Auswirkungen von Unternehmen auf Umwelt und Gesellschaft stehen zunehmend im Fokus des betrieblichen und öffentlichen Interesses

Unternehmen, die sich jetzt mit ihren Auswirkungen beschäftigen, können Geschäftsentscheidungen und Kommunikation in Einklang mit gesellschaftlichen Entwicklungen und politischen Forderungen bringen und in der öffentlichen Debatte die Deutungshoheit über ihre Auswirkungen gewinnen.

Unternehmen richten ihr Handeln bisher eher kurzfristig anhand ihres finanziellen Ergebnisses aus und berücksichtigen dadurch oft nur unzureichend aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen. Wirtschaftlicher, politischer und ökologischer Fortschritt findet dadurch zunehmend losgelöst voneinander statt. 

Auch wenn der Wille vorhanden ist, ganzheitlich und verantwortungsvoll zu handeln, haben Unternehmen meist keine Transparenz darüber, welche Auswirkungen sie auf Umwelt und Gesellschaft tatsächlich haben. Hinzu kommt, dass oft unklar ist, wie Nachhaltigkeitsthemen untereinander abzuwägen und zu priorisieren sind und welche Bedeutung andere Geschäftsentscheidungen dabei haben.

Im Interview erläutert Dr. Ulrich Störk, Sprecher der Geschäftsführung von PwC Deutschland, gemeinsam mit Robert Prengel, Leiter für Impact Valuation bei PwC Deutschland, wo hier der größte Handlungsbedarf besteht und wie Unternehmen durch das Messen, Bewerten und Steuern ihrer Auswirkungen auf die Gesellschaft bestehende Sicht- und Handlungsweisen sinnvoll erweitern.

Unternehmen sind klassischerweise an ihrem wirtschaftlichen Erfolg und dem Schaffen von Mehrwert für ihre Shareholder interessiert. Welche Bedeutung kommt da den Bedürfnissen der breiteren Gesellschaft zu?

Ulrich Störk: In der Vergangenheit haben viele gelistete Unternehmen vor allem die Maximierung des „Shareholder Value“ verfolgt. Doch hier findet gerade ein Umdenken statt, und das nicht nur bei einigen wenigen Pionieren. Unternehmen und der Finanzmarkt spielen eine zentrale Rolle bei der Transformation der Wirtschaft hin zu einem zukunftsfähigen System, das wirtschaftlichen, sozialen, ökologischen und politischen Fortschritt ganzheitlich vorantreibt. Neben den klassischen finanziellen Werttreibern müssen Unternehmen dafür zukünftig stärker die Wechselwirkungen ihrer Geschäftsaktivitäten mit der Umwelt und unserer Gesellschaft berücksichtigen. Auch die Politik hat das erkannt und sieht weiteren Handlungsbedarf. Deshalb greift sie zunehmend regulierend ein. Mit ihrem „Green New Deal“ hat die Europäische Union ihre Wachstumsstrategie für die kommenden Jahrzehnte eng an ökologische und soziale Kriterien geknüpft.

Wie kann diese Entwicklung hin zu einer stärkeren Berücksichtigung ökologischer und sozialer Kriterien von Unternehmen aufgegriffen werden? 

Ulrich Störk: Es bedarf hier einer Erweiterung der klassischen Accounting- und Entscheidungsprozesse in Unternehmen um die Perspektive des „Mehrwerts für die Gesellschaft“. So können Wechselwirkungen zwischen unternehmerischem Handeln und Erfolg sowie natürlichen Ressourcen und gesellschaftlichen Bedürfnissen besser verstanden und berücksichtigt werden. Ein solches ganzheitliches Verständnis von Wertschöpfung kann ein entscheidender Faktor für den Unternehmenserfolg sein.

Robert Prengel: Bereits seit einigen Jahren beobachten wir, dass dieses Thema am Markt verstärkt gefordert und umgesetzt wird. Neben klassischen Finanzkennzahlen, wie etwa Umsatz und EBIT, gewinnen ökologische, soziale und Governance- (ESG-)Kriterien, wie beispielsweise der Ausstoß von Treibhausgasemissionen oder Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitenden zunehmend an Bedeutung. Unternehmen stehen dabei jedoch vor der Herausforderung, die zum Teil sehr unterschiedlichen ökologischen und gesellschaftlichen Themen bewertbar und miteinander vergleichbar zu machen. 

