Liquiditätsrisikomanagement im Wandel: Warum der LRMP mehr ist als nur ein neues Pflichtthema
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Liquidität galt in der Versicherungsbranche lange als Randthema – eher relevant für Banken als für Versicherer mit langfristigen Verpflichtungen und vergleichsweise stabilen Prämienströmen.
Spätestens die Marktverwerfungen der vergangenen Jahre, Erfahrungen mit Margin Calls bei Derivatepositionen und die Diskussion um Massenstornierungen haben gezeigt: Liquiditätsrisiko ist eine eigenständige Risikoart, die aktiv gesteuert werden muss.
Mit dem Liquidity Risk Management Plan (LRMP) etabliert die überarbeitete Solvency-II-Richtlinie ein verbindliches Instrument, dass die Anforderungen an Steuerung, Governance und Transparenz deutlich erhöht. Für viele Versicherer bedeutet das weit mehr als eine zusätzliche regulatorische Pflicht: Es geht um die Frage, wie belastbar das eigene Liquiditätsmanagement in Stressphasen tatsächlich ist und welche Maßnahmen zur Steuerung in adversen Szenarien proaktiv festzulegen sind.
Anwendungsbereich und Inkrafttreten
Die überarbeitete Solvency-II-Richtlinie verpflichtet Versicherungs- und Rückversicherungsunternehmen sowie Gruppen grundsätzlich zur Erstellung eines kurzfristigen LRMP. Zusätzliche mittel- und langfristige Liquiditätsanalysen sind nach dem finalen RTS-Entwurf nur für bestimmte Unternehmen und Gruppen vorgesehen, insbesondere oberhalb definierter Schwellenwerte oder aufgrund einer risikobasierten aufsichtlichen Einschätzung.
Nach der am 8. Januar 2025 veröffentlichten Änderungsrichtlinie müssen die neuen Vorgaben spätestens ab dem 30. Januar 2027 angewendet werden. Am Beispiel des kurzfristigen LRMPs bedeutet dies eine jährliche Berichterstattung über die unterjährigen Analysen der Betrachtungszeiträume von jeweils 3 Monaten. Inhaltlich besteht eine enge Verzahnung mit dem ORSA; ob und in welchem Umfang Prozesse oder Berichtsbestandteile zusammengeführt werden, obliegt den Versicherungsunternehmen. Erfolgt die Berichterstattung gemeinsam mit dem ORSA, bedeutet dies ein erstmaliges Reporting mit dem ORSA 2027.
Was ist neu am LRMP?
Der LRMP setzt auf das bestehende Liquiditätsrisikomanagement auf und soll durch eine Aufwertung inklusive der formalen Form der Berichterstattung bis zum Vorstand als integraler Bestandteil des Risikomanagementsystems verankert werden. Sein inhaltlicher Umfang umfasst insbesondere die folgenden Bausteine:
- Gesamtbewertung: Die Gesamtbewertung mit der Beurteilung, ob die Liquiditätstoleranzen eingehalten werden, ob ausreichend Liquidität auch unter Stress verfügbar ist und welche Maßnahmen zur Risikominderung erforderlich sind.
- Annahmen: Transparente Dokumentation der zentralen Modellannahmen, u. a. zu Marktliquidität, Margin Calls, Stornoverhalten und gruppeninterne Zahlungsströme.
- Cashflow-Projektionen: Erstellung von Cashflow-Projektionen für alle relevanten Zeithorizonte. Die Zeitintervalle können flexibel gewählt werden, solange wesentliche Risiken abgedeckt sind. Es sind nur jene Cashflow-Positionen unter Stress zu berichten, die sich wesentlich verändern.
- Liquiditätspuffer: Darstellung der verfügbaren liquiden Mittel, ihrer Verwertbarkeit unter Stress und der angewendeten Haircuts; auf Gruppenebene zusätzlich Analyse der Übertragbarkeit und Interdependenzen der Liquidität zwischen Einheiten.
- Liquiditätsrisikoindikatoren: Entwicklung und Begründung der geeigneten, unternehmensspezifischen Indikatoren; ein verpflichtender Standardindikator wie „Liquidity Coverage Indicator“ ist nicht vorgesehen.
Entscheidend ist dabei die Einbettung in Governance und ORSA. Der LRMP ist kein isoliertes Dokument, sondern Teil einer konsistenten Steuerungslogik für Liquiditätsrisiken.
Die fünf zentralen Herausforderungen
1. Datenverfügbarkeit und Granularität
Liquiditätssteuerung lebt von zeitnahen, granularen Cashflow-Daten – auf Asset- wie auf Verpflichtungsseite. Monatliche oder gar quartalsweisen Datensätze könnten hier zu grob sein. Der Aufbau einer belastbaren Datenbasis ist häufig der größte Engpass.
2. Methodische Modellierung von Stornoverhalten
Wie verhalten sich Versicherungsnehmer in einem Zinsschock-Szenario? Wie korrelieren Massenstornoereignisse mit Reputations- oder Marktereignissen? Die Modellierung von Verhaltensannahmen unter Stress ist anspruchsvoll – und EIOPA erwartet hier deutlich mehr als pauschale Stornoquoten. Vor allem in Versicherungsgruppen.
3. Verzahnung mit dem ORSA und der Makroaufsicht
Der LRMP steht nicht isoliert. Er muss mit dem ORSA, der Kapitalplanung und der makroprudenziellen Perspektive verbunden werden. Liquiditätsrisiken in Phasen von Zinswenden, geopolitischen Spannungen oder kollektivem Stress müssen szenarisch durchdacht werden – auch im Hinblick auf systemische Effekte.
