Sorgfaltspflichtengesetz – Regulatorik vs. Wettbewerbsvorteil

Mehr denn je hinterfragen Endkunden die Nachhaltigkeit von Produkten. In einem ersten Schritt betreffen diese Anforderungen vor allem die B2C-Industrie. Dies erfordert aber eine konsequent nachhaltige Lieferkettentransparenz bis hin zur letzten Stufe der Wertschöpfungskette. Alle Branchen müssen sich daher letztlich auf entsprechende Nachfrageveränderungen einstellen.

„Wir haben ein angemessenes Gesetz auf den Weg gebracht, das auch Wirkungen zeigen wird. Made in Germany steht in Zukunft nicht nur für höchste Qualität, sondern auch für faire Produktion.“ dieses Statement gab unser Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller am 03.03.21 ab, als das Bundeskabinett den Gesetzentwurf für das Lieferkettengesetz am selben Tag verabschiedete.

Aber warum kommt es überhaupt zu einem Lieferkettengesetz und was bedeutet das für die Unternehmen?

Durch die Globalisierung haben Unternehmen Teile Ihrer Wertschöpfungskette bzw. Produktionsschritte in der ganzen Welt verteilt. Laut dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ist keine andere Industrienation so intensiv in internationale Lieferketten eingebunden wie Deutschland – der deutsche Export- bzw. Importumsatz lag im Jahr 2018 bei 1,32 Billionen Euro bzw. 1,09 Billionen Euro. Auch ganze Branchen in Deutschland, wie z.B. die Textil-, Elektronik-, Chemie & Pharma-, Lebensmittel- und Automobilindustrie sind stark abhängig von internationalen Lieferketten.

Leider bringt die Globalisierung auch Nachteile mit sich – in vielen Ländern, aus denen unsere Produkte kommen, leben die Menschen unter Elend und Not. Verbote bezüglich Zwangs- und Kinderarbeit werden missachtet, was dazu führt, dass 152 Millionen Kinder weltweit von Kinderarbeit und 25 Millionen Menschen von Zwangsarbeit betroffen sind.

Um Menschenrechtsverletzungen weltweit zu beheben und zu vermeiden, haben die Vereinten Nationen im Jahr 2011 die Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte verabschiedet. Die VN-Leitprinzipien formulieren die menschenrechtlichen Pflichten von Staaten und die Verantwortung von Unternehmen in globalen Liefer- und Wertschöpfungsketten. Im Jahr 2016 hat die Bundesregierung auf nationaler Ebene den Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte (NAP) zur Umsetzung der VN-Leitprinzipien verabschiedet. Seit Juni 2018 überprüft es über ein Monitoring, ob Unternehmen mit über 500 Beschäftigten ihren menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten nachkommen.

Der Abschlussbericht zum NAP-Monitoring 2019 bestätigt ein ernüchterndes Ergebnis:

Weniger als 20 Prozent aller in Deutschland ansässigen Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten kommen ihrer menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht entlang ihrer Liefer- und Wertschöpfungsketten genügend nach. Damit greift eine Vereinbarung im Koalitionsvertrag, nach der die Bundesregierung national gesetzlich tätig wird, wenn Unternehmen ihrer Sorgfaltspflicht freiwillig nicht ausreichend nachkommen.

Am 03.03.21 hat nun die Bundesregierung mit der Verabschiedung des Entwurfs eines Sorgfaltspflichtengesetzes einen Meilenstein in der weltweiten Förderung der Menschenrechte erreicht. 

Die von dem Gesetz erfassten Unternehmen müssen künftig menschenrechtliche Sorgfaltspflichten entlang ihrer Liefer- und Wertschöpfungsketten beachten.

