Die Chip-Krise: Hausgemacht oder tatsächlich überraschend (und welche Rolle das Sorgfaltspflichtengesetz hierbei spielen kann)

Weshalb die Versorgungskrise der Halbleiterindustrie nur ein Beispiel für die Komplexität und Abhängigkeiten in heutigen Multi-Tier-Supplier-Netzwerken ist und welchen Beitrag das Sorgfaltspflichtengesetz für die Zukunft leisten kann.

Neben Corona und den aktuellen Rohstoffpreisrallyes hat sich die Halbleiter- und Chipindustrie zu einem handfesten Problem für eine nachhaltige gesamtwirtschaftliche Erholung herausgestellt. Es stellt sich die Frage, 

  • ob das Problem tatsächlich so überraschend gekommen ist, 
  • es vielleicht auch schneller wieder verschwindet, 
  • oder ob es eine langfristige, industrieübergreifende Herausforderung darstellt 
  • und sich nicht nur auf Electronics auswirkt, sondern auch andere Produkte betrifft.

Kann die Einführung des neuen Sorgfaltspflichtengesetzes eine Chance darstellen, die strukturellen Probleme anzugehen und nachhaltig sowie branchenübergreifend die Supply-Chain Transparenz und somit auch die allgemeine Versorgungssicherheiten zu erhöhen?

Dieser Blogbeitrag von mir und unserem Einkaufsexperten Wolf Göhler betrachtet die Ursachen von aktuellen Versorgungsengpässen und wie die aktuelle Regulatorik auch eine Chance für die Zukunft darstellen kann.

Ursprung und Auswirkungen der Versorgungsprobleme in der Halbleiterindustrie 

Verfolgt man die Presse zu der aktuellen Situation, blasen alle Experten und die größten Halbleiterproduzenten in das gleiche Horn: Corona hat die Welt auf den Kopf gestellt – die Siliziumpreise sind in die Höhe geschossen, weltweite Lieferketten kamen zum Erliegen und es dauert, diese wieder hochzufahren. Darüber hinaus gab es im April 2021 auch noch die Havarie der Ever Given im Suez Kanal welche ebenfalls zu einer nicht unerheblichen Verzögerung in den Lieferketten von Asien nach Europa beigetragen hat.

Im ersten Quartal 2021 musste die Industrie zudem zwei weitere externe Vorfälle verarbeiten: Eines der wichtigsten Werke von Renesas – ein  Schlüssellieferant in der Halbleiterindustrie – ist ausgebrannt und fällt für mehrere Monate aus. Daneben gab es in Texas (US) einen größeren Power Outage, welcher beispielsweise Samsung zum Herunterfahren der Produktion zwang. Die volle Kapazität konnte erst wieder seit April erreicht werden.

Infolgedessen ist am Ende eine einzelne Zulieferindustrie zum Flaschenhals für zahlreiche Industrien geworden. Nachdem seit Ende 2020 weltweit massive Corona-Nachholeffekte einsetzen und nicht nur die Automobilindustrie, sondern auch Konsumgüterhersteller mit ihren Produktionen teilweise am Maximum laufen, kann die aktuelle Nachfrage weltweit nicht mehr bedient werden und erste Hersteller melden signifikante Umsatzrückgänge bis hin zur Kurzarbeit an.

 

Die Herausforderungen von Multi-Tier-Supplier-Netzwerken

Ganz überraschend ist diese Entwicklung jedoch nicht und die genannten Einflussfaktoren haben branchenübergreifende Herausforderungen nochmals verdeutlicht und beschleunigt. Viele Industrien haben aus der Vergangenheit keine Maßnahmen für die Gegenwart und Zukunft abgeleitet und realisiert. Zum Beispiel wurde nach dem Kumamoto Erdbeben 2016 eine große Renesas Fabrik stark beschädigt. Im Zuge dessen kam es bereits damals zu erheblichen Lieferproblemen bei Tier 1 und Tier 2 Lieferanten. Stehende Bänder bei den großen OEMs konnten nur mit Mühe verhindert werden. Taskforces wurden gegründet und Supplier-Risk-Management-Konzepte entwickelt – ein umfassendes, lieferantenübergreifendes System ist bis heute jedoch weiterhin nicht vorhanden.

