Wasserstoff als Schlüssel zur Energiewende – Nachfrageanstieg ab 2030 erwartet

Wasserstoff-Technologie braucht eine leistungsfähige Infrastruktur

Wasserstoff hat als Energieträger ein großes Potenzial. Allerdings sind noch einige Hindernisse zu überwinden, bis er gegenüber klassischen Energieträgern konkurrenzfähig wird und tatsächlich zur Energiewende beiträgt. Das betrifft insbesondere eine belastbare Infrastruktur. Der Report „Hydrogen on the Horizon: Ready, almost set, go?“, den PwC Deutschland unter unserem Experten Prof. Dr. Jürgen Peterseim in Zusammenarbeit mit dem World Energy Council (WEC) und dem Electric Power Research Institute (EPRI) erstellt hat, zeigt auf, worauf es auf diesem Weg ankommt.

Es war nur die Vision eines Schriftstellers, aber Jules Verne sollte Recht behalten: In seinem Roman „Die geheimnisvolle Insel“ bezeichnete er bereits im 19. Jahrhundert Wasser als Kohle der Zukunft. Heute gilt Wasserstoff wirklich als vielversprechender Energieträger der Zukunft und als Schlüssel zur Energiewende. Gerade in Industrie und Verkehr hat er das Potenzial, CO2-Emissionen deutlich zu senken. Entsprechend hoch sind die Erwartungen auch seitens der Politik: Die Bundesregierung investiert acht Milliarden Euro im Rahmen einer europäischen Wasserstoffallianz in insgesamt 62 deutsche Projekte und will damit Investitionen in Höhe von 33 Milliarden Euro auslösen (Quelle: BMWI, 28.05.2021). 

Keine Frage, Wasserstoff hat ein enormes Potenzial. Die Alternative zu fossilen Energieträgern benötigt aber auch eine leistungsfähige Infrastruktur mit ausgereiften Lösungen zur Speicherung und zum Transport, damit sie wettbewerbsfähig – und kostengünstiger – wird. Worauf kommt es dabei an? Wie kann der Durchbruch von Wasserstoff gelingen? Wie hoch wird der Bedarf in den kommenden Jahrzehnten sein? Antworten auf diese Fragen gibt die Analyse „Hydrogen on the Horizon: Ready, almost set, go?“, die das World Energy Council (WEC) gemeinsam mit PwC Deutschland und dem Electric Power Research Institute (EPRI) veröffentlicht hat. Mein Kollege Prof. Dr. Jürgen Peterseim, Senior Manager bei PwC Deutschland, hat daran mitgearbeitet.

Die Nutzerperspektive in den Mittelpunkt stellen

Die H2-Technologie entwickelt sich derzeit rasant weiter, ist aber noch weit davon entfernt, schon flächendeckend kommerziell eingesetzt zu werden, auch aufgrund der hohen Preise. Unter der Agenda „Humanising Energy“ macht der Weltenergierat deutlich, dass es dringend nötig ist, die Perspektive zu wechseln – weg von der rein anbieterorientierten Sicht, hin zur Sichtweise der Nutzer. Der Bedarf an Wasserstoff dürfte in den kommenden Jahrzehnten deutlich steigen: Nach Schätzungen unserer Analyse um bis zu 800 Prozent bis zum Jahr 2050. Gegenüber anderen Energieträgern könnte Wasserstoff bis zum Jahr 2030 bereits wettbewerbsfähig sein. Das hängt aber entscheidend davon ab, ob es uns gelingt, den Ausbau der Wasserstoff-Infrastruktur – Produktion, Transport und Handel – noch in diesem Jahrzehnt voranzutreiben. 

