Nachhaltige Digitalisierung – Digitale Ethik und Verantwortung

Automotive im Fokus: Nachhaltige Digitalisierung ist der Hebel für Kunden- und Mitarbeitervertrauen und erhöht den ROI von Transformationsprojekten

Wie geht Digitalisierung eigentlich nachhaltig? Und wie ergänzen sich Nachhaltigkeit und Digitalisierung? Ist autonomes Fahren   wirklich das einzige ethische Dilemma in der Automobilindustrie? 

Basierend auf unserer Branchenexpertise, dem Austausch mit unseren Kunden und unserem Thought Leadership Paper haben wir die Herausforderungen und Chancen einer nachhaltigen Digitalisierung in der Automobilbranche identifiziert.

Aktuelle Herausforderungen der Nachhaltigkeit und Digitalisierung

Nachhaltigkeit ist ein zentraler Treiber in der Automobilindustrie. Der Kundenwunsch nach sauberen Fahrzeugen, sowie nach alternativen Mobilitätskonzepten [1] führt zu einem Umdenken entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Neue Antriebstechnologien und “Shared Mobility Services” ermöglichen den Automobilkonzernen den Ansprüchen vorerst gerecht zu werden. Hierbei wird im Rahmen der Nachhaltigkeitsdiskussion um ESG-Faktoren in erster Linie auf die Umwelt (Environmental) Kriterien geachtet. Doch Themen wie digitale Wertschöpfung, Datenschutz und Datensicherheit rücken durch zunehmende Verbreitung autonomer und vernetzter Fahrzeuge immer stärker in den Fokus. Für die Umsetzung von nachhaltigen Lösungen müssen Automobilhersteller und Zulieferer digitale Funktionalitäten und Technologien unter Einbeziehung ethischer Fragen definieren. Zugleich bedarf es strenger Richtlinien, um Missachtungen datenbezogener Vorschriften zu verhindern. Mit zunehmender Regulatorik (z.B. dem bevorstehendem Gesetz über die unternehmerischen Sorgfaltspflichten in Lieferketten) werden die Themen Soziales (Social) und Steuerung (Governance -G) vermehrt kritisch begutachtet. Automobilkonzerne und ihre Zulieferer sollten die sich daraus ergebenden Risiken ernst nehmen und managen. Digitalisierung ist hierbei nicht nur ein Hebel, sondern birgt Herausforderungen, die mit den bestehenden Maßnahmen und Richtlinien nur schwer zu erfüllen sind.

Die Automobilindustrie steht vor einer Revolution, in der Datenmanagement und Anpassungsfähigkeit überlebenswichtig sind. Die vielfältigen Vorteile für Konsument:innen müssen bei gleichzeitiger Gewährleistung der Datensicherheit und IT-Systeme genutzt werden. Mit der Digitalisierung halten auch im Automobilbereich digitale Datenerfassung und Vernetzung Einzug. Getrieben von den vier wesentlichen Trends Elektromobilität, “Shared Mobility Services”, Autonomes Fahren und “Connected Vehicles”, gewinnen digital ethische Aspekte und Verantwortung im Transformationsprozess, neben dem Klimawandel und einer nachhaltigen Wertschöpfungskette, zunehmend an Bedeutung [2]. Diese zu beobachtende Trendentwicklung ruft neue Herausforderungen hervor, denen sich die gesamte Branche stellen muss – und das lieber gestern, als morgen.

