Taxonomie @ Insurance

Versicherungsunternehmen sind abseits von ihrer Investitionsentscheidung in besonderer Weise von der Taxonomie-Verordnung betroffen.

Zur Erreichung der von der EU gesetzten Klima- und Energieziele ist eine Umlenkung der Kapitalflüssen auf “nachhaltige Investitionen” notwendig. Voraussetzung hierfür ist jedoch ein gemeinsames Verständnis des Begriffs “nachhaltig”. Aus diesem Grund bezieht sich die erste, im EU-Aktionsplan festgelegte Maßnahme auf die Einrichtung eines einheitlichen EU-Klassifizierungssystems für Nachhaltigkeitsaktivitäten, eine sog. Taxonomie, die definiert, wann eine wirtschaftliche Aktivität als ökologisch nachhaltig einzustufen ist.

Die Taxonomie-Verordnung trat im Juni 2020 in Kraft und ist ab dem 1. Januar 2022 anzuwenden. Die Verordnung stellt den Rahmen für ein einheitliches Verständnis über ökologische Nachhaltigkeit von Wirtschaftsaktivitäten und soll Investoren als Grundlage für ihre Investitionsentscheidung dienen.

Versicherungsunternehmen sind abseits von ihrer Investitionsentscheidung in besonderer Weise von der Taxonomie-Verordnung betroffen:

  • Versicherungsunternehmen, die unter die Offenlegungs-Verordnung fallen, müssen weitere Anforderungen im Rahmen der vorvertraglichen Informationen und regelmäßigen Berichte umsetzen
  • Versicherungsunternehmen, die eine nicht-finanzielle Erklärung veröffentlichen, müssen diese um die Anforderungen aus Art. 8 Taxonomie-Verordnung erweitern.

Insbesondere die Erweiterung der nicht-finanziellen Erklärung stellt eine große Herausforderung dar, da zukünftig angegeben werden muss, wie und in welchem Umfang die Tätigkeiten des Unternehmens mit Tätigkeiten verbunden sind, die als ökologisch nachhaltig einzustufen sind.

Was ist eine ökologisch nachhaltige Wirtschaftsaktivität?

Die Taxonomie-Verordnung definiert drei Voraussetzungen, wann eine Wirtschaftsaktivität als “ökologisch nachhaltige Tätigkeit” qualifiziert werden kann (sog. Screening-Kriterien):

  • Die Aktivität muss einen wesentlichen Beitrag zu einem der sechs von der EU-Kommission in der Taxonomie-Verordnung festgelegten Umweltziele
    • Eindämmung des Klimawandels,
    • Anpassung an den Klimawandel,
    • Nachhaltige Nutzung und Schutz der Wasser- und Meeresressourcen,
    • Übergang zur Kreislaufwirtschaft,
    • Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung oder
    • Schutz und Wiederherstellung der biologischen Vielfalt und der Ökosysteme

leisten,

  • gleichzeitig darf sie keinem der anderen Umweltziele erheblich schaden („Do no significant harm”-Prinzip) und
  • die sozialen Mindestanforderungen müssen eingehalten werden (u.a OECD Leitsätzen für multinationale Unternehmen, UN Leitsätzen für Unternehmen und Menschenrechte)

Die Konkretisierung dieser Voraussetzungen erfolgt durch delegierte Rechtsakte für die einzelnen Umweltziele. Der erste Entwurf eines delegierten Rechtsakts wurde im November 2020 zur Konsultation gestellt und sollte grundsätzlich bis zum 31. Dezember 2020 final verabschiedet werden, um die Anwendung zum 1. Januar 2022 zu gewährleisten. Dieser Entwurf fokussiert zunächst die ersten beiden Umweltziele „Klimaschutz“ und „Anpassung an den Klimawandel“. Die delegierten Rechtsakte zu den verbleibenden vier Umweltzielen sollen bis Ende 2021 verabschiedet werden, um planmäßig zum 1. Januar 2023 Anwendung zu finden.

Was bedeutet die Art. 8 Taxonomie-VO für Versicherungsunternehmen?

