Vor welchen großen Herausforderungen steht die deutsche Finanzindustrie 2022?

In den vergangenen beiden Jahren wurde die Finanzdienstleistungswelt regelrecht von einer durch die Corona-Pandemie ausgelösten Digitalisierungswelle überrollt.

Die Weltwirtschaft hat im zweiten Corona-Jahr 2021 allmählich wieder Tritt gefasst, die Zuversicht der CEOs über die konjunkturellen Aussichten steigt. Aber für eine Entwarnung ist es angesichts geopolitischer Unsicherheiten, neuer Pandemie-Wellen und des fortschreitenden Klimawandels noch zu früh.

Der Finanzbranche in Deutschland bläst 2022 mit strengeren Kapitalvorgaben, veränderten Risikolandschaften, anhaltenden Niedrigzinsen und womöglich auslaufenden aufsichtsrechtlichen und staatlichen Hilfen zur Krisenbewältigung weiterhin ein harter Wind ins Gesicht.

Zwar sind die deutschen Banken und Sparkassen bislang relativ robust durch die Covid-19-Krise gekommen. Dennoch sollten die Häuser im laufenden Jahr ihre digitale Transformation entschieden vorantreiben, ihr Risikomanagement stärken und ihre Geschäftsstrategien konsequent nach den ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) ausrichten.

Tempo bei der digitalen Transformation

In den vergangenen beiden Jahren wurde die Finanzdienstleistungswelt regelrecht von einer durch die Corona-Pandemie ausgelösten Digitalisierungswelle überrollt. Um mobiles Arbeiten im Home Office zu ermöglichen, wurden Innovationen im Eiltempo umgesetzt.

Die Folge: Es gibt noch keine nachhaltig digitalisierten Arbeitsplätze in Banken. Angesichts des wachsenden Kostendrucks sollten solche Prozesse zügig und konsequent end-to-end digitalisiert werden. Dabei helfen Big Data, Cloud-Lösungen, Künstliche Intelligenz (KI) und Prozessautomatisierungen (RPA).

Neues Mega-Thema Nachhaltigkeit

Beim Thema Sustainable Finance stehen deutsche Banken und Sparkassen vor der enormen Herausforderung, Klimarisiken angemessen zu bewerten und ESG-Aspekte in ihren Geschäfts- und Risikostrategien zu berücksichtigen. Die im Frühjahr anstehenden EZB-Klimastresstests, die EU-Taxonomie, die Gefahr von Greenwashing, die Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk) der BaFin – die Liste neuer Anforderungen von Regulatoren, Stakeholdern und Investoren reißt nicht ab und wird die Branche noch die nächsten zehn Jahre beschäftigen.

Gelingt den Häusern der Wandel, besteht die Chance, zum Nukleus des Green Deals der EU zu werden, vom rasanten Marktwachstum nachhaltiger Kapitalanlagen zu profitieren und einen verantwortlichen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.

Customer Centricity im Fokus

Neue Regulierungsvorgaben und anhaltende Niedrigzinsen dürften den Kostendruck auf die Branche kurz- bis mittelfristig weiter verstärken. Ungeachtet ihrer Prozessinnovationen werden einige Institute gezwungen sein, weiter Stellen abzubauen und Filialen zu schließen. Da das Banking mittlerweile gut über digitale Kanäle funktioniert, stehen viele Häuser nun vor der Frage: Wie bringe ich meine Kunden dazu, andere Anlageformen als ein Girokonto zu nutzen?

Der verschärfte Wettbewerb erfordert ebenfalls mehr Innovationskraft: Immer mehr Fintechs, Bigtechs und andere Unternehmen entdecken die Wertschöpfungskette einer Bank für sich. Online-Händler beginnen bereits, Zahlungsverkehrssysteme nachzubauen. Um in Zukunft relevant zu bleiben, benötigen Banken Lösungen, mit denen sich Finanzdienstleistungen fest im Alltag und Kundenerlebnis verankern lassen. Voraussetzung dafür ist eine stärkere Öffnung nach außen und der Aufbau digitaler Ökosysteme in Erlebniswelten wie Wohnen oder Reisen.

In Zukunft effizienter und krisenfester

Agilität, Innovationsfähigkeit und der Einsatz neuer Technologien sind für die Branche wichtiger denn je, um die komplexen Herausforderungen Klimawandel, Pandemie, Digitalisierung und Niedrigzinsen 2022 zu bewältigen. Noch schrecken viele branchenfremde Anbieter vor dem Sprung in den hochregulierten deutschen Markt zurück. Dies sollte die Banken aber nicht davon abhalten, effizienter und digitaler – und damit auch krisenresistenter zu werden.

Zu weiteren PwC Blogs

Contact

Dr. Holger Kern

Dr. Holger Kern

Partner, Leader Financial Services Consulting
München

Tel.: +49 89 5790-5939

To the top