Um Ihnen einen besseren Überblick zu geben, haben wir die wesentlichen Punkte des Sorgfaltspflichtengesetzes in der nachfolgenden Abbildung zusammengefasst:

Damit sich die Unternehmen auf das Liefergesetz vorbereiten und einstellen können, schlagen wir einen sechsstufigen Ansatz vor, um die regulatorischen Anforderungen und internen Ambitionen zu erfüllen:

  1. Identify, Assess & Prioritize: Identifikation potenzieller Supply Chain-Risiken und -Chancen und Analyse der potenziellen Auswirkungen von Risiken, um die richtigen Maßnahmen zum richtigen Zeitpunkt zu ergreifen.
  2. Define & Design: Definition geeigneter und wirksamer Maßnahmen zur Einhaltung des Lieferkettengesetzes.
  3. Change & Implement: Implementierung von Gegenmaßnahmen, um Risiken zu reduzieren und Chancen zu nutzen.
  4. Monitor & Optimize: Überwachung der Echtzeit-Transparenz und Rückverfolgbarkeit der Lieferantenleistung entlang der Lieferkette über digitale Lösungen.
  5. Report, Communicate & Engage: Implementierung effizienter und zuverlässiger Datenerfassungsprozesse und interner Kontrollsysteme zur effektiven Zusammenarbeit mit Stakeholdern.
  6. Assurance: Schaffung von Vertrauen durch externe Zusicherung von Informationen zur nachhaltigen Lieferkette.

Neben der regulatorischen Notwendigkeit und den damit verbundenen Anstrengung zeigen sich vier elementare positive Wettbewerbsvorteile, wenn ein Unternehmen diesen Anforderungen nachgeht: 

  • Aus Perspektive der Endkunden steigt die Nachfrage nach nachhaltigen Produkten stetig und die damit verbundene Preiserhöhung verliert hinsichtlich des Kaufverhaltens immer mehr an Bedeutung. Der Aufwand der Unternehmen wird also entlohnt. 
  • Marken können ihrem Selbstverständnis nun einen echten Beweis hinzufügen. Die Aussagefähigkeit und das Vertrauen gegenüber Dritten steigt.
  • Neben den direkten regulatorischen Effekten schadet es mit Sicherheit nicht, eine höhere Transparenz in der n-stufigen Supply Chain zu erreichen. Andere Einflüsse, wie beispielsweise Naturkatastrophen und Pandemien und deren Auswirkungen auf die Lieferanten, lassen sich schneller identifizieren, beheben und bestenfalls sogar verhindern.
  • Auch der Kapitalmarkt honoriert zunehmen, wenn Unternehmen proaktiv relevante Menschenrechtsrisiken in den eigenen Liefer- und Wertschöpfungsketten steuern, weil damit die Wahrscheinlichkeit für Lieferengpässe und Geschäftsunterbrechungen sinkt.

Unsere Perspektive ist daher: Ja, es ist ein regulatorischer Aufwand und es wird teilweise aufwändig sein, die gesetzlichen Anforderungen zu erfüllen. Aber: Durch die gemeinsame nationale Anstrengung, dies branchenübergreifend zu erfüllen, werden wir in den nächsten Jahren einen Wettbewerbsvorteil realisieren können.

By the way…die EU wird hier sicherlich noch einmal nachlegen. Das heißt, dass wir uns nicht bis Anfang 2023 ausruhen können. EU-Justizkommissar Reynders hat die deutsche Einigung zwar gelobt aber für Sommer 2021 eine europäische Gesetzesinitiative angekündigt, die härtere Regeln als der deutsche Gesetzesentwurf vorsehen soll. 

Für mehr Informationen rund um das neue Gesetz, besuchen Sie gerne unsere weiterführenden Seiten und schauen bzw hören Sie rein:

Interview von Mirjam Kolmar: https://www.pwc.de/de/nachhaltigkeit/interview-2021-kommt-voraussichtlich-ein-sorgfaltspflichtengesetz-in-deutschland-und-das-ist-eine-grosse-chance.html

Podcastfolge von Dr. Jan Herrmann: https://www.pwc.de/de/nachhaltigkeit/sustainable-supply-chain.html#Versprechen