Umdenken in der Immobilienbranche – Wie Nachhaltigkeit die Zukunft von Real Estate verändern wird

ESG-Standards werden künftig die Agenda von Real-Estate-Unternehmen bestimmen 

Nachhaltige Investments sind gefragt – neue Anbieter drängen auf den Markt, etablierte Unternehmen nehmen grüne Produkte in ihr Portfolio auf. ESG-Kriterien werden die Immobilienbranche grundlegend verändern. Wie gut ist die Real-Estate-Branche auf diesen Wandel vorbereitet? Welche Schritte plant sie für die kommenden Monate? Wie bewertet sie die regulatorischen Anforderungen? Antworten gibt unsere „Real Estate Benchmark Studie 2021“ von unserem Experten Sebastian Kreutel.

Aus Sicht von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen handelt es sich um nicht weniger als Europas „Mann-auf-dem-Mond-Moment“: Mit diesen Worten stellte sie vor kurzem das Paket „Fit for 55“ vor, mit dem die Europäische Union ihren Treibhausgasausstoß bis zum Jahr 2030 um 55 Prozent senken und bis 2050 klimaneutral werden will. Das milliardenschwere EU-Maßnahmenpaket wird auch den Immobiliensektor grundlegend verändern. Denn die Bau- und Gebäudewirtschaft ist für einen erheblichen Anteil der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich – nach Einschätzung der Vereinten Nationen für 38 Prozent (Quelle: “The 2020 Global Status Report for Buildings and Construction”, S.4). 

Keine Frage – Environmental, Social, Governance (ESG) ist zu einem zentralen Begriff unserer Zeit geworden. Er zwingt den Real-Estate-Markt zu einer Neupositionierung. Offenbar sind die Asset-Manager:innen bereit zur Transformation: Knapp 54 Prozent planen eine produktbezogene strategische Neuausrichtung. Das ist ein zentrales Ergebnis der Analyse „Real Estate Benchmark Studie 2021“, für die PwC Deutschland in erster Linie Kapitalverwaltungsgesellschaften, aber auch andere Akteure der Immobilienbranche wie Versicherungen, Asset-Manager, Immobilienfinanzierer und Crowdinvesting-Plattformen befragt hat.

Unternehmen müssen sich auf neues Anlegerverhalten einstellen

Das Ergebnis hat mich persönlich nicht überrascht. Nachhaltigkeit muss zum wichtigen Bestandteil von Anlagestrategien werden, denn die Nachfrage nach Green Investments steigt. Investoren hinterfragen zunehmend kritischer, wie Renditen und Wertzuwächse erwirtschaftet werden. Gerade die junge Generation zeigt ein neues Umweltbewusstsein und Konsumentenverhalten, an das sich Unternehmen der Branche anpassen müssen. Die befragten Entscheider der Immobilienbranche haben die Wichtigkeit des Themas längst erkannt: So geben 43 Prozent der Studienteilnehmer an, dass sie bestehende Produkte auf der Basis von ESG-Kriterien umstellen, und 55 Prozent bestätigen, dass sie neue Produkte an den aktuell bestehenden ESG-Kriterien ausrichten. Eine ganzheitliche Transformation gehen derzeit allerdings nur knapp acht Prozent der Studienteilnehmer an.

Diese Zahlen zeigen mir deutlich: Das Thema ESG ist längst den Kinderschuhen entwachsen und wird die Agenda der Branche langfristig bestimmen. Nach meiner Einschätzung können wir schon bald mit einem Marktwachstum neuer ESG-konformer Produkte rechnen. Das formuliert auch Petra Justenhoven, Mitglied der Geschäftsführung von PwC Deutschland und verantwortlich für den Bereich Wirtschaftsprüfung und prüfungsnahe Beratung, klar: „Investoren bevorzugen schon heute „grüne“, nachhaltige Investments. Sie machen ihre Entscheidung für oder gegen ein Investment zunehmend von […] den ESG-Faktoren, abhängig. Künftig wird der Zugang zum Kapitalmarkt für Unternehmen daher immer stärker von ihrer ESG-Performance abhängen. Gleichzeitig gibt es immer mehr Regularien, nach denen sie ihre Aktivitäten in ökologischer und sozialer Hinsicht offenlegen müssen.“

