ESG-Integration für ein erfolgreiches Debüt an der Börse

Unternehmen, die vor ihrem Initial Public Offering (IPO) stehen, benötigen eine überzeugende Sustainability-Strategie. Damit setzen sie sich im Wettbewerb um Investor:innen und Kapital leichter durch und vermeiden Risiken. Warum das Thema Environmental Social Governance (ESG) so entscheidend ist und wie IPO-Kandidaten die Vorbereitung am besten gelingt, erklärt Carsten Stäcker im folgenden Blogbeitrag.

Das Jahr 2021 könnte zum Rekordjahr der Börsengänge werden. Bereits in der ersten Jahreshälfte wählten 14 Unternehmen den Weg an die Frankfurter Börse, bis Ende Juli waren es 16. Die Anleger:innen investierten bereits rund zehn Milliarden Euro – so viel wie seit der Jahrtausendwende nicht mehr. Bis zu einem Dutzend weiterer Unternehmen könnte 2021 noch den Schritt an die Börse wagen. Immer wichtiger für ein erfolgreiches Initial Public Offering (IPO) wird das Thema Environment Social Governance (ESG), ein Begriff, der sich in der Finanz- und Wirtschaftswelt längst etabliert hat. Investor:innen wollen heute wissen, wie nachhaltig ein Unternehmen wirtschaftet. Eine fundierte Positionierung und glaubwürdige Strategie zu diesem Thema ist inzwischen vom “Nice to have” zum „Must have“ geworden, um am Kapitalmarkt zu überzeugen. Unternehmen, die sich bereits in der Vorbereitung auf ihren Börsengang intensiv mit dem Thema Sustainability beschäftigen, schaffen zudem eine solide Grundlage, um auch nach dem IPO den Pflichten der laufenden Berichterstattung gerecht zu werden.

Der Klimawandel stellt Geschäftsmodelle in Frage

Der Begriff Sustainability wird bei uns meist mit Nachhaltigkeit übersetzt – noch treffender ist nach meiner Einschätzung aber das Wort Zukunftsfähigkeit. Denn Gesellschaft und Wirtschaft verändern sich in rasantem Tempo; Geschäftsmodelle von Unternehmen müssen sich anpassen oder werden sogar gänzlich in Frage gestellt. Insbesondere der Klimawandel hat gravierende Auswirkungen auf die Geschäftstätigkeit und Profitabilität von Unternehmen. Wie der aktuelle Klimabericht des Weltklimarats IPCC zeigt, ist der Klimawandel schon wesentlich fortgeschrittener, als wir bisher angenommen haben. Bereits in knapp zehn Jahren dürfte die Erderwärmung von 1,5 Grad – beim Pariser Klimaabkommen von 2015 als Grenze festgelegt – erreicht werden. 

Entsprechend stehen beim Thema ESG derzeit Umweltaspekte im Vordergrund. Dazu zählen neben den Folgen des Klimawandels auch Schwerpunkte wie der Verlust von Biodiversität oder die Ressourcenknappheit. Ebenso rücken – verstärkt durch die Folgen der  Covid19-Pandemie – soziale Themen in den Mittelpunkt des Interesses von Stakeholdern, beispielsweise Vielfalt und Gleichberechtigung oder Menschenrechte und Arbeitsbedingungen. Im Bereich Governance zeigen Beispiele aus der Unternehmenswelt, dass der Verstoß gegen Vorschriften Reputationsverluste nach sich zieht und den Wert eines Konzerns schmälern kann. Umgekehrt ist eine gute Governance der Schlüsselfaktor für eine Wertsteigerung.

Stakeholder fordern einen positiven Beitrag

Investor:innen sind sich dieser Zusammenhänge längst bewusst. Eine steigende Zahl von Anleger:innen fordert, dass ihr Beitrag in Projekte fließt, die die Welt zum Positiven verändern. Doch noch größer ist der Anteil derer, die Risiken, etwa durch den Klimawandel, auf ihr Investment vermeiden und Chancen der Transformation nutzen möchten. Das formulierte Cyrus Taraporevala, CEO von State Street Global Advisors, gegenüber der „Financial Times“ ebenso klar wie nüchtern: „Für uns geht es um den Wert, nicht um die Werte. Es geht darum, wie wir mit einem Unternehmen zusammenarbeiten, um die Rendite zu maximieren.“ So oder so – ESG-Faktoren haben daran einen entscheidenden Anteil. Entsprechend berücksichtigen Profi-Investor:innen ESG-Kriterien bei ihren Anlagen und Entscheidungen. Gleichzeitig fließen immer mehr Gelder in ESG-Fonds. So erwarten wir nach der Analyse von PwC Luxemburg „The Growth Opportunity of a Century“, dass innerhalb Europas bis zum Jahr 2025 mehr als die Hälfte der Gelder in ESG-Fonds angelegt sein werden. Zum Vergleich: Zum Jahresende 2019 waren es lediglich 15 Prozent.