Daneben hat sich die Chipindustrie die vergangenen Jahrzehnte immer stärker konsolidiert – auch um dem immer schnelleren technologischen Fortschritt standhalten zu können. Gleichzeitig sind Lieferketten kontinuierlich komplexer geworden und die suggerierte Linearität einer Kette wird den heutigen tatsächlichen Netzwerken nicht mehr gerecht. Engste Just-in-Time oder gar Just-in-Sequence Konzepte für einzelne Teile oder ganze Module erfordern eine immer kompliziertere Orchestrierung, die bei näherer Betrachtung häufig trotz technologischem Fortschritt nur in der letzten Lieferstufe in Richtung OEM gut etabliert und professionell gemanaged ist.

Und hier liegt das Problem begraben – insbesondere die Halbleiterhersteller sind in der Regel Tier 2, Tier 3 oder gar Tier 4 Lieferant. Für OEMs aber auch Tier 1 Lieferanten wird es zunehmend schwieriger Vorlieferantenabhängigkeiten nachzuvollziehen. Und das ist keine reine Herausforderung der Automotive-Industrie, sondern betrifft die Konsumgüterindustrie genauso wie Chemie-, Pharma- oder auch Lebensmittelproduzenten.

Anstatt die strukturellen Probleme und die technologischen Möglichkeiten im Multi-Tier-Supplier-Netzwerk anzugehen, werden nun staatliche Maßnahmen zur Unterstützung der Chip-industrie aufgesetzt: Sowohl in Europa mit einer „Halbleiter-Allianz“ als auch in den USA mit dem „CHIPS for America“ Act . Beides zielt auf eine Steigerung der Produktionskapazitäten für Halbleiter in den jeweiligen lokalen Märkten ab, arbeitet aber nicht am Kern des Problems vieler Liefernetzwerke. Sollten wir damit die Chip-Krise überkommen, wird über kurz oder lang ein anderes Vorprodukt zu ähnlichen Auswirkungen führen.

Das Sorgfaltspflichtengesetz als Chance zur Steigerung der Supply-Chain-Transparenz  

Die aktuelle Zeit verdeutlicht wie der Einkauf gemeinsam mit den Supply-Chain-Einheiten und der Produktion mehr denn je gefordert ist – nicht nur den technologischen Fortschritt auf Lieferantenseite voranzutreiben, sondern auch im eigenen Unternehmen. Viele Jahre wurde lediglich gemeinsam mit den direkten Vorlieferanten an Konzepten zur Liefersicherheit gearbeitet. Alle weiteren Vorstufen wurden an die Lieferanten weitergegeben. Infolgedessen kennt sich ein Großteil der Unternehmen nicht mehr mit seinem eigenen Ökosystem aus, in dem seine Vorprodukte entstehen. Wie sollen die Unternehmen somit in der Lage sein, die detaillierten Auswirkungen bei Disruptionen entlang des Liefernetzwerke zu identifizieren.

Schlussendlich betrifft diese Herausforderung auch die Themenfelder zu Nachhaltigkeit und Menschenrechte, welche nun in Deutschland über das Sorgfaltspflichtengesetz besser geschützt werden sollen. Vorreiter in zahlreichen Industrien nutzen die Chance, die das Sorgfaltspflichtengesetz mit sich bringt, um im Zuge dessen die eigenen Liefernetzwerke in Summe besser zu durchleuchten, zu verstehen und die Gesamtperformance zu optimieren. 

Lieferkettentransparenz ist hoch komplex. Was wohl der Hauptgrund dafür ist, dass viele Unternehmen sich nur zögerlich damit auseinandersetzen. Moderne ERP-Systeme und weitergehende Tools können hierbei allerdings einen erheblichen Mehrwert bieten – wie so oft ist es mit der Einführung einer neuen Software jedoch nicht erledigt. Die klare Empfehlung liegt auf einer ganzheitlichen Betrachtung gemeinsam mit Lieferanten und Vorlieferanten, internen Stakeholdern aber auch dem eigenen Kunden zur Zusammenführung von IT, Organisationen und Prozessen. Die Zukunft liegt also nicht in einer einfachen Kettenbetrachtung, sondern im Managen eines umfangreichen Netzwerks und Ökosystems. 

 

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