4. Asset-seitige Liquidität realistisch bewerten
"Liquide Assets" sind nicht automatisch liquide, wenn alle gleichzeitig verkaufen wollen. Die realistische Einschätzung von Marktliquidität unter Stress, inklusive Haircuts, Repo-Kapazitäten und Collateral-Anforderungen, ist eine der unterschätzten Disziplinen. Realitätsnah bedeutet auch, dass bei der Projektion keine etwa für die Solvabilitätsübersicht genutzten risikoneutralen Szenarien anwendbar sind.
5. Governance und Verantwortlichkeiten
Wer ist verantwortlich? Das Risikomanagement? Treasury? ALM? In vielen Häusern ist die organisatorische Zuordnung des Liquiditätsrisikos noch nicht eindeutig geregelt. Der LRMP zwingt zu klaren Rollen, Eskalationspfaden und Berichtslinien bis zum Vorstand.
Was Versicherer jetzt tun sollten
- Gap-Analyse durchführen: Das aktuelle Liquiditätsrisikomanagement systematisch mit den LRMP-Anforderungen abgleichen.
- Datenarchitektur prüfen: Sicherstellen, dass Cashflow-Daten ausreichend granular, konsistent und zeitnah verfügbar sind. Auch über Solo und Gruppe hinweg.
- Stressszenarien schärfen: Prüfen, ob Modelle und Szenarien die maßgeblichen heutigen Risikotreiber realistisch abbilden und Annahmen nachvollziehbar sind.
- Integration planen: Liquiditätsrisiken in die Gesamtsteuerung integrieren, statt sie isoliert zu behandeln (bspw. im ORSA.
- Governance klären: Verantwortlichkeiten, Limits und Eskalationspfade eindeutig definieren.
Über den LRMP hinaus: Weiterführende Themen im Liquiditäts-risikomanagement
Eine Reihe weiterführender Themen prägt aktuell die Agenda im Liquiditäts-risikomanagement der Versicherer:
Liquidität in alternativen Anlageklassen
Der wachsende Anteil illiquider Assets (Private Debt, Private Equity, Infrastruktur, Real Estate) erhöht die Renditechancen – aber auch den Druck auf das liquide Kernportfolio. Eine saubere Liquiditätsklassifizierung des gesamten Asset-universums wird zum strategischen Muss.
Konzern- und grenzüberschreitende Liquidität
Innerhalb von Versicherungsgruppen ist die Fungibilität von Liquidität zwischen Einheiten und Jurisdiktionen regulatorisch eingeschränkt. Ring-Fencing, lokale Aufsichtsvorgaben und konzerninterne Transfers müssen sauber abgebildet werden – ein Thema, das EIOPA zunehmend kritisch beobachtet.
Berichts- und Aufsichtsanforderungen
Mit den neuen Anforderungen an den LRMP und die makroprudenzielle Analyse (u.a. aus dem PPP-Rundschreiben) steigen die Erwartungen an Datenqualität, Konsistenz und Nachvollziehbarkeit der Liquiditätssteuerung. Für viele Häuser ist das nicht eine IT-, sondern vor allem eine Prozess- und Governance-Herausforderung.
Ausblick: Liquidität wird strategisch
Der LRMP ist erst der Anfang. Mehrere Entwicklungen werden das Liquiditäts-risikomanagement in den kommenden Jahren weiter prägen. Wir geben einige Thesen zur Anregung mit:
- Konvergenz mit der Bankenregulierung: Es ist denkbar, dass bankenähnliche Liquiditätskennzahlen künftig auch für Versicherer stärker diskutiert werden. Derzeit ergibt sich daraus jedoch noch keine konkrete zusätzliche Standardkennzahl aus den finalen RTS.
- Verstärkte makroprudenzielle Aufsicht: EIOPA und ESRB werden Liquiditätsrisiken voraussichtlich weiterhin verstärkt aus systemischer Perspektive beobachten. Sektorweite Stresstests und aggregierte Analysen könnten dabei weiter an Bedeutung gewinnen.
- Technologische Aufrüstung: Echtzeit-Cashflow-Engines, KI-gestützte Verhaltensmodelle und integrierte ALM-Liquiditätsplattformen werden vom Differenzierungsmerkmal zum Standard.
- Liquidität als Wettbewerbsfaktor: Wer seine Liquidität präzise steuert, kann mutiger investieren, bessere Hedge-Strategien fahren und Krisen souveräner meistern. Liquiditätsmanagement wird damit vom Compliance-Thema zum strategischen Hebel.
- Kulturwandel im Risikomanagement: Liquidität wird – wie heute schon Solvenz – zu einer Steuerungsgröße auf Vorstandsebene. Das verändert Entscheidungsprozesse, Limitsysteme und Anreizstrukturen.
Fazit: Der LRMP ist mehr als ein weiteres regulatorisches Dokument. Er ist Ausdruck eines grundlegenden Perspektivwechsels: Liquiditätsrisiken rücken aus dem Schatten anderer Marktrisiken und müssen als eigenständige, strategisch relevante Risikoart verstanden und entsprechend gesteuert werden. Wer den LRMP nur als Compliance-Übung behandelt, verpasst eine wichtige Chance. Wer ihn konsequent in Steuerung, Governance und Risikomanagement integriert, stärkt die eigene Resilienz und schafft einen belastbaren Vorsprung für künftige Stressphasen.
Sie haben weitere Fragen? Unser Team von Expert:innen steht Ihnen gerne zur Verfügung. Wir verbinden regulatorische Expertise mit langjähriger Praxiserfahrung und fundierten Markteinblicken.
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