Haupttreiber: die erhöhte Nachfrage, aber auch eigene Motivation

Die Real-Estate-Branche hält sich selbst offenbar schon für recht gut aufgestellt – 84 Prozent bezeichnen sich selbst als „Early Movers“ in puncto Nachhaltigkeit bei ihrer strategischen Positionierung am Markt. Was sind für die Unternehmen die wichtigsten Anreize bei ihrer Transformation? Bei diesem Prozess spielt vor allem die erhöhte Nachfrage nach grünen Investments eine wesentliche Rolle, gefolgt von einer hohen Eigen-Motivation der Entscheider:innen und regulatorischen Anforderungen. Weniger wichtig sind den Unternehmen die Reputation oder die Anforderungen der Eigentümer. Die Haupttreiber im Überblick:

  • Erhöhte Produktnachfrage
  • Intrinsische Motivation
  • Regulatorische Anforderungen

Die meisten Befragten halten Regulatorik für Chance

Die Regulatorik hat die Branche fest im Griff, wie die Antworten der Entscheider:innen zeigen. Nachhaltigkeit ist für die kommenden Jahre das zentrale Thema der europäischen Finanzmarktregulierung. Das Maßnahmenpaket des EU-Aktionsplans für Sustainable Finance wirkt sich auf die gesamte Wertschöpfungskette aus. Das stellt die Unternehmen vor erhebliche Anforderungen. Obwohl die Entscheider:innen den damit verbundenen Aufwand realistisch einschätzen, sehen die meisten durchaus den Vorteil der ESG-Regulatorik – jeweils 50 Prozent stimmen ganz oder zumindest teilweise zu. Die Gründe: Die Regulatorik stellt den gängigen Marktstandard dar und gibt der Branche Sicherheit bei der Umsetzung. Außerdem fördern die regulatorischen Vorgaben die Nachfrage nach Green Investments. 

Performance nachhaltiger Produkte vergleichbar mit klassischen Anlagen

In jedem Fall wird sich ESG durch die Regulierung kurz- bis mittelfristig zum neuen Marktstandard entwickeln. Entsprechend hat die Transformation der Real-Estate-Branche schon begonnen oder ist für die kommenden Monate geplant. Auch auf Seiten der Investor:innen ist derzeit ein Paradigmenwechsel zu beobachten: Nachhaltigkeit entwickelt sich zu einem wichtigen Qualitätskriterium für Investitionsentscheidungen. Real-Estate-Asset-Manager:innen bekräftigen schon heute, dass nachhaltige Produkte in ihrer Performance nicht schlechter abschneiden als klassische, wie 50 Prozent voll und knapp 36 Prozent zumindest teilweise bestätigen. Dabei ist das Risiko von nachhaltigen Anlagen geringer als das von klassischen Produkten. Von Investor:innen wird eine vergleichbar hohe Rendite von ESG-Produkten allerdings auch erwartet – reiner Idealismus in puncto Umwelt und Soziales scheint sie nicht zu überzeugen.

Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit schließen sich nicht aus

In jedem Fall zeichnet sich schon jetzt klar ab, dass die Unternehmen der Immobilienbranche Nachhaltigkeit langfristig zu einem wesentlichen Bestandteil ihrer Unternehmensstrategie machen werden. Dieser Trend wird über einzelne grüne Produkte, die Unternehmen schon jetzt auf den Markt bringen, weit hinausgehen. Perspektivisch wird die Nachfrage nach grünen Investments weiter steigen – auch mit der neuen Generation von Investor:innen, die heranwächst und Renditen kritischer hinterfragt. Die Branche muss sich daher schon jetzt fragen, wie sie dieser steigenden Nachfrage gerecht werden kann. Um eine schlechtere Performance muss sie sich dabei nicht sorgen: Die Erfahrung der Studienteilnehmer:innen zeigt deutlich, dass Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit sich keinesfalls ausschließen müssen. 

Das sind unsere vier Perspektiven für die Zukunft der Immobilienbranche:

  1. Ganzheitliche Nachhaltigkeitsstrategien werden die Agenda von Entscheidern bestimmen.
  2. Die Verfügbarkeit von Daten wird Entscheidern mittelfristig gesichert.
  3. Die Nachfrage nach nachhaltigen Investments wird weiter steigen.
  4. Nachhaltigkeit hat viele Facetten – genauso ergeben sich viele Anlagestrategien.

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