Wie sind etwa auf dem Weg zur Klimaneutralität eines Unternehmens weitere Umweltthemen wie Wasserknappheit einzuordnen? Wie können soziale Faktoren wie Arbeitssicherheit und Gesundheit in einer solchen Gleichung berücksichtigt werden? Und liegen die größten gesellschaftlichen Auswirkungen in der Lieferkette, an den Standorten des Unternehmens oder doch eher bei der Produktnutzung vor?

Mithilfe von „Impact Valuation“ – also der Integration von Messung und (monetärer) Bewertung von ESG-Faktoren in Geschäftsprozesse – kann diesbezüglich Transparenz erhöht und Vergleichbarkeit hergestellt werden. So können etwa die Kosten, die mit Gesundheitsschäden und wirtschaftlichen Einbußen aus dem Ausstoß von Luftschadstoffen und Treibhausgasemissionen verbunden sind, beziffert und verglichen werden. Ebenso kann der gesellschaftliche Mehrwert mit einbezogen werden, den ein Unternehmen durch Beschäftigung oder Aus- und Weiterbildung generiert.

Ulrich Störk: Letztendlich bringen wir hier zwei Sichtweisen zusammen, um ein vollständiges Bild zu zeichnen. Auf der einen Seite steht die Frage, welchen Mehrwert unternehmerische Aktivität für Umwelt und Gesellschaft leistet. Auf der anderen Seite steht die Erkenntnis, dass Unternehmen nicht in einem Vakuum agieren. Mittel- und langfristig hängt der Unternehmenserfolg von einer intakten Umwelt und von den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab – etwa gesunden und produktiven Arbeitskräften, belebten Städten und lokalen Gemeinschaften sowie funktionierenden Wertschöpfungsketten.


Wie weit sind Unternehmen bisher damit, ihre Sicht- und Handlungsweise so zu erweitern, dass sie den Mehrwert, den sie für die Gesellschaft erbringen, berücksichtigen und abbilden können?

Ulrich Störk: Impact Valuation ist in der Unternehmenspraxis ein noch relativ neues Konzept, das jedoch schnell an Bedeutung gewinnt. Wir sehen bereits, wie erste Kunden den Blick über die Finanzkennzahlen hinaus richten. So spielt im Rahmen von Fusionen und Übernahmen neben der Commercial Due Diligence das Thema ESG Due Diligence, also die Überprüfung auf ökologische, soziale und Governance-Kriterien, eine immer wichtigere Rolle. 

Auch Initiativen seitens Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Wirtschaft greifen das Thema auf, entwickeln es weiter und wenden es bereits in der Praxis an. So treibt etwa mit der Value Balancing Alliance, der wir mit PwC beratend zur Seite stehen, ein Zusammenschluss aus multinationalen Konzernen die Standardisierung und Skalierung von Methoden für Impact Valuation voran, verknüpft sie mit traditionellen Geschäftsprozessen und erprobt ihre Nutzung in der Praxis.

Warum ist Impact Valuation gerade jetzt ein Thema?

Robert Prengel: Ich sehe dafür zwei entscheidenden Gründe. Zum Einen sind die positiven und negativen Auswirkungen, die Unternehmen auf Umwelt und Gesellschaft haben, bislang meist nicht in den Marktpreisen berücksichtigt, da sie sich meist erst mittel- oder langfristig in Kosten und Einnahmen des Unternehmens niederschlagen.

Konkret heißt das, dass es für Unternehmen beispielsweise in der Vergangenheit vergleichsweise unproblematisch war, wenn für die Herstellung und Nutzung ihrer Produkte große Mengen an Treibhausgasemissionen ausgestoßen wurden. Durch aufkommende Regulierung wie etwa in Form von Strafzahlungen oder des Emissionshandelssystems, welches sich unter anderem in der EU findet, werden solche externen Kosten bereits jetzt und vor allem in den kommenden Jahren zunehmend internalisiert. Mit anderen Worten, diese gesellschaftlichen Kosten werden sich mittelfristig in den Gewinn- und Verlustrechnungen der Unternehmen niederschlagen und dadurch die Profitabilität von Produkten und Geschäftsaktivitäten beeinflussen.