Art. 8 Taxonomie-VO fordert von allen Unternehmen, die eine nicht-finanzielle Erklärung veröffentlichen, dass diese ihre Wirtschaftsaktivitäten auf Taxonomie-Konformität prüfen. Für Versicherungsunternehmen bedeutet dies, dass sie sämtliche Vermögenswerte sowie ihre Versicherungstätigkeiten screenen müssen, um festzustellen, ob die Aktivitäten die Voraussetzungen der Taxonomie erfüllen.

Für die Identifizierung von nachhaltigen Aktivitäten i.S.d. Art. 8 Taxonomie-Verordnung sollte das Versicherungsunternehmen einen Prozess aufsetzen, der basierend auf den Screening-Kriterien folgende Schritte beinhaltet:

Der erste Schritt zur Überprüfung der Taxonomie-Konformität ist die Identifizierung der wirtschaftlichen Aktivität. Die Taxonomie-VO greift dabei auf die sog. NACE-Codes (Klassifizierungssystem von Wirtschaftszweigen in der EU) zurück, durch die Wirtschaftstätigkeiten einem Wirtschaftszweig zugeordnet werden. Der erste Entwurf eines delegierten Rechtsakts definiert für verschiedene NACE-Codes die Metrik, anhand derer beurteilt wird, ob durch die Aktivität ein wesentlicher positiver Beitrag zu einem der Umweltziele geleistet wird. Ebenfalls wird hier definiert, wann eine wirtschaftliche Aktivität schaden könnte und folglich nicht als taxonomie-konform bezeichnet werden darf (“Do no significant harm-Prinzip”). Im Anschluss muss analysiert werden, ob die Minimum Social Safeguards eingehalten wurden und das Taxonomie-Alignment berechnet werden.

Im Unterschied zu Nicht-Finanzdienstleistungsunternehmen besteht die Aktivseite eines Versicherungsunternehmen zum Großteil aus Kapitalanlagen. Zur Beurteilung dieser auf Taxonomie-Konformität sind Versicherer auf extern verfügbare Daten aus der Realwirtschaft angewiesen.

Wann ist die Aktivität “Versicherung” ökologisch nachhaltig?

Neben den Investitionen sind ebenfalls die Versicherungsaktivitäten zu screenen. Wie die Wirtschaftstätigkeit des Sektors “Versicherung” definiert ist, wird in Anhang II des delegierten Rechtsakts spezifiziert. Gemäß des im November 2020 veröffentlichten Entwurfs können “Nicht-Lebensversicherungen” sowie “Rückversicherungen” einen positiven Beitrag zu Umweltziel 2 “Anpassung an den Klimawandel” leisten. Dazu zählen im Bereich “Nicht-Lebensversicherung” Versicherungsdienstleistungen der Sparten

  • Unfall- und Feuerversicherung,
  • Krankenversicherung,
  • Reiseversicherung,
  • Sachversicherung sowie
  • Kfz-, See-, Luftfahrt- und Transportversicherung,

die folgende klimabedingte Gefahren absichern:

Dementsprechend können Prämien aus Lebensversicherungen nach derzeitiger Definition keinen positiven Beitrag leisten. Daher beschränkt sich die Screening-Pflicht bei Lebensversicherungen auf die Investitionsseite, nicht jedoch auf die Prämien aus Lebensversicherungspolicen.

Um als taxonomie-konforme Versicherungsdienstleistung eingestuft zu werden, sind nach aktuellem Entwurf (für das Umweltziel 2) die folgenden Kriterien kumulativ zu erfüllen:

  • Modellierung und Preisgestaltung von Klimarisiken:
    • Nutzung modernster Modellierungstechniken (Forward-looking Szenarien)
    • Angebot von Anreizen zur Risikominderung, z.B. in Form von Rabatten
  • Produktgestaltung:
    • Prämienreduzierung bei Durchführung von vorbeugenden Maßnahmen
    • Informationen bzgl. möglicher Minderungsmaßnahmen im Rahmen des Vertriebsprozesses
  • Innovative Versicherungslösungen
    • Abhängig von der Nachfrage der Versicherungsnehmer Angebot von Versicherungsschutz für klimabedingte Gefahren
  • Datenaustausch
    • Austausch von Schadendaten mit externen Dritten
  • Service im Schadenfall
    • Zeitnahe Bearbeitung von Schaden

Bei Erfüllung der zuvor genannten, derzeit noch konsultierten Kriterien ist anschließend in einem zweiten Schritt zu prüfen, ob die Aktivität darüber hinaus keinen negativen Beitrag auf eines der andere Umweltziele hat (“Do no significant harm”). Entsprechend des aktuellen Entwurfs des Delegierten Rechtsakts wäre das Umweltziel 1 “Klimaschutz” negativ beeinflusst, sofern es sich um die Versicherung der Gewinnung, Lagerung, des Transports oder der Herstellung fossiler Brennstoffe handelt, oder aber um die Versicherung der Nutzung von Fahrzeugen oder Vermögenswerten für diese Zwecke.

