließlich der erforderlichen Kalibrierung implementiert und berechnet werden muss.

Das AVA für Unearned Credit Spreads deckt die Unsicherheit in der Schätzung des Counterparty Valuation Adjustments (CVA) ab und wird üblicherweise basierend auf Modellen für das bilanzielle CVA berechnet. Im Idealfall erfolgt die CVA-Ermittlung über eine Exposure-Simulation für den Zeitraum bis zur Fälligkeit. Dieses AVA wird ermittelt, indem die Annahmen der Exposure-Ermittlung und die Parameter ausgelenkt werden. Dabei sollte auch über die Berücksichtigung von Wrong-way-Risiken im AVA nachgedacht werden.

Das AVA für die Concentrated Positions wird insbesondere durch die Wahl der Filter beeinflusst, die angewendet werden, um die konzentrierten Positionen zu identifizieren. Eine weitere Herausforderung bei diesem AVA besteht in der Schätzung der Liquidationsperiode, die benötigt wird, um die Position zu schließen.

Soweit kein FVA bilanziell berücksichtigt wird, übersteigt diese Bewertungskorrektur i.d.R. alle anderen AVA. Den nächstgrößten Anteil an den Gesamt-AVA haben nach unseren Erfahrungen das AVA  für Market-Price-Uncertainty und Close-out-Cost. Abhängig von der Portfolio­zusammensetzung und dem Investitionsfokus können aber auch das AVA für Concentrated Positions und Unearned Credit-Spread ein erhebliches Gewicht haben.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Ermittlung des „Prudent Value“ zwar nicht grundsätzlich neu, jedoch weiterhin herausfordernd ist. Der europäische Aufseher hat im Januar den finalen Standard veröffentlicht, der spätestens seitdem für alle Institute verpflichtend umzusetzen ist.

 

Martina Bäthe-Guski

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