Aus der großen Menge anfallender und zu verarbeitender Daten resultieren multiple Herausforderungen, die es mit einer Null-Fehler Politik zu meistern gilt. Exemplarisch anzuführen sind hier z.B. der Umgang mit sensiblen Daten, das Tracking von Verhaltensmustern sowie die Frage, was mit den Fahrdaten geschieht. Ist es in Zukunft gängig, dass Geschwindigkeitsübertretungen protokolliert und direkt der Polizei gemeldet werden? Ist das ethisch vertretbar? Ein Blick auf das chinesische „Social Scoring“-System zeigt, dass ein verantwortungsloser Umgang mit solchen Themen weitreichende Folgen für das alltägliche Leben in unserer Gesellschaft haben kann. Die Relevanz der digitalen Ethik ist in der Branche bereits angekommen: die PwC-Befragung zum Thema „Digitale Ethik“ zeigt, dass 70 Prozent der befragten Unternehmen aus der Automobilindustrie Fragen zur digitalen Ethik und digitalen Verantwortung als relevante Entscheidungsfaktoren für die gesamte Unternehmensstrategie einstufen [3]. OEMs sollten bereits jetzt handeln und umfassende Digitalstrategien entwickeln, die über Datenschutzthemen hinaus, ethische Aspekte wie Fairness und ethische Grundwerte beinhalten. Zumal das Automobilprodukt als Solches sich gänzlich verändert hat:

„Heutige Autos sind Softwareprodukte“ – Herbert Diess [4]

Schon längst verändert die ansteigende Nachfrage nach intelligenten und vernetzten Funktionen das Automobil und damit verbundene Serviceprodukte erheblich. Software ist zum Differenzierungsfaktor für moderne Fahrzeuge geworden. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den Softwareentwicklungskosten wider. Autonome Fahrfunktionen werden mit 45 Prozent der gesamten Softwareentwicklungskosten bis 2030 Hauptkostentreiber sein. Besonders autonome Fahrfunktionen haben ein erhebliches Risiko, die aus ethischer Sicht kritisch sein könnten. Bereits bei der Entwicklung spielen ethische Fragen eine fundamentale Rolle. Die Entscheidungen des autonomen Fahrzeugs basieren auf festgelegten Algorithmen. Bei Unfällen mit Personenschäden ergeben sich komplexe, bis heute unbeantwortete rechtliche und ethische Fragen. Um in Zukunft erfolgreiche, softwarefähige Produkte zu entwickeln, bedarf es der Einbeziehung digitalethischer Aspekte entlang der gesamten Wertschöpfungskette beginnend in der Produktentwicklung (Stichwort: “ethics by design”). Einige Akteure der Automobilindustrie entwickeln bzw. haben bereits Richtlinien etabliert, die z.B. die ethischen Aspekte von Artificial Intelligence adressieren. Positiv hervorzuheben sind hier z.B. die BMW Group mit dem im Oktober 2020 veröffentlichten „BMW Group Code of ethics for AI“. Allerdings bedarf ein solch großer transformatorischer Umbruch einen breiteren Ansatz, welcher durch einen in die Integritätsstrategie integrierten Wertekompass [5] sichergestellt sein sollte.

Verankerung nachhaltiger digitaler Unternehmenswerte entlang der gesamten Wertschöpfungskette

Bei einer verantwortungsvollen, nachhaltigen Digitalisierung liegt der Fokus darauf, die Akzeptanz von und das Vertrauen in Technologien zu fördern und somit den langfristigen Erfolg für Unternehmen, Gesellschaft und Umwelt sicherzustellen. Eine ganzheitliche Strategie und oben genannte ethische Richtlinien bilden dafür die Basis, danach folgt die Implementierung durch die Integration in Unternehmensprozesse. Die Kür die Verankerung von digitaler Ethik in die Unternehmenspraxis und -werte gelingt über die Mitarbeiter. Diese stehen vor den Herausforderungen angepasster Anforderungsprofile und einem neuen Arbeitsumfeld, welche mit der Produktveränderung einhergehen. Um das zu adressieren haben sich Schulungskonzepte etabliert, die andererseits “Digital Upskilling” und Sensibilisierungsmaßnahmen für den Einsatz von Technologien und den Umgang mit Daten thematisieren. Die Förderung von “Digital Responsible Leadership” unter den Führungskräften und Werteorientierung [5] sind weitere Schlüsselfaktoren wenn es darum geht, Weiterbildungspotentiale aber auch Herausforderungen im digitalen Arbeitsumfeld zu erkennen (“Digital Wellbeing”).