Sofern ebenfalls die sozialen Mindestanforderungen eingehalten werden, kann die Aktivität als nachhaltige Aktivität eingestuft werden und die Berechnung des taxonomie-konformen Anteils erfolgen.

Ähnliche Voraussetzungen gelten ebenfalls für die Aktivität “Rückversicherung”. Für die Aktivität “Lebensversicherung” sind keine technischen Screening-Kriterien enthalten.

Wie erfolgt der Ausweis in der nicht-finanziellen Erklärung gem. Art. 8 Taxonomie-Verordnung?

Die weitere Konkretisierung des Inhalts und der Darstellung der geforderten Informationen in der nicht-finanziellen Erklärung gem. Art. 8 Taxonomie-Verordnung soll bis zum 1. Juni 2021 in Form eines delegierten Rechtsaktes erfolgen. Hierzu wurde im November ein Entwurf einer Opinion der EIOPA (European Insurance and Occupational Pensions Authority) zur Konsultation gestellt, der sich auf die relevanten Kennzahlen, die Versicherer und Rückversicherer im Rahmen der Erweiterung der nicht-finanziellen Erklärung veröffentlichen müssen, bezieht. Zur Diskussion steht die Angabe der folgenden Kennzahlen:

Für den Ausweis bezogen auf die Vermögenswerte: In der Taxonomie-Verordnung wird gefordert, dass ein Unternehmen den Anteil der Investitionsausgaben / Betriebsausgaben im Zusammenhang mit nachhaltigen Wirtschaftstätigkeiten ausweist. Aus EIOPA-Sicht wäre für Versicherer der Ausweis folgender KPIs in dem Zusammenhang denkbar:

  • Anteil der Vermögenswerte bzw. der Investments, die auf die Finanzierung von wirtschaftlichen Aktivitäten ausgerichtet bzw. mit diesen verbunden sind und als ökologisch nachhaltig gelten, im Verhältnis zu den Gesamtvermögenswerten bzw. Gesamtinvestments

Für den Ausweis bezogen auf die Versicherungstätigkeit: Zudem muss gem. Taxonomie-Verordnung der Anteil der Umsatzerlöse, der mit Produkten oder Dienstleistungen erzielt wird, die mit nachhaltigen Wirtschaftstätigkeiten verbunden sind, ausgewiesen werden. Dies soll bei Nicht-Lebensversicherern sowie Rückversicherern wie folgt dargestellt werden:

  • Anteil der gebuchten Bruttoprämien / Einnahmen aus Versicherungsverträgen oder der gesamten Versicherungseinnahmen, welche ökologisch nachhaltigen Versicherungsaktivitäten nach der EU-Taxonomie zugeordnet werden können.

Die Konsultation läuft noch bis zum 12. Januar 2021. Anschließend fließen die Inhalte in den finalen delegierten Rechtsakt ein, der zum 1. Juni 2021 veröffentlicht werden soll.

Herausforderung für Versicherer:

Versicherer, die eine nicht-finanzielle Berichterstattung veröffentlichen, sollten sich zeitnah mit der Umsetzungskonzeption auseinandersetzen, insbesondere vor dem Hintergrund der möglichen Erweiterung der erforderlichen Daten. Eine zusätzliche Herausforderung besteht darin, dass die inhaltlichen Details erst relativ zeitnah vor dem erstmaligen Anwendungszeitpunkt veröffentlicht werden, sodass zunächst auf Entwürfe zurückgegriffen werden muss. Zudem werden sukzessive weitere Umweltziele (Umweltziele 3-6) in die Taxonomie aufgenommen, sodass auch in Zukunft die Datenanforderung weiter steigt und Versicherungsunternehmen flexibel bleiben müssen.

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