Bilaterale Partnerschaften für eine sichere Versorgung

Derzeit gehen die Länder dabei unterschiedliche Wege und setzen jeweils andere Schwerpunkte: Während in Europa und Asien der Fokus vor allem auf dem Bedarf liegt, etwa in der Stahlindustrie, konzentrieren sich der mittlere Osten und Nordafrika auf die Produktion von Wasserstoff. In Europa dient der emissionsarme Energieträger insbesondere zur Dekarbonisierung der Industrie und des Transportsektors. Die USA fokussieren sich auf die Produktion für den eigenen Verbrauch und die Ausfuhr, während Japan sich damit beschäftigt, weltweite Lieferketten aufzubauen, und Korea neue Technologien wie Brennstoffzellen-Fahrzeuge entwickelt. Wegen der verschiedenen Ansätze und Strategien ist es sinnvoll, bilaterale Partnerschaften einzugehen, um globale Versorgungsketten aufzubauen und eine verlässliche Versorgung mit dem sauberen Energieträger zu sichern. So arbeitet Deutschland bereits mit Island, Kanada, Nigeria, Tunesien, Australien, Chile, Saudi-Arabien, Marokko, Neuseeland und der Ukraine zusammen.

Motor für Wirtschaft und Arbeitsplätze

Das Potenzial von Wasserstoff ist aber nicht nur in puncto Klimawende enorm. Der alternative Energieträger kann auch dazu beitragen, die Wirtschaft weltweit zu stärken und neue Arbeitsplätze zu schaffen, gerade in der Zeit nach der Covid19-Pandemie, wie die Autor:innen der Analyse hervorheben. Zu ähnlichen Ergebnissen speziell für Deutschland kommt auch eine Studie des Wuppertal Instituts und DIW Econ: Der Aufbau einer grünen Wasserstoff-Infrastruktur bei uns könnte bis zum Jahr 2050 für bis zu 800.000 neue Arbeitsplätze und bis zu 30 Milliarden Euro zusätzliche Wertschöpfung sorgen.

Solch ehrgeizige Ziele bedürfen aber eines tiefen Verständnisses von Wasserstoff und einer weltweiten Debatte in der Energiewelt. Vier Punkte stellen die Autor:innen der Analyse dabei besonders heraus: 

Wasserstoff besser nutzen – vier Ansätze zur Diskussion:

  1. Zwischen den Ländern und Regionen zeichnen sich große Unterschiede in den Wasserstoff-Strategien bei der Energiewende ab. Diese Vielfalt kann ausgesprochen förderlich sein und in der Zusammenarbeit Technologien und Anwendungsmöglichkeiten voranbringen.  
  2. Die Konzentration auf das Thema Wasserstoffarten und -farben in der politischen Debatte (grüner versus blauer Wasserstoff bzw. andere Farben – je nach Herstellungsart) hemmt die Innovation in der Wasserstoffwirtschaft. Vielmehr ist es sinnvoller, stärker die Kosten und die Klimaschutzwirkung im Blick zu halten. Es besteht großer Bedarf an einem Dialog, der über die Farbe hinausgeht und stattdessen die Berechnung des Kohlenstoffäquivalents in den Mittelpunkt stellt.
  3. Industrie und Politik sollten stärker eine bedarfs- und nutzenorientierte Perspektive einnehmen. Derzeit konzentriert sich die Debatte stark auf das Angebot und vernachlässigt die Sicht der Nutzer. Stattdessen sollten sich die Diskussionen darum drehen, was den Bedarf ankurbelt – mit Blick auf eine Wasserstoff-Infrastruktur und eine globale Lieferkette.
  4. Die Wasserstoffwirtschaft kann Job- und Wachstumsmotor sein, gerade auch nach überwundener Covid19-Pandemie. Mehrere nationale Wasserstoffstrategien heben hervor, dass der Energieträger wesentlich für den Arbeitsmarkt der Zukunft ist.

Weitere Ansätze und Debatten wird auch der World Energy Congress in Sankt Petersburg im Oktober 2022 hervorbringen. Für mich ist es längst keine Frage mehr, dass Wasserstoff ein zentraler Energieträger der Zukunft ist, den wir dringend brauchen, wenn wir unsere Klimaziele erreichen möchten und die Energiewende in Deutschland gelingen soll. Die Technologie und ihre Anwendungsmöglichkeiten entwickeln sich zurzeit rasant weiter, werden allerdings bislang kaum kommerziell eingesetzt. Ab dem Jahr 2030 rechne ich aber damit, dass Wasserstoff eine wettbewerbsfähige Alternative sein wird – wenn wir jetzt die richtigen Weichen stellen, Pilotprojekte in verschiedenen Industrien realisieren und in die Infrastruktur investieren.

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