Das wachsende Spektrum an Softwarekomponenten und -funktionen bedingt zudem, dass eine Innovationsführerschaft nicht in allen Bereichen möglich sein wird und OEMs und Lieferanten Bereiche der eigenen Wertschöpfung sowie Partnerschaften sorgfältig auswählen müssen [6]. Gleichberechtigte Kooperationen mit Wettbewerbern, Zulieferern und Technologieunternehmen tragen zur Bewältigung von Komplexität bei und senken die Ausgaben pro Projekt um 35 bis 60 Prozent. Gleichzeitig entsteht hier eine Verantwortung entlang der gesamten Wertschöpfungskette [7]. Bereits bei der Partnerauswahl für Kooperationen wird der Umgang der gewählten Business-Partner mit Themen der digitalen Verantwortung als Auswahlkriterium stark an Bedeutung gewinnen.

Wie gelingt sie denn nun, die nachhaltige und verantwortungsvolle digitale Transformation?

OEMs und Zulieferer müssen es schaffen, bei gleichzeitiger Einhaltung gesetzlicher Vorgaben und kosteneffizienter Produktion die Konsumentenanforderungen zu erfüllen. Hierzu müssen nachhaltige Lösungen entwickelt werden, die sowohl das Produkt als auch die Wertschöpfungskette transformieren und dabei ein besonderes Augenmerk auf ethische und nachhaltige Aspekte legen. Im Fokus der Transformation stehen folgende Top-Themen:

  •   Klimawandel und CO2-Emissionen
  •   Nachhaltigkeit und Verantwortung in der Wertschöpfungskette
  •   Digitale Verantwortung [8]

PwC empfiehlt Unternehmen ihren digital ethischen Pflichten über gesetzliche Regularien hinweg nachzukommen und durch ein angemessenes Risikomanagement und transparente Lieferketten ein gesamtheitlich verantwortungsvolles Handeln zu etablieren. Dies stärkt die Zuversicht der Stakeholder in die digitale Automobilwirtschaft, aber auch das Vertrauen der Unternehmen in ihre digitalen und datengetriebenen Geschäftsmodelle. Das gestärkte Vertrauen in Unternehmen stellt im digitalen Zeitalter einen wichtigen Wettbewerbsfaktor dar. Hierfür empfiehlt es sich, einen ganzheitlichen Ansatz in dem Nachhaltigkeit und Digitalisierung zusammenwachsen, wie den der CDR (Corporate Digital Responsibility), als Teil etablierter Managementssysteme, in der DNA des Unternehmens zu verankern. CDR muss systematisch in die gesamte Wertschöpfungskette und das Geschäftsmodell integriert werden, um neue Standards für die Kernprozesse in Unternehmen zu definieren. Eine erfolgreiche Digitalisierung kann in der Automobilindustrie der Zukunft nicht mehr ohne die strategische Implementierung digital ethischer sowie nachhaltiger Aspekte realisiert werden [9].


Quellen

[1] https://www.strategyand.pwc.com/gx/en/about/media/press-releases/mobility-and-automation.html

[2] https://www.pwc.de/de/nachhaltigkeit/nachhaltigkeit-in-der-automobilindustrie.html

[3] https://www.pwc.de/de/managementberatung/berichtsband-digitale-ethik-vorabversion.pdf (S. 16)

[4] https://www.wiwo.de/erfolg/entscheidungsmacher/entscheidungsmacher-teil-4-herbert-diess-heutige-autos-sind-softwareprodukte/26194038.html

[5] Schöttl /Hanauer (2020): Integrity driven Performance. Welche Hebel braucht effektives Integritätsmanagement? In: Wieland / Steinmeyer / Grüninger (Hrsg .), Handbuch Compliance Management, EDV

[6]  https://www.pwc.com/gx/en/strategyand/assets/digital-auto-report-2020.pdf (S. 6)

[7] https://www.pwc.de/de/nachhaltigkeit/interview-2021-kommt-voraussichtlich-ein-sorgfaltspflichtengesetz-in-deutschland-und-das-ist-eine-grosse-chance.html

[8] https://www.pwc.de/de/nachhaltigkeit/nachhaltigkeit-in-der-automobilindustrie.html

[9] https://www.pwc.de/de/nachhaltigkeit/corporate-digital-responsibility-und-digitale-ethik.html