Fünf Schritte für IPO-Kandidaten

Bei einer glaubwürdigen Equity Story geht es also längst nicht mehr allein um finanzielle Kennzahlen, sondern um überzeugende Daten und Fakten zur Sustainability des Unternehmens. Wie können sich IPO-Kandidaten vorbereiten, um die Erwartungen von Anleger:innen zu erfüllen und sich im Wettbewerb um Kapital zu behaupten? Dafür gibt es kein Patentrezept, denn die ESG-Chancen und -Risiken richten sich stark nach der Branche und dem Status quo eines Unternehmens in puncto Nachhaltigkeit. Wir machen in der Praxis aber sehr gute Erfahrungen mit einem Vorgehen in fünf Schritten:

  1. Sensibilisierung und Bestandsaufnahme: Basierend auf einer Analyse bereits vorhandener ESG-Aktivitäten – etwa in Bezug auf Strukturen, Themenfelder, Prozesse und Maßnahmen – erfolgt ein Benchmarking mit Wettbewerbern und Best Practices. Dabei werden auch zentrale Standards berücksichtigt. Auf dieser Grundlage entsteht eine umfassende Liste wichtiger ESG-Themen, die weiter geschärft werden müssen.
  2. Stakeholder-Identifikation und Materialitätsanalyse: Investor:innen achten vor allem darauf, wie sich ESG-Faktoren auf die Bewertung eines Unternehmens auswirken. Einfluss darauf haben auch andere Stakeholder, etwa Kund:innen, Mitarbeitende, aber auch Presse, Politik oder Regulatoren. Aus den Erwartungen der für das Unternehmen zentralen Stakeholder und der Bedeutung einzelner ESG-Faktoren auf den Geschäftserfolg resultiert eine Materialitätsmatrix mit den zu priorisierenden ESG-Themen.  
  3. Strategische Integration materieller ESG-Themen: Für die wichtigsten ESG-Themen formuliert das Unternehmen Zielvorgaben, die mit seinen strategischen Zielen und seinen Werten einhergehen. Dabei können Fragen helfen wie: Inwieweit wird die Unternehmensstrategie durch einen bestimmten ESG-Aspekt unterstützt? Welche spezifische Verbesserung soll in Bezug auf den ESG-Faktor angestrebt werden?
  4. Zielsetzungen und detaillierte ESG-Roadmap: Ein Erfolgsfaktor beim Thema ESG ist ein präziser Fahrplan mit klaren Zielen und Aufgaben, etablierten Strukturen und eindeutig definierten KPIs. Börsenkandidaten überzeugen durch realistische Ziele und klare Maßnahmenkataloge. Denn Investor:innen werden ähnlich wie finanzielle Ziele auch ESG-Ziele hinterfragen.
  5. Festlegung der Governance und Planung der Berichterstattung: Die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zu sichern ist Aufgabe des Top-Managements. Entsprechend ist der „Tone from the Top“ zentral, damit die Mitarbeitenden ESG-Ziele verstehen und teilen. In der Praxis bewährt sich dabei die Einrichtung eines Sustainability Commitees unter der Leitung eines Vorstandsmitglieds, das die ESG-Strategie und ihre Umsetzung verantwortet. Solch eine Instanz stellt sicher, dass Aktivitäten koordiniert und Fortschritte gemessen und berichtet werden.

 

In fünf Schritten zum erfolgreichen Börsengang:

Berichtspflichten nach dem Börsengang

In den vergangenen Jahren haben Investor:innen und andere Stakeholder häufig kritisiert, dass die ESG-Berichterstattung nicht aussagekräftig genug sei. Mit diesen Kritikpunkten hat sich auch die EU-Kommission im Frühjahr 2021 beschäftigt. Künftig werden die inhaltlichen Anforderungen an den Nachhaltigkeitsbericht deutlich ausgeweitet und einer strengen Prüfung unterzogen. Auch private Großunternehmen sollen von der Berichtspflicht erfasst werden. Dies zeigt, wie wichtig es für IPO-Kandidaten ist, sich frühzeitig mit der Verfügbarkeit und Belastbarkeit von relevanten ESG-Daten und -Informationen auseinanderzusetzen. Dazu gehört auch, sich mit den Empfehlungen der Task Force on Climate-related Disclosures (TCFD) zu beschäftigen. Auch wenn es bislang für Börsenkandidaten noch keine regulatorische Pflicht gibt, ESG-Themen im Rahmen ihres IPOs zu adressieren, ist dies inzwischen zu einer faktischen Notwendigkeit geworden. Ich bin überzeugt: Mit einer authentischen ESG-Strategie und dem Nachweis konsequenten Handelns kann sich ein Unternehmen im Wettbewerb um Kapital positiv differenzieren und seinen Marktwert erheblich steigern.

Dieser Blog ist eine Kurzfassung des Artikels „ESG in IPOs: Unverzichtbar für den erfolgreichen Börsengang“, erschienen im GoingPublic Magazin, August 2021, S. 26-30

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