Der Gesetzgeber greift dieses Thema auch zunehmend in Anforderungen an die Berichterstattung auf. Der Vorschlag der EU Kommission zur Anpassung der CSR-Richtlinie fordert etwa explizit, dass Unternehmen ihre Auswirkungen bei der Bestimmung ihrer wesentlichen, berichtspflichtigen Themen berücksichtigen. 

Der zweite Grund für die aktuelle Bedeutung des Themas wird erkennbar, wenn man sich ansieht wie heutzutage in den Medien und auch in wissenschaftlichen Studien unternehmerisches Handeln diskutiert und bewertet wird. Unternehmen müssen hier zusehen, dass sie in der aufkommenden Debatte um gesellschaftliche Auswirkungen mit am Steuer sitzen und nicht nur auf dem Beifahrersitz auf einer Reise, über deren Richtung sie nicht entscheiden können. Denn auch Dritte, wie etwa Analysten und Forscher, analysieren und bewerten bereits die Auswirkungen von Unternehmen auf Umwelt und Gesellschaft. So hat etwa im vergangenen Jahr eine Studie der Harvard Business School festgestellt, dass Unternehmen im Durchschnitt gesellschaftliche Kosten durch Umweltschäden aus Treibhausgasemissionen, Luftschadstoffen und Wasserverbrauch in Höhe von 2 Prozent ihres Umsatzes verursachen. Gleichzeitig kam dabei heraus, dass solche Auswirkungen nur bedingt mit den Einschätzungen gängiger Ratings & Rankings zu Nachhaltigkeit übereinstimmen. Das zeigt, dass solche Auswirkungen eine sehr bedeutende Größenordnung annehmen können, viele Unternehmen gleichzeitig aber nicht an der bisherigen Debatte beteiligt sind. 

Ulrich Störk: Das führt dann immer wieder dazu, dass die Wertschöpfungseffekte eines Unternehmens einseitig oder unvollständig dargestellt wird. Es ist deshalb unverzichtbar, dass Unternehmen hier selbst die Initiative ergreifen und ein eigenes Verständnis und Transparenz aufbauen. Dies sollten sie dann nutzen, um ihre Auswirkungen aktiv zu steuern und die Deutungshoheit über ihren gesellschaftlichen Beitrag zurückgewinnen. Unternehmen, die das bereits heute berücksichtigen, handeln vorausschauend und können die strategischen Weichen rechtzeitig angemessen stellen. 

Was müssen Unternehmen jetzt also konkret tun?

Robert Prengel: Jedes Unternehmen sollte sich die Frage stellen, in welcher Form und in welchem Umfang es zukünftig Impact Valuation nutzen möchte, um sich in der Öffentlichkeit und am Markt zu positionieren sowie um Managemententscheidungen zu verbessern. Hierzu zählt insbesondere die Verwendung von Impact Daten für Entscheidungen im Business Development, im Lieferkettenmanagement, bei der Entwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie, für die Bewertung von Geschäftsmodellen, für die Produktentwicklung genauso wie für Kommunikation und Berichterstattung.

Abhängig vom individuellen Reifegrad eines Unternehmens bietet PwC dazu tool-gestützte Projektbausteine von der initialen strategischen Analyse über Piloten zur Impact Erfassung bis hin zu umfassenden Datenmodellen, die in bestehende Geschäftsprozesse integriert werden.

Ulrich Störk: PwC unterstützt Unternehmen dabei über Impact Valuation hinaus als Partner bei einer ganzheitlichen Transformation „from strategy to execution“.

Hierzu gehört unter anderem:

Quellen:

Freiberg, David and Park, DG and Serafeim, George and Zochowski, Rob. 2020. Corporate Environmental Impact: Measurement, Data and Information. Harvard Business School, Impact-Weighted Accounts Project report.